39/2000

INHALT

Kirche in der Schweiz

Auswertung der Ökumenischen Konsultation

von Walter Ludin

 

Die rund 1100 Eingaben der Ökumenischen Konsultation der beiden grossen Landeskirchen umfassen 6000 A4-Seiten. Sie sind im 160-seitigen Auswertungsbericht zusammengefasst, der am 19. September in Bern den Medien vorgestellt wurde. Am 1. September 2001 werden die Kirchenleitungen mit dem «Wort der Kirchen» an die schweizerische Öffentlichkeit gelangen.
Das soziale Klima hat sich in der Schweiz verschlechtert. Die Kirche hat vor allem die Aufgabe, sich für die Benachteiligten einzusetzen und soziale Werte in Erinnerung zu rufen. So lauten einige inhaltliche Schwerpunkte der Eingaben. Zum letzten Punkt betonte Pfarrer Thomas Wipf, der Präsident des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes: «Gefragt sind Werte, die den Zusammenhalt unseres Landes wie auch seine weitere Entwicklung sicherstellen. Von einer Ich-Gesellschaft müssen wir zu einer Rücksichts-Gesellschaft kommen.»

Glaubwürdige Kirche

Über die Aufgaben der Kirche sind in den Eingaben ganz unterschiedliche Meinungen zu finden. Die Erwartungen reichen von gesellschaftlich-politischer Abstinenz bis zu dezidiertem Engagement. Béatrice Bowald, die Koordinatorin der Konsultation, bemerkte zu diesem Punkt weiter, die Glaubwürdigkeit der Kirche sei öfters angemahnt worden: «Sie müsste das, was sie vertritt, in ihrer Praxis vorleben, beispielsweise als Arbeitgeberin, bezüglich der Stellung der Frau, hinsichtlich Mitsprachemöglichkeit oder in ihrer Geldanlage-Politik.»
Zur Erwartung, die Kirche müsse in wirtschaftlichen Fragen sich still verhalten, äusserte sich Bischof Amédée Grab, der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Er zeigte sich damit einverstanden, dass über das Funktionieren der Wirtschaft im rein technischen Sinn kirchliche Äusserungen nicht sinnvoll seien. Was hingegen Grundsätze wie den Primat des Menschen vor den wirtschaftlichen Zwängen betreffe, hätte die Kirche sehr wohl einiges zu sagen und anzubieten. Mit Freude stellte Grab fest, dass sich die Vorstellungen vieler Eingaben mit jenen der kirchlichen Soziallehre decken.
Die Eingaben stammen von 1046 Absendern, darunter viele Gruppen (einige, vor allem Private, haben mehrere Texte eingereicht).<1> Die insgesamt 6000 Seiten auszuwerten, war eine immense Arbeit. Sie umfasste vier Schritte:

Hans-Ulrich Germann, Ko-Projektleiter der Konsultation, bemerkte zum Vorgehen während der letzten Phase: «Die Auswertungsgruppe setzte sich zum Ziel, sowohl Schwerpunkte als auch interessante, jedoch nur von Einzelnen geäusserte Meinungen darzustellen. Durch gegenseitige Kontrollen und klare Auswertungsregeln haben wir versucht, das Ergebnis so sachlich wie möglich zu präsentieren.»

Positives «Wort»

Zurzeit ist eine Arbeitsgruppe am Werk, um das «Wort der Kirchen» vorzubereiten. Die Kirchenleitungen stehen mit ihr in ständigem Dialog. Zur Arbeitsgruppe gehören Pierre Emonet SJ, Stefan Streiff, Jean-Pierre Thévenaz und Anita Zocchi.
In der Einleitung zum Auswertungsbericht wird betont, er nähme «in keiner Weise Themen, Wertungen und Gewichte des abschliessenden Wortes der Kirchen vorweg». Bischof Amédée Grab unterstrich, dieses Wort werde positive Akzente setzen und positive Werte verkünden.
Mit einem Festakt wird die Ökumenische Konsultation am 1. September 2001 offiziell abgeschlossen. Für den Bettag rufen die Bischofskonferenz und der Rat des Kirchenbundes dazu auf, ökumenische Veranstaltungen durchzuführen und sich mit dem «Wort der Kirchen» zu befassen. Bereits an Ostern soll dafür eine ökumenische Arbeitshilfe vorliegen.

Ökumenische Herausforderungen

Am Schluss der Medienorientierung meinte Kirchenbundspräsident Thomas Wipf, die Konsultation zeige deutlich, dass die grossen Kirchen der Schweiz vor Herausforderungen stünden, auf die sie nur gemeinsam antworten könnten. Darum sei die gelebte Ökumene wichtig und darum sei auch die Sorge gross, wie das ökumenische Verhältnis sich weiterentwickeln werde. Der Kirchenbund sei sich bewusst, dass die vatikanische Erklärung Fragen auf den Tisch gelegt habe, die gemeinsam anzugehen seien.

 

Der Kapuziner Walter Ludin ist Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift «ite» und nimmt auch für uns Berichterstattungen wahr.


Anmerkung

1 Auf einer CD-ROM sind alle im Wortlaut zu finden.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000