23-24/2000

INHALT

Theologie in Luzern

Die Johannesapokalypse: Wort Gottes für unsere Zeit

von Franz Annen

 

Im Zusammenhang mit der weitverbreiteten apokalyptischen Stimmung vor dem Jahr 2000 rückte das letzte Buch des Neuen Testaments, die sogenannte «Geheime Offenbarung» (Offb)<1>, vermehrt in den Blickpunkt, nicht nur bei kirchlichen Sondergruppen und bei Weltuntergangspropheten, die es schon immer eifrig gelesen und oft genug missbraucht haben, sondern auch bei den «normalen» Gläubigen, die Fragen haben und zum Teil irritiert sind. Natürlich ist im Rahmen dieses kurzen Beitrages eine gründliche Aufarbeitung der vielfältigen Fragen, die sich im Zusammenhang mit dieser schwierigen Schrift ergeben, nicht möglich<2>.

1. Zur Wirkungsgeschichte

Mein Vorhaben ist bescheidener: Ausgehend von ihrer problematischen Wirkungsgeschichte möchte ich ein paar wichtige Schlüssel zu ihrem Verständnis angeben und auf ihre bleibende Problematik, aber auch ihre aktuelle Bedeutung hinweisen. Ich hoffe, damit ein wenig Hilfestellung für den Umgang mit ihr in der Verkündigung bieten zu können.
Ein kurzer Blick auf die Wirkungsgeschichte zeigt die Problematik der Offb recht gut auf. Auf der einen Seite fand sie anfangs des 2. Jahrhunderts sehr schnell eine weite Verbreitung. Zwischen 120 und 150 war sie fast in der ganzen Kirche bekannt und kam ziemlich rasch zu kanonischem Ansehen. Dieses Ansehen verdankte sie vor allem dem Umstand, dass sie als Werk des Apostels Johannes galt. Besonders in der westlichen Kirche erlangte sie hohes Ansehen. Jürgen Roloff stellt in der Einleitung seines Kommentars fest<3>: «Kein anderes biblisches Buch lässt sich hinsichtlich des Reichtums seiner Wirkungsgeschichte mit der Johannesoffenbarung vergleichen. In der alten und mittelalterlichen Kirche übertraf ihre Bedeutung bei weitem die der Paulusbriefe, ja selbst die des Matthäusevangeliums. Mit ihrer reichen Bildsprache lieferte sie weithin das Vorstellungsmaterial, aus dem sich christliche Frömmigkeit speiste.» Zeugnis dafür sind nicht zuletzt die Bildprogramme romanischer, gotischer und späterer Kirchen. Man denke an die vielen jüngsten Gerichte, an die ausgedehnten Apokalypse-Zyklen vor allem in romanischen Kirchen oder etwa an die grossartigen Wandteppiche von Angers aus dem 13. Jahrhundert. «Noch in den lutherischen Bilderbibeln des 16. Jahrhunderts überwiegen die Abbildungen zur Offenbarung weit diejenigen zu anderen neutestamentlichen Büchern.»<4> Man kann die Bedeutung der Bilder für den Glauben und die Frömmigkeit des Volkes in einer Zeit verbreiteten Analphabetentums kaum hoch genug einschätzen. Das ist die eine Seite: Die Offb hat über Jahrhunderte die christliche Frömmigkeit stark mitgeprägt.
Dem steht andererseits, ebenfalls seit den frühesten Zeiten, eine Geschichte des Missbrauchs und der Ablehnung gegenüber. Es begann schon im 2. Jahrhundert mit der schwärmerischen Naherwartung der «Montanisten», die sich bei ihren Spekulationen über die Endzeit vorwiegend auf die Offb stützten. Sie riefen in Kleinasien den Widerstand der «Aloger» hervor, die als Reaktion darauf die Offb als eine Fälschung des Gnostikers Kerinth bezeichneten. Noch nachhaltiger wirkte der Streit um den «Chiliasmus», der gestützt auf Offb 20,1­6 die Erwartung eines irdischen Messias-Reiches von tausendjähriger Dauer propagierte. Unter Führung des Bischofs Dionysios von Alexandrien (248­264), eines Origenes-Schülers, formierte sich dagegen der Widerstand der Kirche. Dionysios wies in sorgfältiger Analyse auf die sprachlichen und inhaltlichen Differenzen der Offb zu den andern johanneischen Schriften hin und erklärte, dass sie nicht das Werk des Apostels Johannes sei. Die Auseinandersetzungen hatten zur Folge, dass die Offb in der griechischen Kirche bis ins 6. Jahrhundert ein umstrittenes und weitgehend abgelehntes Buch blieb. Bis heute hat sie keinen Eingang in die griechische Liturgie gefunden<5>.
