23-24/2000 | |
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Kirche in der Schweiz |
Dass anlässlich des Rücktritts von Anne-Marie Holenstein als Direktorin des Fastenopfers kurzfristig zu einem Mediengespräch eingeladen wurde, zeigt den Stellenwert, den das «Katholische Hilfswerk Schweiz» diesem Vorgang auch selber beimisst. Anne-Marie Holenstein legte dar, wie es zu der Vertrauens- und Führungskrise gekommen ist, die sie zur Kündigung veranlasst hat, während Bischof Ivo Fürer als Präsident des Stiftungsrates und Zeno Cavigelli als Mitglied des Leitenden Ausschusses den Weg skizzierten, der zur Überwindung der Krise gegangen werden soll. Einleitend betonte Anne-Marie Holenstein, sie sei kein Frauenopfer in einer Männerkirche, der zweckbestimmte Einsatz der Spendengelder sei weiterhin gewährleistet und sie bleibe bis Ende Jahr im Amt und wolle in dieser Zeit auch ihren Beitrag zur Aufarbeitung der Krise leisten.
Akut geworden ist für die Direktorin des Fastenopfers die Vertrauenskrise,
als der Stiftungsrat (das Leitungsorgan) im November 1998 gegenüber
der Zentralstelle (dem Ausführungsorgan) und insbesondere gegenüber
dem Leiter des Bereichs Süden Misstrauen zum Ausdruck gebracht hatte.
Dabei wurden Ängste geäussert wie: die Pastoralarbeit im Süden
werde zu Gunsten der Entwicklungsarbeit benachteiligt, die Kirchlichkeit
von Mitarbeitern wurde bemängelt und auch sonst gab es Behauptungen
auf Grund von den Bischöfen im Stiftungsrat zugetragenen Informationen,
deren Herkünfte und Inhalte indes nie offen gelegt und von Mitarbeitenden
zum Teil als interne Denunziationen wahrgenommen wurden.
Im April 1999 beschloss der Stiftungsrat an einer ausserordentlichen Sitzung,
die Fragenkreise Kirchlichkeit und Missionsverständnis anzugehen. Zur
Kirchlichkeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Fastenopfers konnten
bereits an der Novembersitzung 1999 die Grundsätze einstimmig verabschiedet
werden, denen die vom Fastenopfer gepflegte Praxis indes schon vorher entsprach:
«Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fastenopfers bejahen die katholische
Kirche und arbeiten loyal mit ihren zuständigen Vertreterinnen und
Vertretern zusammen. Sie haben gute Kenntnis der katholischen Kirche. Dies
ist insbesondere erforderlich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
die Missions- und Inlandprojekte bearbeiten.»
Zur Frage des Missionsverständnisses wurde an der Aprilsitzung 1999
eine Arbeitsgruppe unter der Leitung der Präsidentin der Expertenkommission
Mission (ein Prüfungsorgan), Sr. Ingrid Grave OP, eingesetzt. Einen
Bericht abgeliefert hat dann aber nicht diese Arbeitsgruppe, sondern ihre
beiden bischöflichen Mitglieder, Abt Georg Holzherr und Bischof Norbert
Brunner (die Ortsbischöfe und die Äbte der beiden Gebietsabteien
stellen die eine Hälfte des Stiftungsrates). In diesem Bericht, so
Anne-Marie Holenstein, seien wieder Vorwürfe gegen den Leiter des Bereichs
Süden, Mark Schmid, erhoben worden, allerdings ohne sie zu belegen
und ohne mit ihm gesprochen zu haben; diese gipfelten in der Empfehlung,
ihm und noch weiteren Mitarbeitern die Kündigung nahe zu
legen bzw. ihn zu entlassen. Dazu wurde für die Pastoralarbeit mit
dem Süden die Vorschrift vorgeschlagen, als Partner nur noch Bischöfe,
Bischofskonferenzen oder bischöfliche Einrichtungen zu wählen
während das Fastenopfer heute auch noch mit vielen Basisbewegungen
und Organisationen zusammenarbeitet. Dieser Bericht hat die Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter des Fastenopfers beunruhigt und er hat bereits zum Ausscheiden
von Mark Schmid geführt.
