10/2000

INHALT

Theologie in Luzern

"Die ganze Gottheit spielt ihr ewiges Liebesspiel"

von Brigitte Muth-Oelschner

 

Die Trinität ist das Fundamentalgeheimnis des christlichen Glaubens. Alle christliche Theologie ist im Kern trinitarische Theologie. Auf diese Basis stellte der Bischof von Basel, Kurt Koch, seine Ausführungen, als er während der bereits zur Tradition gewordenen «Dulliker Tagung» über «Ein neues Jahrtausend im Licht des trinitarischen Gottesgeheimnisses» sprach.
Zu Beginn seiner Ausführungen vor mehr als 100 Seelsorgern und Seelsorgerinnen legte Bischof Koch dar, dass die westliche theologische Tradition der göttlichen Wesenheit immer eine vorrangige Bedeutung vor den göttlichen Personen der Dreifaltigkeit zugemessen hat. Demgemäss ging es ihr in erster Linie um die eine göttliche Wesenheit und weniger um die personale Gemeinschaft der drei göttlichen Personen in ihrem gemeinsam erlösenden Wirken am Menschen und an der Welt.
Innerhalb der Trinititäslehre gelte es zwei Klippen zu umschiffen: die des Modalismus und die des Tritheismus. So habe Augustinus sich lieber dem Vorwurf des Modalismus als dem des Tritheismus aussetzen wollen, erklärte der Bischof die Position des Kirchenlehrers. Deshalb habe bei ihm die eine göttliche Wesenheit, hinter der sich die göttlichen Personen gleichsam verbergen, im Vordergrund gestanden. Dieser Vorrang der einen Wesenheit Gottes vor der Sonderheit der drei Personen, die gleichsam nur die Ausfaltung der einen Gott-Substanz ist, blieb in der westlichen theologischen Tradition mehr oder weniger wirksam, führte der Bischof aus. Anders ist es in der Theologie des Ostens. Dort wird die göttliche Wesenheit erst nach der wunderbaren Gemeinschaft der drei göttlichen Personen betrachtet.
In der jüngsten Vergangenheit hat in grosser ökumenischer Eintracht eine theologische Neubesinnung auf das trinitarische Grundgeheimnis des christlichen Glaubens eingesetzt. In diesem Zusammenhang bescheinigte der Bischof jenen Theologen wie etwa Hans Küng «ein gravierendes christologisches Defizit», welche die trinitätstheologischen Arbeiten etwa eines Klaus Hemmerle, Walter Kasper, Gisbert Greshake und vor allem Hans Urs von Balthasar für eine Fehlentwicklung halten. Demgegenüber gehe die trinitätstheologische Konzeption der Gegenwart konsequent von der heilsgeschichtlichen Offenbarung Gottes aus. Der Bischof berief sich auf von Balthasar, der sagt: «Nur aus dem Verhalten Jesu seinem Vater und dem Heiligen Geist gegenüber erfahren wir etwas über die innertrinitarischen Lebens- und Liebesverhältnisse im einen und einzigen Gott.»
Würde dieser Zugang ernst genommen, so liesse sich erleben, dass die Trinität ein Ereignis und eine Erfahrung ist. Diese neutestamentlich bezeugte Glaubenserfahrung besage nämlich, «dass im Menschen Jesus von Nazareth und in der Kraft des Geistes Gott selbst auf uns Menschen zukommt und sich dabei im radikalen Sinn selbst offenbart». Gott sei in die Geschichte eingetreten «als der sich selbst offenbarende Gott und sein Sohn als das geoffenbarte göttliche Wort, in dem Gott sich selbst ausspricht und Menschen anspricht». Der Bischof zitierte Gregor von Nazianz. «Aus dem Licht des Vaters erfassen wir den Sohn als Licht in dem Licht, das der Heilige Geist ist.»