Diese Auseinandersetzungen in der Zeit der Kirchenväter sind typisch für die weitere Wirkungsgeschichte der Offb. Das Muster wird sich im Laufe der Jahrhunderte wiederholen. Immer wieder wird sie von Schwarmgeistern und christlichen Sondergruppen als neutestamentliche Rechtfertigung für gewagte Endzeitlehren gebraucht bzw. missbraucht. Dadurch gerät das Werk des Sehers Johannes selbst in die Polemik und oft genug ins kirchliche Abseits. Ihre Kanonizität wird zwar kaum mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Aber sie gilt als missverständliches und gefährliches Buch, zu dem man in der offiziellen Kirche ein zwiespältiges Verhältnis hat.
Diese Wirkungsgeschichte spiegelt sich in der Situation des Buches im heutigen kirchlichen Leben:
Es ist zwar durchaus als Teil des neutestamentlichen Kanons anerkannt. Aber seine Wertschätzung in Theologie und Verkündigung der Grosskirchen ist ausgesprochen gering. Abgesehen von wenigen Passagen wie etwa der Schilderung des himmlischen Jerusalem in den Kapiteln 21­22 kommt sie in der Verkündigung kaum vor und ist daher den durchschnittlichen Gläubigen wenig bekannt. Auf der andern Seite wird sie von kirchlichen Sondergruppen eifrig gelesen und als Argument benützt, oft in sehr irritierender Weise. Dass sie überdies von mancherlei Scharlatanen missbraucht wird, um Angst zu produzieren und Geld zu machen, ist leider auch wahr. Die schrecklichste Frucht solch irregeleiteter Apokalyptik, die sich unter anderem auch aus der Offb nährt, sind die mehr oder weniger freiwilligen Selbstmorde ganzer Gruppen wie etwa der Sonnentempler in der Westschweiz 1994. All das hat zur Folge, dass «vernünftige» Theologen und «nüchterne» Christen ein umso distanzierteres Verhältnis zu dieser seltsamen Schrift haben.
Für alle, die in der einen oder andern Weise in der Verkündigung Verantwortung tragen, stellt sich die Frage: Sollten wir dieses befremdliche, ja gefährliche Buch in der Verkündigung nicht besser mit Schweigen übergehen und uns auf leichter zugängliche und anscheinend auch gehaltreichere Teile des Neuen Testaments konzentrieren? Meines Erachtens kann es sich die Kirche nicht leisten, einen Teil des neutestamentlichen Kanons und damit des Wortes Gottes zu verabschieden, nur weil er schwer verständlich ist und uns gegen den Strich geht. Als Exeget fühle ich mich da in besonderer Weise herausgefordert. Dazu kommt, dass ich nach langer Beschäftigung mit der Offb überzeugt bin, dass ihre Botschaft Aspekte hat, die sehr aktuell sind und in unserer Verkündigung zum Zuge kommen sollten. Allerdings hängt alles davon ab, dass wir diese schwierige Schrift korrekt interpretieren. Daher möchte ich in aller gebotenen Kürze drei wichtige Schlüssel zu einem textgerechten Verständnis der Offb vorlegen, die vor groben Missverständnissen bewahren und den tiefen Gehalt des Buches erschliessen können: 1. Die Kirchensituation, in der es entstanden ist. 2. Die Kenntnis der literarischen Gattung, der es angehört. 3. Die Absicht seines Verfassers.

