21/2000

INHALT

Kirche in der Schweiz

Lehrende und lernende Kirche

von Rolf Weibel

 

Der Dritte Bildungsweg beging sein 25-Jahr-Jubiläum<1> zunächst in einem kleinen Kreis in jenem Saal des Priesterseminars St. Beat in Luzern, in dem er zum ersten Mal öffentlich vorgestellt worden war. Unter dem Leitwort «Sich erinnern ist eine Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten» erinnerten sich zwei Theologieprofessoren an die Anfänge in Chur und an die Studierenden des Theologischen Seminars.

Sich erinnern

Josef Pfammatter erzählte, wie es zur Gründung kam. P. Karl Feusi OFM brachte im Priesterrat des Bistums Chur eine diesbezügliche Anregung ein,<2> und der Rat setzte zu ihrer Prüfung eine Kommission ein. Deren Arbeit wurde nach dem gemeinsamen Treffen der Ausschüsse der Priesterräte der Bistümer Basel, Chur und St. Gallen vom 5. Dezember 1970 an die Regentenkonferenz delegiert. Diese überlegte nicht nur das Konzept, das von Bernhard Gemperli ausführlich beschrieben wurde, sondern auch den Standort des Theologischen Seminars. Der Entscheid fiel auf Chur, weil St. Luzi insgesamt die besten Rahmenbedingungen anzubieten hatte. Den nach dem 1974 erfolgten Entscheid der Schweizer Bischofskonferenz ersten Studienleiter, Bischofsvikar Karl Schuler, nannte der Referent «den Vordenker für Chur»; als Berater für erwachsenenbildnerische Fragen wurde Karl Kirchhofer, der 1983 Nachfolger von Karl Schuler wurde, beigezogen.
Der Einbezug von Frauen in die Wohngemeinschaft des Seminars ­ in einem abgesonderten Flügel des Gebäudes ­ war die letzte Hürde, weil die Seminarleitung dafür, die Bistumsleitung dagegen war; der Vorschlag von Generalvikar Gregor Burch, den Versuch zu wagen und nach fünf Jahren auszuwerten, wies den Ausweg. In der Praxis erwies sich der Einbezug von Frauen als so vorteilhaft, dass eine eigentliche Auswertung unterblieb. Nachdem Bischof Johannes Vonderach 1983 die Laien aus der Wohngemeinschaft von St. Luzi auszugliedern gedachte, wünschte der Priesterrat mit 43 gegen 0 Stimmen ihren Verbleib. Die damit verursachte Kränkung des Bischofs ermöglichte in der Folge den kontinuierlichen Aufstieg von Kanzler Wolfgang Haas zum Koadjutor. Damit waren die Tage des Theologischen Seminars des Dritten Bildungsweges in Chur gezählt.
Als über all die Jahre typisch für die Studierenden bezeichnete Hans Halter ihre Bodenständigkeit. Sie seien kirchlich gut sozialisiert, tolerant; in jüngster Zeit seien einige esoterisch angehaucht. Die Studierenden des Dritten Bildungsweges wüssten, was sie wollten, und die Beschränkung der Studienzeit auf zwei Jahre habe zur Folge, dass sie wissbegierig und überdurchschnittlich fleissig seien. Anderseits liessen sie sich von den Dozierenden nicht alles bieten.
Als Dekan der neuen Heimat der Theologischen Seminars des Dritten Bildungsweges, der Theologischen Fakultät Luzern, stellte Adrian Loretan die Vorteile des Standortes für die Studierenden, aber auch den Nutzen des Theologischen Seminars für die Fakultät heraus.