Gott offenbart sich in Schöpfung und Geschichte

Gott offenbart sich selbst in der Geschichte, wobei die christliche Trinitätslehre das Geschichtsverhältnis Gottes formuliert und ihn als Gott der Geschichte bekennt. Umgekehrt hat Gottes Selbstoffenbarung in der Geschichte auch Konsequenzen für das Gottsein Gottes selbst. Wenn aber die Menschwerdung des Logos als der theologische Höhepunkt der Schöpfung zu verstehen ist, heisst dies umgekehrt, dass auch die Schöpfung selbst nur trinitarisch zu denken ist. «Der biblische Schöpfungsgedanke selbst muss aus trinitarischer Sicht gesehen werden, weil sowohl die Freiheit des göttlichen Ursprungs einerseits und das liebende Festhalten Gottes an seiner Schöpfung andererseits unlösbar zusammengehören.» Bischof Koch führte aus, dass die Weltimmanenz und die Welttranszendenz Gottes Grundprobleme der heutigen religiösen Auseinandersetzung sind.

Liebe und Beziehung

Da Gott so in sich Differenz in der Unterschiedenheit der Personen ist, ist ihm jede Tendenz zum Uniformen und damit Intoleranten und Totalitären fremd, betonte der Bischof. Da Gott aber genauso eine ursprüngliche und wunderbare Einheit der Personen lebt, ist ihm auch jede Tendenz zur anarchistischen Unverbundenheit und zum separatistischen Pluralismus fremd. Wenn aber Gott gleichursprünglich Einheit und Verschiedenheit, communio und Differenz ist, so ist das Wesen der Einheit Gottes als Einheit der Beziehung der Liebe zu verstehen. Darum ist die in Gott verwirklichte vollkommene Liebe nicht nur dialogisch, sondern trilogisch, also auf drei gerichtet. Der Bischof erklärte, dieses grosse Liebesspiel, das sich zwischen den drei Personen als Lieben, als Geliebtwerden und als Mitlieben ereigne, werde in der neueren Theologie als «communio» bezeichnet. In diesem Begriff drücke sich eine Einheit aus, die ihren Gegensatz, nämlich die Vielheit und Verschiedenheit, ebenfalls in selbst trage «und die sich deshalb in lebendiger Kommunikation von verschieden bleibenden Vielen vollzieht».
Da das Sein des trinitarischen Gottes Beziehung ist, führt der christliche Trinitätsglauben einmal zu einer Revolution des Gottesbildes, die durch den Glauben an den dreieinigen Gott einsetze, zum anderen zu einer Revolution im Seinsverständnis überhaupt. Die beiden gesellschaftlichen Extreme Kollektivismus und Individualismus lassen den Menschen letztlich allein. Bischof Koch: «Daraus ergibt sich die neu aufkommende Sehnsucht nach einer Versöhnung von individueller Freiheit und sozialer Gemeinschaftlichkeit und damit nach einem echten und ursprünglichen Menschsein, das sich nur in Gemeinschaft mit anderen verwirklichen kann.» Darum sei es die Aufgabe der Kirche, die individuelle Freiheit des Menschen ernst zu nehmen und sie zu einer kommunikativen und solidarisch gelebten Freiheit umzuwandeln.
Nach Auffassung des Bischofs kann dieser Dienst aber nur gelingen, wenn auch die Kirche «in ihrer eigenen communio im trinitarischen Geheimnis verwurzelt ist». Das bedeutet aber auch, «dass es nicht die Kirche an sich ist, welche die Antwort auf die menschliche Sehnsucht nach Gemeinschaft geben kann, sondern nur im Licht des trinitarischen Geheimnissses Gottes selbst». Kurt Koch fügte hinzu: «Wir Menschen sind verschieden voneinander, damit wir uns immer wieder dessen bewusst werden, dass wir einander brauchen.»

