10/2000 | |
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Kirche in der Schweiz |
Am 25./26. November 1999 fand im Kloster Mariastein die letzte Plenarversammlung der 8. Amtsperiode (19961999) der Pastoralplanungskommission (PPK) der Schweizer Bischofskonferenz statt. Anlässlich dieser Sitzung verabschiedete die PPK einige ihrer langjährigen Mitglieder: Dr. Maria-Crucis Doka, Menzingerschwester, die erste Frau als Präsidentin der PPK und dies, auch erstmals, gleich während zwei Amtsperioden. Sr. Maria-Crucis verblieb eine weitere Amtsdauer im Leitungsausschuss der PPK. Martin Bernet, Sekretär von Pax Christi, der wie Sr. Maria-Crucis seit Ende 1988 der PPK und zuletzt auch dem Leitungsausschuss angehörte und als Bilingue die Brückenfunktion zwischen Romandie und Deutschschweiz wahrnahm. Ferner demissionierten Schwester Alma-Pia Spieler, Schaan (FL), Mitglied der PPK seit einer Amtsperiode, Moritz Amherd als langjähriger Vertreter der RKZ (Römisch-Katholische Zentralkonferenz) und Patrizio Foletti, Rektor am Diözesanen Gymnasium Pio XII in Breganzona. Allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt für ihre engagierte und kompetente Arbeit in der PPK.
Die letzte Plenarversammlung war auch thematisch geprägt durch die Stimmung der Zeitenwende zum Jahr 2000: kritischer Rückblick und planerische Vorausschau. Rückblickend wurde die 8. Arbeitsperiode begonnen mit einer Bilanz über die frühere PPK-Arbeit mit dem Jubiläumsanlass «30 Jahre PPK» (19661996). Wegweisendes Thema war für die laufende Amtsperiode der Schlussbericht der PPK-Arbeitsgruppe 2 «Prospektive» «Solidarische Freiheit in Kirche und Gesellschaft», mit welchem die PPK der Bischofskonferenz Wege, Bedingungen und Massnahmen für eine (Neu-)Evangelisierung vorschlug. Der Bericht wurde trotz zum Teil kritischer Aufnahme leitend für die Arbeit der PPK und die pastorale Planung und Praxis in weiten Kreisen der Kirche Schweiz. Ebenso von Bedeutung für die pastoralen Strukturen war die SPI-Studie «Zusammenarbeit in Seelsorgeverbänden» und die Beobachtung und Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen (Territorial-)Pfarreien und Bewegungen. Zu beiden pastoralen Problemen verfasste die PPK Empfehlungen zu Handen der Bischofskonferenz und der pastoral Verantwortlichen in den Diözesen. In die abgelaufene Arbeitsperiode fiel auch die Erarbeitung von Broschüren zu wesentlichen pastoralen Tätigkeitsfeldern: die Berufsbilder «Kirchliche Sozialarbeit» und «Kirchliche Jugendarbeit» sowie die Handreichung «Freiwillige Mitarbeit in der Kirche». Mit dem Problem der «Kirchenaustritte» beschäftigte sich die PPK ebenfalls eingehend. Die Arbeit an einer Handreichung zum «Pastoralen Umgang mit aus der Kirche Ausgetretenen» konnte aber noch nicht in Angriff genommen werden. Eine wichtige Arbeit der PPK war die Evaluation der Arbeit der Kommissionen der SBK. Bessere Information, Koordination und Kooperation zwischen den Kommissionen selber als auch zwischen den Kommissionen und der Bischofskonferenz bzw. dem Sekretariat der SBK wurden dabei kritisch unter die Lupe genommen, und als Massnahmen vorgeschlagen und zum Teil umgesetzt. Und nicht zuletzt nahm die PPK Stellung zur «Ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz» und zu den Arbeitsunterlagen der Europäischen Bischofssynode 1999 und der Bischofssynode 2000.
Aufgrund der Evaluation der Arbeit der SBK-Kommissionen durch die PPK, die durch einen Organisationsentwicklungsprozess eine Optimierung der Kommissionsarbeit vorschlug, wünschte die SBK und die Mehrheit der Kommissionen lediglich eine bessere Information und Koordination der Arbeit und vermehrte sachbezogene Kooperation. Dazu sollte die PPK bei den Kommissionen, Pastoralämtern, kirchlichen Arbeitsstellen, Pastoraltheologen, Seelsorgern und Experten prioritäre pastorale Problemstellungen der Zukunft erfragen, woraus ein Inventar von 27 Problembereichen resultierte. Die Bischofskonferenz wünschte, dass ihr die PPK daraus für die kommenden Jahre einige als wichtigste vorschlage für die Arbeit der Kommissionen im Sinne einer effizienteren Zusammenarbeit. Zu einem «Inventar der vordringlichen Problemstellungen in der Katholischen Kirche Schweiz» äusserte die PPK ihre Meinung.
