27-28/2000

INHALT

Kirche in der Schweiz

Auf dem Weg nach Rom

von Rolf Weibel

 

Im Heiligen Jahr 2000 haben die Schweizer Katholiken und Katholikinnen zweimal eine besondere Möglichkeit, nach Rom zu wallfahren. Jugendliche und junge Erwachsene sind eingeladen, im August an den Weltjugendtagen teilzunehmen, und Erwachsene sind zu den Bistumswallfahrten im September mit dem «Schweizer Tag» am Fest des Landesheiligen Bruder Klaus als Höhepunkt eingeladen.

Die Wallfahrt

Beide Fahrten, führte Bischof Norbert Brunner als Präsident des Komitees der Schweizer Bischofskonferenz für das Jahr 2000 letzte Woche auf einer Pressekonferenz aus, haben gemeinsame Merkmale. Zunächst und vor allem ist ihnen die geistliche Dimension eigen, beide sind spirituelle Schritte. Die äussere Form, die Wallfahrt, miteinander betend unterwegs zu sein, ist zugleich ein Symbol für das christliche Leben: im Gebet auf dem Weg zu Gott, dem Vater, zu sein. Die Rom-Wallfahrt sei zudem eine Fortsetzung der diözesanen Jubiläen, nicht Ende und nicht Ziel, sondern eine weitere Etappe auf dem Weg in die Zukunft der Kirche.
Beide Ereignisse stehen sodann im Zusammenhang des Heiligen Jahres und seiner dreijährigen Vorbereitung, aber auch der in einzelnen Diözesen bereits gefeierten Jubiläen bzw. Bistumsfesten: Lausanne, Genf und Freiburg feierte am 4. Juni, Sitten und Basel feierten am 18. Juni. Am 1. August wird das Bistum Lugano auf den Grossen St. Bernhard wallfahren und dazu die umliegenden Bistümer einladen, am 2. September werden der französischsprachige Teil des Bistums Sitten und das Bistum Aosta auf den Grossen St. Bernhard pilgern.
Und schliesslich bringen die Rom-Wallfahrten die Bistümer untereinander und mit dem Bistum Rom und so mit der Universalkirche in Verbindung; was in den Bistümern im Zusammenhang des Heiligen Jahres gelebt wurde, soll in Rom gleichsam zusammengefasst werden, erwartet Bischof Norbert Brunner. So werde auch das «sentire cum ecclesia» erfahrbar, mit jener Kirche nämlich, die aus den vielen Bistümern mit ihren je eigenen Profilen gebildet wird, die an den Apostelgräbern neue Kraft schöpft und die sich um den Papst als Nachfolger des Apostels Petrus versammelt.
Thematisch würden die Wallfahrten vom Heiligen Jahr geprägt, vom grossen Thema der Heiligen Dreifaltigkeit und ­ 2000 Jahre nach dem Kommen Jesus Christi ­ seiner Gegenwart in der Eucharistie.
Als Sekretär des Komitees der Schweizer Bischofskonferenz für das Jahr 2000 orientierte Markus Heil über das Programm der September-Wallfahrt. Die Besonderheit dieser Schweizer Wallfahrt sei, dass sie diözesan organisiert werde und sich die Teilnehmenden in Rom nur zum gemeinsamen Gottesdienst mit allen Mitgliedern der Schweizer Bischofskonferenz in der Basilika von St. Peter und einer anschliessenden Begegnung mit Papst Johannes Paul II. treffen würden. Der Gottesdienst am Fest von Bruder Klaus werde schon von daher eine schweizerische Note erhalten, die mit weiteren Elementen wie Schweizer Musik oder Schweizer Geschenken in der Gabenprozession noch verstärkt werde.
Angemeldet haben sich allerdings bei weitem noch nicht so viele Wallfahrerinnen und Wallfahrer wie erwartet; Informationen halten die Pastoralämter bzw. Wallfahrtssekretariate der einzelnen Bistümer bereit.

