43/2000 | |
INHALT | |
Theologie |
Bei Vorträgen in Pfarreien, bei Diskussionen und Gesprächen
begegne ich immer wieder Menschen, die bei der Bibellektüre grosse
Mühe haben. Vor einigen Jahren erschien im Badener Tagblatt ein kritischer
Artikel über das Alte Testament, der eine lebhafte Diskussion auslöste<1>. Darin meinte der Verfasser, der Gott
des Alten Testaments übe eine Schreckensherrschaft über die bedauernswerte
Menschheit aus. Er kann nicht verstehen, «warum denn um Gottes willen
noch immer das Alte Testament in der Bibel integriert» sei. Die Kirche
sollte die positiven Kräfte gegen die Flut des Bösen mobilisieren.
Aber wie soll sie dieser Aufgabe gewachsen sein, wenn sie dem Alten Testament
verpflichtet bleibt?
Dieses Unbehagen des Artikelschreibers ist bei vielen Christen anzutreffen.
Als Theologiestudent habe ich selber ähnliche Erfahrungen gemacht.
Man hat uns empfohlen, die ganze Bibel von Anfang bis Schluss als «lectio
continua» täglich zu lesen. Bald ist mir die religiöse Sonderwelt
des AT über weite Strecken eine trostlose Wüste geworden. Ich
fand lange Abhandlungen über reine und unreine Tiere, pedantische Vorschriften
über den Kult und einen Tempel, der schon lange nicht mehr existierte.
Sehr mühsam waren auch die vielen Listen von Namen mit Personen, die
uns nicht mehr viel sagten. Hätte ich damals nicht das Glück gehabt,
in Prof. Herbert Haag, der kürzlich in Luzern seinen 85. Geburtstag
feiern konnte, einen verständnisvollen Alttestamentler zu finden, hätte
ich vom Alten Testament schon längst Abschied genommen.
Viele Texte des Alten und Neuen Testaments sind heute unerträglich
geworden. Besonders abstossend wirken jene biblischen Traditionen, die Gewalt
als Mittel der Konfliktlösung anerkennen<2>.
So richtet sich der Unmut vornehmlich gegen Texte des Ersten Testaments
(Altes Testament), obwohl viele neutestamentliche Überlieferungen sich
als Zielscheibe für dieselbe Kritik durchaus eignen würden. Was
viele Bibelleserinnen und Bibelleser stört, ärgert und zum Widerspruch
treibt, ist die unübersehbare Tatsache, dass viele biblische Texte
die menschliche Gewalt legitimieren, fordern und feiern. Doch am ärgerlichsten
ist gewiss: Dieser Gott ist selbst gewalttätig. Wer zuckt nicht zusammen,
wenn in der Osternacht das «Siegeslied am Schilfmeer» gesungen
wird: «Gott ist ein Krieger, Gott ist sein Name. Pharaos Wagen und
seine Streitmacht warf er ins Meer, seine besten Kämpfer versanken
im Schilfmeer. Fluten deckten sie zu. Sie sanken in die Tiefe wie Steine...
Deine Rechte, Gott, zerschmettert den Feind. In deiner erhabenen Grösse
wirfst du die Gegner zu Boden. Du sendest deinen Zorn; er frisst sie wie
Stoppeln» (Ex 15,37).
Dass derartige Texte kein exklusives Proprium des so genannten Alten Testaments
sind, zeigen die Visionen der Johannesapokalypse. In der Vision vom eschatologischen
Krieg gegen das Böse/die Bösen wird das Vernichtungsgericht über
die imperialen, menschenverachtenden Mächte folgendermassen eröffnet:
«Dann sah ich einen Engel, der in der Sonne stand. Er rief mit lauter
Stimme allen Vögeln zu, die hoch am Himmel flogen: Kommt her! Versammelt
Euch zum grossen Mahl Gottes. Fresst Fleisch von den Königen, von Heerführern
und von Heiden, Fleisch von Pferden und ihren Reitern, Fleisch von allen,
von Freien und Sklaven, von Grossen und Kleinen» (Offb 19,1718).