Unter dieses Leitwort stellte die PPK ihre Beratungen. Die Rede war vom «souffle de l'Esprit Saint», der spürbar und erfahrbar Kirche zu bewegen hat. Im Zentrum steht die eschatologische Heilstat Gottes in Jesus Christus, aus der wir als Christinnen und Christen leben. Sie gibt der Kirche ihr unverwechselbares Profil. Deutlicher als zurzeit gelte es, sich auf dieses spezifische Merkmal der Kirche zu besinnen. Im Inventar ist viel von Strukturen die Rede. Mit ihrem Leitwort will die PPK die Optik benennen, aus der sie zu thematisieren sind. Leben und Strukturen stehen in einer Wechselwirkung zueinander. Unflexible Strukturen ersticken das Leben, wenn sie nicht konsequent in den Dienst des Lebens gestellt werden. So filterte die PPK die aus ihrer Sicht wichtigsten vier prioritären Problemstellungen für die nächsten paar Jahre heraus.
Damit ist die Vision einer Kirche gemeint, die im Dienst des Heils der Menschen in der heutigen Gesellschaft steht, die eine «Pastorale de proximité», eine diakonische Spiritualität verwirklicht, eine Kirche, die mit der Jugend und den Frauen geht und nicht umgekehrt, eine Kirche in der Welt und nicht von dieser Welt. Die Kirche muss eine Sprache sprechen, die von den Menschen verstanden wird und die in den Medien präsent ist und einladend wirkt. Der Vermittlung zwischen der Kirchenvision und heutiger Lebenskultur muss höchste Priorität eingeräumt werden, wenn die kirchliche Arbeit in Zukunft noch greifen soll.
Christinnen und Christen erhalten Impulse aus der endgültigen Hoffnung in Jesus Christus, die schon in dieser irdischen Ordnung das Wohlwollen Gottes allen Menschen erfahrbar machen. Aus der eschatologischen Hoffnung kommt der Kirche eine Gesellschaft gestaltende Rolle zu. Kirche realisiert sich nicht neben oder über der Gesellschaft, sondern mitten drin. Vorrangige Felder wären dabei etwa Familienpolitik, die Arbeitswelt mit ihren Leistungsansprüchen gegenüber den Menschen und die Integration von Randgruppen und Behinderten ins gemeindliche Leben.
Ohne eine Grundausrichtung mit pastoralen Zielsetzungen kann weder eine Aus- noch Weiterbildung ausgerichtet und koordiniert werden. Gerade aber dies tut Not, wenn die Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen zielgerichtet und wirkungsorientiert ausgebildet und weiterentwickelt werden sollen. Eine Flexibilisierung der Aus- und Weiterbildung scheint in unserer sich rasch wandelnden und verändernden Zeit unausweichlich. Eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung setzt eine Profilierung und Klärung der Berufsrollen und der dafür notwendigen Kompetenzen voraus.
Hier gilt es nach Meinung der PPK die Frage zu klären, was die Aussage des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche als «Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit» (LG 1) für das praktische Handeln in unseren Pfarreien ingesamt beinhaltet. Die Kirche ist das «umfassende Heilssakrament» (LG 48), also Realsymbol dessen, was sie vergegenwärtigt. Wo Kirche geschieht, wird kirchliches Handeln auf Gott hin transzendiert. Aus einem solchen Kirchenverständnis, aus der zeichenhaften Darstellung dessen, dass Gnade vor Aufgabe, Gabe vor Leistung kommt, müssten sich praktische Konsequenzen ergeben für die Seelsorgearbeit. Es muss eine Sakramentenspendung praktiziert werden, die beiden Dimensionen gerecht zu werden versucht: dem theologischen Anspruch, Heilserfahrung zu vermitteln, und den vielfältigen anthropologischen Bedürfnissen und Implikationen.