Auf der Leitungsebene nimmt die Verwaltungskommission neben der
Kontrollstelle die Aufsicht wahr. Ihr wurde vom Stiftungsrat schon
länger vorgeworfen, sie stehe der Geschäftsführung zu nahe.
Dennoch wurde es als Affront empfunden, als der Stiftungsrat an der Novembersitzung
1999 die Präsidentin der Verwaltungskommission, Ursula Sury, abwählte.
Damit wurde für Anne-Marie Holenstein der Stiftungsrat auf der operationellen
Ebene unberechenbar.
Wie die sachlichen Konflikte von der Geschäftsführung anders als
vom Stiftungsrat angegangen wurden, ist für die Direktorin in den unterschiedlichen
Führungskulturen und -konzepten begründet; für sie steht
ein amtskirchliches einem professionellen Verständnis gegenüber.
Darin werde schliesslich ein Problem sichtbar, zu dem sich schon ihr Vorgänger
1984 in einem Papier geäussert hatte: Das Problem von Nähe und
Distanz zur Kirchenleitung. Die Chance der Nähe von Fastenopfer und
Kirchenleitung sei die Möglichkeit des Austausch, ihre Gefahr die Hierarchieabhängigkeit,
stellte schon Ferdinand Luthiger fest.
Als Präsident des Stiftungsrates brachte Bischof Ivo Fürer
das Bedauern des Fastenopfers über die Kündigung von Anne-Marie
Holenstein zum Ausdruck. Sie habe Effizienz und Professionalität zum
Tragen gebracht, und die Seriosität der Arbeit des Fastenopfers sei
nie zur Diskussion gestanden. Nach der Kündigung habe der Leitende
Ausschuss des Stiftungsrates bestehend aus den Bischöfen Ivo
Fürer und Norbert Brunner sowie Dr. Zeno Cavigelli und Prof. Urs Altermatt
der Direktorin einstimmig das Vertrauen ausgesprochen.
Die im Fastenopfer anstehenden Probleme seien Probleme der allgemeinen kirchlichen
Entwicklung, mit denen er auch als Ortsbischof konfrontiert sei, erläuterte
Bischof Ivo Fürer, und zutage träten sie in sensiblen Bereichen.
Dabei gehe es um die Spannung zwischen dem Weg, wie die Menschen angesprochen
werden können, und der Botschaft, die dabei auszurichten sei. Bei den
Auseinandersetzungen im Fastenopfer gehe es um die berechtigte Frage nach
dem Spezifischen eines kirchlichen Hilfswerkes. Leider sei dabei die wünschbare
Transparenz nicht zu erreichen gewesen, und das Klima sei in einem menschlich
fast unzumutbaren Ausmass von Spannungen und Emotionen belastet worden.
Wenn Anne-Marie Holenstein aber sage, sie könne den vom Stiftungsrat
eingeschlagenen Weg nicht mitgehen, so müsse er doch daran erinnern,
dass Bischofskonferenzen nicht immer eine Einheit bilden würden. In
Bezug auf die Pastoralzusammenarbeit mit dem Süden sei nur zu verlangen,
was von der Kirchlichkeit im Allgemeinen gesagt wurde.
Ein Grund, dass die Sachfragen bisher nicht besser angegangen wurden, sei
die Schwerfälligkeit der Strukturen; diese gelte es nun zu überprüfen.
Ausdrücklich dankte Bischof Ivo Fürer der Direktorin für
ihre Bereitschaft, zur Aufarbeitung der Krisensituation einen Beitrag zu
leisten.
