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10/2000
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Dr. Josef Sievi, Professor, Chur
Es war vor gut vierzig Jahren, im Herbst 1959. Josef Sievi trat seine
Professur für Altes Testament am Priesterseminar St. Luzi in Chur an.
Nach Seelsorge in Zürich und Schuldienst in Davos, nach biblischen
Studien in Jerusalem und Rom stand er mit schulischer Vollpackung, mit Tatendrang
und geballter Energie vor uns Studenten, brodelte und blitzte wie ein Vulkan
und goss seine biblische Lava über unsere Häupter aus. Er begann
seine Vorlesungen mit der Exegese des Propheten Amos. Am Beginn dieses Buches
steht der Satz: «Gott brüllt von Zion...» Das war nach
dem Geschmack von Josef Sievi. Das Wort Gottes kann auch deftig und derb
daherkommen. Er selbst liebte und pflegte die blumige und üppige, kräftige
und impulsive Sprache. Er passte nur bedingt in die Zunft der alttestamentlichen
Exegeten und ihren wissenschaftlichen Betrieb. Es war die Intuition, die
ihn leitete, die Auslegung diktierte. Es ging ihm um das Erahnen und Erspüren.
Seine Vorlesungen lebten und bebten. Als theologischem Neuling hat mir Josef
Sievi spirituell und mental das Alte Testament erschlossen. Dafür bin
ich ihm immer dankbar. Auch anderen ging es ähnlich.
Sprachen waren seine Stärke. Er beherrschte alt- und neuhebräisch.
Auch arabisch. Mit der Zeit fühlte er sich immer mehr zu den Arabern
hingezogen. Er erfuhr ihre Gastfreundschaft und spontane Herzlichkeit. Das
tat seinem Herzen wohl. Da lebte er auf. Erzählte er davon, geriet
er ins Schwärmen. Der Islam interessierte ihn. Seine Dissertation zog
einen Vergleich zwischen Amos und Mohammed. Es hielt ihn auch nicht in rein
biblischen Disziplinen. Ein pädagogischer und didaktischer Eifer verzehrte
ihn. Er hatte das Verlangen, junge Menschen zu bilden, zu formen, zu kneten,
wie er sich ausdrückte. So unterrichtete er zeitweise auch an der benachbarten
Kantonsschule Religion, Latein und Geschichte, später Englisch an der
Gewerbeschule in Chur.
Eine Zäsur im Leben von Sepp Sievi markierte zweifellos der schwere
Skiunfall, der ihn wochenlang in tiefe Bewusstlosigkeit stürzte. Die
allmähliche Genesung empfand er zu Recht als zweites geschenktes Leben.
Immer wieder betonte er mit beschwörender Suggestion, dass er wieder
voll auf dem Damm sei, die alte Kraft sich regeneriert hätte. Fit sein
bedeutete ihm in der Folge alles. Sportliche Betätigung als Erholung
und Selbstbestätigung gehörte für ihn zum Alltag. Dafür
liess er sich reichlich Zeit. Er brauchte dies auch. Ich unternahm mit Sepp
manche Bergtour. Es waren keine beschaulichen Gebirgswanderungen, vielmehr
regelrechte Bergrennen auf den Calanda oder aufs Lenzerhorn. War das Ziel
und damit der Adrenalinstoss erreicht, gab es auch ausgiebige Rasten. In
solchen Momenten öffnete sich Sepp Sievi wie sonst nie, erzählte
von sich, gab Persönliches preis. Da offenbarte sich eine hoch sensible
Seele, die ekklesiale Verwundungen mit sich trug. Er war verletzt und blieb
verletzlich.
Josef Sievi war im Umgang fröhlich, locker, humorvoll, gastfreundlich,
aber gelegentlich auch aggressiv, mit einem Schuss Unberechenbarkeit. Wenn
man sich bei Begegnungen mit ihm auf seine aktuelle Grosswetterlage einstellte
und sich danach richtete, ging es gut und mit der Zeit immer besser.
Josef Sievis Gottesbild passte in keinen dogmatischen Rahmen. Alles kirchlich
Normierende löste bei ihm virulentes Unbehagen aus. Die freie Natur
war für ihn der Ort der Gottbegegnung. Es war primär das Gottesporträt
des Alten Testaments: ein Gott, der zärtlich und einfühlsam ist,
aber auch zuschlägt, dynamisch mitreisst, aber auch geduldig warten
kann. Wir hoffen zuversichtlich, dass Josef Sievi auf dem Gipfel angelangt
ist, der die Sicht freigibt. Er braucht nicht mehr vom Berg herunterzusteigen.
Er darf den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs schauen, der auch der Gott
Jesu Christi ist (vgl. die Kurzbiografie im SKZ 4/2000, S. 70).
Albert Gasser
© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000