Hier scheint unwiderruflich die theologisch und anthropologisch akzeptable
Grenze überschritten zu sein. Muss man nicht jenen Bibel- und Christentumskritikern
Recht geben, die sagen, dieser biblische Gott und die Menschen, die auf
ihn setzen, seien ein ethisches Risiko par excellence? Und die Geschichte
des Christentums scheint ihnen doppelt Recht zu geben: Im Namen dieses biblischen
Gottesbildes wurden viele Religionskriege geführt, wurden die Religionen
Lateinamerikas und Afrikas gewalttätig vernichtet und deren Anhänger
ausgerottet oder versklavt, im Namen des «heiligen» Gottes der
Bibel und mit ausdrücklichem Bezug auf Bibeltexte wurden zahllose Menschen
entwürdigt, gefoltert und getötet, unter Berufung auf den biblischen
Gott wurden Kriege legitimiert und ganze Regionen verwüstet.
Besonders reagieren heute viele Frauen allergisch, wenn in biblischen Texten
von Frauen erzählt wird, die Gewalt akzeptieren, nicht verhindern oder
sogar selbst zu Gewalt greifen. Schon vor einigen Jahren hat Phyllis Trible
ein viel beachtetes Buch geschrieben mit dem Titel: «Mein Gott, warum
hast Du mich vergessen! Frauenschicksale im Alten Testament.»<3> Es gebe zahlreiche Beispiele für Texte
aus allen Epochen, die über Gewalt an Frauen berichten. In der Zeit
der Sesshaftwerdung der Stämme ist nach Richter 21 zum Beispiel Frauenhandel
zwischen Efraim und Benjamin noch an der Tagesordnung, und wenn dieser Handel
für eine Partei zu unbefriedigenden Ergebnissen führt, dann scheut
man auch vor Frauenraub, zum Beispiel anlässlich des Weinbergfestes
von Schilo, nicht zurück. Noch das Deuteronomium erlässt Vorschriften
über den Umgang israelitischer Männer mit kriegsgefangenen Frauen
(21,1014).
Gewalt von Männern gegenüber Frauen spielt sich vor allem auch
im privaten Bereich, im Kreis der Verwandten ab. Von einer Vergewaltigung
am Königshof erzählt mit erstaunlicher Einfühlung in die
Lage der betroffenen Frau 2 Sam 13,122. Von Leidenschaft erfüllt
ist Amnon, der Sohn Davids, zu seiner Stiefschwester Tamar. Er stellt sich
krank und lässt sich von ihr bedienen, um ihr leichter Gewalt antun
zu können. Auch Tamars Schändung wird von ihrem Bruder Abschalom
brutal gerächt; er lässt Amnon bei einem Festgelage erschlagen
(2 Sam 13,138).
Peinlich und verwerflich ist der ausführlich beschriebene Ehebruch
Davids: Er schläft mit der Frau Batseba, während ihr Mann Urija
im Krieg ist; wie David, als sich herausstellt, dass Batseba schwanger ist,
zunächst versucht, das Kind dem Urija anzulasten, dann aber, als das
nicht gelingt, Urija ins vorderste Glied stellen lässt, damit er im
Kampfe falle, um Batseba heiraten zu können (2 Sam 11). Ein doppeltes
Verbrechen des Königs, für das eine unbedachte Leidenschaft der
Anlass war.
Wegen diesen brutalen und schändlichen Erzählungen gab es immer
Leute, die für die Abschaffung des Alten Testaments plädiert haben.
Schon im zweiten Jahrhundert hat der Theologe Markion für Aufregung
gesorgt mit der Forderung nach Preisgabe des Alten Testaments. Er setzte
als reicher Schiffsreeder sogar grosse Geldsummen ein, um die römische
Kirche zu bewegen, das Alte Testament und die «jüdischen»
Passagen des Neuen Testaments abzustossen. Der Hauptvorwurf Markions gegen
das Alte Testament und dessen Weiterleben im Neuen Testament galt dem Judengott
als einem Gott der Gewalt und der Rache, von dem sich die neue Botschaft
Jesu vom Gott der Liebe und der Barmherzigkeit fundamental abgesetzt habe.
Die Kirche hat auf diese Herausforderung ausserordentlich hart reagiert.
Markion wurde von seinem Bischof exkommuniziert.