Weltjugendtage

Zu den Weltjugendtagen reisen viele Jugendliche auch aus der Schweiz bereits am 10. August zu Vorbereitungstreffen in italienische Diözesen. Rom erreichen sie am 14. August, und vom Papst empfangen werden sie am 19. und 20. August. Parallel zu den Weltjugendtagen, zu denen gut 2 Millionen Teilnehmende erwartet werden, findet das VII. internationale Jugendforum statt, zu dem der Päpstliche Laienrat aus jedem Land zwei Teilnehmende einlädt; um mit den grösseren Sprachregionen vertreten sein zu können, durfte die Schweizer Bischofskonferenz drei Delegierte bestimmen.
Diese Delegierten ­ Olivier Dinichert, Rüfenacht (BE), Sandra di Stasi, Vétroz (VS), und Francesca Bentoglio, Paradiso (TI) ­ erzählten auf der Pressekonferenz zum Teil recht enthusiastisch von ihren Erwartungen wie von den Vorbereitungsarbeiten für die übrigen teilnehmenden Jugendlichen. Die Teilnehmenden aus dem Tessin und italienisch Bünden, insgesamt um die 300, fahren über Umbrien ­ mit Franziskus ­ nach Rom. Die Französisch Sprechenden werden mit 400 Teilnehmenden die grösste Schweizer Sprachgruppe sein, während sich in der deutschen Schweiz rund 100 für das gesamte Programm, rund 80 für das Programm in Rom und ebenso viele für die Schlusstage angemeldet haben; verschiedene Gruppen fahren unabhängig von der Arbeitsgruppe. Bemerkenswert ist, dass in der deutschen Schweiz die Vorbereitung auf die Weltjugendtage erstmals koordiniert wurde, und zwar im Auftrag der OKJV (Ordinarienkonferenz-Jugendvereinigungen) von der Arbeitsgruppe Rom 2000. Begleitet werden die Jugendlichen von den «Jugendbischöfen» Martin Gächter, Pierre Bürcher und Giuseppe Torti.
Vom Jugendforum erwarten die Delegierten vor allem einen Austausch, einen Austausch einerseits unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus aller Welt und zwischen ihnen und den beteiligten Priestern, Bischöfen und Kardinälen anderseits. Ausgetauscht werden sollen Erfahrungen mit der Kirche, aber auch Probleme, mit denen sich die jungen Menschen in den verschiedenen Ländern beschäftigen. Im Anschluss an das Jugendforum möchten die Delegierten ­ mit den Stichworten «engagement missionnaire» und «témoignage» ­ Anregungen aus diesem internationalen Austausch zurückbringen. Am Jugendforum selber möchten sie aber auch ihre Erfahrungen einbringen; Olivier Dinichert beispielsweise möchte so für eine offene, für eine liberale Zukunft der Kirche einstehen.


"Laien": In der Seelsorge - In einer Sackgasse?

von Rolf Weibel

 