Auch Zeno Cavigelli stellte die aktuelle Auseinandersetzung in einen grösseren
Zusammenhang. Während das Fastenopfer in einer Aufbruchstimmung und
im Vertrauen der Laien auf eine gute Zusammenarbeit mit den Bischöfen
gegründet worden war, sind heute die Zeiten der Aufbruchstimmung vorbei;
ist heute gegenüber grossen Institutionen Skepsis weit verbreitet,
sind vor allem auch die Organisationsform und das Selbstverständnis
des Fastenopfers komplex geworden. Das Hilfswerk ist heute in der Schweiz
ein Identifikationsfaktor und für Menschen des Südens ein Hoffnungsträger;
das Fastenopfer prägt die Kirche in der Schweiz nachhaltig mit, und
für die Bischöfe ist es entsprechend wichtig. Darum sind die Kompetenzen,
dem Salomonischen Urteil durchaus vergleichbar, austariert, erklärte
Zeno Cavigelli; dabei würden sich heute gleichsam Vertreter der Kirche
als Institution und Vertreter der Kirche als Ereignis gegenüberstehen.
Nachdem in der Frage der Kirchlichkeit eine Klärung herbeigeführt
werden konnte, soll in nächster Zeit das Missionsverständnis zu
klären versucht werden. Dabei soll es nicht um eine akademische Begriffsklärung
gehen, sondern um die Lösung der damit zusammenhängenden Organisations-
und Führungsfragen. In einer Weltkirche komme auf Seiten der Bischöfe
die Kollegialität zum Tragen, eine Loyalität der Bischöfe
untereinander, und auf der andern Seite werde von einem in der Welt tätigen
Hilfswerk eine entsprechende Professionalität erwartet; hier bewege
sich das Fastenopfer auf einem anderen Terrain, habe es doch beispielsweise
mit dem Staat (der DEZA) als Partner zu tun. Die Klärung der mit dem
Stichwort «Missionsbegriff» gemeinten Fragen soll nicht auf
einem gutachterlichen Weg, sondern in einem Prozess gefunden werden. Dabei
sollen auch Geschichte und Umfeld des Fastenopfers betrachtet werden: Das
Verhältnis von Mission und Entwicklung in der Fastenopfergeschichte,
die jüngste Geschichte der Missionstheologie, die entsprechenden Positionen
benachbarter Werke wie Caritas, Missio, Missionsgesellschaft Bethlehem.
Vorgesehen sei, alle diese Vorarbeiten in einem Hearing zusammenzubringen.
Antworten auf Rückfragen konnten das in den drei Referaten Ausgeführte
noch verdeutlichen und konkretisieren. Das Fastenopfer habe gewissen Befürchtungen
der Bischöfe in Bezug auf den Inlandteil bereits dadurch Rechnung getragen,
dass die Expertenkommission Inland auf Vorschlag der Direktion dem Pilotprojekt
«Leistungsvereinbarung» zugestimmt hat. Auch zur Lösung
von Loyalitätskonflikten der Bischöfe im Bereich Süden gebe
es Vorschläge; zum Beispiel: wenn ein von einem Bischof eingereichtes
Projekt auf Grund von verbindlichen Kriterien, also auf Grund eines professionellen
Entscheids, nicht unterstützt werden könne und sich dieser Bischof
dann im Vertrauen auf die bischöfliche Kollegialität
an einen Bischof in der Schweiz wendet, könnte für einen solchen
Fall eine Beschwerdeinstanz eingerichtet werden.
Nach so viel Harmonie drängte sich die Frage nach dem Grund der Kündigung
noch stärker auf. Darauf antwortete Anne-Marie Holenstein klar: Als
Direktorin müsste sie nun nicht nur die Geschäftsführung
des Fastenopfers weiter wahrnehmen, sondern überdies den Organisationsentwicklungsprozess
verantworten. Mit einem Stiftungsrat, der auf der operationellen Ebene unberechenbar
geworden sei, würde sie Gefahr laufen, in dieser Aufgabe zu scheitern.
Und dieses Risiko zu übernehmen sei sie nicht bereit.
Das deutschsprachige Dekanat St. Petrus Kanisius steht an einem Wendepunkt:
Noch in diesem Jahr beginnen neue Organisationsstrukturen Fuss zu fassen.
Die Einführung dieser neuen Dekanatsstrukturen und die Schwerpunkte
des neuen Bischofsvikars waren Themen der letzten Dekanatsversammlung.
