22/2000

INHALT

Kirche in der Schweiz

Basel: Kirche und Markt

von Rolf Weibel

 

Die Römisch-katholische Kirche des Kantons Basel-Stadt hat im letzten Vierteljahrhundert zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren, die Evangelisch-reformierte Kirche mehr als die Hälfte. Gleichzeitig hat sich das religiöse Umfeld markant verändert, sind doch die Muslime mit einem Anteil von 8% der Bevölkerung die drittgrösste Religionsgemeinschaft geworden. Die Mitgliederverluste der Kirchen sind nicht nur Austritte, sondern auch Folgen der Wanderungsverluste, insbesondere durch die Stadtflucht jüngerer Familien. In ihrem Ausmass sind die Kirchen dennoch in ihrer Substanz wie auch in ihrem Selbstverständnis als Volkskirchen betroffen.<1>

Die «Ökumenische Basler Kirchenstudie»

Für die Kirchen war diese Mitgliederentwicklung mit einem starken Rückgang der finanziellen Mittel verbunden, die auf die Länge durch Sparmassnahmen allein nicht aufgefangen werden können. Immer deutlicher zeigte sich die Notwendigkeit der Konzentration der Kräfte auf die Kernaufgaben bzw. eines wirkungsorientierten Einsatzes der verfügbaren Mittel. Zur Beurteilung der Wirkungen kirchlicher Tätigkeiten fehlten indes repräsentative und aussagekräftige Daten darüber, wie die Kirche mit ihren Anliegen in der breiten Bevölkerung des Stadtkantons wahrgenommen wird. Die Römisch-katholische Kirche regte deshalb eine Bevölkerungsbefragung an, die dann von beiden Kirchenleitungen in Auftrag gegeben und von einer interdisziplinären Projektgruppe aus Theologen und Marktforschern ­ unter der Leitung von Manfred Bruhn, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing und Unternehmensführung, am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel ­ durchgeführt wurde.
Der von dieser «Ökumenischen Basler Kirchenstudie» gewählte «Marketing»-Ansatz geht von der Erfahrung aus, dass sich Abnehmer von Leistungen dann positiv gegenüber (privatwirtschaftlichen wie öffentlichen) Institutionen verhalten, wenn sie mit diesen zufrieden sind. Entscheidende Voraussetzung einer hohen Zufriedenheit ist das Erreichen einer hohen Qualität des Leistungsangebotes. Unter Qualität wird dabei die Diskrepanz zwischen den Erwartungen an das Leistungsangebot und deren Erfüllung verstanden; eine hohe Qualität liegt also dann vor, wenn die Erwartungen der Abnehmer an die Leistungen voll und ganz erfüllt werden. Deshalb kann als Voraussetzung für den Erfolg von Institutionen die Erfolgskette Qualität-Zufriedenheit-Verhaltensabsichten gelten. So untersuchte denn auch die «Ökumenische Basler Kirchenstudie» die Qualitätswahrnehmungen der Basler Bevölkerung, die Zufriedenheit mit den beiden Kirchen sowie das Austrittsverhalten und die zukünftigen Verhaltensabsichten der Bevölkerung gegenüber den beiden Kirchen. In einem religionssoziologischen bzw. religionspsychologischen Untersuchungsteil wurde zudem mit Hilfe einer Auswahl zentraler Fragestellungen das religiöse Lebensgefühl der Basler Bevölkerung erhoben.