Zukunft gestalten

«Wer nur zurückschaut, den straft das Leben», mahnte Karl Kirchhofer, noch kurze Zeit Leiter des Dritten Bildungsweges ­ erreichte er doch mit dem 25-Jahr-Jubiläum das Ruhestandsalter. Auf die bisherige Wegstrecke zurückblickend, beteuerte er, an diesen Bildungsweg, auf dem er mit der Maxime «Lernen durch Versuch und Irrtum» vorwärts gegangen sei, immer geglaubt zu haben. In verschiedener Hinsicht sei dieser neue Weg ein mutiges Projekt gewesen. Zum einen habe die Planungsgruppe ein grosses Potential für die Pastoral erkannt und dabei nicht nur die Lebenserfahrungen von am kirchlichen Dienst Interessierten ernst genommen, sondern auch gesellschaftliche Entwicklung mit bedacht. Sie sei sodann von Funktionen in der Seelsorge und nicht von Inhalten ausgegangen. Damit hätten die Bischöfe etwas völlig Neues geschaffen. Diese «alternative Theologie» ­ die nicht gegen die «akademische Theologie» ausgespielt werden dürfe, im Gegenteil ­ habe namentlich die Last der Ausbildung auf verschiedene Schultern verteilt, mit dem Praxis­Theorie­Praxis-Zirkel ernst gemacht, konsequent die Frauen einbezogen (von den Mitwirkenden her war die Jubiläumsfeier allerdings Männersache) und auf Ehrenamtlichkeit gesetzt: erst seit 1983 gibt es eine eigene Infrastruktur, und die Trägerschaft ist heute der Verein Katholische Seelsorgeausbildung Luzern (KSAL) mit Kurt Irniger als Präsident.
Dem zurückgelegten Weg werde man indes nur gerecht, fuhr Karl Kirchhofer fort, wenn man ihn weiter gehe, was vor allem heisse, wenn man auch die heute anstehenden Probleme angehe. Begonnen habe der Dritte Bildungsweg mit einem Gesamtkonzept; heute stehen Fragen an wie: Welche Dienste braucht die Kirche? Wie soll Ausbildung gestaltet werden, die den gesellschaftlichen und kirchlichen Wandel berücksichtigt? Auch diese müssten in ein Konzept eingebunden werden; die Elemente der Ausbildung müssten so entworfen werden, «dass sie Funktionen im kirchlichen Dienst angehen, die echte Kompetenzen verleihen, einander zugeordnet sind und aus- und aufbaufähig bleiben».
Das Curriculum des Dritten Bildungsweges habe sodann von Anfang an versucht, interdisziplinär zu lehren und zu lernen sowie Theorie und Praxis zu verknüpfen. Für die Zukunft sei wichtig, einerseits im Theologischen Seminar wirklich Interdisziplinarität zu erreichen und anderseits den Seelsorgeeinsatz theologisch-pastoral zu reflektieren. Das Theologische Seminar dürfe jedoch nicht Praxisauswertung werden und müsse dennoch berufsorientiert bleiben. Dazu bedürfe es neuer Module, denn der Dritte Bildungsweg wolle keine wissenschaftliche Ausbildung anbieten, sondern «auf wissenschaftlicher Grundlage (wissenschaftsbezogen) Männer und Frauen befähigen, im Berufsfeld Seelsorger/Seelsorgerin tätig zu sein». Sorge machen Karl Kirchhofer die zeitlichen und finanziellen Grenzen für fähige Bewerber und Bewerberinnen, und er gibt zu überlegen «wie kürzere berufsbegleitende Ausbildungs-Sequenzen Männer und Frauen im kirchlichen Dienst nach und nach zu mehr Kompetenzen führen, die eine Schlussqualifikation einbringen kann, aber nicht muss».
Der Dritte Bildungsweg habe von Anfang an die Persönlichkeitsbildung und die Spiritualität verschränkt, und diese Verschränkung sei heute noch wichtiger, weil die Arbeit in der Kirche anspruchsvoller geworden sei. «Die seelsorglich/theologische Arbeit bedarf Persönlichkeiten, die mit beiden Füssen in dieser Welt stehen und in der Kraft des Geistes auch über der Welt.»

Eine neue Leitung

Ein ungewöhnlicher Weg braucht, dass sich viele mit ihm identifizieren. Obwohl es in der Seelsorge an Personal fehlt, hält Karl Kirchhofer dafür, dass wieder Ordnung in die theologischen Studiengänge gebracht wird, dass nicht die einen gegen die anderen ausgespielt werden können, dass für Priesteramtskandidaten wieder die gleichen Kriterien gelten wie für die anderen Theologen und die Theologinnen. Er ist überzeugt, dass die Verantwortlichen des Dritten Bildungsweges am Konzept weiter arbeiten werden, Zugänge wie Zielvorstellungen zu überprüfen bereit sind.
Zu den Verantwortlichen gehören nicht zuletzt die Nachfolger von Karl Kirchhofer, die, teils vom Vorstand KSAL, teils von der Fakultätsversammlung gewählt, bereits in einer intensiven Einführungsphase stehen: Als Leiter des Dritten Bildungsweges wurde Robert Knüsel (Gemeindeleiter in Suhr) gewählt, als Leiter Praxis Hugo Albisser (Pastoralassistent in Oberägeri), als Leiter des Theologischen Seminars des Dritten Bildungsweges und des IFOK (des Instituts für kirchliche Fortbildung, ursprünglich: für Fort- und Weiterbildung der Katecheten) Christoph Gellner (promovierter Theologe und Mitarbeiter der Zürcher Hochschulseelsorge aki).

