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INHALT | |
Kirche in der Schweiz |
Der Kanton Graubünden ist allem anderen zuvor ein Dienstleistungskanton.
Der wichtigste «Rohstoff» sind die Menschen. Erholung, Erziehung,
Genesung stehen für die bedeutendsten Tätigkeitsfelder. Im 19.
Jahrhundert kam es zu einer eigentlichen Revolution auf dem Sektor der Schulen,
vor allem in Chur. Und in dem Bezirk, den man grosszügig aufgerundet
den «Hof» nennt, explodierte das Bildungswesen. Auf kleinem
Territorium befand sich bis in die 1960er Jahre die «Hofschule»
mit Primar- und Sekundarschule, die Kantonsschule, das Lehrerseminar, das
Konvikt und das Priesterseminar. Dieses «Quartier latin» war
eine Art Sonderwelt, farbig akzentuiert durch die blauen Mützen der
Kantonsschüler, die schwarzen Soutanen der Theologiestudenten sowie
das bischöfliche und domherrliche Violett.
Niklaus Meienberg, der anfangs der siebziger Jahre ein Gastspiel als Hilfslehrer
an der Kantonsschule gab, hat nachträglich seine Eindrücke eines
Schulmorgens auf dem Churer Hof festgehalten: «Kleinere und immer
grössere Rinnsale von Schülern vereinigten sich zu Bächen,
die Bäche mündeten in den Strom, der bergauf floss, sich verzweigte,
entweder links um die Martinskirche bog und über den ÐHofð
weiterlief, wo ... der Bischof residiert, oder unten beim Käfigturm
entlangrann ... überall Schüler über Schüler, aus der
Vazerolgasse, Rabengasse, Brändligasse, aus der Rigastrasse, Tittwiesenstrasse,
Aquasanstrasse, Malixerstrasse, Masanserstrasse, vom Calandaweg, Plantaweg,
alles von einem Schülergeschwür bedeckt frühmorgens in dieser
Stadt, Aspermontstrasse, Pulvermühlestrasse, Heroldstrasse, Arlibonstrasse,
eine grosse Blutung, immer am Morgen, das junge But wird in die Höhe
gesaugt, pulsiert den Berg hinauf ... der Vampir saugt und saugt, und eine
Vielzahl von anderen Schulen saugt morgens den Lebenssaft aus den Churerhäusern
... so dass man in dem übersichtlichen Städtchen den Eindruck
hat, es gehe hauptsächlich zur Schule.»
Nun zu St. Luzi und seiner Schulgeschichte. Das Konzil von Trient verfügte,
dass in jeder Diözese ein Priesterseminar errichtet würde. Das
war das so genannte Seminardekret vom 15. Juli 1563. 1584 wurde die Idee
aufgeworfen, die Prämonstratenser-Abtei Churwalden, wo nur noch ein
Abt ohne Mönche residierte eine Folge der Ilanzer Artikel zur
Zeit der Reformation, welche Neuaufnahmen untersagten , in ein Priesterseminar
umzusetzen. Voraussehbare Schwierigkeiten mit dem Gotteshausbund liessen
den Plan nicht weiterverfolgen.
1599 unterbreitete der Nuntius den Vorschlag, das dahinserbelnde Kloster
Marienberg im Vinschgau den Jesuiten für die Leitung eines Priesterseminars
zu übergeben. Die zuständige Provinzleitung der Jesuiten lehnte
ab.
Zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges plante Bischof Johann VI. Flugi,
auf dem Hof mit Jesuitenpatres eine Priesterschule zu errichten. Der Stadtrat
wollte keinen Import von Jesuiten dulden. Der Bischof beugte sich dem Druck
und entliess zwei bereits angereiste Patres. Hingegen gelang dem Bischof
1649 die Gründung eines Jesuitenkollegiums in Feldkirch. Ein Ersatz
für das Priesterseminar waren Freiplätze am Collegium Germanicum
in Rom, am Collegium Helveticum in Mailand sowie in Dillingen und in Wien.
Weitere Planspiele betrafen im 18. Jahrhundert die Namen von St. Luzi und
Feldkirch. Als Kaiser Josef II. 1781 mehrere Klöster in Vorarlberg
und Tirol aufhob, sondierte Bischof Dionys von Rost wegen Übergabe
eines der liquidierten Stifte zur Verwendung als Priesterseminar, aber der
Kaiser setzte ganz auf so genannte «Generalseminarien», die
unter staatlicher zentraler Leitung stehen und vom Geist der Aufklärung
durchdrungen sein sollten.
1798, im Jahr der von Napoleon in der Schweiz eingeführten helvetischen
Verfassung, kaufte der letzte Churer Fürstbischof Karl Rudolf von Buol-Schauenstein
die Herrschaft Rietberg im Domleschg, um ein Priesterseminar zu gründen.
Zur Organisation und Leitung des Seminars wurde der junge Priester Gottfried
Purtscher bestimmt. Aber die Franzosenwirren vereitelten die konkrete Realisierung.
Purtscher verschlug es als Seelsorger nach Südtirol, aber der initiative
Priester schlug das Projekt Priesterseminar nicht mehr aus dem Kopf. Er
mietete in Meran kurzerhand ein Haus und führte Fakten herbei: Ab 9.
September 1800 bereitete er Kandidaten auf die Weihe vor. Dompropst Jakob
Fliri eilte dem initiativen Regens zu Hilfe. Am 31. März 1801 kaufte
er einer begüterten Witwe drei Häuser in Meran ab, übernahm
die Restauration dieser Objekte, liess sich daselbst nieder und starb im
selben Jahr. Der Vinschgau und Meran gehörten damals noch zum Bistum
Chur.
Nun entstand eine eigentliche Rivalität zwischen Nord- und Südtirol.
