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Theologie in Luzern |
Die Trinität ist das Fundamentalgeheimnis des christlichen Glaubens.
Alle christliche Theologie ist im Kern trinitarische Theologie. Auf diese
Basis stellte der Bischof von Basel, Kurt Koch, seine Ausführungen,
als er während der bereits zur Tradition gewordenen «Dulliker
Tagung» über «Ein neues Jahrtausend im Licht des trinitarischen
Gottesgeheimnisses» sprach.
Zu Beginn seiner Ausführungen vor mehr als 100 Seelsorgern und Seelsorgerinnen
legte Bischof Koch dar, dass die westliche theologische Tradition der göttlichen
Wesenheit immer eine vorrangige Bedeutung vor den göttlichen Personen
der Dreifaltigkeit zugemessen hat. Demgemäss ging es ihr in erster
Linie um die eine göttliche Wesenheit und weniger um die personale
Gemeinschaft der drei göttlichen Personen in ihrem gemeinsam erlösenden
Wirken am Menschen und an der Welt.
Innerhalb der Trinititäslehre gelte es zwei Klippen zu umschiffen:
die des Modalismus und die des Tritheismus. So habe Augustinus sich lieber
dem Vorwurf des Modalismus als dem des Tritheismus aussetzen wollen, erklärte
der Bischof die Position des Kirchenlehrers. Deshalb habe bei ihm die eine
göttliche Wesenheit, hinter der sich die göttlichen Personen gleichsam
verbergen, im Vordergrund gestanden. Dieser Vorrang der einen Wesenheit
Gottes vor der Sonderheit der drei Personen, die gleichsam nur die Ausfaltung
der einen Gott-Substanz ist, blieb in der westlichen theologischen Tradition
mehr oder weniger wirksam, führte der Bischof aus. Anders ist es in
der Theologie des Ostens. Dort wird die göttliche Wesenheit erst nach
der wunderbaren Gemeinschaft der drei göttlichen Personen betrachtet.
In der jüngsten Vergangenheit hat in grosser ökumenischer Eintracht
eine theologische Neubesinnung auf das trinitarische Grundgeheimnis des
christlichen Glaubens eingesetzt. In diesem Zusammenhang bescheinigte der
Bischof jenen Theologen wie etwa Hans Küng «ein gravierendes
christologisches Defizit», welche die trinitätstheologischen
Arbeiten etwa eines Klaus Hemmerle, Walter Kasper, Gisbert Greshake und
vor allem Hans Urs von Balthasar für eine Fehlentwicklung halten. Demgegenüber
gehe die trinitätstheologische Konzeption der Gegenwart konsequent
von der heilsgeschichtlichen Offenbarung Gottes aus. Der Bischof berief
sich auf von Balthasar, der sagt: «Nur aus dem Verhalten Jesu seinem
Vater und dem Heiligen Geist gegenüber erfahren wir etwas über
die innertrinitarischen Lebens- und Liebesverhältnisse im einen und
einzigen Gott.»
Würde dieser Zugang ernst genommen, so liesse sich erleben, dass die
Trinität ein Ereignis und eine Erfahrung ist. Diese neutestamentlich
bezeugte Glaubenserfahrung besage nämlich, «dass im Menschen
Jesus von Nazareth und in der Kraft des Geistes Gott selbst auf uns Menschen
zukommt und sich dabei im radikalen Sinn selbst offenbart». Gott sei
in die Geschichte eingetreten «als der sich selbst offenbarende Gott
und sein Sohn als das geoffenbarte göttliche Wort, in dem Gott sich
selbst ausspricht und Menschen anspricht». Der Bischof zitierte Gregor
von Nazianz. «Aus dem Licht des Vaters erfassen wir den Sohn als Licht
in dem Licht, das der Heilige Geist ist.»
Gott offenbart sich selbst in der Geschichte, wobei die christliche Trinitätslehre das Geschichtsverhältnis Gottes formuliert und ihn als Gott der Geschichte bekennt. Umgekehrt hat Gottes Selbstoffenbarung in der Geschichte auch Konsequenzen für das Gottsein Gottes selbst. Wenn aber die Menschwerdung des Logos als der theologische Höhepunkt der Schöpfung zu verstehen ist, heisst dies umgekehrt, dass auch die Schöpfung selbst nur trinitarisch zu denken ist. «Der biblische Schöpfungsgedanke selbst muss aus trinitarischer Sicht gesehen werden, weil sowohl die Freiheit des göttlichen Ursprungs einerseits und das liebende Festhalten Gottes an seiner Schöpfung andererseits unlösbar zusammengehören.» Bischof Koch führte aus, dass die Weltimmanenz und die Welttranszendenz Gottes Grundprobleme der heutigen religiösen Auseinandersetzung sind.
Da Gott so in sich Differenz in der Unterschiedenheit der Personen ist,
ist ihm jede Tendenz zum Uniformen und damit Intoleranten und Totalitären
fremd, betonte der Bischof. Da Gott aber genauso eine ursprüngliche
und wunderbare Einheit der Personen lebt, ist ihm auch jede Tendenz zur
anarchistischen Unverbundenheit und zum separatistischen Pluralismus fremd.
Wenn aber Gott gleichursprünglich Einheit und Verschiedenheit, communio
und Differenz ist, so ist das Wesen der Einheit Gottes als Einheit der Beziehung
der Liebe zu verstehen. Darum ist die in Gott verwirklichte vollkommene
Liebe nicht nur dialogisch, sondern trilogisch, also auf drei gerichtet.
Der Bischof erklärte, dieses grosse Liebesspiel, das sich zwischen
den drei Personen als Lieben, als Geliebtwerden und als Mitlieben ereigne,
werde in der neueren Theologie als «communio» bezeichnet. In
diesem Begriff drücke sich eine Einheit aus, die ihren Gegensatz, nämlich
die Vielheit und Verschiedenheit, ebenfalls in selbst trage «und die
sich deshalb in lebendiger Kommunikation von verschieden bleibenden Vielen
vollzieht».
Da das Sein des trinitarischen Gottes Beziehung ist, führt der christliche
Trinitätsglauben einmal zu einer Revolution des Gottesbildes, die durch
den Glauben an den dreieinigen Gott einsetze, zum anderen zu einer Revolution
im Seinsverständnis überhaupt. Die beiden gesellschaftlichen Extreme
Kollektivismus und Individualismus lassen den Menschen letztlich allein.
Bischof Koch: «Daraus ergibt sich die neu aufkommende Sehnsucht nach
einer Versöhnung von individueller Freiheit und sozialer Gemeinschaftlichkeit
und damit nach einem echten und ursprünglichen Menschsein, das sich
nur in Gemeinschaft mit anderen verwirklichen kann.» Darum sei es
die Aufgabe der Kirche, die individuelle Freiheit des Menschen ernst zu
nehmen und sie zu einer kommunikativen und solidarisch gelebten Freiheit
umzuwandeln.
Nach Auffassung des Bischofs kann dieser Dienst aber nur gelingen, wenn
auch die Kirche «in ihrer eigenen communio im trinitarischen Geheimnis
verwurzelt ist». Das bedeutet aber auch, «dass es nicht die
Kirche an sich ist, welche die Antwort auf die menschliche Sehnsucht nach
Gemeinschaft geben kann, sondern nur im Licht des trinitarischen Geheimnissses
Gottes selbst». Kurt Koch fügte hinzu: «Wir Menschen sind
verschieden voneinander, damit wir uns immer wieder dessen bewusst werden,
dass wir einander brauchen.»
Wenn die Kirche dazu berufen ist, das trinitarische Geheimnis Gottes
darzustellen, zeigt sich das vornehmlich in der Liturgie, die der Bischof
als «Fest der Lebensfülle des Dreieinen Gottes» bezeichnete.
Da der Dreieine Gott selbst sein urewiges Fest in der gegenseitigen Freude
und in der unendlichen gegenseitigen Daseinszusage der drei Personen zueinander
feiert, schenke er der kirchlichen Liturgie an diesem himmlischen Fest Anteil.
«Darum ist der Dreieine Gott der eigentliche Liturge», erinnerte
der Bischof. In diesem Sinne sei der Gottesdienst, die Liturgie, einmal
zu sehen als «Werk Gottes für das Volk», gleichzeitig aber
auch als «Werk des Volkes für Gott», der «Dankbarkeitsdienst
der Kirche Gott gegenüber, in dem Gott ohne jeden Hintergedanken gelobt
wird».
Christliche Liturgie sei in ihrem wahren Wesen Eucharistie, nämlich
Danksagung für das Dasein und für das Leben überhaupt. Das
Konzil habe versucht, die organische Verbindung von Liturgie und kirchlichem
Leben durch die Communio-Ekklesiologie wieder zu entdecken. «Dabei
ist mit communio nicht in erster Linie die Struktur der Kirche zu verstehen,
sondern ihr Geheimnis, als Abbild der trinitarischen Gemeinschaft von Vater,
Sohn und Heiligem Geist.»
Daraus ergibt sich, dass die Kirche als communio in der Einheit nur in
der einen Universalkirche und in der Unterschiedenheit und Vielheit der
Ortskirchen zu sehen ist. Dabei dürfe das Verhältnis von Ortskirche
und Universalkirche zu denken als zwei Brennpunkte in einer Ellipse
nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn einerseits die Ortskirchen
vor allem in ihrer Eigenständigkeit betrachtet werden und in der Universalkirche
nichts anderes mehr gesehen werde als der nachträgliche Zusammenschluss
von Ortsgemeinden im Sinne eines organisatorischen Dachverbandes, gebe es
schnell einen neuen Partikularismus, «der sich gerne in antirömischen
Affekten Luft macht». Das ausgewogene Verhältnis zwischen Ortskirche
und Universalkirche gelte auch für den Bischof selbst. «Der Bischof
ist zunächst Mitglied des Bischofskollegiums; in dieses Kollegium wird
er aber gerade deshalb aufgenommen, weil er selbstverantwortlicher Bischof
für eine Ortskirche ist. Umgekehrt erweist sich seine Mitgliedschaft
im Bischofskollegium als Voraussetzung dafür, dass er einer Ortskirche
vorstehen kann», führte Kurt Koch aus. Die Gefahr liege darin,
dass sich weltkirchlicher Zentralismus und ortskirchlicher Föderalismus
gegenseitig hochschaukelten.
Eine Möglichkeit, um diesem Dilemma zu entkommen, bestehe vielleicht
darin, die ursprünglich triadische Struktur der Kirche wiederzuentdecken,
die sich in der Ortskirche mit ihrem Bischof, der regionalen Hauptkirche
mit ihrem Primas und der Universalkirche mit dem Bischof von Rom als Papst
der gesamten Kirche realisiert. Auch das ordinierte Amt in der Kirche sei
von der Trinitätstheologie her neu zu verstehen, denn auch hier zeige
sich wieder das trinitätstheologische Prinzip in der Vielheit und des
Einsseins von communio und Differenz. Dies bedeute, dass der ordinierte
Amtsträger inmitten der Gemeinde eines ihrer getauften Glieder sei,
aber gegenüber der Gemeinde als sakramentales Zeichen des Primates
Jesu Christi in Erscheinung tritt. Oder, wie es Bischof Hugo Aufderbeck
umschrieben habe: «Die Kirche ist keine Demokratie, denn wir stehen
alle unter dem einen Herrn. Die Kirche ist aber auch keine Monarchie, denn
wird alle sind Schwestern und Brüder.»
In der bildhaften ikonographischen Darstellung der Dreifaltigkeit repräsentiere
der Bischof mit der «Fülle des Weihesakramentes» den Vater;
der Priester in seiner sakramentalen Abhängigkeit vom Bischof den Sohn,
und der Diakon sei berufen, den Heiligen Geist darzustellen. Dazu der Bischof:
«Von dieser trinitätstheologischen Sicht her ergeben sich nicht
nur neue Perspektiven für die Wahrnehmung der unlösbaren Zusammengehörigkeit
der drei Gestalten des einen ordinierten Amtes im Episkopat, im Presbyterat
und im Diakonat. Vielmehr wäre es von daher auch möglich, viel
unverkrampfter als bisher die Frage der Öffnung des Diakonates für
die Frau anzugehen.»
Brigitte Muth-Oelschner ist Informationsbeauftragte des Bistums Basel.