Das erste Treffen der in der Schweiz tätigen deutschsprachigen Laientheologen und Laientheologinnen hätte als «Pfingstpalaver 2000» Erwartungen an die Kirche zur Sprache bringen und eine neue Öffnung der Kirche fordern wollen. Wegen der ungenügenden Anzahl von Anmeldungen wurde das Treffen abgesagt. Zum einen war die Zeit zur Erarbeitung eines neuen, einer kleineren Zahl von Teilnehmenden angepassten Programms zu knapp, und zum andern wäre das «Pfingstpalaver 2000» als Zeichen, das es auch hätte sein sollen, zu schwach ausgefallen.
Angeschrieben hatte die aus Vorstandsmitgliedern der Laientheologen- und -theologinnen-Vereinigungen der deutschsprachigen Bistümer der Schweiz bestehende Vorbereitungsgruppe 738 Seelsorgerinnen und Seelsorger; mit der Einladung zur Teilnahme war die Bitte verbunden, sich nicht nur an-, sondern gegebenenfalls auch abzumelden, das heisst den Grund einer Nichtteilnahme mitzuteilen. Von den Eingeladenen haben sich dann 65 angemeldet und 78 abgemeldet, die übrigen rund 80% haben sich überhaupt nicht gemeldet. Die grosse Zahl unbeantworteter Einladungen hat die Vorbereitungsgruppe und dann auch die übrigen am Jahrestreffen teilnehmenden Vorstandsmitglieder sehr beschäftigt. Um in der Berichterstattung darüber möglichst viele Gesichtspunkte einbringen zu können, haben sich fünf Vorstandsmitglieder mit der SKZ zu einem längeren Gespräch über den Kontext des abgesagten «Pfingstpalavers 2000» getroffen: aus dem Bistum Basel Jürgen Heinze und Thomas Markus Meier, aus dem Bistum Chur Ursi Uhl, aus dem Bistum St. Gallen Bruno Schmid und aus dem Bistum Lausanne, Genf und Freiburg Marcel Jean Bischof.

Vom Vorschlag einer Synode zur Idee eines «Palavers»

Für das Treffen vorbereitet worden waren zehn Ateliers zu Themen, die den in der Pastoral tätigen Laien immer wieder begegnen und die sie «nicht in Ruhe lassen» dürfen, wie für die Einladung formuliert worden war. Im Grunde genommen wären diese Themen aber nicht nur von Laientheologinnen und Laientheologen und auch nicht nur von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, sondern von allen Gläubigen anzugehen. Der Vorstand der Laientheologen- und -theologinnen-Vereinigungen der deutschsprachigen Bistümer der Schweiz hatte denn auch vor zwei Jahren der Schweizer Bischofskonferenz eine gesamtschweizerische Synode vorgeschlagen, die diese Fragen aufnehmen könnte, zumal unter Seelsorgern und Seelsorgerinnen zunehmend Resignation festzustellen war.
Der Vorschlag wurde nicht einfach abgelehnt, der Vorstand wurde aber immer wieder auf später vertröstet: bis die Churer Wirren bereinigt seien, bis die Bistumsprojekte abgeschlossen seien... So entschloss sich der Vorstand, anstehende Fragen um die Zukunft der Kirche in einem ersten Schritt unter Laientheologinnen und -theologen zur Sprache zu bringen und so aufzuwerfen. Wohl sollten dabei auch Schwierigkeiten mit der eigenen beruflichen Identität aufgenommen werden, vor allem aber auch Fragen, die die Leute beschäftigen; so wollten die Laientheologinnen und -theologen nicht schweigen und nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Leute etwas tun. Das geringe Interesse an der auf diese Weise zustande gekommenen Idee des «Pfingstpalavers 2000» hat den Vorstand zum Nachdenken genötigt. Wohl ist der Pfingstmontag, der wegen der ekklesiologischen Bedeutung des Pfingstfestes bewusst gewählt wurde, für manche Seelsorgerinnen und Seelsorger wegen pfarreilicher Anlässe oder familiären Verpflichtungen ein ungünstiger Tag. Rückfragen mit Kolleginnen und Kollegen haben aber auch zutage gebracht, dass ein überpfarreiliches Engagement von vielen Pastoralassisentinnen und -assistenten nicht mehr in Betracht gezogen wird: Man hat in der Pfarrei seine Nische gefunden, in der man sich wohl engagiert, in die man sich aber auch zurückzieht; Überpfarreiliches bringe eh nichts. Es wird ein Reformstau festgestellt, aber die Hoffnung, dass mit seiner Abtragung begonnen werden könnte, wurde aufgegeben.