2. Die Kirchensituation

Der Text der Offb selbst gibt an mehreren Stellen zu erkennen, dass sie in einer Zeit der Bedrängnis und der Verfolgung für die Adressaten-Kirchen in Kleinasien geschrieben wurde. Der Verfasser sagt es gleich am Anfang deutlich (1,9): «Ich, euer Bruder Johannes, der wie ihr bedrängt ist, der mit euch an der Königsherrschaft teilhat und mit euch in Jesus standhaft ausharrt, ich war auf der Insel Patmos um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus.» Der Verfasser wie seine Adressaten sind also bedrängt und harren standhaft aus. Der Seher Johannes scheint sich als Verbannter auf Patmos aufzuhalten, so wird jedenfalls die nicht ganz deutliche Stelle meist interpretiert.
Auch in verschiedenen Sendschreiben der Kapitel 2­3 wird darauf angespielt, dass die Christen zum Teil in schwieriger Situation sind. Einige Gemeinden werden gelobt, weil sie ausgeharrt und Schweres ertragen haben (Ephesus 2,3). Es ist von Bedrängnis und Schmähungen, von Gefängnis und Tod die Rede (Smyrna 2,9­10). In Pergamon gab es bereits einen Märtyrer namens Antipas (2,13).
Von Märtyrern ist ausführlicher auch in einem Passus der Vision von den sieben Siegeln die Rede (6,9­11): «Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen? Da wurde jedem von ihnen ein weisses Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müssten wie sie.» Die vorausgesetzte Situation ist deutlich: Es gibt in den Adressatengemeinden Märtyrer, und es ist zu erwarten, dass es noch mehr geben wird. Die Klage der Seelen unter dem Altar dürfte die Sehnsucht dieser Gemeinden recht gut wiedergeben: «Wie lange zögerst du noch, Herr...?»
Als unterdrückende Macht wird an vielen Stellen das römische Imperium greifbar, am deutlichsten in der Schilderung der grossen Hure Babylon, die auf sieben Hügeln sitzt (Offb 17,9). Sie «ist betrunken vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu» (17,6). In ihr ist «das Blut von Propheten und Heiligen und von allen, die auf der Erde hingeschlachtet worden sind» (18,24). Im Jubelhymnus nach ihrem Sturz heisst es: Gott «hat Rache genommen für das Blut seiner Knechte, das an ihren Händen klebt» (19,2). Die Beschreibung der Hure Babylon und die Schilderung ihres Sturzes lassen keinen Zweifel daran, dass hier die imperiale Macht Roms angesprochen ist. Unter ihrer Verfolgung haben die Christen der Adressaten-Kirchen offenbar zu leiden.
Als näherer Hintergrund der Verfolgung wird mehrfach der Kaiserkult greifbar. So ist im Sendschreiben nach Pergamon, wo Antipas, der treue Zeuge getötet wurde, vom «Thron des Satans» (2,13) die Rede, der dort stehe. Damit ist ziemlich sicher der Tempel zu Ehren des Kaisers und der Kaiserkult, der in Pergamon besonders wichtig war, gemeint. Auf diesem Hintergrund ist wohl auch die Schilderung des gekrönten Tieres aus dem Meer in Kapitel 13 zu lesen, vor dem sich die Menschen niederwerfen, um es anzubeten. Im Orient war man es von alters her gewohnt, die Herrscher als Götter oder als Söhne, bzw. Inkarnationen von Göttern zu betrachten. So fand der Kaiserkult, der vor allem seit Domitian (81­96) von Rom aus kräftig gefördert wurde, im Osten des Reiches einen fruchtbaren Boden. Da der Kaiser als Garant der gesamten politischen und sozialen Ordnung galt, konnte die Verweigerung göttlicher Ehren an den Kaiser als fehlende Loyalität dem römischen Staat gegenüber, in letzter Konsequenz als Hochverrat, angesehen werden. Das führte zu einer zunehmenden «Kriminalisierung» der Christen<6>, bis schliesslich unter Kaiser Trajan (98­117) allein schon die Zugehörigkeit zum Christentum als Verbrechen galt<7>.
Die Offb lässt erkennen, dass es noch von einer andern Seite her Schwierigkeiten für die Christen gab: Die Sendschreiben nach Smyrna (2,9) und Philadelphia (3,9) sprechen von Konflikten mit den Juden, die zu Bedrängnis und Schmähung führten. Der Streit war offenbar so schlimm, dass der Verfasser sie in nicht gerade feiner Weise als «Synagoge des Satans» bezeichnet. Was genau sich dahinter verbirgt, ist umstritten<8>. Dass es zwischen Juden und Christen in Palästina und in der Diaspora vielfache Konflikte gab, die nicht immer auf der Ebene der lehrmässigen Diskussionen blieben, sondern zum Teil auch gerichtlich ausgetragen wurden, wissen wir aus dem Neuen Testament selber, besonders aus der Apg, wie auch aus Zeugnissen Justins und aus dem Martyrium des Polykarp<9>. Vermutlich handelte es sich auch bei den Schwierigkeiten mit den Juden in Smyrna und Philadelphia um Denunziation bei staatlichen Behörden.
Aufgrund der vorausgesetzten Situation der Adressaten-Gemeinden und ausserdem einiger rätselhafter Hinweise im Text<10>, deren Interpretation und zeitgeschichtliche Zuordnung allerdings umstritten sind, ist es seit Irenäus von Lyon (Adv. haer. V 38,3) die traditionelle Ansicht, dass die Offb gegen Ende der Regierungszeit des Kaisers Domitian (81­96), also in den 90er Jahren des 1. Jahrhunderts, verfasst wurde. So sehen es auch heute noch die meisten Exegeten. Nachdem allerdings Domitian in der modernen historischen Forschung das Image des Christenverfolgers par excellence verloren hat, denken neuerdings einige eher an die Regierungszeit Trajans (98­117), weil erst unter ihm die Kriminalisierung der Christen so weit fortgeschritten war, dass man von einer Christenverfolgung von Staats wegen sprechen kann<11>.
Die Frage der genauen Abfassungszeit ist nicht endgültig beantwortet und wohl schwerlich jemals mit Sicherheit zu beantworten. So oder so ist der Situationshorizont jedenfalls eine Zeit der Bedrängnis und der Verfolgung, in der das Martyrium eine reale Möglichkeit ist, mit der entschiedene Christen rechnen müssen. Das ist ein erster wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Offb. Ein zweiter ist:

3. Die literarische Gattung der «Apokalypsen»

Innerhalb des Neuen Testaments steht die Offb allein da, was die Gattung betrifft. Nur einige Abschnitte der Evangelien (besonders die sog. «synoptische Apokalypse» in Mk 13 parr.) und der Paulusbriefe sind von derselben Art. Ausserhalb des Neuen Testaments aber sind uns eine ganze Anzahl von jüdischen und frühchristlichen Werken derselben Gattung erhalten, die etwa zwischen 200 v. bis 200 n. Chr. entstanden sind. Dazu in aller Kürze ein paar Hinweise, die für das korrekte Verständnis der Offb zu beachten sind.

3.1. Was den Inhalt angeht, handeln die Apokalypsen von den Geschehnissen der Endzeit. Sie gehen davon aus, dass die ganze Geschichte und vor allem die Endereignisse einem Plan folgen, der von Gott zum voraus festgelegt ist. Der gegenwärtige Äon ist vom Kampf zwischen guten und bösen Mächten bestimmt. Vorläufig haben die bösen noch die Oberhand. Aber das machtvolles Eingreifen Gottes steht nahe bevor. Die gegenwärtige verderbte Welt wird untergehen. Die bösen Mächte werden gerichtet und vernichtet. Für die treugebliebenen Menschen wird ein neuer, guter Äon anbrechen. Die Apokalypsen gehen also von einem ausgeprägten Gegensatz zwischen dem gegenwärtigen bösen, total verdorbenen und dem zukünftigen guten Äon aus und sehen den Übergang zwischen beiden als Bruch, als Weltuntergang und Neuschöpfung.

3.2. Was die literarische Gestaltung betrifft, stellen wir als Erstes fest, dass die Apokalypsen in Bildern sprechen. Diese entnehmen sie der frühchristlichen Symbolik (z.B. das Lamm), der alttestamentlich-jüdischen Tradition (z.B. das Volk Gottes als Frau, das himmlische Jerusalem), aber auch der orientalischen und hellenistischen Vorstellungswelt. Auch die Zahlen sind meist symbolisch gemeint und lassen sich nicht in reale Angaben und feste Daten umsetzen. Erschwerend für das Verständnis dieser uns zum Teil recht fremden Bildwelt kommt hinzu, dass die Bilder meist in überbordernder Weise gehäuft und so eigenwillig kombiniert werden, dass sich oft geradezu groteske Gesamtbilder ergeben.

