26/2000

INHALT

Kirche in der Schweiz

Verwalter des Hauses Gottes

von Rolf Weibel

 

Am Hochfest des Leibes und Blutes Christi hat der französischsprachige Teil des Bistums Basel ­ «le Jura pastoral» ­ seinen Bischofsvikar Denis Theurillat dem ganzen Bistum abgetreten, ohne ihn zu verlieren, bemerkte Bischof Amédée Grab als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz in seinem Grusswort im Schlussteil des Weihegottesdienstes. Auch in die mehr als dreistündige Feier brachte die sprachliche Minderheit ihr Idiom und ihre Musikkultur weit stärker ein als in der Kathedrale St. Urs und Viktor in Solothurn sonst üblich. Und so beschloss der Apostolische Nuntius, Erzbischof Pier Giacomo De Nicolò, sein Grusswort mit dem Vortrag eines selber verfassten Liedes in französischer Sprache auf Notre-Dame du Vorbourg.
Vorgestellt wurde der Weihekandidat Denis Theurillat<1> von Vincent Eschmann, dem Präsidenten des Seelsorgerates des Jura. Er habe Denis Theurillat als Jugendseelsorger kennen gelernt und könne bezeugen, wie nahe er den Menschen sei, insbesondere jenen, die zu leiden haben. Denis Theurillat sei aber auch ein Bruder, verwurzelt im heimatlichen Doubs-Bogen, voll Freundlichkeit, Güte und Freude.

Dienst an der Einheit

Die Lesung 2 Tim 1,1­3.6­12 und das Evangelium Joh 21,1­15­19 legte Bischof Kurt Koch in seiner Homilie unter dem Motto «Liebender Verwalter des Hauses Gottes» aus. Von der Frage des Auferstandenen an Petrus: «Liebst du mich?» ausgehend, bezeichnete er die Liebe, mit der Jesus Christus selber liebt, als Wesen und Bedingung von Kirche und kirchlichem Amt. Die Kirche wie der Bischof haben diese bis zum Äussersten gehende Liebe Jesu Christi sichtbar darzustellen und wirksam zu bezeugen. «Das Bischofsamt ist kirchlicher Dienst für den Dienst Jesu Christi an seiner Kirche.» Der bischöfliche Dienst könne deshalb nicht allein und nicht prioritär aus den Bedürfnissen der Kirche und ihrer Glieder abgeleitet werden. Anderseits müsse sich die Liebe des Bischofs zu Christus auch in seine Liebe zur Kirche übersetzen und konkretisieren. In ein Bild übersetzt: Der Bischof sei dazu berufen, ein guter Verwalter des Hauses Gottes zu sein.
Die Hauptaufgaben des Bischofs als treuer Verwalter seien nähren und wachen. Die bischöfliche Aufgabe des Nährens bestehe zuerst und zuletzt in der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi. Die Aufgabe des Wachens bestehe darin, «für die gesunde Lehre einzutreten, sich stark zu machen für das von den Aposteln uns überlieferte kostbare Gut und den apostolischen Glauben zu bezeugen». Angesichts der und mitten in der Vielfalt heutiger Theologien sei der Bischof verpflichtet, die Frage und die stets neue Suche nach dem gemeinsamen Glauben der Kirche anzumahnen und einzufordern. Wohl gehe es dabei auch um Falschlehren, es gehe aber vor allem um das, was Bischof Joachim Wanke als «kleinkarierte Lehre» bezeichnet, nämlich die Einseitigkeiten sowohl in progressistischer als auch in traditionalistischer Richtung. Angesichts der Grabenkämpfe zwischen traditionsvergessenen Traditionalisten und im 19. Jahrhundert lebenden Progressisten liege die vorrangige Aufgabe des Bischofs darin, «die kleinkarierte Spreu vom Weizen des Glaubens zu sondern» und dafür zu sorgen, «dass im kirchlichen Leben die katholische Mitte gewahrt werden kann».
Nähren und wachen liessen sich darin zusammenführen, «dass dem Bischof in besonderer Weise die Verantwortung für die vom Auferstandenen gewollte Einheit der Kirche aufgetragen ist». Der Dienst an der Einheit der Kirche schliesse heute vor allem auch die Sorge dafür ein, dass die Kirche in ihrer bunten Vielfalt und weiten Einheit wahrgenommen werden könne. «Ein Bischof wird seiner Verantwortung deshalb nur gerecht, wenn er ein apostolischer Mensch ist, der die Apostolizität der universalen Kirche in der Ortskirche vertritt, und zugleich ein katholischer Mensch, der die Katholizität der Ortskirche in der Universalkirche repräsentiert.»
Diese grundlegende Spannung zwischen der Ortskirche und der Universalkirche auszuhalten und durchzutragen mache das eigentliche Kreuz eines Bischofs heute, vor allem in Westeuropa, aus. Im Tragen dieses Kreuzes könne er nicht selten die Erfahrung machen, die im Wort des Auferstandenen an Petrus vorgezeichnet sei: «...ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst». Die amtliche Form der Nachfolge sei indes weder besser noch schlechter als die Nachfolge aller Getauften. Mit ihr sei jedoch die besondere Verantwortung verbunden, ein liebender treuer Verwalter des Hauses Gottes zu sein ­ eine Verantwortung, die auch einer besonderen Fürbitte bedürfe.

Einander auf dem Weg begleiten

Die Verantwortung des neuen Weihbischofs brachte die Präsidentin des Seelsorgerates des Bistums Basel, Renate Falk-Fritschi, in ihrem Grusswort im Schlussteil des Weihegottedienstes in das Bild «Wegbegleiter auf dem Weg für eine lebendige Kirche». Darauf antwortete sie mit der Zusage des Seelsorgerates, seinerseits Wegbegleiter zu sein, und mit dem Wunsch, immer treue Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter zu haben. Als Zeichen dafür, dass er auf die Frauen und Männer des Diözesanen Seelsorgerates als Wegbegleitung zählen könne, überreichte sie ihm ein kleines Rad mit der Anregung: «Vielleicht findet es Platz an Ihrem Bischofsstab, damit es Sie immer daran erinnert, dass wir gemeinsam auf dem Weg sind.» Weil der lebendige Gott auf diesem Weg begleitet, bat sie den Neugeweihten, alle im Namen des Dreifaltigen Gottes zu segnen.
In seinem Schlusswort dankte Weihbischof Denis Theurillat allen, die ihn bis zur Weihe begleitet haben, und allen, die die Feier möglich gemacht haben. Nachdrücklich stellte er drei Begriffe heraus, die für ihn wichtig sind: Evangelium, Liebe, Kirche. Das Evangelium nicht nur verkünden, sondern auch und vor allem leben, nach seinem Leitwort: wagen.<2> Die Liebe überwindet Schwierigkeiten und sprengt Grenzen. Der Ruf zur Nachfolge heisst: Schliesst euch zusammen. Deshalb sind dem neuen Weihbischof die Einheit aller Getauften und das Gespräch mit allen Menschen besondere Anliegen.<3>


Anmerkungen

1 Zur Person: «Weihbischof Denis Theurillat», in: SKZ 168 (2000) Nr. 18, S. 284f.

2 «Au risque de l'Évangile».

3 Nach der Feier der Bischofsweihe begaben sich die Gäste zur weltlichen Feier ins Landhaus, wo namentlich die Vertreter von Schwesterkirchen, Kantonsregierungen und staatskirchenrechtlichen Körperschaften zu Wort kamen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000