Die Universität Innsbruck blickte verächtlich auf das Pflänzchen
in Meran herab, das von der Regierung bloss geduldet wurde. Man muss wissen,
dass Purtscher seinerzeit als junger Student wegen Aufmüpfigkeit und
Widerborstigkeit aus dem Innsbrucker Generalseminar gefeuert wurde. Purtscher
suchte den Angriffen aus Innsbruck zu begegnen, indem er die wissenschaftlichen
Anforderungen für die Seminaristen anhob. Er ging aber seinerseits
zur Offensive über, äusserte sich über die seiner Meinung
nach seichte und verderbliche Theologie in Innsbruck und liess über
die von Innsbruck nach Meran übersiedelten Seminaristen folgende polemische
Äusserung fallen: «Zuerst muss man aus ihnen Menschen, dann Christen
und zuletzt Theologen machen.»
Aber es gab auch interne Probleme. Für die Bündner war Meran zu
weit weg. Die Theateraufführungen und die gymnastischen Übungen,
die der Regens einführte, behagten vielen nicht. Sie bemängelten
auch die langen Gottesdienstzeiten und die kurz bemessene Studienzeit.
Auch Meran blieb Episode. 1805 kam Tirol zu Bayern, und bereits im Jahr
darauf verbot die bayerische Regierung, Theologen zu Priestern zu weihen,
die nicht von den Professoren in Innsbruck geprüft worden wären.
Regens Purtscher wurde 1807 über die Grenze abgeschoben. Die Regierung
hob das Seminar auf. Die Professoren wurden gewaltsam vertrieben.
Professor Michael Tapfer schilderte in drastischen Worten den Exodus, der
am Stefanstag 1807 überstürzt befohlen wurde: «Abends 9
Uhr (26. Dezember), nachdem wir den Rosenkranz und die Litanei im Oratorium
beendigt hatten und bei der Antiphon: ÐUnter deinem Schutz und Schirm...ð
angekommen waren, drangen die Soldaten in das Seminar ein und ergriffen
uns. Sie führten uns zu dem draussen bereit stehenden Wagen, brachten
unsere Effekten auf denselben und zwangen uns, ihn ebenfalls zu besteigen.
Wir erteilten den Unsrigen den Segen und wurden nun in Begleitung von drei
Soldaten während der Nacht nach Glurns geführt. In Schlanders
wurden die Pferde gewechselt. In Glurns stellte man uns dem Landrichter
vor, der uns ohne Verzug durch einen Landjäger über die Grenze
bringen liess.»
Die Verjagten erwartete in Chur ein leeres und offenes Haus. Seit dem 12.
November 1807 hatte sich der rührige Regens Purtscher in St. Luzi in
Chur eingenistet. Unmittelbar vor der Ankunft der exilierten Dozenten hatten
bayerische Redemptoristen, die eben erst im Februar dieses Jahres beim Bischof
in Chur um Asyl nachgesucht hatten, unter politischem Druck der Bündner
Regierung St. Luzi verlassen. Ohne Verzug wurde der Lehrbetrieb, bestehend
aus einem Gymnasium, den philosophischen und den theologischen Kursen, aufgenommen.
Grossartig war die Unterkunft nicht, wie der Bischof in einem Brief an das
«Corpus Catholicum» schilderte: «Ich fand das Gebäude
ohne Dach, die Zimmer grossenteils ohne Boden, ohne brauchbare Fenster und
Türen.» St. Luzi war im Jahr 1807 ein Asylantenheim primitiver
Art.
Vorerst kam das neue Refugium, das sich als dauerhaft erweisen sollte,
von den Tiroler Turbulenzen nicht los. Schon der Umstand, dass der Regens,
selber ein Tiroler, mit Andreas Hofer, dem Landwirt zu St. Leonhard im Passeiertal,
befreundet war und gelegentlich dessen Pferd benützen durfte, rückte
ihn in die Nähe des Tiroler Aufstandes gegen Bayern und die Herrschaft
Napoleons. Auch unter den Bündnern, nicht zuletzt bei den Katholiken,
hatte Andreas Hofer viele Sympathisanten.
1809 gingen allerhand Gerüchte um, dass Purtscher und seine Tiroler
Landsleute in St. Luzi den Aufstand in Tirol nicht nur moralisch unterstützten.
Im Albulatal sei eine Pulverlieferung beschlagnahmt worden, die sogar der
Bischof persönlich unter der Etikette Kirschen oder Zwetschgen nach
Tirol habe schicken wollen. In Untervaz seien verdächtige Gewehre aufgetaucht
und bei den Oberländer Bauern, unter denen sich der Regens herumtreibe,
gäre es ganz gewaltig.
Die bayerische Regierung schaltete sogar den Landammann der Schweiz ein.
Ein Leutnant mit 19 Soldaten wurde von Bad Ragaz nach Chur geschickt. Diese
besetzten das Seminar, internierten die Professoren und nahmen eine Hausdurchsuchung
vor. Letztere beförderte leere Fässer mit Pulverresten zu Tage.
Der General der eidgenössischen Truppen hielt die Professoren als Verantwortliche
des Hauses der Munitionsschieberei für überführt und forderte
entsprechende Massnahmen.
Der Churer Stadtrat hingegen fand, bewiesen sei nichts. Ihn beschäftigte
allerdings weniger das Schicksal der Hausbewohner von St. Luzi als vielmehr
die Stadtkasse, da er befürchtete, für die Kosten der Umtriebe
aufkommen zu müssen. Regens und Professoren beteuerten, nichts vom
Pulver gewusst zu haben. Die weitere Untersuchung ergab, dass zwei Studenten
und eine Hausmagd in die Sache verwickelt waren. Auf Betreiben der bayerischen
Regierung wurde dem Bischof ein dreimonatiger Zwangsaufenthalt in Solothurn
auferlegt.
Kaum schien die Pulvergeschichte ausgestanden zu sein, da führte die
bayerische Regierung erneut Klage bei der Regierung der Schweiz wegen einer
Theateraufführung im Seminar St. Luzi im März 1810 in Anwesenheit
des Bischofs. Es ging um eine Szene, welche die römische Christenverfolgung
darstellte. Die Christenverfolger seien teils in bayerischen, teils in französischen
Uniformen aufmarschiert und hätten entsprechend anzügliche Bemerkungen
von sich gegeben.
Der verhängnisvolle Brand im folgenden Jahr, der das Seminar in Schutt
und Asche legte, ging nicht auf Pulverrückstände zurück.