«Ein Weg der herausfordert und fordert»

Der Weggedanke prägte auch den Gottesdienst in der Jesuitenkirche, mit dem die öffentliche Jubiläumsfeier begann. Bischof Kurt Koch legte in seiner Homilie das Wort «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6) im Blick auf den kirchlichen Dienst aus. Weil das Ziel über den Weg entscheiden müsse, sei es viel besser, ein klares Ziel vor Augen zu haben und vielleicht auch nur wenige Schritte darauf hin zu tun, als voreilige Wege zu beschreiten und dadurch sein Ziel möglicherweise zu verfehlen. Das Ziel des kirchlichen Dienstes sei, «Gott zu erkennen, mit ihm vertraut zu sein und ihn auch den uns anvertrauten Menschen vertrauter zu machen».
Der Weg von der Jesuitenkirche zum Kultur- und Kongresszentrum (KKL) wurde gemeinsam zurückgelegt, und an drei Stationen wurde unter dem Leitwort «Ein Weg der herausfordert und fordert» auf Gedanken zum Dritten Bildungsweg hingewiesen. Begleiter auf diesem Weg wie durch die Veranstaltungen war Thomas Joller, gelernter Schauspieler, Absolvent des Dritten Bildungsweges und nun Pastoralassistent. Musikalisch begleitet wurde das ganze Jubiläum vom Luzerner Vokalensemble «Les Garçons».
Im KKL sprachen zunächst Bischof Kurt Koch als Vizepräsident der Bischofskonferenz, Professor Walter Kirchschläger als Rektor der Universitären Hochschule Luzern und Regierungsrat Ueli Fässler als Vorsteher des Erziehungs- und Kulturdepartementes des Kantons Luzern der Institution Dritter Bildungsweg und ihrem Leiter den verdienten Dank aus.
Im Festreferat ging der Kommunikationsberater Iwan Rickenbacher der Frage nach: «Lehrende Kirche ­ lernende Kirche?»<3> In seiner Biographie habe er die (römisch-katholische) Kirche hauptsächlich als lehrende Kirche erfahren, als eigentliche Lehrerin und so als eine Kirche, die einen Bildungsauftrag wahrnimmt. Davon zeigte er sich gar nicht überrascht, denn der deutsche Bildungsbegriff habe ein theologisches Bedeutungsfeld, insofern in ihm die Gottebenbildlichkeit des Menschen mitgedacht sei.
Bildung werde hauptsächlich in Zeiten des Übergang thematisiert, und ein solcher Übergang sei auch heute festzustellen. In einer sich rasch verändernden Welt sei vermehrt Orientierung gefragt, so dass in den Erziehungswissenschaften Wege der Bildung wieder als Wege zur Gottebenbildlichkeit verstanden werden können, wie etwa bei Hartmut von Hentig.
Auch Jesus werde fast ausschliesslich als ein Lehrender, als Lehrer wahrgenommen. Als Jude habe er jedoch vor allem viel zu lernen gehabt. Trotz der Perikope vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,41­52) werde seine menschliche Lernfähigkeit kaum thematisiert.
Das Lehren und das Lernen der Kirche verschränkt sich für Iwan Rickenbacher in ihrer öffentlichen Präsenz, die er gegen den kirchlichen Trend, sich mit sich selber zu beschäftigen, nachdrücklich anmahnte. Die Aufklärung und der Fortschritt hätten zu neuen und unbekannten Gefährdungen geführt, die den Kulturauftrag der Kirche neu herausforderten. Um öffentlich präsent sein zu können, müsse sich die Kirche mit der Realität befassen, und auch die Theologie müsse sich vermehrt als Gegenwartswissenschaft verstehen und dabei auch zu neuen Symbolen und Bildern finden.
Klar gegenwartsbezogen sei der Dritte Bildungsweg, und der Entscheid der Bischofskonferenz für diesen Weg sei so auch ein Entscheid für die lernende Kirche. Aus Erfahrung lernen, dies sei aber nicht zu delegieren, sondern «Auftrag an uns selbst».