3.3. Wohl das auffälligste Merkmal apokalyptischer Schriften ist es, dass ihre Botschaft in Form von Visionen und Träumen wiedergegeben wird. Manchmal wird der Seher entrückt oder macht ganze Himmelsreisen. Gott selbst oder ­ häufiger ­ ein Deute-Engel («angelus interpres») erklärt ihm, was das Gesehene und Erlebte bedeutet. Man hat oft darüber debattiert, ob hinter diesen Schilderungen tatsächliche visionäre Erlebnisse mystischer oder ekstatischer Art stehen. Man wird das nicht in jedem Fall ganz ausschliessen können. Aber die kunstvollen und komplizierten Beschreibungen, die vielen Anspielungen auf Stellen des Alten Testaments, die unendlich verschachtelten Einzelbilder, die oft kaum ein verständliches Gesamtbild ergeben, sprechen eher dagegen. Man wird in der Regel davon ausgehen können, dass es sich um ein literarisches Stilmittel handelt, nicht um die Wiedergabe wirklicher visionärer Erlebnisse. Das gilt nicht nur für die jüdischen und christlichen Apokalypsen ausserhalb der Bibel, sondern wohl auch für die Offb.
Für diese ergibt sich somit aus der Berücksichtigung ihrer literarischen Gattung, dass sie die Zukunft mit Hilfe von Bildern darstellt, die sie der Tradition und der Umwelt entnimmt. Sie gibt also nicht Auskunft über den Ablauf der künftigen Ereignisse und deren Zeitpunkt, sondern über die Erwartungen und Hoffnungen des Verfassers und seiner bedrängten Kirche, die sich in diesen Bildern ausdrücken. Damit sind wir beim dritten wichtigen Schlüssel für die korrekte Interpretation der Offb:

4. Die Absicht des Verfassers

Sie hängt eng mit der Situation der Adressaten zusammen. Sie sind in Bedrängnis und werden verfolgt bzw. fürchten Verfolgung. Auf diese Situation will die Offb vom Christusglauben her reagieren. Dabei hat sie vor allem drei Ziele vor Augen:

4.1. Sie will «enthüllen»

Die Bezeichnung «Apokalypse» stammt aus dem ersten Vers der Offb (1,1), der eine Art Titel darstellt: «Offenbarung (griech. Apokalypsis) Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was bald geschehen muss...» Kalyptein (griech.) heisst «verhüllen, verbergen», apo-kalyptein dementsprechend «enthüllen, offen legen». Klaus Berger spricht in diesem Zusammenhang von der «aufklärerischen Funktion der Apokalyptik»<12>.
Was die Offb betrifft, geht es dabei weniger um die Enthüllung des künftigen Laufes der Geschichte und die Abfolge der Ereignisse am Weltende, als vielmehr um die Tiefendimension der Bedrängnis der Christen in Kleinasien in der 90er Jahren des 1. Jahrhunderts (oder am Anfang des 2. Jh.). Es geht um den Kampf zwischen den bösen Mächten, welche die Welt verführen und verderben, und dem Heil Gottes, das der Welt im Christusgeheimnis geschenkt ist. Sie scheut sich auch nicht, die bösen Mächte aus der Anonymität herauszuholen und sie beim Namen zu nennen. In vielfältigen Bildern ­ oft kaum versteckt ­ wird vor allem immer wieder die imperiale Macht Roms als Verkörperung des Bösen und Widergöttlichen enthüllt. Diesen und anderen Mächten des Bösen stellt die Offb die christliche Botschaft von der Herrschaft Gottes und vom Sieg des «Lammes» gegenüber, das geschlachtet ist und mit Gott im Himmel thront. Auf der Erde ist zwar der Kampf noch im Gange. Das müssen die Christen der kleinasiatischen Städte schmerzlich erfahren. Aber im Himmel, dort, wo die Entscheidungen fallen, ist der Sieg schon errungen (vgl. besonders Kapitel 12). Auch auf der Erde wird Gott dem letzten Aufbäumen des Bösen bald ein Ende setzen. Das ist die zentrale Botschaft, die Aufklärung, welche die Offb geben will.