Das Feuer entstand unten, auf dem Hof, im Haus eines Domherrn. Auch der
Turm der Kathedrale fing Feuer. Dann nahm es seinen Weg nach St. Luzi. Eine
ökumenisch zusammengestellte Feuerwehr aus Chur tat ihr Möglichstes.
Auch die Emser eilten herbei. Vergeblich. Man vermutete Brandstiftung. Diebe
trieben ihr Unwesen auf der Brandruine. Der Wein, der keinen Schaden genommen
hatte, wurde geplündert.
Dass man wieder aufbauen würde, stand nicht zur Diskussion. Stadt und
Bündner Regierung spitzten Augen und Ohren, wer mit was und wie baue.
Purtscher wollte nicht bloss wieder aufbauen, sondern auch neu und grösser
bauen. Dagegen stand die Bestimmung, dass kein Katholik in Chur neue Gebäude
errichten dürfe. Purtscher fand eine elegante Lösung: «Wenn
man mir den Raum des Bodens beschränkt, so gibt es keine Gewalt, die
mir den Luftraum streitig machen kann.» Aus diesen Vorschriften und
Überlegungen entstand der zweistöckige Bau über der Kirche.
Regens Purtscher war praktisch und vielseitig begabt. Gerühmt wurden
seine Sprachkenntnisse. Das Romanische soll er sich in neun Wochen soweit
angeeignet haben, dass er in dieser Sprache predigen konnte.
Am meisten geschätzt, vor allem ausserhalb des Seminars, war seine
technische Begabung und seine Fähigkeit zu originellen Lösungen
in schwierigen Umständen. Im Hungerjahr 1817 liess er einen speziellen
Topf giessen, den Knochensieder. Er sammelte in den vornehmen Häusern
Knochen, braute aus diesen noch das letzte Mark heraus und bereitete daraus
eine Armensuppe. Da kann man wohl sagen: Hunger ist der beste Koch.
Als einmal die Plessur über die Ufer schwappte, stand unser Regens,
zivil gekleidet, mitten im treibenden Wasser und kommandierte. Als die Thermalquelle
in Pfäfers verschüttet wurde, war Purtscher wieder zur Stelle.
Sein Begleiter stürzte in die Tamina. Der Regens konnte ihm nicht mehr
helfen, aber wenigstens die Absolution nachschicken. Den Haldensteinern
eilte er anlässlich einer Wassernot zu Hilfe.
Purtscher wurde von der Bündner Regierung als Gutachter angegangen,
als es darum ging, eine neue Strasse von Chur nach Thusis und durch die
Viamala ins Hinterrhein zu führen. Im Auftrag der Regierung entwarf
Gottfried Purtscher einen Plan für die Strasse von Reichenau über
Bonaduz und Versam nach Ilanz.
Im Haus hielt er auf strenge Ordnung und viel von körperlicher Ertüchtigung
und mutete seinen Studenten wackere Gebirgsmärsche zu, die er selber
anführte. Mit dem Dogmatikprofessor entzweite er sich infolge einer
theologischen Kontroverse. Der Konflikt gelangte schon damals bis nach Rom
und wurde schliesslich friedlich beigelegt.
Purtscher pflegte einen offenen Tisch, gewürzt mit anregenden Diskussionen.
Er lud oft auch reformierte Pfarrer an seine Tafel Konfessionsspezifische
Themen habe er bei solchen Gelegenheiten von sich aus nie angerührt.
Nach den Tiroler Wirren folgten Schulkämpfe auf dem Hofareal. Wie
erwähnt, wurden dem Priesterseminar Gymnasialklassen und Philosophiekurse
angegliedert und galten als katholische Kantonsschule. Seit 1804 gab es
eine evangelische Mittelschule. Der protestantische Churer Pfarrer und Pädagoge
Peter Saluz postulierte eine Kantonsschule für Jünglinge beider
Konfessionen. Für die bischöfliche Kurie und das Corpus Catholicum,
die politische Organisation der katholischen Landeskirche, war eine paritätische
Schule kein Thema. Man dachte ausschliesslich an ein katholisches Schulunternehmen.
Nun aber kam es zu Differenzen zwischen Bischof und Corpus Catholicum. Nach
bischöflicher Vorstellung sollte ein solche Schule ganz geistlicher
Leitung unterstellt werden. Weil die Churer Kurie auf jede staatliche Kontrolle
allergisch war, beschloss 1833 der katholische Grosse Rat, die katholische
Kantonsschule ins Kloster Disentis zu verlegen. Der Bischof verweigerte
auch dieser Lösung seinen Segen. Aber das Disentiser Experiment befriedigte
wegen seiner Abgeschiedenheit auch die Katholiken nicht. Darum kehrte die
katholische Kantonsschule an das Priesterseminar zurück und das Corpus
Catholicum setzte einen weltlichen Schulrat durch. Die Ernennung eines Rektors
führte wieder zu einem Konflikt zwischen Schulrat und Bischof. Raumnot
veranlasste 1845 den Grossen Rat, für die katholische Kantonsschule
neben dem Priesterseminar einen Neubau zu errichten. Noch während der
Bauzeit wurden 1850 die beiden Mittelschulen durch Grossratsbeschluss auch
mit den Stimmen katholischer Abgeordneter vereinigt. Daran änderte
auch ein schneidender bischöflicher Protest nichts. Noch im gleichen
Jahr zog die paritätische Kantonsschule in den Neubau ein. Der Liechtensteiner
Peter Kaiser, ein aufgeklärter Pädagoge und liberaler Katholik,
prägte den katholischen Mittelschulen in Disentis und Chur den Geist
seiner Persönlichkeit ein und war dem bischöflichen Hof äusserst
suspekt.
Seit dem 19. Jahrhundert war die katholische Kirche zunehmend auf den Papst
fixiert, und dieser beanspruchte mehr und mehr Monopolstellung. So erstaunt
es nicht, dass ein römisches Erdbeben auch in Chur ein Nachbeben bewirkte.
Als Papst Pius X. 1907 den «Modernismus» verurteilte, kam es
zu einer Kontroverse zwischen Caspar Decurtins in Trun, dem Spitzenpolitiker
der Surselva, und dem Hof. Decurtins, einer der Gründerväter der
Universität Freiburg und ein Freund des römischen Glaubenswächters
Umberto Benigni, der im Oberland Ferien machte, fühlte sich zum Hüter
der Rechtgläubigkeit an der Theologischen Fakultät Freiburg und
am Priesterseminar Chur berufen. Er warf dem langjährigen Dogmatikprofessor
und Regens des Priesterseminars, Anton Gisler, Abweichung vom integralen
Katholizismus vor und verklagte ihn in Rom. Gisler konnte sich in Rom mit
Hilfe seines Bischofs Georgius Schmid verteidigen. Die Affären in Freiburg
und Chur endeten für Decurtins peinlich, trotz Versöhnung zwischen
ihm und Gisler. Decurtins, der als Sozialpolitiker zur Zusammenarbeit mit
den Sozialisten bereit war, verstand sich als streng «ultramontaner»
Katholik.
Zu Gisler noch etwas mehr. Eine alte Nichte Gislers, Klosterfrau in Ingenbohl,
schickte mir vor Jahren einen Bericht ihrer Tante, einer Schwester Gislers,
über ihren berühmten Bruder. Der kleine Toni soll schon in jungen
Jahren ein Bücherwurm gewesen sein, zum Ärger der Mutter, die
einmal im Zorn alle seine Bücher ins Feuer warf. Über längere
Zeit quälte den Buben eine für die Umgebung rätselhafte Angst,
die sich in nächtlichen Träumen von einem grossen schwarzen Hund
niederschlug. Dieser setzte dem Jungen offenbar so stark zu, dass man eine
milde Form von Exorzismus vornahm.
Gisler studierte als «Germaniker» in Rom Theologie. Zur Primiz
wollte der Neupriester aus Spargründen zu Fuss in seine Heimat zurückkehren.
Bei hereinbrechender Dunkelheit bezog er eines Abends in einem abgelegenen,
wenig einladenden Gasthaus Quartier. Als ihm ein Zimmer ohne Schloss zugewiesen
wurde, ward ihm mulmig zumute. Er verbarrikadierte mit Tisch und Stuhl die
Tür und legte sich in Kleidern unruhig darauf. Nach Mitternacht hörte
er Stimmen und vernahm, dass es um ihn ging und er lebend nicht mehr aus
dem Haus kommen sollte. Da liess er sich an der Hausmauer herunter und entkam
glücklich. Soweit der Bericht der Schwester.
Von 1893 bis zu seinem Tod 1932 war Gisler Dogmatiker am Priesterseminar
St. Luzi, für viele Priestergenerationen die unangefochtene theologische
Autorität. Er verkörperte das Lehramt im Bistum Chur und gehörte
zu den profiliertesten Theologen der deutschen Schweiz.
Ein zwiespältiger Erfolg machte den aus Uri stammenden Gisler zusätzlich
weitherum bekannt. Er schoss den Breslauer Kirchenhistoriker Joseph Wittig
ab. Das war Tells Geschoss, obwohl sich auch andere Schützen an der
unrühmlichen Treibjagd beteiligten. Um was ging es? Wittig publizierte
1922 in der Zeitschrift «Hochland» einen Aufsatz mit dem Titel
«Die Erlösten». Es war keine wissenschaftliche Arbeit,
sondern der Aufschrei eines Seelsorgers, der Wittig trotz akademischer Karriere
stets blieb. Er hatte seine Mühe mit der in seinen Augen sterilen und
blutleeren Erlösungslehre in den dogmatischen Handbüchern. Und
er ritt eine Attacke gegen die Dogmatiker allgemein. Lassen wir ihn kurz
zu Wort kommen: «Der Katholik treibt sich sein Leben lang... in den
Grenzgebieten des Reiches Gottes herum und fühlt sich stets von Strafen
für Grenzüberschreitungen bedroht. Er hat gar keine Zeit, etwas
nach der Mitte des Gottesreiches zu wandern, wo es eigentlich erst schön
zu werden beginnt. Er muss fortwährend an der Grenze Grenzverletzungsprozesse
mit seiner Seele, mit seinem Beichtvater, mit seinem Herrgott durchfechten...
Er liebt Gott, aber immer aus der Ferne, von der Grenze her, wo er diese
Liebe mit jeder Minute verlieren kann... Wenig davon, dass das Joch Christi
süss und seine Bürde leicht sei. Wenig von der Freiheit der Kinder
Gottes. Acht Seligkeiten hat der Heiland verkündet, aber keine ist
zu schmecken... O ihr Dogmatiker, macht bitte die Gnadenkammern auf!»
Dann hatte Wittig sein Turmerlebnis. Es war ihm, als hörte er Jesus
sprechen: «Vertraue.» Wittig sah die katholische Lebensfreude
auf weite Strecken ausgedörrt, weil die Quellen des Ur-Vertrauens von
legalistischem Denken und Handeln verschüttet waren. Wenn Jesus auf
solche Weise Seelsorge betrieben hätte, wären ihm die Apostel
davon gelaufen, meinte Wittig.
Gisler antwortete seinem Kollegen in Breslau umgehend in der von ihm im
Jahr 1900 mitbegründeten Zeitschrift «Schweizerische Rundschau»
unter dem bezeichnenden Titel «Luther redivivus?» Er konterte
knallhart dogmatisch. Was Gisler gegen Wittig auf die Barrikaden trieb,
ist schwer verständlich, zumal Gisler ja selbst unter Verdächtigungen
gelitten hatte. Möglicherweise hatte ihn die Fehde mit Decurtins dermassen
traumatisiert, dass er seine linientreue Dogmatik noch einmal unter Beweis
stellen wollte. Der Lohn blieb nicht aus. Wenige Jahre später wurde
er vom Papst zum Weihbischof mit Recht der Nachfolge ernannt. Aber die himmlische
Regie wollte es anders. Gisler starb, bevor er den alten Bischof beerben
konnte.