Anmerkungen

1 SKZ 168 (2000) Nr. 18, S.278­281.

2 Im privaten Gespräch verriet P. Karl dem Berichterstatter, dass er von den Banken auf die Idee eines Dritten Bildungsweges gebracht wurde, die ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen berufsbegleitend intern schulten und ihnen so zu neuen Kompetenzen (mit entsprechenden Aufstiegsmöglichkeiten) verhalfen.

3 Vgl. seinen Beitrag in der SKZ 168 (2000) Nr. 2, S. 29­31.


Die Theologische Fakultät dankt

Mit 87 140 Ja zu 33 449 Nein, mit 72,2% also überaus deutlich, haben die Stimmberechtigten des Kantons Luzern bei einer Stimmbeteiligung von 53,6% das Universitätsgesetz angenommen. Als Dekan der Theologischen Fakultät freue ich mich über diesen Entscheid des Souveräns, und ich danke allen, die sich für die Universität Luzern und damit für den Fortbestand der Theologischen Fakultät Luzern eingesetzt haben. In den letzten Wochen habe ich in vielen Pfarreien und Kirchgemeinden mit Freude feststellen können, wie die Verantwortlichen in der Seelsorge und in den Kirchgemeinden zu «ihrer» Fakultät stehen. Der Dank der Fakultät wird sein, den künftigen Seelsorgern und Seelsorgerinnen weiterhin eine gute wissenschaftliche Ausbildung anzubieten und im Rahmen der Universität Luzern den besonderen Beitrag der Theologie einzubringen.

Prof. Adrian Loretan, Dekan


Aufbauhilfe nach Katastrophen, Versöhnung nach Konflikten

von Rolf Weibel

 

Die Aktivitäten der Caritas Schweiz waren im vergangenen Jahr von Katastrophen geprägt, stellte Direktor Jürg Krummenacher an der Jahrespressekonferenz fest; von Katastrophen, die durch Erdbeben und Unwetter (wie in der Türkei, in Kolumbien, Venezuela und Indien, aber auch in der Schweiz) ausgelöst worden waren oder auf Kriegshandlungen wie im Kosovo und in Osttimor zurückzuführen sind. Anderseits weist Caritas Schweiz im Zusammenhang mit den Katastrophen namentlich im Kosovo, in der Türkei, in Kolumbien und Venezuela sowie Osttimor und Indien ein gegenüber dem Vorjahr um 40% höheres Spendenaufkommen aus. Das Engagement in Konfliktregionen hat Caritas Schweiz veranlasst, ein Positionspapier zu Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung in der internationalen Zusammenarbeit zu erarbeiten.

Balkanhilfe

Im Balkan führte Caritas Schweiz bereits vor dem Ausbruch der bewaffneten Konflikte im Jahre 1991 Hilfsaktionen durch. Nach dem Krieg setzte Caritas diese Hilfe mit einem Nothilfe- und ab Spätsommer 1999 mit einem Wiederaufbauprogramm fort. Neben der Instandsetzung oder dem Bau von Häusern ­ «Ein Dach über dem Kopf» ­ trägt Caritas auch zum Wiederaufbau der Landwirtschaft bei. Als «leading agency» koordiniert Caritas Schweiz die Aktivitäten des internationalen Caritas-Netzwerks, spricht sich aber auch mit den anderen in Kosovo tätigen schweizerischen Hilfswerken und Bundesstellen ab. In Zusammenarbeit mit lokalen Caritas-Organisationen leistet Caritas Schweiz aber auch in Serbien und Montenegro Nothilfe.
Bis zum Herbst dieses Jahres wird Caritas Schweiz im Kosovo, in Serbien und Montenegro Not- und Aufbauhilfe im Umfang von 46,1 Mio. Franken geleistet haben. Dazu kommen die Auswirkungen der Kriegshandlungen im Kosovo auf die Flüchtlingsarbeit der Caritas in der Schweiz; in den vier Kantonen, die der Caritas die Betreuung der Asylsuchenden übertragen haben ­ Luzern, Obwalden, Schwyz und Solothurn ­, mussten im ersten Halbjahr 1999 die Unterbringungsplätze verdoppelt und vorübergehend 180 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden.

