13/2000

INHALT

Verstorbene

P. Dr. Rainald Fischer OFMCap

Am Morgen des 24. Dezember 1999 verstarb P. Rainald Fischer im Pflegeheim der Deutschschweizer Kapuziner im Kloster Schwyz. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof des Kapuzinerklosters Wesemlin in Luzern. Die Schweizer Kapuzinerprovinz verlor mit P. Rainald einen geachteten Geisteswissenschafter, dessen Wirken inner- und ausserhalb des Ordens Spuren hinterlässt, nicht in Form von Synthesen, sondern in einer Reihe von zahlreichen Fragmenten, die Kompetenz in Geschichte und Kunstgeschichte attestieren. Der Orden, die Staatsarchive, die Denkmalpflege und die so genannte Diaspora von Zürich haben vom Fachwissen des vielseitig talentierten Gelehrten profitiert.
Geboren wurde P. Rainald am 31. August 1921 in der Frauenklinik Zürich, wo ihn am 2. September Vikar Kaspar Alois Schätti von der Liebfrauen-Kirche Zürich auf den Namen Ivo getauft hat. Der Vater Eugen Fischer aus dem aargauischen Wohlen, Sohn eines Schneiderhandwerkers, war Chefredaktor der katholischen Tageszeitung «Neue Zürcher Nachrichten» und hernach der 1923 entstandenen Illustrierten «Woche im Bild». Nach den Gymnasien an den Internaten der Kollegien Appenzell und Stans von 1932 bis 1940 trat er ins Noviziat in Luzern ein und erhielt bei seiner Einkleidung den Ordensnamen Rainald. Nach der einfachen Profess absolvierte er die Ordensstudien bis zur Priesterweihe 1945.
An der Universität Freiburg im Üchtland studierte er von 1947 bis 1951 Geschichtswissenschaft, aus der die Dissertation bei Professor Oskar Vasella über die Gründung der Schweizer Kapuzinerprovinz hervorging.
Am Gymnasium Appenzell, wo er von 1951 bis 1974/75 Geschichte, Kunstgeschichte und Freihandzeichnen dozierte, fanden nicht wenige Schüler den Berufsweg eines Historikers. 1975 wurde er nach Luzern mutiert und hatte die Nachfolge des damaligen hochbetagten Provinzarchivaren P. Beda Mayer anzutreten. Dort erhielt er weitere gewichtige Aufgaben der Ordensprovinz wie Konservator des Kapuzinermuseums Sursee und Beauftragter für Provinzgeschichte und Kunstdenkmäler der Schweizer Kapuziner. Gleichzeitig bestanden noch pendente und kamen neue Aufgaben hinzu ausserhalb des Ordens in der Aufarbeitung von Geschichte, Kunst und Kultur der Schweiz. Die Ballung an Verpflichtungen brachte eine Verzettelung bei P. Rainald mit sich und hatte 1981 die Entlastung vom Provinzarchiv zur Folge. Die geschriebene Provinzgeschichte kam über ihre Anfänge nicht hinaus. Dafür sind zwei grössere Monographien P. Rainalds in der Thematik ausserhalb des Ordens zu finden. Das eine Werk ist ein heute bei den Missionshistorikern geschätztes Buch aus dem Jahre 1988 über den Jesuit und Südamerika-Missionar Martin Schmid (1694­1772) mit Bezug zur Ahnenreihe von P. Rainalds Mutter, Tochter des Zuger Ständerates Josef Leonz Schmid, in der Linie der Baarer Schmid.
Das andere Werk betrifft die Kunstgeschichte, worin 1984 P. Rainald mit einem gewichtigen Denkmälerband über den Kanton Appenzell Innerrhoden sich einen Namen machte und für dieses Lebenswerk 1993 als erster Nichtappenzeller den Appenzeller Kulturpreis erhielt. In der Ikonographie war er international ein gefragter Experte.
Seine Handschrift trägt auch die 1988 durchgeführte und in der Öffentlichkeit viel beachtete Ausstellung im Historischen Museum Luzern anlässlich des vierten Zentenars der Kapuziner auf dem Wesemlin. Die Vorliebe zur Kunstgeschichte und zur Ästhetik kam der franziskanischen Welt zugute. Dank des langjährigen Inventarisierens erhielten die Kapuziner und Kapuzinerinnen Übersicht über ihre Kunstdenkmäler, sind die Bestände des Kapuzinermuseums und das Depot der Kunstgegenstände in Sursee fachlich aufgelistet.
Auf zahlreichen Assisi-Wallfahrten erschloss P. Rainald unzähligen Menschen den hl. Franziskus und dessen Spiritualität auf kunsthistorische Weise. Er zeigte sich als einfacher Bruder den Mitmenschen, liess diese an seinem Wissen unentgeltlich teilhaben und nahm an ihnen teil, entweder gesellig bei einem guten Essen mit Chianti und Stumpen oder vielfach ruhig betrachtend an den Stätten der franziskanischen Bewegung.

Christian Schweizer


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000