18/2000

INHALT

Theologie in Luzern

25 Jahre Dritter Bildungsweg

von Rolf Weibel

 

Die 400-Jahr-Feier universitärer Bildung in Luzern rief in Erinnerung, dass der Weg zum Theologiestudium über die Mittelschule führte, die sich aus dem Quadrivium und Trivium des Mittelalters entwickelt hatte und sich in der Regel in das Gymnasium und das Lyzeum teilte. Obwohl an manchen Mittelschulen bereits im 19. Jahrhundert technische Abteilungen und Handelsschulen geführt wurden, setzte die erste Eidgenössische Maturitätsanerkennungsverordnung von 1880 bzw. 1888 den Besuch des humanistischen Gymnasiums voraus.
Wer den Weg über das Gymnasium verpasst hatte und dann doch noch Priester werden wollte, musste als ein so genannter Spätberufener die Matura nachholen oder sich für das Hochschulstudium einer Aufnahmeprüfung unterziehen. Diesen Weg nannte man im Unterschied zum üblichen Ersten Bildungsweg den Zweiten Bildungsweg; in der deutschsprachigen Schweiz hatten die evangelisch-reformierten Kirchen für diesen Bildungsweg die Kirchlich-Theologischen Schulen eingerichtet, während den katholischen Spätberufenen dafür unter anderem katholische Kollegien offen standen.

Not macht erfinderisch

Aufgrund einer im Blick auf den sich abzeichnenden Priestermangel durchgeführten Umfrage stellten die Leiter der Priesterseminarien, die Schweizerische Regentenkonferenz, 1973 fest, dass für das darauf folgende Jahr nur mehr wenige Neupriester zu erwarten waren: für das Bistum Basel 3, für das Bistum Chur 4, für das Bistum St. Gallen 1, für das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg 1 bis 2, für das Bistum Sitten 3, für das Bistum Lugano 1. Um gegen die Not des sich damit ankündigenden verschärften Priestermangels etwas zu unternehmen, regte die Regentenkonferenz die Planung eines Dritten Bildungsweges an, bei dem auf die Matura als Zulassungsbedingung zum Theologiestudium bzw. zur Ausbildung zum vollamtlichen kirchlichen Dienst verzichtet werden könnte.
Ausgegangen wurde aber nicht nur von dieser Notlage, sondern auch von der Erfahrung, dass die schulische Matura nicht das einzige Reifezeugnis ist. So war bei der Einführung dieses Dritten Bildungsweges der Gedanke wegleitend: Was «am eigentlichen wissenschaftlichen Charakter dieses Studienweges geopfert wird, soll durch eine grössere Nähe zur seelsorgerlichen Praxis und eine in einem anderen Beruf erworbene Reife und Erfahrung ersetzt werden»<1>. Auf der einen Seite wurde und wird so die Lebens- und Berufserfahrung als Ausbildungselement ernst genommen. Das bedingte und ermöglichte persönlich abgestimmte Ausbildungsgänge, was heute als «Ausbildung in Modulen» bezeichnet wird. Auf der anderen Seite dachten die Verantwortlichen auch an den Priestermangel, an den Mangel an Seelsorgern und Seelsorgerinnen und an die Möglichkeit neuer Dienste in der Kirche. Die Bischöfe erklärten denn auch, sie hätten 1974 dem Dritten Bildungsweg, der neuen Ausbildungsart für den hauptamtlichen kirchlichen Dienst, in diesem Zusammenhang zugestimmt.
Auch wenn der Dritte Bildungsweg nicht nur aus einer Notlage, sondern auch aus einem Bedürfnis heraus entstanden ist, hat er doch spürbar zur Entschärfung der Notlage beigetragen. In dem Vierteljahrhundert seit seinem Bestehen hat er 226 Frauen und Männer auf den kirchlichen Dienst vorbereitet; von ihnen sind 43 zu Priestern und 20 zu Diakonen geweiht worden.
Den die vorbereitende katechetische Ausbildung vertiefenden theologischen Teil der Ausbildung vermittelt das «Theologische Seminar Dritter Bildungsweg», das, von den drei Deutschschweizer Bistümern getragen, zunächst und für viele Jahre der Theologischen Hochschule Chur angegliedert war. Weil Bischof Wolfgang Haas eigene Wege der Priesterausbildung gehen wollte, liess er dieses Seminar nach einem schwierigen Hin und Her 1993 an die Theologische Fakultät Luzern ziehen. Um ihm und dem seinerzeit vom Bündner «Corpus catholicum» gegründeten Institut für die Fortbildung der Katecheten (IFOK; heute Institut für Fort- und Weiterbildung der Katechetinnen und Katecheten) eine verlässliche rechtliche Trägerschaft zu geben, wurde der Verein «Katholische Seelsorge-Ausbildung Luzern (DBW und IFOK)» gegründet.
Die in Luzern stärker zum Tragen gekommene einheitliche Leitung der beiden Institutionen durch Prof. Karl Kirchhofer führte schon bald zu einer stärkeren Verschränkung der Arbeitsfelder der beiden Institutionen; zunehmend gefragt waren nämlich Beratung und Begleitung. Die Leitung des Dritten Bildungsweges wurde zunehmend zu einer «Triagestelle für die Studienplanung in kirchlichen Diensten», während die Leitung des IFOK immer mehr zu einer «Anlaufstelle für Fort- und Weiterbildung» wurde.