Vielfältige Hilfe, vielseitige Unterstützung

Mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in der Schweiz (HEKS) bildete Caritas Schweiz bereits für die Nothilfe in der Türkei ein Konsortium; zurzeit ist das Konsortium in der Wiederaufbauhilfe tätig, für die Caritas 4 Mio. Franken eingesetzt hat. Auch in den anderen genannten Katastrophengebieten ist Caritas Schweiz tätig; zudem wurde auch in Zentralamerika ­ nach dem Hurrikan Mitch ­ die Wiederaufbauhilfe fortgesetzt
In der Schweiz leistete Caritas nach den grossen Unwettern Hilfe: zum einen mit finanziellen Überbrückungshilfen, um Notsituationen zu entschärfen, zum andern mit der Übernahme von nicht versicherten Schäden. Zudem organisierte das Hilfswerk Freiwilligeneinsätze für Aufräumarbeiten; 1999 haben 2685 Freiwillige einen Einsatz geleitet, doppel so viele wie im Vorjahr.
Die vermehrten Einsätze schlagen auch in der Betriebsrechnung zu Buche: sie erreichte 1999 eine Höhe von rund 178 Mio. Franken. Verwendet wurden diese Mittel für die internationale Zusammenarbeit (37,35%), die Integration der Statusflüchtlinge (27,78%), die Betreuung von Asylsuchenden (20,9%), die Verwaltung und Investitionen (4,64%), soziale Aufgaben in der Schweiz (3,67%; zu diesen 5,56 Mio. Franken der Caritas Schweiz kommen noch rund 25 Mio. Franken, welche die 16 rechtlich unabhängigen Regionalen Caritas-Stellen in der Sozialarbeit vor Ort erbringen), die Betriebe (Kleiderzentrale und Fairness; 3,45%) sowie die Kommunikation (2,2%).
Die Gemeinkosten (Kosten für die Leitung, die Personal- und Finanzadministration, die Sammel- und Informationsarbeit sowie die Verbandstätigkeit) machten 3,5% im Verhältnis zum Gesamtertrag; die Kosten für die Projektbegleitung in der internationalen Zusammenarbeit beliefen sich auf 7%.
Ende 1999 waren bei Caritas Schweiz 488 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit 303 Vollstellen beschäftigt; zusätzlich waren 53 Personen im Nachtdienst in Durchgangszentren oder im Dolmetscherdienst und weitere 71 Personen als Hilfswerkvertreterinnen und -vertreter bei Befragungen von Asylsuchenden engagiert.
Die Mittel für die Caritas-Aktivitäten sind öffentliche Beiträge (53%), Beiträge Dritter (26%), Spenden (17%) und andere Erträge (4%). Projekte und Programme der Caritas im Ausland wurden zu 26% mit Spenden finanziert.