Der Startschuss zur Neustrukturierung des deutschsprachigen Dekanates fiel
1994. Damals hat sich die Planungskommission (PLAKO), zuständig für
die Pastoral- und Personalplanung im deutschsprachigen Bischofsvikariat
des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg, zu einer Supervision entschlossen.
Diese Analyse zeigte, dass die PLAKO zu einem grossen Teil von Problemen
der Personalplanung beansprucht wurde und für die Pastoralplanung zu
wenig Zeit blieb. In der Folge wurden die Strukturen und Zuständigkeiten
aller Führungspersonen und Gremien des deutschsprachigen Dekanates
St. Petrus Kanisius überprüft und neu geregelt.
Neu werden Personalplanung und Pastoralplanung entflochten. Ab September
dieses Jahres wird ein Personalrat für die Personalplanung und -betreuung
verantwortlich sein. Die Pastoralplanung soll zukünftig von einer Pastoralplanungskommission
an die Hand genommen werden. Der bestehende regionale Seelsorgerat wird
aufgelöst und durch einen 30 bis 40 Personen umfassenden Pastoralrat
ersetzt, in dem Seelsorgeratsmitglieder, Pfarreiräte, Katechetinnen,
Priester und Laienseelsorger sowie ein Mitglied der Vereinigung der Pfarreien
Deutschfreiburgs vertreten sein werden. Drei wichtige Pfeiler der Neustrukturierung
sind also: Personalrat, Pastoralplanungskommission und Pastoralrat.
Ein wesentliches Anliegen der Neustrukturierung besteht darin, der Kirchenbasis
mehr Gehör zu schenken. So schreibt Bischof Bernard Genoud im Vorwort:
«Mit der vorliegenden Neustrukturierung soll vor allem dem Bischofsvikar
bzw. dem Bischof geholfen werden, die Probleme der Personalplanung und der
Pastoralplanung mit Rücksicht auf die Mitwirkung der Basis zu lösen.»
Am 1. September dieses Jahres wird der neue Bischofsvikar, Kurt Stulz,
sein Amt aufnehmen. An der Dekanatsversammlung informierte er die anwesenden
Priester, Seelsorgerinnen und Seelsorger über die Schwerpunkte seiner
Arbeit. Wichtige Stichworte: Dialog, Transparenz, Freude.
Schwerpunktmässig setzt Kurt Stulz Personalfragen an die erste Stelle.
In diesem Bereich bestehe für die Kirche in den kommenden Jahren grosser
Handlungsbedarf, betonte er. Auf Platz zwei folgt eine vorausschauende Pastoralplanung.
Als dritten Schwerpunkt erwähnte er die Arbeit im Bischofsrat und in
der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK). Den Anwesenden versprach
er, mit jedem Einzelnen ein persönliches Gespräch zu führen,
um Aufschluss zu erhalten über Befindlichkeit, Wünsche und Zukunftspläne
der in der Seelsorge Deutschfreiburgs Tätigen. Vorgesehen ist ausserdem
ein Besuch in jedem der fünf Pastoralsektoren des Dekanates. Last,
but not least soll die Revision der pastoralen Richtlinien aus dem Jahr
1985 auf dem Hintergrund der Ergebnisse der Diözesanversammlung AD
2000 an die Hand genommen werden. Weitere wichtige Anliegen des neuen Bischofsvikars
sind das interreligiöse Gespräch, eine neue Sakramentenpastoral,
Fragen der Liturgie und der Kommunikation.
Wie Rolf Maienfisch, Mitglied der PLAKO, anlässlich der Dekanatsversammlung informierte, wird der noch amtierende regionale deutschsprachige Seelsorgerat (DSR) am kommenden 24. Juni aufgelöst und am 22. September dieses Jahres der neue Pastoralrat konstituiert. In der Zwischenzeit sind die Pfarreien und verschiedenen Gremien aufgerufen, die Mitglieder des künftigen Pastoralrates zu wählen. Bischof Bernard Genoud hat das Dokument zur Neustrukturierung im vergangenen März genehmigt.
Marie-Thérèse Weber-Gobet ist Informationsbeauftragte des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg.