43/2000

INHALT

Theologie

Schwierige Zugänge zur Bibel

von Walter Bühlmann

 

Bei Vorträgen in Pfarreien, bei Diskussionen und Gesprächen begegne ich immer wieder Menschen, die bei der Bibellektüre grosse Mühe haben. Vor einigen Jahren erschien im Badener Tagblatt ein kritischer Artikel über das Alte Testament, der eine lebhafte Diskussion auslöste<1>. Darin meinte der Verfasser, der Gott des Alten Testaments übe eine Schreckensherrschaft über die bedauernswerte Menschheit aus. Er kann nicht verstehen, «warum denn um Gottes willen noch immer das Alte Testament in der Bibel integriert» sei. Die Kirche sollte die positiven Kräfte gegen die Flut des Bösen mobilisieren. Aber wie soll sie dieser Aufgabe gewachsen sein, wenn sie dem Alten Testament verpflichtet bleibt?
Dieses Unbehagen des Artikelschreibers ist bei vielen Christen anzutreffen. Als Theologiestudent habe ich selber ähnliche Erfahrungen gemacht. Man hat uns empfohlen, die ganze Bibel von Anfang bis Schluss als «lectio continua» täglich zu lesen. Bald ist mir die religiöse Sonderwelt des AT über weite Strecken eine trostlose Wüste geworden. Ich fand lange Abhandlungen über reine und unreine Tiere, pedantische Vorschriften über den Kult und einen Tempel, der schon lange nicht mehr existierte. Sehr mühsam waren auch die vielen Listen von Namen mit Personen, die uns nicht mehr viel sagten. Hätte ich damals nicht das Glück gehabt, in Prof. Herbert Haag, der kürzlich in Luzern seinen 85. Geburtstag feiern konnte, einen verständnisvollen Alttestamentler zu finden, hätte ich vom Alten Testament schon längst Abschied genommen.