Vielleicht war die Barriere zwischen beiden Männern vor allem psychologischer
Art. Wittig hatte einen blumigen und zugleich unverblümten Stil. Er
scheute sich nicht, Stationen seines priesterlichen Werdeganges ironisch
zu schildern. Die Erinnerung an seinen Eintritt ins Priesterseminar verleitete
ihn zur Analogie mit dem Gang ins Schlachthaus. Die rührenden Abschiedsbesuche
seiner Verwandten und Bekannten entlockten ihm folgenden Vergleich: «Wenn
bei uns daheim ein Kalb verkauft werden soll, der Schlächter wird für
Nachmittag erwartet, dann geht alles noch einmal in den Stall... Man will
das Kalb noch einmal sehen... Dass das muntere Tierlein nun am Strange fortgeführt
und geschlachtet werden soll, dass es nicht aufwachsen soll wie sein Vater,
der Stier, und seine Mutter, die Kuh, das will man... sich zu Herzen gehen
lassen.»
So was verschlug Gisler die Sprache, ihm, der es gewohnt war, seine Churer
Zöglinge mit nüchternem Pathos und getragener Feierlichkeit auf
die erhabenen Gefilde priesterlicher Spiritualität zu führen.
Nein, da verstand er die Welt nicht mehr.
Zwischen Breslau und Chur zündeten die Funken. Der Häresieverdacht
Gislers und pastorale Bedenken in Breslau koalierten. Der Breslauer Fürstbischof
und Kardinal Adolf Bertram, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz,
ein zwar volkstümlicher, aber unsicherer Mann, der sich später
im Kirchenkampf gegen Hitler mehr durch Lavieren als durch Gradlinigkeit
auszeichnete, entzog Wittig brüsk Anerkennung und Schutz. Der Prozess
war nicht mehr aufzuhalten, obwohl Papst Pius XI. Wittig Anerkennung gezollt
hatte. 1925 wurden sechs Schriften des Breslauer Theologen auf den Index
gesetzt, darunter auch solche, die seinerzeit das Imprimatur erhalten hatten.
1926 wurde Wittig exkommuniziert, weil er sich weigerte, das Tridentinische
Glaubensbekenntnis und den Antimodernisteneid zu wiederholen. Was Wittig
am schmerzlichsten traf, war das frostige Geheimverfahren. Jede Bitte um
genaue Bekanntgabe der Vorwürfe und um Anhörung blieb ohne Antwort.
Wittig blieb katholisch, obwohl weggewiesen vom Tisch der Mutter Kirche.
Aber er heiratete ein Jahr nach der Exkommunikation. Nach dem Krieg kam
es aber zur Wiedergutmachung. Vorher waren alle Versöhnungsbemühungen
an der Forderung der Breslauer Kurie nach vollständiger Unterwerfung
und Konsequenzen aus der kanonisch ungültigen Ehe gescheitert. Nach
der deutschen Kapitulation gehörte auch Wittig zu den schlesischen
Vertriebenen. Die fünfköpfige Familie erhielt Unterkunft in der
Lüneburger Heide. Da erreichte ihn 1946 befreiende Post. Papst Pius
XII. gewährte die Rekonziliation ohne jede Auflage. Zugleich liess
ihm der Vatikan 100 Dollar Schmerzensgeld zukommen. Das Schreiben war unterzeichnet
von Substitut Montini, dem späteren Paul VI.
Dreissig Jahre später eine völlig veränderte theologische
Grosswetterlage. Die katholische Kirche war durch die Krisen- und Kriegsjahre
und die Konfrontation mit den totalitären Ideologien mehr als nur davon
gekommen. Sie fühlte sich bestätigt und bestärkt. «Die
Hitlers kommen und gehen, die Kirche bleibt bestehen.» Mit diesem
abgewandelten Stalin-Zitat könnte man ein Stück Grundbefindlichkeit
wiedergeben. Man durfte getrost, ja musste auf dieser bewährten Linie
weiterfahren. Kontinuität, wenn nicht gar Restauration war angesagt.
Das Ansehen von Kirche und Klerus schien ungeschmälerter denn je. Die
kirchlichen Berufe blieben bis tief in die fünfziger Jahre attraktiv.
In den Priesterseminarien rekrutierten sich zahlenmässig starke Jahrgänge.
Es gab indes Stimmen, welche diese Stimmung satter Behäbigkeit und
unangefochtener Selbstzufriedenheit kritisierten. Hans Urs von Balthasar
versuchte 1952 mit seinem kleinen Buch «Schleifung der Bastionen»
Sand ins ölglatte kirchliche Getriebe zu streuen. Mit diesem Opus handelte
er sich damals den Ruf eines unsicheren Kantonisten ein, dem man nicht über
den Weg trauen konnte und dessen esoterische Zirkel dem wohl bestallten
Klerus mindestens spirituell subversiv vorkamen. Er war ja auch ein akademischer
Aussenseiter, ein frei schwebender Meister und Lehrer ohne Lehrstuhl und
seine theologischen Gedankengänge bewegten sich im hohen Olymp der
Kirchenväter, der Mystiker und Mystikerinnen sowie der Dichter und
Denker. Aber trotz einer gewissen Entrücktheit besass er die Sensibilität
eines Seismografen. Er misstraute dem eingespielten innerkirchlichen Burgfrieden,
der die geistig geistliche Untugend Trägheit als Patin hat. «Es
gibt in der Kirche keine Heiligkeit, die nicht ihre eigentliche Bewährung
am Widerstand der innerkirchlichen Beharrungskräfte zu bestehen hätte...
Das Haus scheint ihnen gebaut, die Zimmer schon tapeziert, jedem kommenden
Geschlecht bleibt eine kleinere subtilere Arbeit übrig: die Ausschmückung
der fertigen Räume, der immer geringer werdenden Zwischen-Räume,
das Ordnen in den Schubladen. Zuletzt nur noch das Abstauben.» Balthasar
schreibt vom Gewicht der Laien in der Kirche der Zukunft. Dies wird auch
eine Neuverteilung der Gewichte kirchlicher Verantwortung nach sich ziehen:
«Eine scheinbare Überbelastung des Hierarchischen führt
von selber zu einer Förderung des Demokratischen, während das
Ernstnehmen des Demokratischen sofort und unweigerlich für jeden, der
daran rührt, zur... Sendung im Sinne des kirchlichen Apostolats in
der Welt wird.» Hans Urs von Balthasar hatte als Exjesuit keine leichte
Position. Der Bischof von Chur, Christianus Caminada, gewährte ihm
priesterliches Heimatrecht. Er inkardinierte ihn im Bistum Chur. Bischof
Caminada erwies sich auch gegenüber Otto Karrer, einem Pionier der
frühen Ökumene, der ebenfalls aus dem Jesuitenorden ausgetreten
war und längere Zeit in seinen priesterlichen Tätigkeiten suspendiert
war, als verständnisvoller Anwalt im Gegensatz zur bischöflichen
Kurie in Solothurn und gewissen Scharfmachern an der Theologischen Fakultät
Luzern. Im bischöflichen Schloss in Chur hauste damals ein theologisch
aufgeschlossener und liberaler Geist, der vom Priesterseminar herunterwehte.
