48/2000

INHALT

Kirche in der Schweiz

Das Fastenopfer mit neuer Geschäftsleitung

von Rolf Weibel

 

Der Stiftungsrat des Fastenopfers hat Antonio Hautle zum Nachfolger von Anne-Marie Holenstein als Direktor gewählt und einen Grundsatzentscheid in Bezug auf die Organisations- bzw. Strukturentwicklung des «Katholischen Hilfswerks Schweiz» gefällt. An der Medieninformation stellte Bischof Ivo Fürer als Präsident des Stiftungsrates zudem die neue Geschäftsleitung vor, die sich aus langjährigen bewährten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Fastenopfers zusammensetzt: Yvonne Buschor und Antoinette Brem übernehmen im Job-Sharing die Leitung des Bereichs «Süden», Matthias Dörnenburg wird Leiter des Bereichs «Kommunikation und Bildung», Niklaus Späni bleibt Direktionsassistent, die Leitung des Bereichs «Interne Dienste» ist noch offen; zum Geschäftsleitungsteam gehört zudem Charles Ridoré, Leiter des Secrétariat Romand in Lausanne. An der Medienorientierung stellte Niklaus Späni die Neuigkeiten aus dem Fastenopfer denn auch unter den Titel «Wandel und Kontinuität».

Der Stiftungsrat entschied

Zunächst skizzierte Bischof Ivo Fürer das Verfahren, das zur Wahl von Antonio Hautle geführt hat, sowie den Stand der Aufarbeitung der mit dem Rücktritt von Anne-Marie Holenstein öffentlich gewordenen Probleme. In einer kleinen Wahlkommission, in der der Stiftungsrat und die Verwaltungskommission vertreten waren und die von einer externen Fachperson beraten wurde, wurde zunächst ein Anforderungsprofil erstellt. Auf die daran anschliessende Stellenausschreibung gingen 19 Bewerbungen ein, von denen vier in die nähere Auswahl kamen. Zur eigentlichen Wahl standen schliesslich zwei gleichwertige Kandidaten, nachdem die erweiterte Wahlkommission sie vorgeschlagen hatte, ohne eine Rangfolge vorzunehmen. Aus dieser Wahl ging Antonio Hautle als neuer Direktor hervor.
In der gleichen Sitzung beschloss der Stiftungsrat grundsätzlich eine Vereinfachung der Struktur des Fastenopfers, um seine Aktionsfähigkeit zu erhöhen. Noch besteht der Stiftungsrat aus 16 Personen, einerseits den 6 Diözesanbischöfen und 2 Territorialäbten und anderseits 8 vom Aktionsrat, der den Schweizer Katholizismus repräsentativ zu vertreten hat, gewählten Personen. Der Stiftungsrat trifft sich zweimal jährlich, womit eine wirkliche Führung nicht wahrgenommen werden kann. Deshalb soll er auf 6 bis 7 Mitglieder verkleinert werden, und diese sollen auf Grund ihrer Sachkompetenz gewählt werden. Damit ist keine direkte Mitgliedschaft der Bischöfe mehr vorgesehen; ihre Aufgabe im Fastenopfer ist denn auch nicht die Leitung, sondern die Aufsicht. Voraussichtlich wird indes ein Bischof Mitglied des neuen Stiftungsrates sein; denn wohl soll die Leitung des Fastenopfers flexibler werden, zugleich soll aber klar bleiben, dass die Bischöfe hinter dem Fastenopfer stehen.
Nebst der Struktur bedarf das Missionsverständnis des Fastenopfers einer Klärung. Dazu ist, unter Mitwirkung von Anne-Marie Holenstein, eine Tagung in Vorbereitung, wie Bischof Ivo Fürer weiter berichtete. Geklärt werden sollen namentlich das Missionsverständnis zur Zeit der Gründung des Fastenopfers, seine weitere Entwicklung in der Theologie und in der Kirche, die heutige Verhältnisbestimmung von Entwicklung und Mission, das Missionsverständnis benachbarter Werke wie Caritas oder Bethlehem Mission Immensee.

