44/2000

INHALT

Theologie

Wahrheit und Schönheit

von Rolf Weibel

 

Der erste Dies Academicus der Universität Luzern erhielt durch die akademische Ehrung des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki und durch den Vortrag von Werken dieses Komponisten eine besonders festliche Note, weshalb als Ort für die Feier denn auch der Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums gewählt wurde.

Wo wohnt Gott?

Auf Einladung der Theologischen Fakultät fand vorgängig in der Jesuitenkirche ein Festgottesdienst mit Bischof Kurt Koch als Magnus Cancellarius statt. Als Dekan konnte Prof. Adrian Loretan eine erfreulich grosse Gottesdienstgemeinde begrüssen, wobei er die Studierenden daran erinnerte, dass die Jesuitenkirche als Kollegiumskirche und also für die studierende Jugend gebaut wurde.
Ausgehend von der Bedeutung der Wohnung für den Menschen, wählte Bischof Kurt Koch als Leitfaden für seine besinnliche Predigt die Frage: Wo wohnt Gott? Die Antwort bringe denn auch zutage, wie wir von Gott denken und zu ihm stehen. Mit dem Dies Academicus 2000 könne auf 400 Jahre philosophisch-theologische Bildung in Luzern zurückgeblickt werden und zugleich werde ein Neuanfang gemacht. Wie bis anhin sei der Theologie aufgetragen, das Reden von Gott in der Gesellschaft glaubwürdig zu verantworten. Heute sei diese Gesellschaft indes in einer Weise säkularisiert, die als ein kulturgeschichtliches Novum zu bezeichnen sei. Davon sei auch der Status der Theologischen Fakultäten insofern betroffen, als ihnen eine Isolation drohe und die Theologie ein Orchideenfach werden könnte. Aber auch in dieser prekären Situation müsse die Theologie das öffentliche Reden von Gott als Aufgabe wahrnehmen.
Auf die Frage nun, wo Gott wohne, sei zu antworten: In den Höhen des Himmels. Die damit ausgesagte Transzendenz Gottes sei aber nur die halbe Wahrheit; denn wie ein Mensch eine Heimat auch wählen könne, habe auch Gott eine Wahlheimat: Die Erde. «Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen», hörte die Gemeinde in der Tageslesung (Eph 3,14­21). Eine besondere Wohnung Gottes auf Erden sei dabei die Theologie, der es aufgetragen sei, «die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen». Die Theologie sei so näherhin Wohnung für die Wahrheit Gottes.
Die Wahrheit Gottes sei aber nicht bequem, was im Tagesevangelium (Lk 12,49­53) mit dem Jesuswort vom Feuer angesprochen worden sei, das auf die Erde zu werfen er gekommen sei. An der Wahrheit vorbei sei Frieden nicht zu haben. Der Theologe und die Theologin müssten deshalb ein leidenschaftliches Feuer für die Wahrheit Gottes entwickeln und nicht aus einer Selbstprofilierungssucht heraus Originalität anstreben. Diese Leidenschaft dürfe allerdings nicht fanatisch werden, weil sie mit Liebe gepaart sein müsse. «In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet», hörte die Gemeinde in der Tageslesung. Wohl müsse den Menschen die Wahrheit Gottes zugemutet werden, aber in Liebe. Denn Wahrheit ohne Liebe sei brutal, wie Liebe ohne Wahrheit banal sei. Die Liebe zur Wahrheit mache schliesslich den Eros der Theologie aus. Zu nähren sei die Theologie vom Gebet her, von der Rede zu Gott; das Gebet sei denn auch der Ernstfall des Glaubens wie der Theologie.
Das «zusammen mit allen Heiligen» in der Tageslesung schliesslich verweise auf den kirchlichen Ort der Theologie. Theologie sei deshalb ein kirchlicher Dienst. Als ein kritischer Dienst habe sie die Frage zu stellen: Ist die Kirche bewohnbar für Gott?