Das Scheitern als Alarmzeichen

Anzeichen für Rückzug und Resignation werden in den Vereinigungen der Laientheologinnen und -theologen schon länger festgestellt; dafür gebe es allerdings mehr Anzeichen, mehr Indizien als harte Fakten. Die Gesprächsteilnehmer beklagten sich nicht nur über einen Mangel an Ermutigung, sondern wiesen auch auf entmutigende Zeichen hin. Dazu gehört für sie der zahlenmässige Rückgang von Theologiestudierenden wie das Wissen darum, dass Pastoralassistentinnen und -assistenten nach einer ausserkirchlichen Erwerbsarbeit Ausschau halten. Zum einen deute das darauf hin, dass sich das innerkirchliche Klima zunehmend verenge, zum andern scheint sich hier eine Entwicklung anzubahnen, die langfristig schlimme Folgen haben kann. Ein anderes Indiz für Rückzug wird darin gesehen, dass erfahrene Pastoralassistenten und -assistentinnen im Team einer grossen Pfarrei bleiben, wenn das Verhältnis zum Pfarrer gut ist, und sich nicht für eine Gemeindeleitung bewerben.
Die Pastoralassistentinnen und -assistenten wissen genau, dass den Bischöfen in bestimmten Fragen die Hände gebunden sind. Im Verhältnis zu den Bischöfen macht ihnen nicht diese Tatsache zu schaffen, sondern wie die Bischöfe damit umgehen, wie sie die weltkirchlichen Vorgaben kommunizieren. Auch für diesbezügliche Enttäuschungen gibt es Indizien. Wegen ungenügender Beteiligung musste dieses Jahr im Bistum Basel die Laientheologen- und -theologinnentagung erstmals abgesagt werden. In einer Umfrage antworteten 25 von 30 Angefragten auf die Frage, ob ihnen im Programm die Begegnung mit der Bistumsleitung gefehlt habe, mit nein. Wird von einem Austausch mit der Bistumsleitung so wenig erwartet? Ist hier eine «innere Auswanderung» im Gang, mit der nach oben gebrochen wird?
Die Pfarreiarbeit brauche Visionen, aus der sich Perspektiven ergeben, ist einhellige Überzeugung; einhellig wird aber auch beklagt, dass Visionen von oben abgebremst, jedenfalls nicht unterstützt werden. Eine Unterstützung würden die in der Pfarreiarbeit tätigen Laien aber erwarten, weil sie sich ­ gut katholisch ­ eigentlich nicht auf die Pfarrei zurückziehen wollten. Auch stellen sie eine durch den Priestermangel verursachte Gefährdung katholischer Spiritualität mit Sorge fest. Durch das Verwalten des Mangels sei überhaupt viel Substanz gefährdet, zumal dann, wenn die vom Kirchenrecht gegebenen Möglichkeiten ­ Eheassistenz und Taufbeauftragung zum Beispiel ­ nicht so genutzt werden bzw. genutzt werden können.

Wozu beauftragt?

Den am Gespräch Teilnehmenden war sehr wohl bewusst, dass sich nur wohlhabende Kirchen Pastoralassistenten und -assistentinnen leisten können. Es wurde aber auch davon gesprochen, dass die Entwicklung zumal in der deutschen Schweiz an einem kritischen Punkt angekommen ist. Entweder muss ein Schritt wirklich nach vorne getan werden können oder es muss ein Schritt zurück getan werden, weil sonst alle Betroffenen das Gleichgewicht verlieren, wurde etwa gesagt.
Wer zur Leitung einer Gemeinde beauftragt werde, müsste auch zur Taufe, zur Eheassistenz und sogar zur Eucharistiefeier beauftragt werden. Denn sonst gehen diese Zeichen unwiederbringlich verloren. Unter den heutigen Umständen werde aus einer priesterlosen Gemeinde eine eucharistielose Gemeinde, so dass sich die Frage stelle, ob der Zölibat oder die Eucharistie gerettet werden soll. Zudem würden die Gläubigen immer weniger verstehen, wie die Ordination nicht nur eine Beauftragung beinhalte, sondern einen Stand begründe, und wie also zwischen Person und Amt zu unterscheiden sei.
Hierbei gehe es um die grundsätzliche Verfassung der Kirche; zu Resignation führe nicht die Grundsatzfrage, sondern der Sachverhalt, dass sie nicht aufgenommen werde. Zu Resignation führe aber auch, dass über Fragen, die die Pastoralassistentinnen und -assistenten betreffen, ohne deren Beteiligung verhandelt würde. Dies sei einer der Gründe, weshalb sie sich nicht erst genommen fühlten.

