27-28/2000

INHALT

Verstorbene

P. Hansjörg Auf der Maur SMB, Immensee/Wien

Hansjörg stammte aus der Familie Auf der Maur, deren Name in Schwyz und in der Geschichte des Kantonshauptortes einen bedeutenden Klang hat. Er wurde in Ingenbohl am 24. November 1933 in der zweiten Ehe von Karl Auf der Maur mit Regina Zürcher geboren. Zu seiner Schwester Anna aus der ersten Ehe hatte er einen Abstand von fast zwei Jahrzehnten; sie sind sich jedoch in den letzten Jahren vor ihrem Tod (1995, ebenfalls in Wien) herzlich nahe gekommen. Von Vater Karl, dem langjährigen Posthalter in Brunnen, muss er die umsichtige, exakte Arbeitsweise und das Organisationstalent geerbt haben. Mutter Regina war die Schwester von Prof. Dr. Josef Zürcher, der im Missionsseminar Schöneck über Beckenried viele Generationen von Seminaristen in die Wissenschaft der christlichen Moral eingeführt und mit seinen Beispielen aus dem Alltag auf die praktische Seelsorgearbeit vorzüglich vorbereitet hat. Hansjörg, als Einzelkind aufgewachsen, wurde befähigt, sich stundenlang mit Lesen, Spielen und Arbeiten selbständig zu beschäftigen; anderseits erfüllte ihn das Verlangen, mit Kameraden zusammen zu sein und mit ihnen vor allem in der Jungwacht etwas zu unternehmen. Im Kollegium Schwyz entschied er sich für den Missionarsberuf und trat 1953 ins Seminar Schöneck über Beckenried ein.
Im philosophischen und theologischen Studium fühlte er sich im Element, aber auch beim Skifahren auf Klewen oder beim Bergsteigen auf dem Simplon. Sein Walliser Studienkollege und Freund P. Hermann Stoffel weiss zu berichten, dass er die meisten bedeutenden Walliser Berge bestiegen hat und sich die Krönung mit dem Matterhorn nicht entgehen liess.
1959 von Bischof Caminada zum Priester geweiht, feierte Hansjörg Primiz an Ostern in seiner Heimatpfarrei Ingenbohl. Nach dem Pastoraljahr in Brüssel wurde er beauftragt, die im Konzil neu belebte Liturgiewissenschaft zu studieren. Das bedeutete für ihn drei weitere Studienjahre an der Universität Trier und die Diplomarbeit über die Fortführung des «Ostergeheimnisses in den Sonntagen nach Pfingsten». Befähigt mit dem wissenschaftlichen Rüstzeug und beflügelt durch den neuen liturgischen Geist des Konzils, wurde er 1963 nach Taiwan ausgesandt, um sein liturgisches Feuer in der Mission weiterzugeben und sich in die Sprache und Kultur des Landes einzuleben. Seinen Einstieg in die Missionstätigkeit musste er nach einem Jahr jäh abbrechen, in die Schweiz zurückkehren und sich einer schweren Lungenoperation unterziehen. Die Missionspläne, auch das Bergsteigen und andere sportliche Aktivitäten gab er auf und begnügte sich mit Bergwanderungen, bis für ihn etwa vor 15 Jahren auch diese zu beschwerlich wurden. Die Behinderung wurde ihm Anlass für eine neue Lebenschance, für seine geistigen Höhenflüge.
Noch in der Genesungszeit kehrte Hansjörg an die Universität nach Trier zurück und begann mit der Ausarbeitung einer Dissertation. In der Diplomarbeit zwei Jahre zuvor hatte er an der christlichen Osterliturgie Feuer gefangen und unermüdlich nach den Wurzeln und der Entwicklung unserer Osterfeier gegraben. Bei der Lektüre seiner Dissertation «Die Osterhomilien des Asterios Sophistes» (ca. 270­341, in Kappadokien), mit der er 1965 zum Doktor der Theologie promovierte, wird man regelrecht gepackt vom Eifer, mit dem Hansjörg aus den verschiedensten Oster-Homilien und Psalmen-Kommentaren interessante Angaben herausholt über die Gestaltung der Osternachtsfeier und der Osterzeit, über die Taufvorbereitung der Katechumenen und den Glanz in deren Augen bei ihrer ersten österlichen Eucharistiefeier. Den wohl schönsten Glanz müssen die Augen des jungen Forschers selber ausgestrahlt haben, wenn er die Vorformen von späteren Texten im Osterlobpreis seines Gewährsmannes Asterius singend und summend durchbetete. Von den 33 O-Ausrufen nur gerade vier, in denen wir bereits ganz stark das spätere Exsultet heraushören: «O Nacht, heller als der Tag! O Nacht, strahlender als die Sonne! O Nacht, weisser als der Schnee. O Nacht, blendender als der Blitz.»
1966 nahm der Neodoktor mit Schwung seine Vorlesungen im Missionsseminar und in der Akademie für Schul- und Kirchenmusik in Luzern auf. Nach nur vier Jahren zogen die Seminaristen von der Schöneck an die Theologische Fakultät nach Luzern; ihr Liturgiker aber hatte sich bereits die Erfahrung und den Namen geholt, dass er 1971 in Amsterdam eine Professur an der Katholischen Theologischen Hochschule antreten und 14 Jahre ausüben konnte; in der Mitarbeit an einer Basisgemeinde suchte er die Nähe der feiernden Gemeinde und setzte sein Wissen in die Praxis um.
Zu weiterer Lehrtätigkeit wurde Hansjörg 1985 an die Universität Wien berufen. Über diese fruchtbare Zeit und über den unerwarteten Tod hat ein Kollege des Verstorbenen, Prof. Dr. Wolfgang Langer aus Wien, beim Beerdigungsgottesdienst in Ingenbohl und Immensee anerkennende, ja ergreifende Worte gesprochen: «Für 14 Jahre Unterricht und Forschung an unserer Universität haben wir Hansjörg, unserem zurückhaltenden, manchmal sogar spröden, aber stets engagierten Schweizer Freund zu danken. Er war ein international anerkannter Gelehrter, ein Glanzpunkt unserer theologischen Fakultät. Er beherrschte sein Fach in den weiten Verzweigungen, hat sich aber nicht verzettelt, sondern in den Herrenfesten und vor allem in der Osterfeier sowie im Taufsakrament seinen Schwerpunkt gefunden. Er war in der Liturgiewissenschaft ein Ass, was jedermann einsehen kann in den beiden von ihm herausgegebenen Bänden 5 und 6 des Handbuches für Liturgiewissenschaft. ­ Erst jetzt ahnen wir, was ihn sein Arbeitspensum gekostet hat bei seiner angegriffenen Gesundheit, mit einer reduzierten Lunge, bei der Behinderung der Hand und bei fortschreitender Netzhautablösung. Scherzhaft sagte Hansjörg, 300 Jahre seien nötig, um die Pläne auszuführen, die er nach der Pensionierung 1999 vorhabe. ­ Am 22. Juli 1999 musste er diese Pläne aus der Hand legen, um einzugehen in das Geheimnis der Auferstehung des Herrn, für das er all seine Kraft eingesetzt hatte.»

Ernst Boos


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000