4.2. Die Offb will Mut machen

Das bisher Gesagte macht deutlich, dass es ein fundamentales Missverständnis wäre, die apokalyptische Literatur im allgemeinen und die Offb im besonderen als «Schreckensliteratur» zu verstehen. Sie ist aus der Überzeugung geschrieben, dass Gott stärker ist als die Mächte des Bösen. Es ist für sie keine Frage, dass er sich mit seiner Herrschaft durchsetzen wird. Alles läuft nach seinem Plan ab.
Diese «positive» Ausrichtung ist im ganzen Verlauf des Werkes überdeutlich. Dazu nur ein paar Hinweise:

Fast jede Seite der Offb bestätigt es: Ihre Hauptabsicht ist es, Mut zu machen und die Hoffnung zu stärken. Auch die Offb ist also in Übereinstimmung mit dem übrigen Neuen Testament Evangelium, «Frohbotschaft», keineswegs «Drohbotschaft». Sie formuliert in der Sprache und mit den Bildern der Apokalyptik die Hoffnung, die sich aus der christlichen Botschaft ergibt. Wer sie missbraucht, um Schrecken zu verbreiten und Weltuntergangsängste zu schüren, missbrauch sie gegen ihren Sinn.

4.3. Die Offb will ermahnen

Die Paränese der Offb hängt ebenfalls ganz eng mit der Situation der Bedrängnis der angesprochenen Christen zusammen. Da gibt es in den Augen des Sehers vor allem zwei grosse Gefahren, die er bekämpfen will: die Gefahr zu Kompromissen mit dem Bösen und die Gefahr der Mutlosigkeit, der Resignation. Daher sind die Gebote der Stunde für ihn vor allem zwei:

Wenn wir diese drei genannten Interpretationsschlüssel, die Kirchensituation, die literarische Gattung und die Absicht der Offb, beachten, sind wir wenigsten gegen grobe Missverständnisse ihrer Botschaft gefeit.

5. Bleibende Problematik und aktuelle Bedeutung

Damit kommen wir nun zur Ausgangsfrage zurück: Ist die Offb lediglich ein reichlich seltsames Dokument frühchristlichen Glaubens, das nur noch von historischem und literarischem Interesse ist? Oder hat dieses Buch auch für uns Christen am Ende des 20. Jahrhunderts noch eine Botschaft? Ist sie Wort Gottes auch an uns heute? Darauf möchte ich wie folgt antworten:

5.1. Zweifellos ist die Offb ein schwieriges Buch

Und sie bleibt es auch dann, wenn man ihre literarische Gattung in Betracht zieht und sich mit ihrem zeitbedingten Hintergrund etwas auskennt. Ihre Sprache, ihre Vorstellungen und ihre Bilder sind in ungewöhnlichem Ausmass von ihrem kulturellen Milieu geprägt und uns entsprechend fremd. So ist und bleibt ihre Botschaft schwer zu entschlüsseln, auch für den Exegeten und erst recht für den Verkündiger. Dazu kommt, dass die Situation der Kirche, die sie voraussetzt und auf die sie reagiert, von der unseren doch in manchem sehr verschieden ist.

5.2. Die Offb ist ein gefährliches Buch

Dass sie gefährlich ist, wenn man sie nicht textgerecht interpretiert, besonders aber wenn man aus ihr Termine herausliest oder gegenwärtige Ereignisse und Personen apokalyptisch identifiziert, zeigt ihre Wirkungsgeschichte, die Rolle, die sie bei verschiedenen Sektierern, Weltuntergangspropheten und Wirrgeistern im Laufe der Jahrhunderte bis in unsere Tage hinein gespielt hat und spielt, deutlich genug.
Aber auch bei adäquatem Verständnis und sorgfältiger Auslegung behält ihre Botschaft gefährliche Aspekte. Ich möchte nur drei nennen:

5.2.1. Ich denke zuerst einmal an die Schwarzweiss-Malerei. Die Offb kennt nur Gute und Böse. Wir wissen, dass die Welt nicht so einfach und übersichtlich ist. Gut und Böse sind nicht in Reinkultur vorhanden. Alle Menschen und auch die meisten Situationen haben von beidem etwas. Wohin Schwarzweiss-Malerei führen kann, erfahren wir in der heutigen Zeit der Bürgerkriege in verschiedenen Ländern, aber auch auf dem Hintergrund der Polarisierung in Kirche und Gesellschaft bei uns immer wieder auf schlimme Weise.