Zukunft der Kirche bei uns

Noch grundsätzlicher wurde das Gespräch, nachdem es sich um die Zulassungsbedingungen zum Priestertum und zum Verhältnis von sakramentaler Ordination und bischöflicher Beauftragung gedreht hatte, als gefragt wurde: «Ist, was uns Pastoralassistentinnen und -assistenten wichtig ist, auch den Pfarreien wichtig? Oder sind diese in ihrem religiösen Bewusstsein vielleicht schon an einem andern Ort?»
Die Frage der Gemeindeleiterin bzw. des Gemeindeleiters einer Pfarrei ohne Priester am Ort nach ihrem bzw. seinem Ort in der verfassten Struktur der Kirche ist nicht nur die Frage nach einem Berufsbild, sondern auch und vor allem die Frage nach der «lebendigen Gemeinde»: Pfarreiangehörige, die auf eine Eucharistiefeier nicht verzichten wollen, nehmen auswärts an einem Gottesdienst teil und fehlen dann der Ortspfarrei. Noch drängender und bedrängender wird diese Frage, wenn die Beteiligung am Leben der Pfarrei stark zurückgeht, wenn zunehmend nur mehr die Kasualien ­ Hochzeit, Taufe, Beerdigung ­ gefragt sind. Hier kann ein pastoraler Mitarbeiter bzw. eine pastorale Mitarbeiterin keine Wunder wirken, er bzw. sie kann aber die Freiwilligen, auf die eine lebendige Kirche angewiesen ist und bleibt, begleiten, anregen und unterstützen.

Vom «Palaver» zur «Synode»

Das Gespräch über das abgesagte «Pfingstpalaver 2000» hatte etwas von einem «Jammerpalaver». Zu tun hat dies gewiss damit, dass sich (noch) keine Perspektiven abzeichnen. Noch mehr zu tun hat es aber wohl damit, dass den Pastoralassistenten und -assistentinnen das innerkirchliche Gespräch, wie es heute geführt bzw. nicht geführt wird, nicht genügt, so dass sie den Eindruck haben, allein auf einem schwierigen Weg zu sein. Am Anfang stand der Wunsch nach einer Synode. Dieser Wunsch scheint mir als Wunsch nach einem wirklichen und so auch erfahrbaren «Miteinander-auf-dem-Weg-Sein» nicht nur höchst berechtigt, sondern dringend.


Sie kamen von überall her, um Christus zu begegnen

von Heidi Widrig

 

Bischof Norbert Brunner und Abt Joseph Roduit von St-Maurice stand die Freude förmlich ins Gesicht geschrieben, als sie am Freitagabend in der Kathedrale von Sitten gemeinsam das dreitägige Bistumsfest vom 16. bis 18. Juni 2000 eröffneten. Über 6000 Gläubige folgten am Sonntag der Einladung auf den Kasernenplatz zur feierlichen Eucharistiefeier mit der Priesterweihe des Diakons Konrad Rieder aus Wiler. Die drei Tage ­ mit dem Volksfest, den kulturellen Höhepunkten und dem Kinder- und Jugendfest ­ standen unter dem Motto «Christus begegnen».