Die neue Führung

Der 39-jährige Antonio Hautle, der sein Amt am 1. März 2001 antreten wird, bringt eine Kombination von Fachkompetenzen mit, die viel versprechen. Nach dem Theologiestudium in Rom und einigen Jahren Seelsorgetätigkeit wandte er sich den Wirtschaftswissenschaften zu, besuchte Vorlesungen an der Universität St. Gallen und schloss in Genf als Master in Business Administration (MBA) ab; noch dieses Jahr will er seine wirtschafts- und sozialethische Dissertation in Freiburg einreichen. Im Zusammenhang mit seinen wirtschaftsethischen Studien hat er in diesen Spalten immer wieder einschlägige Bücher vorgestellt. Im Sommer 1994 legte er das Priesteramt nieder, eine Dispens liegt nun von seinem Alter her im Bereich des Möglichen ­ er ist seinen Weg jedenfalls, wie er sich ausdrückte, in Versöhnung mit sich, mit Gott und mit der Kirche gegangen. Seit vier Jahren ist Antonio Hautle, der verheiratet ist und drei Kinder hat, Leiter der Sozialen Dienste und Amtsvormund der Stadt Lenzburg.
Auf seine Aufgabe im Fastenopfer freut er sich, weil er in einem theologisch-spirituell ausgerichteten Werk nicht nur als Manager gefragt ist, sondern auch als Theologe. Nach seinen programmatischen Absichten gefragt, antwortete er mit der Begründung sehr allgemein, konkretere Erklärungen wären nicht fair und nicht professionell. Zunächst müsse er zum einen das Werk von innen und zum andern seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen lernen. Dass eine Strukturbereinigung und konzeptionelle Klärungen im Gange sind, hätten ihn von der Bewerbung nicht abhalten können, weil er eine «lernende Organisation» gut findet.
Die Notwendigkeit einer allseitigen Zusammenarbeit begründeten die Ko-Leiterinnen des Bereichs «Süden» mit dem Satz eines kongolesischen Theologen: «Mit einem Zeigefinger kannst du keine Nuss auflesen.» Yvonne Buschor, für Fragen der Personalführung und der Entwicklungszusammenarbeit zuständig, fasste die Entwicklungszusammenarbeit ins Auge: im Süden unterstütze das Fastenopfer Partner, und dazu baue es auf «längerfristige Beziehungen mit Gruppen und Gemeinden der ärmsten Bevölkerungskreise». Die Theologin Antoinette Brem ist für die zwischenkirchliche Zusammenarbeit zuständig und deshalb stellt sie die Solidarität in den Kontext einer befreienden Theologie. Zusammen vertreten sie so ein integrales Verständnis von Entwicklungs- und Pastoralzusammenarbeit.
Als Bereichsleiter «Kommunikation und Bildung» erinnerte Matthias Dörnenburg daran, dass trotz der kritischen und für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schwierigen Umstände die Arbeit weitergegangen ist. Zurzeit gehen die Materialien zur Aktion 2001 ­ «Neue Noten braucht das Geld» ­ in die Produktion; die Aktion 2002 ist bereits grob skizziert und die Jahresthematik der Aktion 2003 in Vorbereitung. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammengehalten habe und zusammenhalte, sei der Auftrag: «ein Leben in Fülle für alle»; diesen Auftrag erfüllen jedoch könne das Fastenopfer nur «dank dem grossen Engagement und dem solidarischen Mittragen aller Gruppen». Aus der Sicht des Westschweizer Sekretariates charakterisierte Charles Ridoré die vergangenen schwierigen Zeiten mit dem Sprichwort: «Wenn der Stamm krank ist, leiden alle Äste darunter.» Darum sei die Westschweiz bereit, auch in der Phase der Restrukturierung des Fastenopfers, das ein nationales Werk sei, ihren Teil an Verantwortung zu übernehmen.


Narrative Kirchengeschichte

von Rolf Weibel

 

Weil das gottesdienstliche Leben in der Schweiz vergleichsweise wenig erforscht ist, ist der unlängst erschienene Berichtband<1> des Kolloquiums, auf das Dekan Vergauwen in seinem Bericht (S. 713) hinweist, auch eine Einladung an die wissenschaftliche und kirchliche Öffentlichkeit, an weiteren Forschungen teilzunehmen.
Neben solcher unerlässlichen Forschung, die sich, so darf erwartet werden, unmittelbar auf die akademische Lehre auswirkt, bedarf es auch einer «haute vulgarisation» der Forschungsergebnisse; nur so kann, im Fall der Kirchengeschichte: das Verständnis für historische Bedingtheiten des kirchlichen Lebens geweckt und gefördert werden. Eine Hochform solcher «haute vulgarisation» für den Bereich der Kirchengeschichte legt Albert Gasser vor.<2> In sachlichen Darlegungen führt er den Leser/die Leserin in die ausgewählten Themen und die damit verbundenen Fragestellungen ein. Zur Veranschaulichung erzählt Albert Gasser dazu von ihm erfundene Geschichten, wobei er sich so an die Forschungsergebnisse hält, dass sie sich durchaus so hätten abspielen können, wie er sie schildert; das bescheinigt ihm sein Nachfolger an der Theologischen Hochschule Chur in seinem sympathischen Geleitwort.


Anmerkungen

1 Liturgie in Bewegung/Liturgie en mouvement. Herausgegeben von Bruno Bürki und Martin Klöckener unter Mitarbeit von Arnaud Join-Lambert, Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2000, 407 Seiten.

2 Albert Gasser, Spaziergang durch die Kirchengeschichte. Mit Skizzen von Linda Graedel, NZN Buchverlag, Zürich 2000, 135 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000