Die Qualität der kirchlichen Leistung

Die Ergebnisse der «Ökumenischen Basler Kirchenstudie» liegen in einem umfangreichen Berichtband vor,<2> Interpretationen der Studie aus der Perspektive des Marketing wie aus der Perspektive der Kirchen wurden in einem Kommentarband veröffentlicht,<3> und am 11./12. Mai 2000 schliesslich haben die beiden Kirchen und die Universität Basel ein Symposion durchgeführt, an dem unter der Leitung von Albrecht Grözinger, Ordinarius für Praktische Theologie an der Universität Basel, rund dreissig Fachleute aus den Bereichen Theologie sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften drei zentrale Themen eingehender diskutierten.<4>
Einführend betonte Albrecht Grözinger, dass mit der Basler Kirchenstudie die gesamte Bevölkerung unter der Marketingperspektive nach der Qualität der kirchlichen Arbeit gefragt wurde und dass dieser Ansatz zu kontroversen Perspektivierungen führe: empirisch-analytisches versus hermeneutisches Vorgehen, Marketingperspektive versus ekklesiologische Perspektiven, Bedürfnisse der Befragten versus theologische Qualifikation der Bedürfnisse, analytische Urteile versus normative Ansprüche.
Eine kontroverse Perspektivierung arbeitete in der ersten Themeneinheit ­ Wie bestimmt sich die Qualität des theologischen Dienstes/Produktes? ­ Edmund Arens, Ordinarius für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät Luzern, markant heraus. In seiner Antwort auf die Frage dieser Themeneinheit setzte er zunächst die Kundenzufriedenheit der Sachdienlichkeit entgegen: Kundenzufriedenheit als marketingmässiges Verständnis von Qualität versus Sachdienlichkeit als theologische Auffassung von Qualität. Gleichsam jenseits von Manfred Bruhn und Karl Barth bestimmte er selbst Qualität als eine kommunikative Grösse, bei der das Gelingen von Glaubenskommunikation im Mittelpunkt steht. Denn Glauben stellt für Edmund Arens «ein kommunikatives Handeln sowie ein interaktives Geschehen dar, das zwischen Menschen geschieht, das an bestimmten Orten und in bestimmten Kontexten stattfindet, das sich dabei verschiedener Medien bedient, damit bestimmte Inhalte zum Ausdruck bringt und bestimmte Absichten und Ziele verfolgt». Qualität in diesem Sinne könne nicht ohne Berücksichtigung des Subjektbezugs beurteilt werden; einbezogen werden müssten indes aber auch der Sach-, Kontext- und Medienbezug. Darum könne die Marketingperspektive höchstens in begrenztem Umfang Hilfestellung leisten; von ihrem empirisch-strategischen Ansatz her sei ihr das Urteil, ob und inwieweit Glaubenskommunikation gelingt, nicht möglich; zumal es bei der Glaubenskommunikation nicht um ein leistungs- und erfolgsorientiertes, sondern um ein verständigungsorientiertes Handeln gehe.
In einem zweiten Impulsreferat stellte der Informationsbeauftragte der Evangelisch-reformierten Kirche Basel, der Theologe und Kommunikationsfachmann Jörg Ferkel, die unterschiedlichen Sichtweisen von Qualität vor, die wahrzunehmen für das Qualitätsmanagement auch von Dienstleistungen grundlegend ist. Das von der Basler Kirchenstudie gewählte Vorgehen, unterschiedliche Sichtweisen einander gegenüber zu stellen und zu analysieren, folgt dem GAP-Modell. Durch die Gegenüberstellung des tatsächlichen Urteils der Bevölkerung (Fremdbild) mit jenem Urteil, das die Mitarbeitenden in der Bevölkerung wahrnehmen (Drittbild), können Lücken zwischen dem Fremdbild und dem Drittbild ­ so genannte GAPs ­ aufgedeckt werden. Einer Verringerung der GAPs, der Diskrepanzen, zwischen Fremd- und Drittbild kommt eine herausragende Bedeutung für die Erreichung und Sicherung einer hohen Qualität sowie einer hohen Zufriedenheit der Bevölkerung zu.
Mit Hilfe dieses Vorgehens können das Angebot und das Wirken der Kirche nicht bloss auf vermeintliche, sondern auf die wahren Erwartungen der Menschen eingehen. Für Jörg Ferkel kommt damit die Sache der Kirche nicht zu kurz, im Gegenteil. Mittels sozialwissenschaftlicher Forschung werde dem Kirchenvolk ein repräsentatives Mitspracherecht im Sinne des reformatorischen Postulates «des Priestertums aller Gläubigen» eingeräumt. Die Kirche schaut den Leuten so aufs Maul, sie sollte sich dadurch aber nicht verleiten lassen, ihnen auch nach dem Mund zu reden.
In der Diskussion verdeutlichte Manfred Bruhn den Marketingansatz gegen die theologische Kritik. Beim Marketing gehe es um Austauschprozesse und um die Pflege von Beziehungen. Die theologische Kritik erinnere ihn an das Denken von Monopolisten, die nicht im Wettbewerb stehen.