Das Bistumsleben

Im Gegensatz zu olympischen Spielen, die meist mit sehr aufwendigem Pomp eröffnet werden, betonte Bischof Norbert Brunner, habe er für das Bistumsfest diese schlichte Feier mit einer Segensandacht gewählt. «Wir haben nicht unsere Errungenschaften zur Schau zu stellen, wir feiern nicht unsere sportlichen Leistungen. Wir stellen uns schlicht und einfach unter den Schutz Gottes.» Und er munterte die Anwesenden auf, sich während diesen drei Tagen aufzumachen, um Christus zu begegnen. «Beten wir dafür, dass diese Tage des Jubels und der Freude zur wirklichen Begegnung mit Christus werden, zu einer Begegnung, die uns neue Kraft und neue Freude auf unserem Weg in die Zukunft geben wird.» Diese Atmosphäre der gemeinsamen und persönlichen Begegnungen war während den drei Tagen handgreiflich zu spüren.
Die Festveranstaltungen vom Freitag und Samstag spielten sich alle im Zentrum der Stadt Sitten ab. So gab es einen Ort der Begegnung, an dem sich die Seelsorgedienste, die Ordensleute, die Dienststelle für kirchliche Berufe, die religiösen Zentren des Bistums, die Familien- und Jugendpastoral sowie kirchliche Gruppierungen darstellten. Damit ver-bunden war ein Quiz-Wettbewerb. Wer sich daran beteiligte, kam nicht darum herum, an den verschiedenen Ständen mit den anwesenden Betreuern ins Gespräch zu kommen. Im Pfarreizentrum der Pfarrei St. Theodul konnten die Gläubigen eine Bibelausstellung ­ 2000 Jahre Christentum ­ mit vielen besonderen Schwerpunkten besuchen.

Jugend und Kultur

«Christus kann man auf verschiedene Arten begegnen, beispielsweise auf einem Strassenfest, wie wir es organisiert haben.» So prägnant beschrieb der OK-Präsident für das Jugendprogramm, Christoph Allet, den Zweck des Jugendfestes. Der Startschuss fiel, als Bischof Norbert Brunner auf die Bühne stieg und sein Wort an die Jugendlichen richtete. Im Verlaufe des Abends nahm die Rue du Grand Pont immer mehr die Ambiance eines Open-Air-Festivals an. Die Nacht begann mit dem Konzert der Rockband «Totus Tuus» aus Frankreich auf der Planta. Das Jugendfest am Samstag bot für jeden Geschmack etwas. Um Mitternacht machten sich über 200 Jugendliche mit dem Bischof von Sitten und dem Abt von St-Maurice auf den Weg. In einem Fackelzug stiegen sie hinauf auf den Hügel von Valeria, wo sie einen Apfelbaum pflanzten und eine Andacht in der Basilika «Unsere Liebe Frau von Valeria» feierten. Danach verweilten Gruppen von Jugendlichen stundenweise abwechselnd in stillem oder gesungenem Gebet in der Basilika bis in die Morgenfrühe.
Neben dem Jugendfest gab es am Samstagnachmittag und -abend auch ein kulturelles Angebot für die Erwachsenen. Am Abend fand in der Kathedrale das «offizielle Konzert zum Jubiläumsjahr 2000» statt, das die Spitze dessen bot, was im Land des Rotten in Sachen kirchlichen und profanen Gesanges existiert.

«Das menschliche Antlitz Gottes zeigen»