1. Schwierige biblische Texte

1.1 Die «Gewalttexte» der Bibel

Viele Texte des Alten und Neuen Testaments sind heute unerträglich geworden. Besonders abstossend wirken jene biblischen Traditionen, die Gewalt als Mittel der Konfliktlösung anerkennen<2>. So richtet sich der Unmut vornehmlich gegen Texte des Ersten Testaments (Altes Testament), obwohl viele neutestamentliche Überlieferungen sich als Zielscheibe für dieselbe Kritik durchaus eignen würden. Was viele Bibelleserinnen und Bibelleser stört, ärgert und zum Widerspruch treibt, ist die unübersehbare Tatsache, dass viele biblische Texte die menschliche Gewalt legitimieren, fordern und feiern. Doch am ärgerlichsten ist gewiss: Dieser Gott ist selbst gewalttätig. Wer zuckt nicht zusammen, wenn in der Osternacht das «Siegeslied am Schilfmeer» gesungen wird: «Gott ist ein Krieger, Gott ist sein Name. Pharaos Wagen und seine Streitmacht warf er ins Meer, seine besten Kämpfer versanken im Schilfmeer. Fluten deckten sie zu. Sie sanken in die Tiefe wie Steine... Deine Rechte, Gott, zerschmettert den Feind. In deiner erhabenen Grösse wirfst du die Gegner zu Boden. Du sendest deinen Zorn; er frisst sie wie Stoppeln» (Ex 15,3­7).
Dass derartige Texte kein exklusives Proprium des so genannten Alten Testaments sind, zeigen die Visionen der Johannesapokalypse. In der Vision vom eschatologischen Krieg gegen das Böse/die Bösen wird das Vernichtungsgericht über die imperialen, menschenverachtenden Mächte folgendermassen eröffnet: «Dann sah ich einen Engel, der in der Sonne stand. Er rief mit lauter Stimme allen Vögeln zu, die hoch am Himmel flogen: Kommt her! Versammelt Euch zum grossen Mahl Gottes. Fresst Fleisch von den Königen, von Heerführern und von Heiden, Fleisch von Pferden und ihren Reitern, Fleisch von allen, von Freien und Sklaven, von Grossen und Kleinen» (Offb 19,17­18).
Hier scheint unwiderruflich die theologisch und anthropologisch akzeptable Grenze überschritten zu sein. Muss man nicht jenen Bibel- und Christentumskritikern Recht geben, die sagen, dieser biblische Gott und die Menschen, die auf ihn setzen, seien ein ethisches Risiko par excellence? Und die Geschichte des Christentums scheint ihnen doppelt Recht zu geben: Im Namen dieses biblischen Gottesbildes wurden viele Religionskriege geführt, wurden die Religionen Lateinamerikas und Afrikas gewalttätig vernichtet und deren Anhänger ausgerottet oder versklavt, im Namen des «heiligen» Gottes der Bibel und mit ausdrücklichem Bezug auf Bibeltexte wurden zahllose Menschen entwürdigt, gefoltert und getötet, unter Berufung auf den biblischen Gott wurden Kriege legitimiert und ganze Regionen verwüstet.
Besonders reagieren heute viele Frauen allergisch, wenn in biblischen Texten von Frauen erzählt wird, die Gewalt akzeptieren, nicht verhindern oder sogar selbst zu Gewalt greifen. Schon vor einigen Jahren hat Phyllis Trible ein viel beachtetes Buch geschrieben mit dem Titel: «Mein Gott, warum hast Du mich vergessen! Frauenschicksale im Alten Testament.»<3> Es gebe zahlreiche Beispiele für Texte aus allen Epochen, die über Gewalt an Frauen berichten. In der Zeit der Sesshaftwerdung der Stämme ist nach Richter 21 zum Beispiel Frauenhandel zwischen Efraim und Benjamin noch an der Tagesordnung, und wenn dieser Handel für eine Partei zu unbefriedigenden Ergebnissen führt, dann scheut man auch vor Frauenraub, zum Beispiel anlässlich des Weinbergfestes von Schilo, nicht zurück. Noch das Deuteronomium erlässt Vorschriften über den Umgang israelitischer Männer mit kriegsgefangenen Frauen (21,10­14).
Gewalt von Männern gegenüber Frauen spielt sich vor allem auch im privaten Bereich, im Kreis der Verwandten ab. Von einer Vergewaltigung am Königshof erzählt mit erstaunlicher Einfühlung in die Lage der betroffenen Frau 2 Sam 13,1­22. Von Leidenschaft erfüllt ist Amnon, der Sohn Davids, zu seiner Stiefschwester Tamar. Er stellt sich krank und lässt sich von ihr bedienen, um ihr leichter Gewalt antun zu können. Auch Tamars Schändung wird von ihrem Bruder Abschalom brutal gerächt; er lässt Amnon bei einem Festgelage erschlagen (2 Sam 13,1­38).
Peinlich und verwerflich ist der ausführlich beschriebene Ehebruch Davids: Er schläft mit der Frau Batseba, während ihr Mann Urija im Krieg ist; wie David, als sich herausstellt, dass Batseba schwanger ist, zunächst versucht, das Kind dem Urija anzulasten, dann aber, als das nicht gelingt, Urija ins vorderste Glied stellen lässt, damit er im Kampfe falle, um Batseba heiraten zu können (2 Sam 11). Ein doppeltes Verbrechen des Königs, für das eine unbedachte Leidenschaft der Anlass war.
Wegen diesen brutalen und schändlichen Erzählungen gab es immer Leute, die für die Abschaffung des Alten Testaments plädiert haben. Schon im zweiten Jahrhundert hat der Theologe Markion für Aufregung gesorgt mit der Forderung nach Preisgabe des Alten Testaments. Er setzte als reicher Schiffsreeder sogar grosse Geldsummen ein, um die römische Kirche zu bewegen, das Alte Testament und die «jüdischen» Passagen des Neuen Testaments abzustossen. Der Hauptvorwurf Markions gegen das Alte Testament und dessen Weiterleben im Neuen Testament galt dem Judengott als einem Gott der Gewalt und der Rache, von dem sich die neue Botschaft Jesu vom Gott der Liebe und der Barmherzigkeit fundamental abgesetzt habe. Die Kirche hat auf diese Herausforderung ausserordentlich hart reagiert. Markion wurde von seinem Bischof exkommuniziert.

1.2. Frauenfeindliche Texte

Es gibt in der Bibel eine grosse Anzahl Texte, die von vielen Menschen, besonders von Frauen, unmöglich als Heilige Schrift akzeptiert werden können. Neben den bereits erwähnten Stellen über die brutale Gewalt an Frauen werden oft Frauengestalten auf dem patriarchalen Hintergrund dargestellt. Ebenso kommt die weibliche Realität im Rahmen der biblischen Schriftsammlung nur sehr ungenügend zur Darstellung.<4>
Als geradezu frauenfeindlich erweist sich der Weisheitslehrer Jesus Sirach aus dem 2. Jh. v. Chr. Ein beachtlicher Teil ist den Frauen gewidmet. Die ideale Frau hat nach ihm den Ehemann zu ehren (26,26), ihm zu gehorchen, ihn zu stützen (36,26) und dafür zu sorgen, dass er in Frieden alt wird. Auf der andern Seite verteufelt er alle Frauen, die sich der Autorität des Familienvaters nicht fügen. Mit der Warnung an den Mann «Liefere dich nicht der Frau aus, sonst tritt sie deine Würde mit Füssen» (9,2) stärkt er die patriarchale Ordnung. Von Jesus Sirach stammt auch der folgenschwere Satz: «Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang und um ihretwillen müssen wir alle sterben» (25,24).
So weigern sich vor allem Frauen, aber nicht nur sie, immer öfter, solche Texte einfach hinzunehmen oder gar als Offenbarung, als Wort Gottes anzuerkennen. Der Protest ist berechtigt und muss zur Sprache kommen dürfen, gerade in der Gemeindearbeit, in Biblekreisen und Frauengruppen. Protest, auch in seiner schärfsten Form, ist eine Weise, die biblischen Texte ernst zu nehmen, mit ihnen zu ringen und sich an ihnen abzuarbeiten.

1.3 Einzeltexte im Vergleich zur Gesamtbotschaft

Es kann hier nicht der Ort sein, um auf diese schwierigen Texte eine befriedigende Antwort zu geben. Folgende Überlegungen wollen aber zeigen, wie man diese Texte dennoch als Gottes Offenbarung hören und lesen kann<5>.
Biblische Texte sind immer nur Teiltexte der ganzen Bibel. Den oben zitierten Textbeispielen lassen sich problemlos andere biblische Texte an die Seite stellen, die das Gegenteil oder zumindest eine massive Einschränkung aussagen. Von daher dürfen Einzeltexte nicht verabsolutiert werden. Sie stehen immer im Dialog mit anderen Texten zum gleichen Thema. Als Teiltexte haben sie nur begrenzte Aussagekraft. Ihren Tiefsinn erhalten sie von der Bibel als Ganzes her.
Die so genannten «Gewalttexte» konfrontieren uns mit der Realität der Gewalt und vor allem mit dem Widerspruch, den die Gewalt zur Rede vom «lieben» Gott und zur oberflächlichen Rede von der Erlöstheit der Welt darstellt. Solche Texte der Bibel sind fast ausschliesslich als Texte der Angst und der Ohnmacht entstanden. Sie decken das Gewaltpotential als Realität menschlichen Zusammenlebens auf und schreien nach Veränderung und Umkehr.
Sie zeigen auf provozierende Art die gegenwärtig erlebte Welt als eine Gesellschaft voll Terror und Gewalttaten auf. Daneben aber redet die Bibel unablässig von Gewaltverzicht als einzigem Weg zur Überwindung von Gewalt. Sie fordert die Menschen auf, sich radikal zu ändern und der Feindschaft ein Ende zu setzen. Sie kündet das Kommen des Gottesreiches, der Gerechtigkeit und des Friedens an.
Solche «Anti-Gewalt-Texte» finden sich nicht nur im Neuen Testament, sondern sind ebenso zahlreich im Alten Testament. Deshalb ist es notwendig, die Bilder vom gewalttätigen Gott in den Gesamt-Horizont der biblischen Gottesrede vom friedensstiftenden, barmherzigen und gütigen Gott zu stellen.

2. Der fundamentalistische Umgang mit der Bibel

Es sind nicht nur die schwierigen Texte in der Bibel, die zu Widerspruch reizen. Das zum Teil weit verbreitete Schriftverständnis, die Inspiration der Bibel als Wortinspiration, bringt gerade viele in Schwierigkeiten. Demnach sind die biblischen Texte buchstäblich zu verstehen, und sie sind dann auch in der buchstäblichen Bedeutung als wahr und richtig zu betrachten. Alle Worte der Bibel sind inspiriert, sowohl diejenigen, die etwas über den Glauben und das christliche Leben sagen, als auch diejenigen, die über bestimmte Ereignisse berichten oder die sich über Dinge äussern, die heute dem Bereich der Naturwissenschaften und der Gesellschaftswissenschaften zugerechnet werden. Nach diesem Verständnis ist die Bibel das Wort Gottes schlechthin. Dies wird übrigens noch deutlich, wenn in der Liturgie nach der Lektüre eines biblischen Textes gesagt wird: «Wort Gottes». Die Bibel ist daher nicht eine Wiedergabe von Offenbarung oder ein Bericht über Offenbarung, sondern diese Offenbarung selbst. Sie verpflichtet und bindet unmittelbar und hat göttliche Autorität: Sie wird zu einem mirakulösen, göttlichen Buch.
Dieses wörtliche Verständnis wirkt sich besonders auch auf einer volkstümlichen Ebene aus, wo die Bibelworte wie ein Orakel verstanden werden. Wir kennen all jene Verfahren, bei denen zuerst gebetet, dann mit geschlossenen Augen die Bibel geöffnet und auf eine bestimmte Stelle hin gezeigt wird, die dann als Gottes Wort für eine bestimmte Situation Geltung hat. Ein solches buchstäbliches Verständnis der Schrift verrät eine Konsum-Mentalität, in der man auf zufällige Weise fertige Antworten zu schwierigen existenziellen und theologischen Fragen gibt.
Sehr fragwürdig ist auch die in kirchlichen Texten noch häufig verwendete Methode, die Bibel als Beweistexte für bestimmte Lehren heranzuziehen. Die Bibel spielt in diesem Falle die Rolle eines Beweisreservoirs oder eines ersten Prinzips. Die Bücher der Bibel werden zu einer Quelle von Beweistexten, die oft genug völlig unabhängig vom Kontext, in dem sie in der Bibel erscheinen, als Beweise zitiert werden, um Dogmen, Prinzipien und etablierte kirchliche Institutionen zu legitimieren. Wer so argumentiert, setzt voraus, dass die die Bibel ewige Wahrheiten und zeitlose Prinzipien offenbart und dass daher Bibelstellen jederzeit herangezogen werden können, um die Interessen der Kirche, sei es auf der Ebene der Moral, der Lehre oder des Institutionellen, zu bestärken und zu rechtfertigen.
Ein krasses Beispiel für eine solche Argumentation finden wir zum Beispiel bei den Stellungnahmen gegen die Frauenordination. Dabei wird etwa so gegen das Frauenpriestertum argumentiert: Jesus hätte ohne weiteres Frauen weihen können, wenn er nur gewollt hätte. Wenn er dies aber nicht getan hat, dann sei dies ein klares Indiz dafür, dass die Schrift gegen die Ordination der Frau sei. Diese Argumentation scheint völlig logisch zu sein. Es wird aber vergessen, dass die neutestamentliche Wissenschaft auch bewiesen hat, dass Jesus überhaupt niemanden in jenem Sinne zum Priester geweiht hat, in dem wir die Ordination heute verstehen.
In all diesen Beispielen gilt die Bibel als wörtlich inspiriert. Sie ist die unmittelbare Offenbarung Gottes. Sie offenbart daher nicht nur religiöse, sondern auch wissenschaftliche Wahrheiten. Sie gibt uns unfehlbare Antworten auf unsere Fragen, zeitlose Prinzipien für unser Handeln und dogmatische Richtlinien für unsere theologische Reflexion. Als Vertreter der institutionalisierten Kirchen betrachten sich Hierarchie und Theologie als die Hüter der Schrift und der Offenbarung, um Gläubige vor dem zu schützen, was sie als Irrtum betrachten. Wer allein auf dieses wörtliche Schriftverständnis abstellt, wird besonders mit den schwierigen Texten, die wir oben erwähnt haben, grosse Mühe haben.
Erfreulicherweise nimmt das neue Dokument der päpstlichen Bibelkommission «Die Interpretation der Bibel in der Kirche» von 1993 klaren Abstand vom fundamentalistischen Umgang mit der Bibel. Bei aller Anerkennung der an sich löblichen Motiven seiner Propagatoren wird diese Interpretation als unangemessen, ja sogar als gefährlich beurteilt bzw. verurteilt<6>.