Verschränkung mit der Theologischen Fakultät

Die Trägerschaft der «Seelsorger-Ausbildung Dritter Bildungsweg» und damit des Studiengangs bzw. Theologischen Seminars Dritter Bildungsweg ist privat. Die Trägerschaft hat aber mit dem Kanton Luzern einen Vertrag abgeschlossen, in dessen Rahmen der Staat an der Theologischen Fakultät die Lehrveranstaltungen für den Studiengang gewährleistet. Damit wurde der Theologischen Fakultät neben dem Katechetischen Institut das Seminar Dritter Bildungsweg als zweite nichtuniversitäre Institution zugeordnet. Die Studierenden des Theologischen Seminars sind aber an der Theologischen Fakultät immatrikuliert.
Noch nicht geregelt ist die Zuordnung des IFOK («Institut für Fort- und Weiterbildung der Katechetinnen und Katecheten») zur Fakultät. Dass die beiden Institutionen auch in Zukunft zusammenarbeiten wollen, ist keine Frage; offen sind indes noch die Modalitäten. Denn einerseits gehört es gemäss Reglement zu den Aufgaben der Fakultät, Weiterbildungsveranstaltungen durchzuführen; anderseits gehört Fort- und Weiterbildung auch zum Leistungsauftrag des Katechetischen Instituts. Die Frage ist deshalb vor allem, ob das IFOK an die Fakultät angegliedert werden oder künftig in Verbindung mit ihr tätig sein soll.

Für eine gute Zukunft

Dieses Jahr kann der Dritte Bildungsweg sein 25-jähriges Bestehen feiern, und in diesem Jahr kann Prof. Karl Kirchhofer altershalber seine Leitungsverantwortung weitergeben. Mit der Einbindung in die Theologische Fakultät ist die institutionelle Stabilität dieses jungen Ausbildungsweges gewährleistet. Und das ist gut so. Denn heute fragen noch mehr Menschen, die sich in einem anderen Beruf bewährt haben, nach Ausbildungsmöglichkeiten zum kirchlichen Dienst als zur Gründungszeit des Dritten Bildungsweges. Die Verantwortlichen dieses Ausbildungsweges wissen sich denn auch weiterhin gefordert, sich mit der immer noch bestehenden Notlage im Bereich der kirchlichen Berufe auseinander zu setzen, für die Bedürfnisse der kirchlichen Gemeinschaft wie der Auszubildenden aufmerksam zu bleiben.


Anmerkung

1 Karl Schuler, Ein neuer Weg zum kirchlichen Dienst, in: SKZ 142 (1974) 281­284, 282.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000