Der feierliche Gottesdienst am Sonntag war der religiöse Hauptanlass des Bistumsfestes. Dem Festgottesdienst stand Bischof Norbert Brunner vor. Mit ihm konzelebrierten der Abt von St-Maurice, Joseph Roduit, sein Amtsvorgänger Bischof Henri Salina, die Erzbischöfe André Perraudin und Nuntius Peter Zurbriggen, Propst Benoît Vouilloz vom Grossen St. Bernhard, die Generalvikare, das Domkapitel, die Dekane sowie rund 150 Priester aus dem Bistum. Unter den über 6000 Gläubigen befanden sich auch Vertreter der Politik: Nationalräte, Staatsräte, der Staatskanzler, Grossräte, Gemeindepräsidenten und selbstverständlich das Organisationskomitee für das Bistumsfest, das unter der Präsidentschaft von Anselme Pannatier wirkte.
Der Priesteramtskandidat Konrad Rieder hat sein Priesterleben unter das Motto «Das ist mein Gebot: liebt einander, so wie ich euch geliebt habe» gestellt, das am Zelebrationsaltar gross aufgemacht war.
Stefan Roth, Regens des Priesterseminars von Sitten, schlug dem Bischof Konrad Rieder zur Weihe vor. Dies tat auch die Präsidentin des Pfarreirates von Visperterminen, die Konrad Rieder von seinem Pastoraljahr, das er dort absolviert hat, gut kannte. Nach der Bestätigung und Zulassung zur Priesterweihe gab es für ihn grossen Applaus aus der Bevölkerung. Nach dem Versprechen, dem Bischof und dem Volke Gottes treu zu dienen, war zweifellos die Handauflegung des Bischofs, der anwesenden Bischöfe und Priester ein ganz speziell feierlicher und erhebender Moment für alle.
Zu Beginn seiner Predigt stellte Bischof Norbert Brunner den Anwesenden die Frage, ob sie nun gestern, heute oder schon früher Christus wirklich begegnet seien. Ausgehend von den biblischen Lesungen des Dreifaltigkeitssonntages, die Menschen vor Augen stellen, die Gott dem Vater, seinem Sohn und der Kraft des Heiligen Geistes begegnet sind, wie zum Beispiel Mose, ging der Bischof auf Christus ein, der in die Welt gesandt wurde, um uns Gottes menschliche Antlitz, das Gesicht seines Vaters zu zeigen. «Erst seit Christus wissen wir nicht nur den Namen Gottes, sondern wir kennen auch sein Antlitz.» Und dann habe Christus die Apostel ausgesandt, diese Frohe Botschaft überall zu verkünden. Der Bischof fuhr fort: «Von nun an werden die Jünger in aller Welt Zeugen dieses Namens sein; sie werden allen Menschen von jenem Antlitz Gottes reden... vor allem in jenen Welten, in denen der Name Gottes vergessen und wo sein wahres Antlitz zu einem Zerrbild geworden ist... Wo Gott seinen Namen verloren hat, wo sein Name nicht mehr gekannt wird, da kann auch der Mensch seinen Namen nicht mehr kennen und nicht mehr tragen... Wo das menschliche Antlitz Gottes nicht mehr gesehen werden will, wo es von Menschen verhüllt oder entstellt wird, da verliert auch der Mensch sein Ðgöttlichesð Gesicht.» Und Bischof Norbert Brunner stellte die Frage: «Leben wir heute in einer solchen ÐGottesnamen-losenð Welt, in einer Ðgesichtlosenð Zeit? Können wir in einer solchen Welt Christus wirklich begegnen?» Diese Frage bedränge viele Menschen und könne nur eine Antwort finden, wenn der Fragende fest in jenem Gott verankert sei, wie er sich in Jesus Christus gezeigt habe.
«ÐChristus begegnenð wird uns heute besonders in der Priesterweihe unseres Mitbruders Konrad Rieder zuteil», fuhr der Bischof in seiner Predigt fort und richtete nun noch ein persönliches Wort an Konrad Rieder und seine Familie. Den Anwesenden rief Bischof Norbert Brunner zu: «Geben wir unserer Welt und unserer Zeit Gottes menschliche Antlitz zurück, das geprägt ist von der Liebe, die der Heilige Geist ist.»
Am späten Nachmittag schloss das Bistumsfest mit viel Freude, Gesang und der Entfachung eines Fakelstrausses ­ damit das Feuer weitergetragen wird und weiterbrennt.

 

Heidi Widrig ist Miarbeiterin namentlich des Informationsdienstes im Bischöflichen Ordinariat Sitten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000