44/2000 | |
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Kirche in der Schweiz |
Dem Bereich «Staat» wird im Auswertungsbericht der Ökumenischen Konsultation die Rekordzahl von 8500 Textstellen zugeordnet, der Bereich «Gesellschaft» brachte es bloss auf 4000.<1> Selbstverständlich können wir hier nur auf eine kleine Auswahl der 120 dazu erarbeiteten Schlagwörter eingehen.
Die Schlagwörter «Nächstenliebe» und «Sozialethik»
skizzieren den Umgang der Kirche mit politischen Fragen. Im vorliegenden
Bericht heisst es dazu: «Die Eingaben ziehen kaum je eine strikte
Grenze zwischen Nächstenliebe und politischem Engagement.» Während
in der Diskussionsgrundlage die «Reich-Gottes-Verträglichkeit»
eine zentrale Rolle spielte, wurde in den Eingaben mehrmals bestritten,
dass das Reich Gottes als sozialethisches Kriterium brauchbar ist. Auf wenig
Begeisterung stiess auch die Vorgabe, Ziel der Konsultation sei ein neuer
Gesellschaftsvertrag. Der Einsatz für die Grundwerte (Gerechtigkeit,
Freiheit und Verantwortung, Mitbestimmung, Nachhaltigkeit und Solidarität)
wird höher bewertet als ein solcher Vertrag.
Kaum jemand ist dagegen, dass die Kirchen in erster Linie Partei ergreifen
für die Benachteiligten und Schwachen. Ebenso werden sie als die «letzten
Anwältinnen des Gemeinwohls» betrachtet: «Das bedeutet
dann wohl auch, dass von ihrer Seite Protest erwartet wird, wenn sie Vorstösse
gegen das Gemeinwohl wahrnehmen.»
Eine prinzipielle politische Abstinenz der Kirchen wird nur vereinzelt gefordert,
vor allem dort, wo Politik als Parteipolitik missverstanden wird. Insgesamt
ist bei der Problematik Kirche Politik ein eigenartiger Widerspruch
sichtbar: «Den Kirchen wird eine wichtige Rolle beim kulturellen Aufbau
einer besseren Gesellschaft zugewiesen, ohne dass darüber nachgedacht
würde, welche Möglichkeiten sie in der heutigen Gesellschaft noch
haben.»
Ein breiter Konsens besteht darüber, dass das heutige Modell der
Sozialen Sicherheit nicht für immer garantiert ist. Uneinig ist man
sich über die Gründe. Weiter gehen manche davon aus, dass «auch
ein robustes Sozialsystem durchaus kompatibel ist mit der Forderung nach
mehr Eigenverantwortung einmal mehr eine Absage an Gegensätze,
wie sie in der offiziellen sozialpolitischen Diskussion immer wieder begegnen».
Zum Stichwort «Langzeitarbeitslose» wird festgehalten, ihre
Wiedereingliederung sei eine gesellschaftliche Pflicht und kein sozialer
Luxus. An die Pensionskassen ergeht der Vorwurf, ihre Anlagestrategien seien
oft sozial unverträglich. Vor allem bei der Verwaltung kirchlicher
Gelder seien andere Anlagemöglichkeiten zu wählen.
Die meisten Vorschläge für eine Neuorganisation des Sozialwesens
gehen in Richtung garantiertes Mindesteinkommen. Die dazu formulierten Vorschläge
decken das ganze Spektrum der Diskussion ab, die in den letzten Jahren in
der schweizerischen Öffentlichkeit geführt wurde.
Zum Gebiet der Umweltpolitik hält der Auswertungsbericht der Ökumenischen
Konsultation unter anderem fest: «Der Staat ist nach weit verbreiteter
Auffassung der Eingeber/Eingeberinnen verpflichtet, der Bewahrung der ökologischen
Grundlagen höchste Priorität einzuräumen und die Wirtschaft
diesem Ziel unterzuordnen.» Gefordert wird nicht mehr Geld für
den Umweltschutz, also nicht Schadensbegrenzung und -behebung, sondern Lenkungsmassnahmen.
Dahinter steht die Überzeugung, dass der freie Markt zu wenig Rücksicht
auf die Bewahrung der Schöpfung nimmt.
Wenn es konkret wird, stehen Massnahmen im Vordergrund, die bei der letzten
eidgenössischen Volksabstimmung abgelehnt wurden, zum Beispiel Lenkungsabgaben
auf nicht erneuerbare Energieträger und die Förderung alternativer
Formen der Energiegewinnung. Die tiefen Preise werden für die schlechte
Nutzung der Energie verantwortlich gemacht.
Mehr Geld für internationale Solidarität: So lässt sich
eine Tendenz im Thema «Der Platz der Schweiz in der Welt» zusammenfassen.
Namentlich wird die Einhaltung der seit Jahrzehnten aufgestellten Richtschnur
für Entwicklungshilfe gefordert, nämlich 0,7% des Bruttosozialprodukts
(was mehr als einer Verdoppelung entspricht). Zudem wird die Schaffung einer
Schweizerischen Solidaritätsstiftung «durchs Band begrüsst».
Fast gleich stark sind die Stimmen, welche einen Beitritt der Schweiz zur
EU ablehnen und jene, welche sie begrüssen. In einem sind sich so gut
wie alle einig: die Europadiskussion darf nicht bloss unter utilitaristischen
Gesichtspunkten geführt werden.
Der Kapuziner Walter Ludin ist Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift «ite» und nimmt auch für uns Berichterstattungen wahr.
1 Zum Kapitel «Gesellschaft» vgl. SKZ 41/2000.
Der Auswertungsbericht kann für Fr. 25., die CD-ROM mit allen
Stellungnahmen (ca. 6000 A4-Seiten) für Fr. 15. (beides zusammen:
Fr. 32.) bezogen werden beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund,
Postfach, 3000 Bern 23.