41/2000

INHALT

Kirche in der Schweiz

Ökumenische Konsultation: Gesellschaft

von Walter Ludin

 

Da wohl nicht alle Interessierten Zeit haben, den 159 Seiten umfassenden Auswertungsbericht der «Ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz»<1> eingehend zu studieren, fassen wir in je einem Artikel die Kapitel Gesellschaft, Staat, Wirtschaft sowie Kirche kurz zusammen. Ohne die Grundtendenz zu verfälschen, heben wir vor allem griffige Aussagen hervor.

Familie

Das erste Kapitel trägt die Überschrift «Gesellschaft». Er wurde von Christian Kissling, Sekretär von Justitia et Pax, redaktionell bearbeitet und basiert auf 4000 themenbezogenen Textauszügen. Das erste Stichwort «Die Entwicklung der Bevölkerung» befasst sich vor allem mit der Situation der älteren Menschen und ihrer Integration in die Gesellschaft: «Alt zu sein heisst nur allzu häufig, nicht mehr Ðdabeið zu sein. Die allgemeine Verbreitung elektronischer Kommunikationsmittel trägt ebenfalls dazu bei, das dieser Bevölkerungsteil an den Rand gedrängt wird.» Es wird hinzugefügt, Senioren könnten aktiv bleiben, indem sie sich in den Dienst der Mitmenschen stellen und auch sich gegenseitig helfen.
Im Stichwort «Familie» wird gesagt, diese befinde sich im Widerspruch zur Gesellschaft, indem sie einen Mikrokosmos bilde mit den Werten wie Teilen und Aufeinander-Eingehen, während die gesellschaftlichen Vorstellungen von Leistung, Wettbewerb und Effizienz geprägt seien. In den Eingaben herrscht eine breite Übereinstimmung darüber, dass ein einziges Erwerbseinkommen genügen müsse, um den Lebensunterhalt einer Familie zu sichern. Von der Kirche wird erwartet, sie solle den Opfern von Scheidungen helfen, statt sie anzuklagen und auszuschliessen. Wenn es um die gleichen Rechte von Frauen und Männern geht, wird die Kirche «heftig getadelt», weil sie Gleichstellung predige, aber vor ihrer Umsetzung in den eigenen Reihen zurückschrecke.
Äusserst wenig Stellungnahmen, nämlich nicht einmal 30, wurden von Kindern und Jugendlichen eingereicht. Die Kinder erachten solide Beziehungen zu ihren Eltern als besonders wichtig. Wo Erwachsene sich zur Thematik «Jugendliche» äussern, schlagen sie beispielsweise ein Sozialjahr vor, das die Wahrnehmung sozialer Verantwortung fördern könne.

Angst vor Fremden

Offene ausländerfeindliche Aussagen finden sich zwar in den Antworten nirgends. Hingegen werden zahlreiche Ängste formuliert: so etwa die Angst vor Unbekanntem oder vor dem Ungleichgewicht zwischen den Bevölkerungsgruppen. Erwähnt wird auch der hohe Ausländeranteil an der Kriminalität. Hinter solchen Stellungnahmen steht die Sicht einer zweigeteilten Gesellschaft: hier die braven Schweizer, dort die kriminellen, profitgierigen und faulen Fremden.
Hingegen wird die Präsenz von Ausländern von vielen andern als positiv gewertet, weil die Fremden den Blick auf die weite Welt öffnen und eine heilsame Herausforderung sind, sich selber zu hinterfragen. Über die Gewährung politischer Rechte für die ausländische Bevölkerung ist man sich nicht einig. Hingegen ist die Einbürgerung junger Erwachsener der zweiten Generation kaum umstritten. Überraschend wenige äussern sich zur Situation von Flüchtlingen und Asyl Suchenden.

Konfliktunfähige Schweiz?

Für ein reiches Land seien die sozialen Ungleichheiten kein Ruhmesblatt, heisst es im Abschnitt «Soziale Probleme». Die ungerechte Verteilung des Vermögens sei «auf das kaum auf Umteilung zielende Steuerrecht» zurückzuführen. Die markante Zunahme von sozialer Ungerechtigkeit wird als einer der Hauptgründe für die wachsende Gewalt angeführt.
Einüben von Toleranz und Konfliktlösungs-Modelle werden als Gegenmittel zur Gewalt vorgeschlagen. Die Schweiz kenne leider keine Konfliktkultur: «Sie funktioniert nach dem Konsensprinzip. Das erschwert die Wahrnehmung von Konflikten noch zusätzlich.»

Toleranz

Nochmals zur Toleranz, die sich als Schlüsselbegriff der Eingaben erweist. Tolerantes Verhalten werde in der Begegnung mit den andern aufgebaut und eingeübt: «Es geht darum, Unterschiede im Erscheinungsbild und Verhalten derjenigen zu akzeptieren, die nicht sind wie wir.» Besonderer Wert wird auf den interkulturellen und interreligiösen Dialog gelegt. Die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen könne Ängste abbaue.
Solidarität ist ein anderes Schlüsselwort. Es zeigt sich, dass die meisten Verfasser der Eingaben bereits auf vielfache Weise solidarisch handeln, angefangen bei der Familie über die Mitarbeit in Vereinen bis hin zu Spenden.

Beispielhaft

Mit «Sozialverhalten» ist der letzte Abschnitt des Kapitels «Gesellschaft» des Auswertungsberichts überschrieben. Dabei geht es insbesondere darum, Wege zu finden, um den Individualismus zu überwinden, der charakterisiert wird als Egoismus, Anonymität, Wettbewerb in der Schule und am Arbeitsplatz sowie unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen und Gefühlen.
Unser Verhalten sende klare Signale an die Umgebung aus, wird hier betont. Gewünscht sind Zeichen von Solidarität gegenüber Arbeitslosen und Bedürftigen. Vorgeschlagen werden auch konkrete Gesten wie bewusstes Einkaufen (z.B. keine Kleider, die unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt wurden). Denn: «Die Beispielhaftigkeit unseres Verhaltens soll einen ÐSchneeballeffektð auslösen.»

 

Der Kapuziner Walter Ludin ist Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift «ite» und nimmt auch für uns Berichterstattungen wahr.


Anmerkung

1 Der Auswertungsbericht kann für Fr. 25.­, die CD-ROM für Fr. 15.­ (beides zusammen: Fr. 32.­) bezogen werden beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, Postfach, 3000 Bern 23. Siehe auch unseren Artikel über die Medienkonferenz, in welcher die Ergebnisse der Konsultation präsentiert wurden, in: SKZ 39/2000, S. 573.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000