25/2000 | |
INHALT | |
Pastoral |
Das Bistum Basel zählt in den 10 Bistumskantonen zurzeit 72 Missionen,
die für Mitglaubende von 17 fremden Sprachen tätig sind. Dabei
rechne ich in unserem zweisprachigen Bistum Deutsch und Französisch
nicht mit, wohl aber Italienisch, da wir keinen italienisch sprechenden
Bistumsteil haben.
Im Laufe der letzten Jahre wurden 12 früher selbstständige Missionen
in grössere Seelsorgeeinheiten eingegliedert.
Für 60 Missionen wohnen die Missionare in unserem Bistum, während
12 Missionen den Standort ausserhalb des Bistums haben (vor allem sprachliche
Minderheiten), ja sogar ausserhalb der Schweiz (Frankreich: Kambodschaner,
Laoten; Belgien: Ukrainer).
Insgesamt sind 75 Priester, 2 Diakone und 12 in der Pastorale Mitarbeitende
im Einsatz.
Allein schon diese Zahlen lassen erahnen, dass eine Gemeinschaft mit einer
solchen Vielzahl von Sprachen eine Herausforderung darstellt, soll sie nicht
in ein Babel des 21. Jahrhunderts ausarten, zumal wir nicht von der Voraussetzung
ausgehen können, dass jede und jeder die Sprache der ansässigen
Bevölkerung, das heisst Deutsch oder Französisch, beherrscht,
sich mit Leichtigkeit darin ausdrückt oder ausdrücken will. Bedenken
wir zusätzlich, was sich mit dieser Sprachverschiedenheit an Unterschieden
in Kultur und Mentalität verbindet und damit auch an Unterschieden
im Vollzug und im Ausdruck des Glaubens, zeigt sich die Aufgabe für
ein Bistum, wenn wahr werden soll, was Papst Johannes Paul II. in die Worte
fasste: «Nella Chiesa nessuno è straniero e la Chiesa non è
straniera a nessuno» «In der Kirche ist keiner fremd und
die Kirche ist keinem fremd».
Die Kontakte mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern in den Dekanaten,
wie sie unser Bischof in den ersten Jahren seines Amtes als Schwerpunkt
gewählt hat, liessen oft die Anliegen der Fremdsprachigen etwas zu
kurz kommen. Deshalb reservierte Bischof Kurt Koch 1999 drei Tage, um in
Biel (24.2.), Bern (12.3.) und Basel (5.11.) mit je einer Gruppe fremdsprachiger
Missionare und Missionarinnen ins Gespräch zu kommen. Dabei haben wir
bewusst die Begegnungen nicht nach den Sprachen der Herkunftsländer
gebildet offenbar zu Recht; denn ich bekam Rückmeldungen wie:
«Zum ersten Mal bin ich mit Missionaren anderer Sprachen zusammen
gewesen.» (Auch noch ein «ökumenisches» Arbeitsfeld!)
Von den verschiedenen Anliegen greife ich einige heraus, die immer wieder
zur Sprache kamen:
Während die einen sehr eindringlich den Bischof um ein gemeinsames
Pastoralkonzept für alle Missionen im Bistum baten, wehrten sich andere
vehement gegen ein solches Konzept.
In der Tat wurde in den Gesprächen deutlich, wie unterschiedlich die
Lage der verschiedenen Missionen ist, und das müssen wir zur Kenntnis
nehmen. Da ist auf der einen Seite zum Beispiel eine Missione Cattolica
Italiana seit Jahrzehnten etabliert an einem Ort. In einem überschaubaren
Seelsorgebezirk arbeiten seit Jahren die gleichen Mitglieder aktiv mit.
Die zweite und dritte Generation leben hier. Die Zahl ist eher abnehmend,
weil der Zustrom abnimmt und weil eine beachtliche Zahl die schweizerische
Staatszugehörigkeit erworben hat oder erwirbt.
Auf der anderen Seite betreuen Seelsorger aus Frankreich unsere Kambodschaner
oder Laoten der gesamten Schweiz oder in der Albanermission sieht sich ein
Missionar (seit 1.1.2000 ist wenigstens ein zweiter da) verantwortlich für
die 16000 Albaner in der ganzen Schweiz, die in der letzten Zeit zu Tausenden
in unser Land kamen, sehr oft geprägt von den Traumata des Krieges,
des Terrors und der gewaltsamen Unterdrückung.
Ein gemeinsames Pastoralkonzept? Für die einen dringend, für die
anderen unmöglich.