Das Angebot des Lebens und die Nachfrage nach Erlebnis

Die Impulsreferate zur zweiten Themeneinheit ­ Kirche auf dem Markt. Die Übereinstimmung und Reibungsflächen der theologischen Perspektive und der Marketing-Perspektive ­ steuerten Kirchenräte evangelischer Kirchen Deutschlands bei. Für Oberkirchen-

rat Rüdiger Schloz, Hannover, ist weniger die Marketingperspektive das Problem als vielmehr, dass das Angebot der Kirche und die Nachfrage der Menschen auf verschiedenen Ebenen liegen, so dass zu fragen sei, wie die Bedürfnisse in der Lebensökonomie der Menschen rangieren. Die Basler Studie erlaube in ihren klaren Grenzen klare Folgerungen wie die Wahrnehmungsfähigkeit der Mitarbeitenden fördern oder die Zielorientierung verbessern. Was die Kirche anzubieten habe, seien indes nicht Produkte, sondern Kollektivgüter. Die Konkurrenz zum Angebot der Kirche seien Erlebnisangebote; deshalb seien besonders auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu bedenken. Dazu erwartet Rüdiger Schloz unter anderem einen missionarischen Impetus der Mitarbeitenden oder eine Konkurrenz über die religiösen Angebote hinaus: die Kirche ist nicht nur Produkt einer Kultur, sondern müsste auch ihre Funktion als Produzentin von Kultur, auch von Alltagskultur wahrnehmen.
Für Oberkirchenrätin Hanna Zapp, Darmstadt, sind Dialog, Begegnung und Kommunikation die Innenseiten des Kirchenmarketing. So konnte sie, auf der Linie der protestantischen theologischen Tradition, Theologie (Kirche) und Marketing in ihrem Kontrast gut zusammenbringen: die Botschaft als Zuspruch und Anspruch, auf ein Bedürfnis antwortend und dennoch eine Zumutung. In der Spannung zwischen sichtbar und unsichtbar betonte sie die leibhafte Gestalt der Kirche: die Kirche ist der Raum, in dem das Evangelium erlebbar wird, und deshalb muss dieser Raum entsprechend gestaltet sein. Wie für die Kirche die Leibhaftigkeit ihrer Gestalt konstitutiv ist, so ist für die theologische Anthropologie der Mensch soma, Leib; mit Symbolen und Zeichen werde seine Rationalität «somatisiert».
Auch wenn die Kirche nicht erfolgreich sein muss, weil sie Fragment ist und Entwurf der Zukunft, empfiehlt ihr Hanna Zapp dennoch Strategien. Zunächst eine Differenzierung von Orten und Aufgaben und das Paradigma des Experiments, das heisst, sich vom Leben leiten lassen. Sodann empfiehlt sie einen konstruktiven Umgang mit Widerständen und eine gezielte Personalförderung. Schliesslich sei auf Risiken und Nebenwirkungen des Marketing-Leitbildes zu achten.
In der Diskussion wurde auf das strukturelle Anpassungsproblem der Volkskirche an die Erlebniskultur aufmerksam gemacht, allerdings auch an diesbezügliche Anpassungsleistungen wie die Krabbelgottesdienste hingewiesen.
Der Kirchenleitung gehe es darum, die Austauschprozesse zu untersuchen und zu fördern, unterstrich Kirchenratspräsident Georg Vischer. Um die Qualität der Kommunikation zu verbessern, sage die Theologie, was ausgetauscht werde, vom Marketing sei indes zu lernen, wie ausgetauscht werde.