Es gibt in der Bibel eine grosse Anzahl Texte, die von vielen Menschen,
besonders von Frauen, unmöglich als Heilige Schrift akzeptiert werden
können. Neben den bereits erwähnten Stellen über die brutale
Gewalt an Frauen werden oft Frauengestalten auf dem patriarchalen Hintergrund
dargestellt. Ebenso kommt die weibliche Realität im Rahmen der biblischen
Schriftsammlung nur sehr ungenügend zur Darstellung.<4>
Als geradezu frauenfeindlich erweist sich der Weisheitslehrer Jesus Sirach
aus dem 2. Jh. v. Chr. Ein beachtlicher Teil ist den Frauen gewidmet. Die
ideale Frau hat nach ihm den Ehemann zu ehren (26,26), ihm zu gehorchen,
ihn zu stützen (36,26) und dafür zu sorgen, dass er in Frieden
alt wird. Auf der andern Seite verteufelt er alle Frauen, die sich der Autorität
des Familienvaters nicht fügen. Mit der Warnung an den Mann «Liefere
dich nicht der Frau aus, sonst tritt sie deine Würde mit Füssen»
(9,2) stärkt er die patriarchale Ordnung. Von Jesus Sirach stammt auch
der folgenschwere Satz: «Von einer Frau nahm die Sünde ihren
Anfang und um ihretwillen müssen wir alle sterben» (25,24).
So weigern sich vor allem Frauen, aber nicht nur sie, immer öfter,
solche Texte einfach hinzunehmen oder gar als Offenbarung, als Wort Gottes
anzuerkennen. Der Protest ist berechtigt und muss zur Sprache kommen dürfen,
gerade in der Gemeindearbeit, in Biblekreisen und Frauengruppen. Protest,
auch in seiner schärfsten Form, ist eine Weise, die biblischen Texte
ernst zu nehmen, mit ihnen zu ringen und sich an ihnen abzuarbeiten.
Es kann hier nicht der Ort sein, um auf diese schwierigen Texte eine
befriedigende Antwort zu geben. Folgende Überlegungen wollen aber zeigen,
wie man diese Texte dennoch als Gottes Offenbarung hören und lesen
kann<5>.
Biblische Texte sind immer nur Teiltexte der ganzen Bibel. Den oben zitierten
Textbeispielen lassen sich problemlos andere biblische Texte an die Seite
stellen, die das Gegenteil oder zumindest eine massive Einschränkung
aussagen. Von daher dürfen Einzeltexte nicht verabsolutiert werden.
Sie stehen immer im Dialog mit anderen Texten zum gleichen Thema. Als Teiltexte
haben sie nur begrenzte Aussagekraft. Ihren Tiefsinn erhalten sie von der
Bibel als Ganzes her.
Die so genannten «Gewalttexte» konfrontieren uns mit der Realität
der Gewalt und vor allem mit dem Widerspruch, den die Gewalt zur Rede vom
«lieben» Gott und zur oberflächlichen Rede von der Erlöstheit
der Welt darstellt. Solche Texte der Bibel sind fast ausschliesslich als
Texte der Angst und der Ohnmacht entstanden. Sie decken das Gewaltpotential
als Realität menschlichen Zusammenlebens auf und schreien nach Veränderung
und Umkehr.
Sie zeigen auf provozierende Art die gegenwärtig erlebte Welt als eine
Gesellschaft voll Terror und Gewalttaten auf. Daneben aber redet die Bibel
unablässig von Gewaltverzicht als einzigem Weg zur Überwindung
von Gewalt. Sie fordert die Menschen auf, sich radikal zu ändern und
der Feindschaft ein Ende zu setzen. Sie kündet das Kommen des Gottesreiches,
der Gerechtigkeit und des Friedens an.
Solche «Anti-Gewalt-Texte» finden sich nicht nur im Neuen Testament,
sondern sind ebenso zahlreich im Alten Testament. Deshalb ist es notwendig,
die Bilder vom gewalttätigen Gott in den Gesamt-Horizont der biblischen
Gottesrede vom friedensstiftenden, barmherzigen und gütigen Gott zu
stellen.
Es sind nicht nur die schwierigen Texte in der Bibel, die zu Widerspruch
reizen. Das zum Teil weit verbreitete Schriftverständnis, die Inspiration
der Bibel als Wortinspiration, bringt gerade viele in Schwierigkeiten. Demnach
sind die biblischen Texte buchstäblich zu verstehen, und sie sind dann
auch in der buchstäblichen Bedeutung als wahr und richtig zu betrachten.
Alle Worte der Bibel sind inspiriert, sowohl diejenigen, die etwas über
den Glauben und das christliche Leben sagen, als auch diejenigen, die über
bestimmte Ereignisse berichten oder die sich über Dinge äussern,
die heute dem Bereich der Naturwissenschaften und der Gesellschaftswissenschaften
zugerechnet werden. Nach diesem Verständnis ist die Bibel das Wort
Gottes schlechthin. Dies wird übrigens noch deutlich, wenn in der Liturgie
nach der Lektüre eines biblischen Textes gesagt wird: «Wort Gottes».