5.2.2. Ein zweiter, verwandter Aspekt: Die Unterdrücker der Gläubigen, konkret die römischen Machthaber, werden in der Offb masslos dämonisiert, als Verkörperung des Bösen selbst dargestellt. Das mag verständlich sein, wenn man an die Menschen denkt, die unter den Härten und Grausamkeiten des Imperiums zu leiden hatten. Ob diese Verteufelung aber vorbildlich und besonders christlich ist, kann man sich trotzdem füglich fragen. Jedenfalls bleibt sie hinter der Forderung der Feindesliebe zurück, wie sie Jesus forderte und selbst vorlebte. Vom Beten für die Verfolger (vgl. Mt 5,44; Lk 23,34) sind wir in der Offb weit weg.

5.2.3. Und ein Drittes: Für weltveränderndes Bemühen der Christen gibt es in der Offb kaum Platz. Im Gegenteil: Der gegenwärtige Äon ist ihrer Ansicht nach so vollständig vom Bösen beherrscht, dass man nur hoffen kann, dass Gott ihm bald ein Ende macht und einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Und diese sind ganz Gottes Werk, eine neue Schöpfung. Die Gläubigen können nur geduldig ausharren und darauf warten. Auch diese Sicht mag verständlich sein. Vielleicht begreifen wir diesen Weltpessimismus gegenwärtig sogar wieder besser als vor ein paar Jahrzehnten. Aber uns Katholiken ist es doch spätestens seit dem 2. Vatikanischen Konzil sehr bewusst, dass wir als einzelne Gläubige und als Kirchen den Auftrag haben, die Welt und die Zukunft verantwortlich mitzugestalten.

Diese Hinweise mögen genügen, um deutlich zu machen, dass die Offb ihre Grenzen hat. Das ist verständlich, denn sie ist wie alle biblischen Schriften nicht vom Himmel gefallen, sondern von der Situation ihrer Entstehung geprägt, auch im einschränkenden Sinn. «Auch die Apk kann... ihre Botschaft nur im Rahmen und in den Grenzen des NT vollgültig sagen.»<13> Sie aus der Gesamtbotschaft des Neuen Testaments herauszulösen, würde zur «Hairesis» (Häresie) im ursprünglichen Sinn führen.

5.3. Die Offb ist ein aktuelles Buch

Trotz der genannten Einschränkungen und unter der Bedingung, dass man sie textgerecht interpretiert, ist die Offb auch heute aktuell:

5.3.1. Sie ist ein «enthüllendes» Buch, das die Hintergründe des Geschehens aufdecken und hinter die Kulissen des Machtspieles, das in der Welt vor sich geht, blicken will. Nicht nur damals bestand für Christen die Gefahr, beim Vordergründigen zu bleiben und zu übersehen, was wirklich geschieht. Wer in der heutigen Welt Christ sein will, kann es nur, wenn er unter die glatte, oft harmlos scheinende, schwer durchschaubare Oberfläche unserer heutigen Wirtschaft, Politk und Gesellschaft zu blicken und zu unterscheiden versucht, wo gute und wo üble Kräfte am Werk sind. Nur so sind verantwortete Entscheide und der Einsatz für das Gute überhaupt möglich. Und manchmal ist es auch nötig, das Böse offen beim Namen zu nennen, es zu enthüllen, sosehr dabei die Gefahr der Einseitigkeit allgegenwärtig ist.