3. Der Umgang mit der Bibel in der Verkündigung

Neben den zweifellos schwierigen Texten, die im Alten und Neuen Testament immer wieder auftauchen, verpassen aber viele Seelsorgerinnen und Seelsorger die Chance, die unzähligen aktuellen Erzählungen, Geschichten und vor allem auch zeitkritischen Texte der Bibel in die Verkündigung aufzunehmen. Dazu hat Othmar Keel in seinem Buch: «Die Bibel mischt sich ein» hingewiesen<7>.
Viele Predigten bewegen sich in einem innerkirchlichen, eher vagen Vokabular, benützen Wörter und behandeln Probleme, die im Alltag keine grosse Rolle spielen, und versuchen, in sich abgerundete, schöne Gedanken in schöner Sprache zu formulieren. Ein stärkeres Engagement spürt man dabei nur, wenn es um eigene Veranstaltungen, Gottesdienstbesuch, Zuspätkommen, kräftiges Mitsingen, handelt. Die Predigt soll nicht stören, sie soll gefallen. Man gibt sich wenig Mühe, die biblische Vielfalt auch in die Predigt einzuarbeiten, besonders werden meistens die alttestamentlichen Texte stiefmütterlich behandelt. Die offizielle Leseordnung sieht zwar besonders alttestamentliche Texte vor, aber im Verhältnis zu den neutestamentlichen sind es wenige, ungefähr ein Drittel alttestamentliche zu zwei Dritteln neutestamentlichen, und dies, obwohl das Neue Testament umfangmässig nur etwa ein Viertel der Gesamtbibel ausmacht. Die drei Viertel Altes Testament werden also auf ein Drittel des offiziellen liturgischen Lesestoffes reduziert. Aber die praktische Reduktion des Alten Testaments ist mancherorts noch viel radikaler als die theoretische der Leseordnung. In manchen Gottesdiensten wird die alttestamentliche Lesung einfach weggelassen, und wenn sie gelesen wird, dann wird kaum je darüber gepredigt. Der offizielle kirchliche Glaube, dass das Alte Testament ebenso inspiriert und Wort Gottes sei wie das Neue Testament, wird in keiner Weise ernst genommen. Er ist vielerorts ein reines Lippenbekenntnis ohne praktische Konsequenzen und ohne praktische Wirkung.
Es ist eigentlich sehr schade, dass die Predigerinnen und Prediger den reichen Schatz, wie er im Alten und Neuen Testament enthalten ist, vernachlässigen. Besonders die Prophetentexte, die damalige öffentliche und sündhafte Zustände geisselten, wären geeignet, auch zu ähnlichen Missbräuchen in unserer Zeit Stellung zu beziehen. Die Predigt verpflichtet, sie darf nicht nur die einzelnen Personen ansprechen, sondern muss auch den öffentlichen Bereich tangieren. Die Meidung des öffentlichen Bereichs bedeutet notwendig eine Verharmlosung der Situation. Solange der öffentliche Bereich ausgeklammert wird, entsteht unweigerlich der Eindruck, grundsätzlich sei alles in Ordnung. Sünde gebe es nur als einzelne Abweichungen einzelner Menschen, zu denen sich Kirchgänger in der Regel nicht zu zählen brauchen.
Gerade wenn es um brennende gesellschaftspolitische Fragen geht wie Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Asylantenfrage, Eintreten für die Armen, ist die Bibel, sowohl das Alte wie das Neue Testament, geeignet, die Menschen für diese Anliegen zu sensibilisieren. Die Bibel kann den Seelsorgerinnen und Seelsorgern nicht nur auf oft übersehene Themen bringen. Der explizite und bewusste Rückbezug kann den Predigern und den Predigerinnen helfen, bei ihrem Geschäft eine häufige äussere und eine ebenso häufige innere Klippe zu überwinden.
Erfreulicherweise beziehen sich die exegetisch-homiletischen Impulse, die gegenwärtig für alle drei Lesejahre in der SKZ veröffentlicht werden, auf die alttestamentlichen Lesungen. Thomas Staubli kommentiert die Texte, indem er sich am Lektüredreieck «Bibel ­ Kirche ­ Welt» der lateinamerikanischen Basisgruppen orientiert. Die Kurzkommentare erörtern die Thematik textlich und bildlich und situieren sie innerhalb der altorientalischen Lebenswelt. Dazu liefern die Erörterungen Impulse und Anregungen zu je eigener Aktualisierung.