Die theologisch-pastorale Grosszügigkeit und Offenheit war nicht auf
Einzelfälle beschränkt. Karl Rahner, ein grosser Vertreter der
neueren katholischen Theologie, konnte mehrere Bände seiner «Schriften
zur Theologie» «mit kirchlicher Druckerlaubnis des bischöflichen
Ordinariates Chur» publizieren. Professoren des Priesterseminars wirkten
als Experten mit.
Die Mobilisierung der kirchlichen Kräfte, der Vereine und Gruppen im
Zeichen der Katholischen Aktion, verbunden mit dem Apostolat der Laien,
ist die Hauptursache für die spätere Entwicklung vor, während
und nach dem zweiten Vatikanischen Konzil. Die Geister, die gerufen wurden,
nahmen nicht bloss ihre Berufung wahr, sondern riefen ihrerseits nach Mitverantwortung
und Mitgestaltung. Sie wollten nicht nur Mitarbeit unter Anweisung verrichten,
sondern verlangten auch nach Mitbestimmung. Als Johannes XXIII. am 25. Januar
1959 ein Allgemeines Konzil ankündigte, löste das bei denen, die
auf Bewahrung ausgerichtet waren, Skepsis bis Ablehnung aus, in der römische
Kurie zum Teil das blanke Entsetzen. Diejenigen, die auf Aufbruch und Veränderungen
hofften, setzten grosse Hoffnungen auf das Konzil und wurden oft von einem
euphorischen Schwung getragen.
Der mit der Ankündigung des Konzils verbundene, allerdings kurze Kirchenfrühling
war ohne den «Vormärz» der vergangenen Jahrzehnte undenkbar.
Die Liturgische Bewegung seit den 20er Jahren, die Bibeltheologie, die Revitalisierung
der Kirchenväter, die heilsgeschichtliche Perspektive der Dogmatik,
die Christozentrik und wieder belebte Osterspiritualität, die Bemühungen
der Moraltheologie um eine die ganze Persönlichkeit des Menschen würdigende
Ethik, die positive Einstellung zur Sexualität, die Aufwertung der
Laien, des Allgemeinen Priestertums der Getauften, Gefirmten und Verheirateten,
die Relativierung des Kirchenrechts, das positivere Verständnis für
die anderen Konfessionen das alles und vieles mehr konnte auf Dauer
nicht auf Exerzitien, Einkehr- und Studientage, auf anregende Fragestunden
mit aufgeschlossenen Religionslehrern, auf Vorlesungen im Rahmen des theologischen
Unterrichts, auf Fortbildungskurse, auf Klerikerdiskussionen, auf Artikelserien
und theologische Entwürfe beschränkt bleiben, mit der Etikette
versehen «Verschlusssache, vielleicht später einmal», sondern
drängte nach Verwirklichung.
Vieles hatte sich angestaut, war eingelagert. Nachher stellte es sich heraus,
dass es wie in einem Dampfkessel ohne Ventil brodelte. Mit liturgischen
Veränderungen konnte es nicht sein Bewenden haben, zumal die kirchenrechtlichen
und disziplinären Gesetze und Bestimmungen vorerst unangetastet blieben.
Das erklärt denn auch gewisse Eruptionen und das mangelnde Fingerspitzengefühl
und fehlende Einfühlungsvermögen liturgischer Kahlschläger
mit Bildersturmmanieren, die viele vergrämten. Andere vermissten nach
der Maienblüte den Sommer mit der Reifung der Früchte. Viele aus
der «Herde» der Katholiken sahen sich einer hartnäckigen
«Schafskälte» ausgesetzt. Der Kirchenkater wurde gross.
Die geschilderte Aufbruchstimmung weckte auch am Priesterseminar St.
Luzi in Chur die theologischen Lebensgeister. 1957, kurz vor Schluss der
Ära der Pius-Päpste, aus Anlass des 150. Jubiläums des Priesterseminars
St.Luzi, gaben die drei Professoren Johannes Feiner, Josef Trütsch
und Franz Böckle einen starken Band unter dem Titel «Fragen der
Theologie heute» heraus. Das Werk löste ein beachtliches und
positives Echo aus. Der Sammelband mit gewichtigen Autoren zu Eckthemen
der systematischen Theologie machte Momentaufnahmen von aktuellen Diskussionen
zu wichtigen Themen, noch sehr behutsam und vorsichtig, aber durchaus anregend.
Das monumentale, über 6000 Seiten zählende Opus magnum «Mysterium
Salutis», zwischen 1965 und 1976 erschienen, eine Gesamtschau der
Theologie unter dem Aspekt der Heilsgeschichte, wurde wiederum von Johannes
Feiner und zusätzlich von Magnus Löhrer herausgegeben. Magnus
Löhrer ist im letzten Jahr verstorben und gehörte nebenamtlich
auch dem Lehrkörper von St. Luzi an. Die Abkürzung «MySal»
(für Mysterium Salutis) ist zwar etwas doppeldeutig, aber ein Standardwerk
und Klassiker, vergleichbar mit Karl Barths «Kirchlicher Dogmatik»,
bleibt es über Generationen. 1973 gab Johannes Feiner mit Lukas Vischer
das «Neue Glaubensbuch» heraus, eine Art ökumenischen Katechismus.
