51-52/2000

INHALT

Pastoral

KG-Lieder tiefer singen

von Walter Wiesli

 

Gibt es eine richtige oder ideale Tonhöhe zum Singen von Liedern? Darüber streitet man nicht erst seit Erscheinen der Orgelbücher zum KG.1 Fürs Erste orientiert man sich an der Orginaltonhöhe. Aber diese kann vor allem bei Liedern aus dem 16. und 17. Jahrhundert kaum massgeblich sein, weil der «Normalton» damals merklich tiefer war und das Lied in der heutigen Stimmung somit höher klingt. Kommt dazu, dass die Vorlage für viele Lieder der mehrstimmige Kantionalsatz ist, welcher die Melodiestimme zwangsläufig höher führt. Während ein Lied auf dem Instrument in jeder Tonhöhe erklingen kann, setzt die menschliche Stimme dieser Möglichkeit Grenzen. Eine nicht ausgebildete Stimme verfügt in der Regel über den eher bescheidenen Tonumfang von knapp zwei Oktaven und dieser klingt meistens nur in den mittleren Lagen gut. Dieser bescheidene Tonumfang verführt gerne dazu, ein hoch einsetzendes Lied (79, 437, 670) in einer bequemen, das heisst mittleren Tonlage zu beginnen ohne vorauszusehen, dass der Schluss in einer kaum mehr singbaren Tiefe versinkt. Es macht also Sinn, von einer «idealen Tonhöhe» zu sprechen. Was unter dem tiefen C liegt (das C, das alle noch singen können), klingt oft matt und gepresst. Wenn aber ein Lied wie «Wachet auf» (210) einen Tonumfang von zwölf Tönen beansprucht, zwingt einem der Gemeindegesang gelegentlich trotzdem, diese Lösung zu wählen.
Weshalb hat man die Orgelbegleitungen nicht gleich von Anfang an tiefer gesetzt? Zur «idealen Tonhöhe» lud zunächst einmal die herkömmliche Singweise ein. «In dulci jubilo» (346) wählt nun eben schon immer das pastorale F-Dur, andere Lieder (337, 524 usw.) ebenso. F-Dur singt sich in der Regel und spielt sich leicht. Um einen Halbton nach unten versetzt, werden Orgelspieler/Orgelspielerinnen bereits mit vier Kreuzen konfrontiert, was nicht alle mögen. Ein weiteres Argument für die Tonhöhen im KG waren die Vorgaben im reformierten Gesangbuch, mit dem uns ein grosser gemeinsamer Liedbestand verbindet. Gleiche Tonhöhen ermöglichen den gemeinsamen Gebrauch von Intonationen, Begleitsätzen und den nunmehr beidseits entstehenden Versetten. Ein ähnliches Argument für die Bevorzugung bestimmter Tonhöhen war der reiche Schatz an Orgelliteratur zu traditionellen Liedern. Sein Gebrauch wird sogleich geschmälert, wenn die Tonarten differieren.
Die Praxis zeigt nun allerdings, dass unsere oftmals wenig wendigen oder überalterten Singgemeinden mit den herkömmlichen Tonhöhen Mühe haben. Um sich vom Ausmass dieser Situation ein genaueres Bild zu machen, wurde im Herbst 1999 von der Zeitschrift «Singen und Musizieren» eine Umfrage in die Wege geleitet. Sie führte zu einer Wunschliste von 132 vorwiegend tiefer zu setzenden Liedern. Eine Befragung der Herausgeber erbrachte ebenso meist nur handfeste Praxisüberlegungen: «Ein mühsames Lied (336), ein anstrengendes Lied (520); so hoch hinauf singt mir kein Mann (509); am Morgen soll man die Leute nicht mit hohen Liedern quälen (671).» Bei näherem Betrachten der Argumente zeigt sich folgendes: Wenn Lieder mit grossem Tonumfang (Oktave und mehr) sich häufig in den oberen Tonlagen bewegen, werden sie mühsam (194, 198). Dies kann aber auch im bequemen F-Dur der Fall sein, wenn die Melodie auf der fünften Stufe insistiert (336, 451). Manchmal allerdings kommt der Verdacht hoch, die Bittsteller hätten eine «Kreuz-Phobie»: Bitte tiefer als G-Dur, tiefer als e-Moll ­ beide Tonarten notieren als Vorzeichen ein Kreuz. Es ist nun freilich unbestritten, dass mit einer Transposition nach unten manche Lieder ihren Schwung und ihren Glanz verlieren. Dies trifft für etliche der 35 Lieder zu, die von F nach Es umgeschrieben wurden. Dasselbe gilt von den sechs Transpositionen von C nach B.
Bei der Frage, wie viele Lieder schlussendlich zu transponieren seien, gingen die Meinungen weit auseinander. Die Herausgeber entschlossen sich für eine grosszügige Lösung, damit nicht gleich eine weitere Wunschliste präsentiert wird. Das Inhaltsverzeichnis listet 184 Transpositionen auf, darunter acht Lieder, die «Leihmelodien» verwenden und deshalb im Orgelbuch III nicht abgedruckt werden. Zwei Melodien sind mit zwei Begleitsätzen bedacht (145/579, 562/577), drei Begleitsätze sind neu (208, 344, 579). Wo der verfügbare Platz es erlaubt, werden den Noten weitere Strophen unterlegt.
Die Herausgeber verstehen den Orgelband III nicht als Korrektur der beiden bereits im Gebrauch befindlichen Orgelbücher. Es wird so bleiben, dass in unsern Gottesdienstgemeinden mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten gerechnet werden muss. Selbst in einer gleichen Gemeinde ist man dankbar, wenn für einen Früh- und Spätgottesdienst Begleitsätze in verschiedenen Tonhöhen vorhanden sind. Im Geleitwort dieser Edition wird darauf hingewiesen, dass eine tiefere Intonation von Liedern sich öfters nur als vorübergehende Massnahme aufdränge. Wenn die Singgemeinde das Lied beherrscht, schwindet die Scheu, sich mit exponierteren Höhen zu versuchen.

 

Der Musikwissenschaftler Walter Wiesli nimmt die Geschäftsleitung des Vereins für die Herausgabe des Katholischen Kirchengesangbuches der Schweiz wahr.


Anmerkung

1 Zum Orgelbuch III, 184 transponierte Gesänge, 200 Seiten, Fr. 120.­, Cavelti Druck und Verlag AG, 9201 Gossau.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000