Vorgängig zur Evaluation der wichtigsten prioritären Problemstellungen durch die PPK wurden zwei PPK-externe Experten um ihre Beurteilung und Gewichtung gebeten: Jacques Berset, Redaktor der KIPA, und Lisianne Enderli, Weiterbildung und Beratung bei der IFOK. Berset stellte fest, dass sich mehrere prioritäre Problemstellungen um Strukturen und Funktionen drehten. Dazu wäre aber zu fragen, wozu zu verbessernde und effizientere Strukturen dienen. Doch wohl nur dem Leben der Kirche, dem Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Fundament, dem missionarischen Auftrag der Kirche. Leben kommt vor den Strukturen. Ferner empfand Berset als Mangel, dass dem Klagen der Seelsorger/Seelsorgerinnen über Malaise und Frustration, über Angst, Resignation und schlechtes Klima kaum ein Funke christlicher Hoffnung entgegengesetzt würde. Sodann sei auch dem sozialen Engagement und der Präsenz der Kirche in der heutigen Gesellschaft Nachachtung und Gewicht zu verschaffen, wobei nicht wieder eine neue Kommission zu schaffen wäre, sondern die ganze Kirche, alle Glieder müssten «Dienst, Diakonie und Nächstenliebe» sein. Dabei sei der Rolle der Frau und der Jugend in der kirchlichen Gemeinschaft vordringliche Aufmerksamkeit zu widmen und nicht zuletzt der Kommunikation, denn Kirche ist wesentlich Kommunikation.
Lisianne Enderli betonte als prioritäre Problemstellung die «pastorale Ausrichtung angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung». Es seien vordringlich pastorale Ziele zu formulieren, welche der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung tragen. Die Kirche müsse die Zeichen der Zeit erkennen und mit der Zeit gehen, ja sogar mit dem Widerstand gehen, was ein wichtiger Grundsatz der Organisationsentwicklung besage. Der Vermittlung zwischen Religionssoziologie und Pfarreialltag müsse eine hohe Priorität eingeräumt werden, wenn Pastoral in Zukunft noch greifen soll. Ferner sprach sie sich aus für eine Stärkung der Gemeindeleiter/Gemeindeleiterinnen. Diese Aufgabe sei von grosser Bedeutung für das Leben der Pfarrei. Vor allem gelte es, dass die Kirchenleitung ihre Rolle und ihre Kompetenzen klar umschreibe, anerkenne und bestärke. Eine gemeinsame Haltung der Bistumsleitungen, die in den Gemeindeleitern/Gemeindeleiterinnen nicht nur eine Notlösung sieht, sondern eine eigenständige Funktion für die Gemeinden, wäre zentral und zukunftweisend für die pfarreilichen Entwicklungsmöglichkeiten.
Bereits zum 15. Mal trafen sich anfangs November 1999 Delegierte der diözesanen und kantonalen Seelsorgeräte zur Versammlung der Interdiözesanen Koordination mit dem Zweck des gegenseitigen Informations- und Erfahrungsaustausches. Organisiert wurde dieser Anlass statutgemäss von der PPK. Obwohl jedes Jahr ein wichtiges, meist sozialpolitisches Thema diskutiert wurde, lag es nicht in der Kompetenz der IKO, sich auch öffentlich dazu zu äussern. Seit langem wird aus vielen Kreisen der Kirche, nicht zuletzt von der IKO selber, der PPK und der Bischofskonferenz eine Art «Tagsatzung» oder ein gesamtschweizerisches Forum postuliert, in welchem sich das Volk Gottes artikulieren kann. Die PPK sähe die Realisierung dieses Begehrens am ehesten in einem Ausbau der IKO. Die IKO soll in die Lage versetzt werden, thematisch arbeiten und Stellung beziehen zu können zu gesellschaftlich und kirchlich relevanten Fragestellungen. Dazu bräuchte es ein Rahmenstatut und eine Geschäftsordnung, die Aufschluss geben über deren Zweckbestimmung, die Beziehung zur Bischofskonferenz, die Beziehungen zur Öffentlichkeit, deren Zuständigkeit und Kompetenzen, Arbeitsweise, Zusammensetzung, Wahlmodus und Finanzierung. Themen für die IKO könnten sich aus den zurzeit laufenden diözesanen Prozessen und der Ökumenischen Konsultation ergeben. Die PPK unterstützt auch die Idee der IKO, alle jene, die eine Stellungnahme zur Ökumenischen Konsultation abgegeben haben, zu einer Begegnung auf schweizerischer Ebene einzuladen. Eine sachbezogene Diskussion, eine öffentliche Proklamation, eine Fest- oder Glaubensfeier könnten wesentliche Aspekte einer solchen Zusammenkunft sein.
Der promovierte Theologe Robert Lendi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI), St. Gallen.