Allianzen für den Frieden

Rund die Hälfte der fünfzig Länder, in denen Caritas Schweiz gegenwärtig tätig ist, sind von Gewaltkonflikten betroffen ­ als Krisen, Konflikt- oder Nachkriegsregionen. Sieben von zehn innerstaatlichen Konflikten der Neunzigerjahre wiesen eine ethnische Komponente auf; wo diese politisch instrumentalisiert werden konnte, war irreführend von «ethnischen Konflikten» die Rede. Analog kann die humanitäre Hilfe in Konfliktsituationen instrumentalisiert und missbraucht werden. Die humanitären Organisationen müssen in solchen Situationen deshalb auch die Aspekte der Krisenprävention, der Konfliktbearbeitung und der Friedensförderung in ihre Hilfsprogramme integrieren. Um dies professionell tun zu können, hat Caritas Schweiz dazu ein Positionspapier erarbeitet, das von Präsidium verabschiedet und von Jürg Krummenacher an der Pressekonferenz präsentiert wurde.<1>
In einem ersten Teil analysiert das Positionspapier bewaffnete Konflikte nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung; im zweiten Teil werden Konzepte und Praxis der Konfliktbearbeitung dargestellt; im dritten Teil gibt Caritas Schweiz sich selbst für ihre Arbeit Leitlinien, Handlungsgrundsätze und Strategien vor und definiert Kompetenzfelder. Caritas Schweiz versteht diesen Handlungsentwurf als Herausforderung der nächsten Jahre, die gemeinsam mit vielen Partnerorganisationen vor Ort durchgeführten Aktivitäten der Konfliktbearbeitung und Friedensförderung weiterzuentwickeln und zu verstärken. An die Bundesbehörden richtet Caritas Schweiz eine Reihe von Forderungen und Vorschlägen, die ihres Erachtens zur Stärkung des gemeinsamen Anliegens der «Wahrung und Förderung von Sicherheit und Frieden» beitragen.
Gestützt auf dieses Positionspapier will Caritas Schweiz, wie Jürg Krummenacher ausführte, ihre Programme und Projekte einer «Friedensverträglichkeitsprüfung» unterziehen, um deren Konflikt- bzw. Friedensrelevanz zu erkennen und negative Auswirkungen zu verhindern. Ihre friedenspolitischen Forderungen richtet Caritas Schweiz auf einer «partnerschaftlichen Basis» an die Bundesbehörden. Caritas Schweiz wendet sich beispielsweise entschieden gegen eine Militarisierung von Friedensförderung und humanitärer Hilfe und fordert deshalb vom Bundesrat, «dem sich international abzeichnenden Trend, über die militärische Friedenssicherung hinaus (Massnahmen der UNO und OSZE) Nothilfe und Wiederaufbau vermehrt als eine militärische Angelegenheit zu verstehen, entschieden entgegenzutreten». So unverzichtbar beispielsweise auf dem Balkan die militärischen Kräfte für die auch den Hilfswerken gewährleistete Sicherheit seien, Rehabilitation und Friedenskonsolidierung seien grundsätzlich zivile Angelegenheiten und müssten auch künftig in erster Linie von zivilen privaten und öffentlichen Institutionen übernommen werden.
Wie die Caritas in Krisen- und Konfliktgebieten und besonders in der Nachkriegsregion Balkan ihre «nachsorgende Rolle als humanitäre Krisenmanagerin» wahrnimmt, veranschaulichte Norbert Kieliger, der Leiter des Bereichs Internationale Zusammenarbeit der Caritas Schweiz. So arbeitet sie mit den Caritas-Organisationen vor Ort mit dem Ziel zusammen, alle Volksgruppen im Land zu unterstützen, die Rückkehr der Minderheiten zu fördern und den Dialog zwischen den verschiedenen Ethnien zu ermöglichen. In Bosnien-Herzegowina arbeitet Caritas Schweiz deshalb auch mit der muslimischen Hilfsorganisation Mehrhamet, dem orthodoxen Hilfswerk Dobrotvor und der jüdischen Benevolencija zusammen. So gibt es gar Programme, bei deren Realisierung es auf die Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Ethnien ankommt, womit konkrete Schritte der Versöhnung gefördert werden. Bis allerdings eine dauerhafte und allseitige Versöhnung erreicht und der Friede langfristig gesichert ist, braucht es eine tiefgreifende Veränderung. Der Weg dazu ist nicht spektakulär, schätzt Norbert Kieliger nüchtern ein. Aus der Sicht der Caritas gibt es zu dieser Friedensarbeit indes keine Alternative.


Anmerkung

1 Caritas Schweiz, Allianzen für den Frieden. Ein Positionspapier von Caritas Schweiz zu Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung in der internationalen Zusammenarbeit, (Positionspapier 8), Caritas-Verlag, Luzern 2000, 171 S.


Sozialalmanach

Immer wieder wird bedauert, wie lückenhaft die Sozialberichterstattung in der Schweiz ist. Vor einem Jahr hat Caritas Schweiz damit begonnen, mit einem «Jahrbuch zur sozialen Realität der Schweiz» ­ einem «Sozialalmanach» ­ diese Lücken zu schliessen. Ein erster Teil zeigt jeweils auf, vor welchen sozialen Herausforderungen die Schweiz steht und wie sie darauf reagiert. Carlo Knöpfel, der Leiter der Stabsstelle Grundlagen der Caritas Schweiz, bietet in jährlicher Fortsetzung einen Bericht über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in der Schweiz im jeweiligen Vorjahr. Der zweite und umfangreichste Teil besteht aus einer Reihe von Aufsätzen zu einem Schwerpunktthema, und der dritte Teil bietet Statistiken und Literaturhinweise zum jeweiligen Schwerpunktthema.
Der erste Almanach war dem Fragenkreis «Existenzsicherung in der Schweiz» gewidmet, im diesjährigen Almanach geht es um «Sozialrechte und Chancengleichheit in der Schweiz».<1> Mit diesem Jahrbuch will Caritas Schweiz interessierten Bürgerinnen und Bürgern, Politikerinnen und Politikern sowie Fachpersonen aus dem Sozialbereich helfen, sich kontinuierlich ein Bild über die soziale Entwicklung der Schweiz zu verschaffen.

Rolf Weibel


Anmerkung

1 Sozialalmanach 1999: Existenzsicherung in der Schweiz, Caritas-Verlag, Luzern 1999, 224 Seiten; Sozialalmanach 2000: Sozialrechte und Chancengleichheit in der Schweiz, Caritas-Verlag, Luzern 2000, 288 Seiten.


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