Die Bibel ist daher nicht eine Wiedergabe von Offenbarung oder ein Bericht
über Offenbarung, sondern diese Offenbarung selbst. Sie verpflichtet
und bindet unmittelbar und hat göttliche Autorität: Sie wird zu
einem mirakulösen, göttlichen Buch.
Dieses wörtliche Verständnis wirkt sich besonders auch auf einer
volkstümlichen Ebene aus, wo die Bibelworte wie ein Orakel verstanden
werden. Wir kennen all jene Verfahren, bei denen zuerst gebetet, dann mit
geschlossenen Augen die Bibel geöffnet und auf eine bestimmte Stelle
hin gezeigt wird, die dann als Gottes Wort für eine bestimmte Situation
Geltung hat. Ein solches buchstäbliches Verständnis der Schrift
verrät eine Konsum-Mentalität, in der man auf zufällige Weise
fertige Antworten zu schwierigen existenziellen und theologischen Fragen
gibt.
Sehr fragwürdig ist auch die in kirchlichen Texten noch häufig
verwendete Methode, die Bibel als Beweistexte für bestimmte Lehren
heranzuziehen. Die Bibel spielt in diesem Falle die Rolle eines Beweisreservoirs
oder eines ersten Prinzips. Die Bücher der Bibel werden zu einer Quelle
von Beweistexten, die oft genug völlig unabhängig vom Kontext,
in dem sie in der Bibel erscheinen, als Beweise zitiert werden, um Dogmen,
Prinzipien und etablierte kirchliche Institutionen zu legitimieren. Wer
so argumentiert, setzt voraus, dass die die Bibel ewige Wahrheiten und zeitlose
Prinzipien offenbart und dass daher Bibelstellen jederzeit herangezogen
werden können, um die Interessen der Kirche, sei es auf der Ebene der
Moral, der Lehre oder des Institutionellen, zu bestärken und zu rechtfertigen.
Ein krasses Beispiel für eine solche Argumentation finden wir zum Beispiel
bei den Stellungnahmen gegen die Frauenordination. Dabei wird etwa so gegen
das Frauenpriestertum argumentiert: Jesus hätte ohne weiteres Frauen
weihen können, wenn er nur gewollt hätte. Wenn er dies aber nicht
getan hat, dann sei dies ein klares Indiz dafür, dass die Schrift gegen
die Ordination der Frau sei. Diese Argumentation scheint völlig logisch
zu sein. Es wird aber vergessen, dass die neutestamentliche Wissenschaft
auch bewiesen hat, dass Jesus überhaupt niemanden in jenem Sinne zum
Priester geweiht hat, in dem wir die Ordination heute verstehen.
In all diesen Beispielen gilt die Bibel als wörtlich inspiriert. Sie
ist die unmittelbare Offenbarung Gottes. Sie offenbart daher nicht nur religiöse,
sondern auch wissenschaftliche Wahrheiten. Sie gibt uns unfehlbare Antworten
auf unsere Fragen, zeitlose Prinzipien für unser Handeln und dogmatische
Richtlinien für unsere theologische Reflexion. Als Vertreter der institutionalisierten
Kirchen betrachten sich Hierarchie und Theologie als die Hüter der
Schrift und der Offenbarung, um Gläubige vor dem zu schützen,
was sie als Irrtum betrachten. Wer allein auf dieses wörtliche Schriftverständnis
abstellt, wird besonders mit den schwierigen Texten, die wir oben erwähnt
haben, grosse Mühe haben.
Erfreulicherweise nimmt das neue Dokument der päpstlichen Bibelkommission
«Die Interpretation der Bibel in der Kirche» von 1993 klaren
Abstand vom fundamentalistischen Umgang mit der Bibel. Bei aller Anerkennung
der an sich löblichen Motiven seiner Propagatoren wird diese Interpretation
als unangemessen, ja sogar als gefährlich beurteilt bzw. verurteilt<6>.
Neben den zweifellos schwierigen Texten, die im Alten und Neuen Testament
immer wieder auftauchen, verpassen aber viele Seelsorgerinnen und Seelsorger
die Chance, die unzähligen aktuellen Erzählungen, Geschichten
und vor allem auch zeitkritischen Texte der Bibel in die Verkündigung
aufzunehmen. Dazu hat Othmar Keel in seinem Buch: «Die Bibel mischt
sich ein» hingewiesen<7>.