«Aus dem Erreichten die Zukunft entwickeln»

Im Kultur- und Kongresszentrum konnte Prof. Walter Kirchschläger als Rektor der Universität Luzern eine überaus grosse Gästeschar begrüssen. In seiner Ansprache machte er sich eingehend Gedanken darüber, wie aus dem nun Erreichten die Zukunft zu entwickeln sei. Im Blick auf das Erreichte dankte er zunächst den Luzernerinnen und Luzernern, die sich in der Volksabstimmung vom 21. Mai 2000 mit 72% eindeutig für ihre Universität ausgesprochen haben. Diese Zustimmung sei Schritt für Schritt gewachsen und das erreichte Ziel sei wohl ein Meilenstein für Luzern und die ganze Region, aber nur ein Etappenziel. Auf Beginn des nächsten Studienjahres wird die dritte Fakultät, die Fakultät für Rechtswissenschaft ihren Lehr- und Forschungsbetrieb aufnehmen und die zweite Fakultät, die Fakultät für Geisteswissenschaften um den Lehrstuhl Soziologie erweitert sein.
Am letzten Dies Academicus hatte Rektor Kirchschläger die künftige Universität als eine gesellschafts- und kulturwissenschaftlich orientierte Institution vorgestellt. Die Universität Luzern soll ein Denkzentrum für jene Wissenschaftsbereiche werden, «welche die Grundlagen menschlicher und gesellschaftlicher Existenz hinterfragen und die entsprechenden Zusammenhänge erforschen». Diese Vorstellung soll im begonnenen Studienjahr in einem Leitbild noch präzisere Konturen erhalten. Leitbegriffe dürften hierbei Kultur und Kommunikation sein.
Im Anschluss an Johann Wolfgang Goethes Faust beschrieb Rektor Kirchschläger die Universität ­ mutatis mutandis ­ als eine neue Studierstube. In dieser Studierstube greifen Lehre und Forschung ineinander, begegnen sich Lehrende und Studierende im fragenden Gespräch. Dies setze seitens der Studierenden erhöhte Einsatz- und Leistungsbereitschaft voraus, seitens der Lehrenden didaktische Befähigung und qualifiziertes Sozialverhalten.
Die Universität steht heute vor grundsätzlichen Weichenstellungen. In diesem Zusammenhang mahnte Rektor Kirchschläger, zur Identität dieser Institution Sorge zu tragen. So gehöre der Dialog seit Beginn der europäischen Universitätstradition unentbehrlich zum Prozess des Forschens, Lehren und Lernens. Wie Studierende in früheren Zeiten auf Wanderschaft waren, müsse heute ihre Mobilität gefördert werden. Anderseits ermöglichen neue Kommunikationsmöglichkeiten neue Wege und Formen der Kooperation der «Studierstube» Universität selber. So verstehe sich die Universität Luzern als eine vernetzte Studierstube: in Luzern selber mit dem Programm «Offener Campus Luzern», in der Universitätslandschaft der Schweiz, aber auch über die Landesgrenzen hinaus in internationaler Zusammenarbeit und Partnerschaft.

Vollkommene Gesetze gibt es nicht

Im Festvortrag untersuchte Prof. Paul Richli als Gründungsdekan der Fakultät für Rechtswissenschaft das am 1. Oktober 2000 in Kraft getretene Luzerner Universitätsgesetz. Zum einen unterzog er dieses Gesetz einer kritischen Prüfung, zum andern zeigte er so an einem nahe liegenden Beispiel, wie die Rechtswissenschaft Gesetze interpretiert. Zugleich nahm er sich damit einer vernachlässigten Materie, nämlich des Universitätsrechts an.
Von der Annahme ausgehend, das neue Luzerner Gesetz folge dem Zeitgeist, skizzierte Prof. Richli zunächst die Elemente eines New University Managements (NUM), das eine Anwendung des New Public Management (NPM) bzw. der Wirkungsorientierten Verwaltungsführung ist. Von der Betriebswirtschaftslehre entwickelt, reiben sich einige Elemente des NPM mit juristischen Grundsätzen, zum Beispiel dem demokratischen Rechtsstaat. Andere Elemente des NPM müssen den universitären Gegebenheiten angepasst werden; so lässt sich die Forschung nicht einfach steuern, und die Leistung der Lehre lässt sich nur mit einer grossen Zeitverzögerung messen.
Nach diesen allgemeinen Erwägungen unterzog Prof. Richli einzelne Bestimmungen des Gesetzes einer näheren Prüfung. So ist die Universität von Gesetzes wegen eine öffentlich-rechtliche Anstalt mit eigener Rechtspersönlichkeit; der Stellung der Studierenden wäre aber die Rechtsform einer Körperschaft angemessener. Das Luzerner Gesetz ist ferner bildungslastig, weil es die Forschung nur als Funktion der Bildung nennt. Bei den Bildungszielen fehlt Prof. Richli sodann die Nennung der Religion, was ihn erstaunt, nachdem die Universität sich letztlich aus der Theologischen Fakultät heraus entwickelt hat. Mit seinem ganzen Gang durch das neue Gesetz zeigte er, wie für die rechtliche Auslegung eines Gesetzes je nach Problem das eine oder andere Auslegungselement oder eine Verbindung von Auslegungselementen aktuell ist. Neben Wortlaut, Gesetzesmaterialien, Gesamtzusammenhang, Aufgabe, Sinn und Zweck einer Rechtsnorm muss immer auch die Verfassung beachtet werden, die Kantonsverfassung wie die Bundesverfassung, was zur verfassungskonformen Auslegung nötigt; immer mehr gibt es sodann völkerrechtliche Bindungen, die zu respektieren sind.
Seine kritischen Bemerkungen relativierte Prof. Richli mit seiner Erfahrung, dass es keine vollkommenen Gesetze gibt, sondern nur unterschiedliche Grade von Unvollkommenheit.