4. Die Aufgabe der Bibelwissenschaft

Abschliessend möchte ich noch etwas zum Stellenwert der Exegese an unseren Hochschulen hinzufügen. Mir scheint es heute wichtig, dass die Exegese sich bemüht, eine Brücke zu schlagen zwischen der historisch-kritischen Methode, den neueren Methoden, wie sie im Dokument der päpstlichen Bibelkommission aufgenommen worden sind, und den Problemen unserer Zeit. Elisabeth Schüssler Fiorenza hat in «Brot statt Steine» darauf besonders hingewiesen<8>.
Soll die Bibel als historisches und kanonisches Buch mehr Einfluss auf das Leben der Kirche heute gewinnen, dann darf die Bibelauslegung sich nicht nur darauf beschränken, das zu erarbeiten, was der Autor ursprünglich gemeint und der Text bedeutet hat. Sie muss auch kritisch zeigen, welche theologische Bedeutung der Text in unserer Situation hat.
Es ist fatal, wenn die Bibelauslegung es im Allgemeinen ihren Studierenden überlässt, einen Weg zu finden, die Kluft zwischen dem, was sie an historisch-kritischer Exegese gelernt haben, und ihrer späteren Aufgabe als Seelsorgerinnen und Seelsorger zu überbrücken. Es ist für sie eine Überforderung, wenn von ihnen erwartet wird, dass sie zu vermitteln wissen zwischen einer wertneutralen, rein geschichtswissenschaftlich vorgehenden Exegese und der Tatsache, dass die Kirche die Bibel als ihre sie bindende Heilige Schrift betrachtet, zwischen dem, was die Bibel in ihrer Entstehungszeit bedeutet hat, und dem, was sie heute bedeutet. Es ist deshalb von grosser Tragweite, dass dass Dokument der päpstlichen Bibelkommission auch die kontextuellen Zugänge zur Heiligen Schrift berücksichtigt (Zugang zur Bibel im Umfeld von Befreiung/Feministischer Zugang).
Diese Art von Bibelauslegung, die die Situation und die theologische Antwort auf die entsprechenden Probleme aus den Schrifttexten zieht, kann so die Vergangenheit und die Gegenwart in eine fruchtbare Spannung zueinander bringen. Beides, sowohl ein sachgerechtes Verstehen der Bibel als auch ihre kritische Beurteilung ist notwendig, um die befreienden Traditionen der Bibel freizusetzen, so dass sie ihre Bedeutung für christliche Gemeinden heute entfalten können.
So gesehen wird die Bibel nicht mehr als ein Konglomerat von Lehraussagen und dogmatischen Beweisen und auch nicht als ein historisch-faktisches Protokoll von Ereignissen, sondern als das Modell christlichen Glaubens und Lebens verstanden.

 

Dr. theol. Walter Bühlmann ist Lehr- und Forschungsbeauftragter für Bibelwissenschaft und Verkündigung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


Anmerkungen

1 H. Güntert, Eine Frage der Identität, in: Badener Tagblatt vom 20.11.1982; vgl. J. Breuss, Altes Testament für Neue Heiden, Baden 1986, 10­26.

2 Zum Thema «Gewalt» in der Bibel: J. Ebach, Das Erbe der Gewalt. Eine biblische Realität und ihre Wirkungsgeschichte, Gütersloh 1980; N. Lohfink (Hrsg.), Gewalt und Gewaltlosigkeit im Alten Testament (QD96), Freiburg i.Br. 1983; E. Zenger, Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen, 41994, 48­85; ders., Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i.Br. 1994.

3 Ph. Trible, Mein Gott, warum hast du mich vergessen! Frauenschicksale im Alten Testament, Gütersloh 1987.

4 Vgl. M.-Th. Wacker, Gefährliche Erinnerungen. Feministische Blicke auf die hebräische Bibel, in: dies. (Hrsg.), Theologie feministisch. Disziplinen ­ Schwerpunkte ­ Richtungen, Düsseldorf 1988, 14­58; L. Schottroff/ S. Schroer/M.-Th. Wacker, Feministische Exegese, Darmstadt 1995, 83­172.

5 Wie die Exegeten mit dem Problem der Gewalt umgehen, hat N. Lohfink gut zusammengestellt: «Gewalt» als Thema alttestamentlicher Forschung, in: ders. (Hrsg.), Gewalt und Gewaltlosigkeit im Alten Testament, Freiburg i.Br. 1983, 15­50.

6 Der Gesamttext der Verlautbarung ist erschienen in der Reihe «Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls», Nr. 115: Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche. Er kann bestellt werden beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstrasse 163, D-53113 Bonn; vgl. auch in: Bibel und Kirche 49 (1994) 173­213.

7 O. Keel, Die Bibel mischt sich ein. Predigten und «Worte zum Sonntag», Zürich/Einsiedeln/Köln 1984.

8 E. Schüssler Fiorenza, Brot statt Steine, Freiburg i.Br. 1988, 71­84.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000