5.3.2. Die Offb ist ein Buch wider die Resignation. Sie spricht zu Menschen, denen die Probleme über den Kopf wachsen, die bedroht und bedrängt sind. Sie möchte der Seher Johannes ermutigen. Dabei verfällt er nicht dem Fehler, die Probleme zu bagatellisieren. Er nimmt die furchtbare Macht des Bösen und damit auch die Ängste der Menschen sehr ernst. Das macht wohl bis heute die Anziehungskraft der Offb für verunsicherte Menschen aus. Aber ebenso ernst nimmt sie das Evangelium. Sie erinnert die Gläubigen in ihrer leidvollen Situation an die christliche Grundbotschaft, dass Jesus in seinem Tod und seiner Auferstehung das Böse besiegt hat. Diese Aufgabe ist auch den Verkündern des Evangeliumsm heute aufgegeben. Die Erneuerung des Glaubens daran, dass Christus bzw. Gott das letzte Wort im Weltgeschehen hat, scheint mir gerade heute besonders wichtig, da viele Zeitgenossen die Welt unaufhaltsam dem Untergang zusteuern sehen und am Resignieren sind. Nur der Glaube daran, dass Gott ­ und damit das Gute ­ stärker ist, kann Kräfte frei machen, selber zu einer besseren Welt das Mögliche beizutragen.

5.3.3. Hochaktuell sind meines Erachtens schliesslich auch die zwei Grundermahnungen der Offb: Christsein erfordert in ihrer Sicht eine klare Entscheidung und beharrliches Durchhalten. Wenn viele in der Kirche ­ oben und unten! ­ sich heute durchschlängeln, ohne klar Position zu beziehen, kompromittiert das unsere Glaubwürdigkeit als Christen und als Kirche vor den Augen der Welt sehr fundamental. Und dass der «Geist des langen Atems» in unserer gesellschaftlichen und kirchlichen Situation ganz dringlich ist, wird wohl niemand bezweifeln!
So bin ich überzeugt, dass das letzte Buch des Neuen Testaments eine wichtige Botschaft auch an unsere Zeit hat, obwohl sie nicht leicht zu entschlüsseln und für die Verkündigung aufzubereiten ist. Ihre Grundanliegen sind von grosser Aktualität, lebendiges Wort Gottes. Grund genug, an der Schwelle zum 2. Jahrtausend dieser Schrift vermehrt Beachtung zu schenken. Das ist wohl auch die beste Möglichkeit, ihrem Missbrauch durch unverantwortliche Interpretationen entgegenzuwirken.

 

Franz Annen ist ordentlicher Professor für neutestamentliche Exegese und biblische Einleitung an der Theologischen Hochschule Chur sowie deren derzeitiger Rektor.


Anmerkungen

1 Geringfügig überarbeitetes Referat, gehalten am Ökumenischen Symposium zum Jahr 2000: «Der grosse Übergang», Bern, 1.­3.3.1999.

2 Unter den zahlreichen neueren Kommentaren vgl. besonders J. Roloff, Die Offenbarung des Johannes = Zürcher Bibelkommentare NT 18, Zürich 1984 (kurz) und H. Giesen, Die Offenbarung des Johannes = Regensburger Neues Testament, Regensburg 1997 (ausführlich). Für die Arbeit in der Erwachsenenbildung sehr geeignet: D. Kosch u.a., Offenbarung = Bibelarbeit in der Gemeinde 9, Basel/Zürich 1996.

3 Roloff, Die Offenbarung des Johannes 9.

4 Ebd. 9.

5 Giesen, Die Offenbarung des Johannes 48.

6 E. W. und W. Stegemann, Urchristliche Sozialgeschichte, Stuttgart 21995, 272­289.

7 Das ergibt sich aus dem Briefwechsel zwischen Plinius dem Jüngeren (Ep. ad Traianum 96­97), der 112­113 Statthalter in Bithynien und Pontos war, und Kaiser Trajan.

8 Vgl. dazu Stegemann, Urchristliche Sozialgeschichte 294­296.

9 Vgl. A. Heinze, Johannesapokalypse und johanneische Schriften. Forschungs- und traditionsgeschichtliche Untersuchungen = BWANT 142, Stuttgart 1998, 221.

10 Offb 6,6; 9,14; 11,1­2; 13,18; 16,12; 17,10.

11 Vgl. den schon erwähnten Brief Plinius des Jüngeren.

12 K. Berger, Jahrtausendwende und Apokalypse. Wird die Bibel in den kommenden Jahren zur Schreckensbotschaft?: Kurszeitung Theologie für Laien, Zürich 1997, Nr. 3, 6.

13 W. G. Kümmel, Einleitung in das Neue Testament, Heidelberg 171973, 419.


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