Diese fruchtbaren Zeiten von St. Luzi wurden in kleinerem Umfang fortgesetzt
durch die zusammen mit der Theologischen Fakultät Luzern herausgegebenen
«Theologischen Berichte», ferner kleinere Sammelbände mit
öffentlichen Vorlesungen und nochmals mit einem Professoren-Teamwork
anlässlich des 175-jährigen Bestehens des Priesterseminars, unter
dem Titel «Der Sonntag der Kirche liebstes Sorgenkind».
Auch an der «Ökumenischen Kirchengeschichte der Schweiz»
wirkte die Theologische Hochschule Chur mit. Nicht zu vergessen sind die
in eigener Regie von diversen Professoren verfassten Publikationen. In öffentlichen
Vorlesungsreihen wurde vor allem der ökumenische Austausch gepflegt.
1968 wurde durch römischen Entscheid das theologische Studium des Priesterseminars
zur «Theologischen Hochschule Chur» erhoben mit der Möglichkeit,
das Diplom in Theologie zu erwerben. Die römische Kongregation für
das kirchliche Bildungswesen ermächtigte am 31. Oktober 1973 die Theologische
Hochschule, den akademischen Grad des Lizentiats zu verleihen. Zugleich
gab die römische Kongregation auch der Hoffnung und Erwartung Ausdruck,
dass diese Abschlüsse auch staatlich anerkannt werden. Die Hochschulkonferenz
und das bischöfliche Ordinariat ersuchten die Verwaltungskommission
des Corpus Catholicum, mit der Regierung diesbezügliche Verhandlungen
aufzunehmen. Die Verwaltungskommission befürwortete am 28. Dezember
1973 das Gesuch mit dem Vermerk, dass eine solche Anerkennung ohne finanzielle
Konsequenzen für den Kanton möglich sei. Daraufhin gelangte am
12. Juli 1974 die Verwaltungskommission in Absprache mit Bischof Johannes
Vonderach mit einer Delegation der Theologischen Hochschule, des bischöflichen
Ordinariates und der Verwaltungskommission der katholischen Landeskirche
direkt an die Regierung. Der damalige Rektor der Hochschule, Prof. Aladar
Gajary, hat durch seine konziliante Art atmosphärisch und substantiell
zum guten Gelingen beigetragen.
Die Regierung beauftragte hierauf das Erziehungsdepartement mit der Abklärung
der Frage. Dieses wiederum liess durch zwei Juristen, alt Regierungsrat
Dr. Gion Willi und alt Departementssekretär Dr. Christian Schmid, ein
Gutachten ausarbeiten. Beide kamen zum Ergebnis, eine solche Anerkennung
sei möglich, weil gemäss Artikel 41 der Kantonsverfassung dem
Staat das Oberaufsichtsrecht über das gesamte Unterrichtswesen zustehe.
Am 19. Februar 1976 stand dieses Traktandum auf der Tagesordnung des Grossen
Rates. Bei der Vorstellung der Vorlage wurde abgesehen von juristischen
Überlegungen die kulturelle Bedeutung für die Stadt und die Region
ins Feld geführt. Eintreten war unbestritten und die sieben Artikel
wurden mit 98:0 Stimmen angenommen. Der einstimmige Entscheid des Grossen
Rats war auch ein eindrückliches ökumenisches Signal.
Im Jahre 1999 haben wir in St. Luzi wieder ein halb leeres Haus, oder
sehr optimistisch ausgedrückt, eine halb volles Haus. Das Haus ist
im Unterschied zu 1807 in der Bausubstanz und in der Infrastruktur völlig
intakt, einladend und einnehmend. Die familiäre Atmosphäre von
St. Luzi war die Stärke und die Trumpfkarte unserer Theologischen Hochschule.
Wer aus der Anonymität einer Universität kam, hat den persönlichen
und unkomplizierten Umgang zwischen Professoren und Studierenden immer wieder
positiv registriert.
Wir wollen jetzt nicht breit die schmerzlichen vergangenen zehn Jahre rekapitulieren,
den leidvollen Abgang des 1975 der Theologischen Hochschule angegliederten
Dritten Bildungswegs und des 1985 gegründeten Instituts für Fort-
und Weiterbildung der Katecheten. Aber der Verlust dieser beiden Säulen
unseres Hauses wirkt sich ungünstig aus.
Blicken wir nach vorn, in die Zukunft. Aber eines muss für die weitere
Planung klar sein. Nicht ein theologisches und spirituelles Treibhaus ist
gefragt, sondern ein gedeihliches Klima, das dazu dient, dass die künftigen
Priester, Seelsorger und Seelsorgerinnen auch von rauhen Winden in der beruflichen
Praxis nicht umgeworfen werden.
Ich bin eingangs vom geographischen Begriff des «Hofes» ausgegangen.
In der Stadt Chur wird auch St. Luzi mit seiner Theologischen Hochschule
zum «Hof» gerechnet. Diesen stadtgängigen Jargon kann man
ruhig stehen lassen. Aber eine Theologische Hochschule darf nicht einfach
eine «Theologie» betreiben, sondern sie hat Anregungen, neue
Fragestellungen und Hilfe zu vermitteln. Sie muss eine Art Informationsbörse
im Bistum sein.
Eine theologische Ausbildungsstätte soll auch gelegentlich «Opposition»
machen. Ich will damit sagen: sie muss in der Lage sein, bei Bedarf eine
Gegendarstellung zu entwerfen, Alternativlösungen anzubieten. Dazu
ist akademische Freiheit unverzichtbar. Eine Theologische Hochschule darf
nicht permanent mit Argusaugen bespitzelt werden, ob ihre Dozenten noch
«rechtgläubig» sind. Und eine Theologische Hochschule bedarf
analog zu den Politikern einer «parlamentarischen Immunität»,
was nicht ausschliesst, dass sie wirklich dem Bistum und dem Bischof zu
Diensten steht.
Priesterseminar St. Luzi und Theologische Hochschule Chur sind vom Architektonischen
ein Komplex von Gebäuden: viele Häuser unter einem Dach
ein anschauliches Bild für die Kirche mit den verschiedenen Wohnungen
im Haus des Vaters. Es bleibt der Wunsch und die Hoffnung, dass sich die
diversen Wohnungen dieses Hauses wieder bevölkern und dass die Theologische
Hochschule wieder zu ihrer früheren Ausstrahlung zurückfindet.