Empirische Religionsforschung

In der dritten Themeneinheit wandte sich das Symposion mit der Frage: Wie lässt sich Religion empirisch darstellen? der Religionssoziologie bzw. -psychologie zu. Klaus-Peter Jörns, emeritierter Ordinarius für Praktische Theologie, der 1992 in Berlin erhoben hatte, «was die Menschen wirklich glauben»,<5> betonte einleitend die Bedeutung empirischer Forschung im Bereich des Religiösen: die Theologinnen und Theologen hätten gelernt, Texte zu lesen, sie müssten aber auch lernen, Personen zu lesen. Mit der Basler Studie sei der Blick allerdings auf die Institution gerichtet worden; weil zudem nach der Zufriedenheit mit kirchlichen Leistungen und nicht nach Handlungsgrund und -inhalt gefragt worden sei, sei der Bezug zur Religion im Unklaren geblieben; komme dazu, dass von der Bevölkerung und also auch von solchen, die keine Zugehörigkeit zur Kirche haben, Qualitätsurteile abgegeben worden seien. Der Blick auf die Institution habe schliesslich nicht ermöglicht, abweichende Religiosität zu erheben.
Von seiner Berliner Erhebung ausgehend, erörterte Klaus-Peter Jörns in Thesenform, wie nach dem Lebensbezug der Religion gefragt werden kann. Auszugehen sei von der Frage, wie ein Leben, das gut genannt werden kann, (mit Hilfe einer transzendenten Macht) zu finden und auch in Krisen zu bewahren ist. Leben gibt es nur in Lebensbeziehungen: in personalen Beziehungen, in Beziehungen zur Erde (zur Schöpfung), in Beziehungen zu Werten und Ordnungen und in Transzendenzbeziehungen. Diese Beziehungen können elementarisiert werden, und ihr Sinn ist ihnen immanent. Religion kann nicht von theologischen Perspektiven her angegangen werden, und deshalb geht die Religionssoziologie von Lebensinteressen aus und fragt in diesem Zusammenhang nach den transzendenten Mächten. So haben sich aus der Berliner Erhebung vier Gläubigkeitstypologien ergeben: 1. An einen persönlichen Gott Glaubende, 2. An eine unpersönliche Transzendenz Glaubende, 3. Unentschiedene, 4. Atheisten.
Die Ausführungen von Klaus-Peter Jörns wurden von Adrian Portmann, Doktorand an der Theologischen Fakultät der Universität Basel, und Dominik Schenker, Assistent an der Universität Freiburg i.Ü., beide Mitglieder der Projektgruppe der Basler Kirchenstudie, mit methodologischen Überlegungen «repliziert». Als Gegenstand der empirischen Forschung ist für Adrian Portmann Religion ein kulturelles und soziales System, und weil Religion zudem multidimensional ist, ist die Methode von der Fragestellung abhängig. Für implizite Religion und für neue Entwicklungen empfiehlt sich ­ wie für die Kulturanthropologie und die Volkskunde ­ eine qualitative Methode. Aber auch eine quantitative Methode bedarf einer Interpretationsleistung; wichtig ist hierbei, das Vorgehen transparent zu machen. Aus der Sicht der empirischen Psychologie macht die empirische Religionsforschung für Dominik Schenker zwei Annahmen: Zum einen ist es möglich, psychische Prozesse zu messen, und zum andern sind religiöse Prozesse wie andere psychische Prozesse zu behandeln.
Die abschliessende Diskussionsrunde kreiste unter verschiedenen Gesichtspunkten vor allem um den Pluralismus in der Kirche. Anstoss dazu gab die Überlegung von Walter Neidhart, emeritierter Ordinarius für Praktische Theologie, dass die vorhandenen Erwartungen an die Kirche auch kontradiktorische oder illusorische Erwartungen seien; wenn die einen von der Kirche zum Beispiel erwarten, dass sie einer Position zustimme, während die anderen erwarten, dass sie diese Position ablehne. Wer mit der Tradition nicht nur reproduktiv, sondern kreativ umgehe, komme auf persönliche Häresien, wurde gesagt. Albrecht Grözinger plädierte für einen theologischen Umgang mit dem Pluralismus, seine theologische Bewältigung statt einer Reduktion, während Klaus-Peter Jörns für eine Ökumene innnerhalb der einzelnen Kirchen plädierte; diese bestehe darin, einander in den getroffenen Entscheidungen zu begleiten. Dazu müssten die Gotteserfahrungen im Sinne von «lex orandi ­ lex credendi» in die Liturgie eingebracht werden.
Von römisch-katholischer Basler Seite hielt Xaver Pfister fest, die Studie habe sich gelohnt, und als konkrete Folgerungen stehen für ihn die Qualifizierung der Mitarbeitenden und der Mut zum Experiment im Vordergrund.


Anmerkungen

1 Xaver Pfister, 200 Jahre katholische Kirche Basel-Stadt, in: SKZ 166 (1998) 598­604, 614­620.

2 Manfred Bruhn (Hrsg.), Ökumenische Basler Kirchenstudie. Ergebnisse der Bevölkerungs- und Mitarbeitendenbefragung, Basel 1999, 404 Seiten (zu beziehen unter anderem bei der Informationsstelle der Römisch-katholischen Kirche, Leonhardsstrasse 45, 4051 Basel).

3 Manfred Kuhn, Albrecht Grözinger (Hrsg.), Kirche und Marktorientierung. Impulse aus der Ökumenischen Basler Kirchenstudie, (Praktische Theologie im Dialog, Band 20), Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2000, 252 Seiten.

4 Auch von diesem Symposion wird ein Berichtband erscheinen.

5 Klaus-Peter Jörns, die neuen Gesichter Gottes. Was die Menschen heute wirklich glauben, München 1997.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000