Viele Predigten bewegen sich in einem innerkirchlichen, eher vagen Vokabular,
benützen Wörter und behandeln Probleme, die im Alltag keine grosse
Rolle spielen, und versuchen, in sich abgerundete, schöne Gedanken
in schöner Sprache zu formulieren. Ein stärkeres Engagement spürt
man dabei nur, wenn es um eigene Veranstaltungen, Gottesdienstbesuch, Zuspätkommen,
kräftiges Mitsingen, handelt. Die Predigt soll nicht stören, sie
soll gefallen. Man gibt sich wenig Mühe, die biblische Vielfalt auch
in die Predigt einzuarbeiten, besonders werden meistens die alttestamentlichen
Texte stiefmütterlich behandelt. Die offizielle Leseordnung sieht zwar
besonders alttestamentliche Texte vor, aber im Verhältnis zu den neutestamentlichen
sind es wenige, ungefähr ein Drittel alttestamentliche zu zwei Dritteln
neutestamentlichen, und dies, obwohl das Neue Testament umfangmässig
nur etwa ein Viertel der Gesamtbibel ausmacht. Die drei Viertel Altes Testament
werden also auf ein Drittel des offiziellen liturgischen Lesestoffes reduziert.
Aber die praktische Reduktion des Alten Testaments ist mancherorts noch
viel radikaler als die theoretische der Leseordnung. In manchen Gottesdiensten
wird die alttestamentliche Lesung einfach weggelassen, und wenn sie gelesen
wird, dann wird kaum je darüber gepredigt. Der offizielle kirchliche
Glaube, dass das Alte Testament ebenso inspiriert und Wort Gottes sei wie
das Neue Testament, wird in keiner Weise ernst genommen. Er ist vielerorts
ein reines Lippenbekenntnis ohne praktische Konsequenzen und ohne praktische
Wirkung.
Es ist eigentlich sehr schade, dass die Predigerinnen und Prediger den reichen
Schatz, wie er im Alten und Neuen Testament enthalten ist, vernachlässigen.
Besonders die Prophetentexte, die damalige öffentliche und sündhafte
Zustände geisselten, wären geeignet, auch zu ähnlichen Missbräuchen
in unserer Zeit Stellung zu beziehen. Die Predigt verpflichtet, sie darf
nicht nur die einzelnen Personen ansprechen, sondern muss auch den öffentlichen
Bereich tangieren. Die Meidung des öffentlichen Bereichs bedeutet notwendig
eine Verharmlosung der Situation. Solange der öffentliche Bereich ausgeklammert
wird, entsteht unweigerlich der Eindruck, grundsätzlich sei alles in
Ordnung. Sünde gebe es nur als einzelne Abweichungen einzelner Menschen,
zu denen sich Kirchgänger in der Regel nicht zu zählen brauchen.
Gerade wenn es um brennende gesellschaftspolitische Fragen geht wie Gerechtigkeit,
Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Asylantenfrage, Eintreten für
die Armen, ist die Bibel, sowohl das Alte wie das Neue Testament, geeignet,
die Menschen für diese Anliegen zu sensibilisieren. Die Bibel kann
den Seelsorgerinnen und Seelsorgern nicht nur auf oft übersehene Themen
bringen. Der explizite und bewusste Rückbezug kann den Predigern und
den Predigerinnen helfen, bei ihrem Geschäft eine häufige äussere
und eine ebenso häufige innere Klippe zu überwinden.
Erfreulicherweise beziehen sich die exegetisch-homiletischen Impulse, die
gegenwärtig für alle drei Lesejahre in der SKZ veröffentlicht
werden, auf die alttestamentlichen Lesungen. Thomas Staubli kommentiert
die Texte, indem er sich am Lektüredreieck «Bibel Kirche
Welt» der lateinamerikanischen Basisgruppen orientiert. Die
Kurzkommentare erörtern die Thematik textlich und bildlich und situieren
sie innerhalb der altorientalischen Lebenswelt. Dazu liefern die Erörterungen
Impulse und Anregungen zu je eigener Aktualisierung.
Abschliessend möchte ich noch etwas zum Stellenwert der Exegese
an unseren Hochschulen hinzufügen. Mir scheint es heute wichtig, dass
die Exegese sich bemüht, eine Brücke zu schlagen zwischen der
historisch-kritischen Methode, den neueren Methoden, wie sie im Dokument
der päpstlichen Bibelkommission aufgenommen worden sind, und den Problemen
unserer Zeit. Elisabeth Schüssler Fiorenza hat in «Brot statt
Steine» darauf besonders hingewiesen<8>.