Musik als Symbol der Gott-Fähigkeit und Gott­Begeisterung

Ein Höhepunkt des ersten Dies Academicus war die anschliessende Ehrenpromotion von Prof. Krzysztof Penderecki durch die Theologische Fakultät. In seinen Worten der Ehrung skizzierte Prof. Loretan den Werdegang und die Hauptwerke des polnischen Komponisten, der sich nicht selten auch in Luzern aufhält. Mit seinem Geistlichen Werk vermittle Krzysztof Penderecki mit den Mitteln der Musik spirituelle und theologische Einsichten. «Denn es gibt Erfahrungen von existenzieller Bedeutung, die sich einem exklusiv rationalen Verstehen entziehen. Sie wollen dennoch mitgeteilt werden. Die Geistliche Musik Pendereckis ist eine solche universale Kommunikationsform. Musik wird hier zur Sprache der Gott-Fähigkeit und Gott-Begeisterung des Menschen.»
Zur Begründung der Ehrenpromotion heisst es in der Urkunde: «Geprägt von christlicher Spiritualität und universeller Humanität hat er mit seiner Musik die existenziellen Dimensionen des Menschen künstlerisch ausgelotet. Er hat mit seiner Kunst wesentlich dazu beigetragen, die unfassbaren Leiden, die Krieg und Ideologien im 20. Jahrhundert verursachten, in versöhnendem Geist zu mildern. Er schuf mit seinen geistlichen Kompositionen, inspiriert von Texten des Alten und Neuen Testaments, inspiriert von der Liturgie der orthodoxen, der katholischen und der protestantischen Christenheit, inspiriert aber auch von einer lebendigen Volksfrömmigkeit die Summa der Musica sacra am Übergang zum 21. Jahrhundert. Sein künstlerisches Genie respektiert die Tradition der abendländischen Musik seit der Gregorianik und öffnet mit vollendeter Meisterschaft, mit höchster Ehrlichkeit und mit visionärer Imaginationskraft Perspektiven einer neuen Musik, deren historische Bedeutung schon heute erkannt wird.»
In seinem Dankeswort kam Krzysztof Penderecki mit dem Begriff «das gewisse Etwas» auf das zu sprechen, was die Laudatio «künstlerisches Genie» nennt. Dabei stellte er als die zwei Marksteine seiner Entwicklung die Lukas-Passion von 1966 heraus, das erste grosse Werk seiner Laufbahn, und den Erwerb des Landsitzes in Luslawice, was einem Bündnis mit Geschichte und Natur gleichkomme. Denn in Luslawice hat Sozzini gelebt, der zu geistigen und religiösen Grenzüberschreitungen ermutige, und in Luslawice pflege er, Krzysztof Penderecki, einen grossen Garten mit einem grossen Baumbestand ­ einen Garten, den er ebenfalls komponiere. Musik und Garten hätten miteinander zu tun: Musik sei mathematisierte Emotion, Garten mathematisierte Natur.

Ein Apfelbäumchen

Sinnigerweise überreichte die Sprecherin der Studierenden dem amtierenden und dem designierten Rektor der Universität ein Apfelbäumchen ­ ein Bäumchen einer alten und robusten Sorte.
In seinem Schlusswort erinnerte der Erziehungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern, Dr. Ulrich Fässler, daran, dass die Universität weiterhin des Einsatzes bedürfe, nachdem sie Dank des Einsatzes so vieler hat realisiert werden können; von den vielen verdiene indes einer einen besonderen Dank: Rektor Walter Kirchschläger.
Abgeschlossen wurde der Tag des Dies Academicus mit einem Konzert in der Jesuitenkirche in honorem Krzysztof Penderecki mit A-cappella-Chormusik, gesungen vom Chor der Nationalphilharmonie Warschau.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000