Der Kirchenhistoriker Albert Gasser war Professor an der Theologischen Hochschule Chur, bis er im Zusammenhang mit den schmerzlichen Bistumsereignissen demissionierte und in Chur das städtische Pfarramt Heiligkreuz übernahm. Der vorliegende Text lag seinem Festvortrag an der Eröffnungsfeier des Studienjahres 1999/2000 zugrunde.
In den vergangenen Monaten waren in den Medien verschiedentlich Meldungen
zu lesen und zu hören, welche die Hochschule mehr oder weniger totsagten
oder über eine Verlegung nach Luzern oder Freiburg mutmassten. Es gab
Zeitungstitel wie: «Theologische Hochschule Chur vor dem Aus»
mit oder ohne Fragezeichen. Es wurde die durchaus verständliche
Überlegung angestellt, ob es nicht besser wäre, «die noch
vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen für die Konsolidierung
der beiden Theologischen Fakultäten in Luzern und Freiburg einzusetzen,
statt krampfhaft zu versuchen, den Studienplatz Chur neu zu etablieren»
(Luzerner Zeitung vom 26. August 1999). Tatsächlich gibt es Probleme
mit der zu geringen Zahl von Studierenden, aber auch Probleme finanzieller
Art. So scheint sich eine Schliessung der kleinen Churer Ausbildungsstätte
fast aufzudrängen. Dabei muss man sich aber eines klar machen: Die
grossen Verlierer wären dabei das Bistum sowie katholisch Chur und
Graubünden.
Bischof Amédée Grab hat nie einen Zweifel daran gelassen,
dass ihm Hochschule und Seminar in Chur sehr am Herzen liegen und dass er
sie erhalten möchte. So haben er und der Priesterrat auf die Situation
reagiert und eine Kommission eingesetzt, die alle diesbezüglichen Fragen
gründlich studieren und Lösungen vorschlagen soll. An der Sitzung
vom 3. November 1999 des diözesanen Priesterrates, des wichtigsten
Beratungsgremiums des Bischofs, wurde darüber diskutiert. Dabei wurden
wichtige Weichen gestellt. Ohne Gegenstimme stellte sich der Rat hinter
den gut überlegten und begründeten Vorschlag der Kommission, an
der Ausbildungsstätte in Chur festzuhalten, eine momentane Durststrecke
in Kauf zu nehmen und alle Anstrengungen zur Neubelebung der Theologischen
Hochschule und des Seminars St. Luzi zu unternehmen. Es gibt viele gute
Gründe, die fast 200-jährige Ausbildungstradition in Chur weiterzuführen:
Das Gesagte macht deutlich, dass es nicht die Absicht ist, einfach den
Status quo zu zementieren. Man möchte vielmehr Aufbauarbeit leisten.
Die Theologische Hochschule im Sinne des akademischen Studiums soll sozusagen
das «Kerngeschäft» bleiben. Daneben möchte man aber
versuchen, zusätzliche Ausbildungsgänge und -formen anzugliedern,
die in der Umbruchsituation der Kirche notwendig werden. Etwa im Bereich
der Fort- und Weiterbildung von Seelsorgern und Seelsorgerinnen gibt es
diesbezüglich durchaus Bedarf, aber auch im Bereich der Bildung und
Begleitung von Laien, die im Leben der Kirche in verschiedenen Funktionen
eine immer wichtigere Rolle spielen. Es wäre übrigens gut und
sinnvoll, wenn dabei vermehrt auch ökumenische Zusammenarbeit möglich
würde.
Die erste wichtige Aufgabe, die ansteht, wenn die Theologische Hochschule
Chur eine lebendige Zukunft haben soll, ist die Wiederherstellung des Vertrauens
im Bistum, nicht zuletzt auch in der Region Chur und in Graubünden.
Dafür wurden vom Priesterrat ein paar konkrete Massnahmen vorgeschlagen.
Die Leitung der Hochschule und der Lehrkörper wie die Studierenden
sind gewillt, ihr Möglichstes dazu beizutragen, dass die Theologische
Hochschule und das Seminar St. Luzi dieses Vertrauen verdienen. Man ist
dabei auf die Mithilfe der Seelsorger und der Bevölkerung, nicht zuletzt
auch der Medienverantwortlichen angewiesen, um dieses Vertrauensverhältnis
aufzubauen, das Zukunft und neues Leben für die Hochschule erst möglich
macht.
Die Theologische Ausbildungsstätte in Chur ist an einem heiklen Punkt
ihrer rund 200-jährigen Geschichte, nicht zum ersten Mal. Die Tatsache,
dass sie bisher alle Krisen überlebt hat und es sie immer noch gibt,
macht Mut, einen neuen Anlauf zu nehmen, um ihr eine gute Zukunft zu sichern.
Leider hat sich in den letzten Wochen vor allem die finanzielle Situation als viel brisanter erwiesen als angenommen, so dass der Bischofsrat eine bittere Vorentscheidung treffen musste (SKZ 3/2000, S. 56).
Der Universitäts- und der Paulusverlag in Freiburg (Schweiz) bieten neuerdings die zwei Bände «Gegen die Gottvergessenheit» (1990) und «Theologische Profile Portraits théologiques» (1998) mit insgesamt 76 biographischen und werkgeschichtlichen Beiträgen im Doppelpaket zum Sonderpreis von Fr. 78. an. Nach den Kriterien der theologischen Eigenleistung, der Förderung des Lebens der Schweizer Kirchen und der Wirkung über die Landesgrenze hinaus wurden 6 Frauen und 70 Männer porträtiert. Von ihnen stammen 2 aus der italienischsprachigen und 14 aus der französischsprachigen Schweiz und 9 aus dem Ausland; die Orthodoxe Kirche ist mit 1 Theologen vertreten, die Christkatholische mit 6, die römisch-katholische mit 31, evangelisch-reformierten gehören 38 an. Von den dargestellten Theologen haben die einen an den Theologischen Fakultäten der Schweiz, an der Theologischen Hochschule Chur oder an der Theologischen Schule der Benediktiner in Einsiedeln gelehrt; andere sind nicht in akademischer Hinsicht, sondern auf andere, oft sehr originelle Weise hervorgetreten.