Berufen, das trinitarische Geheimnis Gottes darzustellen

Wenn die Kirche dazu berufen ist, das trinitarische Geheimnis Gottes darzustellen, zeigt sich das vornehmlich in der Liturgie, die der Bischof als «Fest der Lebensfülle des Dreieinen Gottes» bezeichnete. Da der Dreieine Gott selbst sein urewiges Fest in der gegenseitigen Freude und in der unendlichen gegenseitigen Daseinszusage der drei Personen zueinander feiert, schenke er der kirchlichen Liturgie an diesem himmlischen Fest Anteil. «Darum ist der Dreieine Gott der eigentliche Liturge», erinnerte der Bischof. In diesem Sinne sei der Gottesdienst, die Liturgie, einmal zu sehen als «Werk Gottes für das Volk», gleichzeitig aber auch als «Werk des Volkes für Gott», der «Dankbarkeitsdienst der Kirche Gott gegenüber, in dem Gott ohne jeden Hintergedanken gelobt wird».
Christliche Liturgie sei in ihrem wahren Wesen Eucharistie, nämlich Danksagung für das Dasein und für das Leben überhaupt. Das Konzil habe versucht, die organische Verbindung von Liturgie und kirchlichem Leben durch die Communio-Ekklesiologie wieder zu entdecken. «Dabei ist mit communio nicht in erster Linie die Struktur der Kirche zu verstehen, sondern ihr Geheimnis, als Abbild der trinitarischen Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist.»

Ortskirche und Universalkirche ­ zwei Pole einer Ellipse

Daraus ergibt sich, dass die Kirche als communio in der Einheit nur in der einen Universalkirche und in der Unterschiedenheit und Vielheit der Ortskirchen zu sehen ist. Dabei dürfe das Verhältnis von Ortskirche und Universalkirche ­ zu denken als zwei Brennpunkte in einer Ellipse ­ nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn einerseits die Ortskirchen vor allem in ihrer Eigenständigkeit betrachtet werden und in der Universalkirche nichts anderes mehr gesehen werde als der nachträgliche Zusammenschluss von Ortsgemeinden im Sinne eines organisatorischen Dachverbandes, gebe es schnell einen neuen Partikularismus, «der sich gerne in antirömischen Affekten Luft macht». Das ausgewogene Verhältnis zwischen Ortskirche und Universalkirche gelte auch für den Bischof selbst. «Der Bischof ist zunächst Mitglied des Bischofskollegiums; in dieses Kollegium wird er aber gerade deshalb aufgenommen, weil er selbstverantwortlicher Bischof für eine Ortskirche ist. Umgekehrt erweist sich seine Mitgliedschaft im Bischofskollegium als Voraussetzung dafür, dass er einer Ortskirche vorstehen kann», führte Kurt Koch aus. Die Gefahr liege darin, dass sich weltkirchlicher Zentralismus und ortskirchlicher Föderalismus gegenseitig hochschaukelten.
Eine Möglichkeit, um diesem Dilemma zu entkommen, bestehe vielleicht darin, die ursprünglich triadische Struktur der Kirche wiederzuentdecken, die sich in der Ortskirche mit ihrem Bischof, der regionalen Hauptkirche mit ihrem Primas und der Universalkirche mit dem Bischof von Rom als Papst der gesamten Kirche realisiert. Auch das ordinierte Amt in der Kirche sei von der Trinitätstheologie her neu zu verstehen, denn auch hier zeige sich wieder das trinitätstheologische Prinzip in der Vielheit und des Einsseins von communio und Differenz. Dies bedeute, dass der ordinierte Amtsträger inmitten der Gemeinde eines ihrer getauften Glieder sei, aber gegenüber der Gemeinde als sakramentales Zeichen des Primates Jesu Christi in Erscheinung tritt. Oder, wie es Bischof Hugo Aufderbeck umschrieben habe: «Die Kirche ist keine Demokratie, denn wir stehen alle unter dem einen Herrn. Die Kirche ist aber auch keine Monarchie, denn wird alle sind Schwestern und Brüder.»
In der bildhaften ikonographischen Darstellung der Dreifaltigkeit repräsentiere der Bischof mit der «Fülle des Weihesakramentes» den Vater; der Priester in seiner sakramentalen Abhängigkeit vom Bischof den Sohn, und der Diakon sei berufen, den Heiligen Geist darzustellen. Dazu der Bischof: «Von dieser trinitätstheologischen Sicht her ergeben sich nicht nur neue Perspektiven für die Wahrnehmung der unlösbaren Zusammengehörigkeit der drei Gestalten des einen ordinierten Amtes im Episkopat, im Presbyterat und im Diakonat. Vielmehr wäre es von daher auch möglich, viel unverkrampfter als bisher die Frage der Öffnung des Diakonates für die Frau anzugehen.»

 

Brigitte Muth-Oelschner ist Informationsbeauftragte des Bistums Basel.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000