Soll die Bibel als historisches und kanonisches Buch mehr Einfluss auf das
Leben der Kirche heute gewinnen, dann darf die Bibelauslegung sich nicht
nur darauf beschränken, das zu erarbeiten, was der Autor ursprünglich
gemeint und der Text bedeutet hat. Sie muss auch kritisch zeigen, welche
theologische Bedeutung der Text in unserer Situation hat.
Es ist fatal, wenn die Bibelauslegung es im Allgemeinen ihren Studierenden
überlässt, einen Weg zu finden, die Kluft zwischen dem, was sie
an historisch-kritischer Exegese gelernt haben, und ihrer späteren
Aufgabe als Seelsorgerinnen und Seelsorger zu überbrücken. Es
ist für sie eine Überforderung, wenn von ihnen erwartet wird,
dass sie zu vermitteln wissen zwischen einer wertneutralen, rein geschichtswissenschaftlich
vorgehenden Exegese und der Tatsache, dass die Kirche die Bibel als ihre
sie bindende Heilige Schrift betrachtet, zwischen dem, was die Bibel in
ihrer Entstehungszeit bedeutet hat, und dem, was sie heute bedeutet. Es
ist deshalb von grosser Tragweite, dass dass Dokument der päpstlichen
Bibelkommission auch die kontextuellen Zugänge zur Heiligen Schrift
berücksichtigt (Zugang zur Bibel im Umfeld von Befreiung/Feministischer
Zugang).
Diese Art von Bibelauslegung, die die Situation und die theologische Antwort
auf die entsprechenden Probleme aus den Schrifttexten zieht, kann so die
Vergangenheit und die Gegenwart in eine fruchtbare Spannung zueinander bringen.
Beides, sowohl ein sachgerechtes Verstehen der Bibel als auch ihre kritische
Beurteilung ist notwendig, um die befreienden Traditionen der Bibel freizusetzen,
so dass sie ihre Bedeutung für christliche Gemeinden heute entfalten
können.
So gesehen wird die Bibel nicht mehr als ein Konglomerat von Lehraussagen
und dogmatischen Beweisen und auch nicht als ein historisch-faktisches Protokoll
von Ereignissen, sondern als das Modell christlichen Glaubens und Lebens
verstanden.
Dr. theol. Walter Bühlmann ist Lehr- und Forschungsbeauftragter für Bibelwissenschaft und Verkündigung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.
1 H. Güntert, Eine Frage der Identität, in: Badener Tagblatt vom 20.11.1982; vgl. J. Breuss, Altes Testament für Neue Heiden, Baden 1986, 1026.
2 Zum Thema «Gewalt» in der Bibel: J. Ebach, Das Erbe der Gewalt. Eine biblische Realität und ihre Wirkungsgeschichte, Gütersloh 1980; N. Lohfink (Hrsg.), Gewalt und Gewaltlosigkeit im Alten Testament (QD96), Freiburg i.Br. 1983; E. Zenger, Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen, 41994, 4885; ders., Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i.Br. 1994.
3 Ph. Trible, Mein Gott, warum hast du mich vergessen! Frauenschicksale im Alten Testament, Gütersloh 1987.
4 Vgl. M.-Th. Wacker, Gefährliche Erinnerungen. Feministische Blicke auf die hebräische Bibel, in: dies. (Hrsg.), Theologie feministisch. Disziplinen Schwerpunkte Richtungen, Düsseldorf 1988, 1458; L. Schottroff/ S. Schroer/M.-Th. Wacker, Feministische Exegese, Darmstadt 1995, 83172.
5 Wie die Exegeten mit dem Problem der Gewalt umgehen, hat N. Lohfink gut zusammengestellt: «Gewalt» als Thema alttestamentlicher Forschung, in: ders. (Hrsg.), Gewalt und Gewaltlosigkeit im Alten Testament, Freiburg i.Br. 1983, 1550.
6 Der Gesamttext der Verlautbarung ist erschienen in der Reihe «Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls», Nr. 115: Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche. Er kann bestellt werden beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstrasse 163, D-53113 Bonn; vgl. auch in: Bibel und Kirche 49 (1994) 173213.
7 O. Keel, Die Bibel mischt sich ein. Predigten und «Worte zum Sonntag», Zürich/Einsiedeln/Köln 1984.
8 E. Schüssler Fiorenza, Brot statt Steine, Freiburg i.Br. 1988, 7184.