Es fällt das Wort Integration und jeder versteht etwas anderes darunter, von der Assimilation bis zur Communio. Dementsprechend sind die Reaktionen vom erstrebenswerten Ziel bis zum Schreckgespenst. Wir werden später darauf zurückkommen.
Die einen Missionare sprechen für einen gemeinsamen Religionsunterricht mit der Ortspfarrei, bei dem sie in geeigneter Weise mitwirken, die anderen halten oft verbunden mit grossen Vorbehalten gegenüber dem Religionsunterricht der Schweizer Pfarreien den eigenen Unterricht in der Mission als unabdingbar, wenn der Glaube weitergegeben werden soll.
Für die einen ein Muss, für andere wünschenswert, für die Dritten undurchführbar, weil die Ortspfarreien nicht mithalten; weil zu viele Sprachen am Ort zusammenleben; weil das Gebiet der Mission zu viele Ortspfarreien umschliesst.
Nicht nur viele Laien, auch Missionare zeigen Mühe mit unserer Verbindung
von pastoraler Tätigkeit und staatskirchenrechtlichen Strukturen. Die
Mitarbeit der Laien in solchen landeskirchlichen Gremien ist für sie
nicht nur ungewohnt, sondern hinderlich («Päpste»). Es
ist ihnen fremd, dass Steuern erhoben werden und dass der Priester von öffentlich-rechtlich
zu verwaltenden Geldern abhängt.
Aber auch innerhalb der Missionen zeigen sich grosse Unterschiede in der
Zusammenarbeit mit Laien, besonders mit auch theologisch qualifizierten
Laien, die bereit wären, Eigenverantwortung zu übernehmen.
Über die Bedeutung der fremdsprachigen Missionen haben die Seelsorgerinnen
und Seelsorger in den Begegnungen mit unserem Bischof ebenfalls recht unterschiedliche
Meinungen geäussert: Sie sind notwendig, damit die Fremdsprachigen
hier ihre Heimat und Identität finden und bewahren können. Der
Mensch will sich in seinem Glaubensleben in der Muttersprache ausdrücken.
Kirchenferne werden durch die vertraute Sprache und Kultur angezogen, finden
Gemeinschaft und finden sich wieder zu einer näheren Beziehung zur
Kirche.
Auf die Gefahr, dass die Mission zum Ghetto wird, wurde nicht weniger deutlich
hingewiesen. Ebenso spüren Fremdsprachige Vorbehalte, Interesselosigkeit
und Ablehnung von Seiten der Ortspfarreien, ihrer Gläubigen und ihrer
Seelsorgerinnen und Seelsorger, aber auch die Erwartung, dass die Fremdsprachigen
endlich ihr Eigenleben aufgeben und das ortsübliche Kirchesein übernehmen,
sich assimilieren.
Mit solchen Eindrücken gingen Bischof Kurt Koch und ich von den letztjährigen
Begegnungen nach Hause. Es waren für uns nicht so sehr neue Erkenntnisse
als Erkenntnisse, die durch das lebendige Gespräch neu lebendig und
mit neuen Erfahrungen bereichert wurden. Es sind für uns die Gegebenheiten,
die wir in unserem pastoralen Handeln ernst nehmen wollen. Und es ist unsere
Hoffnung, dass dank den Begegnungen auch allen Mitbeteiligten die Vielgestaltigkeit
der Wünsche und Erwartungen bewusst wurde. Denn von diesem Ausgangspunkt
müssen wir gemeinsam ausgehen, wenn wir unsere gemeinsame Zukunft gestalten
wollen.
Um unsere derzeitige Lage zu beurteilen und zu einem sinnvollen Handeln
zu gelangen, ist für uns der Auftrag Christi klares Richtmass. Diese
Aufgabe scheint mir so klar aus der biblischen Botschaft vorgegeben, dass
ich mich hier nur auf ein paar Hinweise beschränken möchte.
Schon die alttestamentliche Botschaft weist uns den Weg zur Gemeinschaft.
Von den Gesetzestexten sei nur Lev 19,33f. erwähnt: «Wenn bei
dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.
Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer
gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn auch ihr seid selbst
Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin Jahwe, euer Gott.»
Erst recht wird diese Botschaft deutlich, wo ein Prophet wie Jesaja vom
künftigen Heil als der Völkerwallfahrt nach Jerusalem spricht
(Jes 2,14) oder die Fremden in der Glaubensgemeinschaft sieht, die
zum Haus Gottes pilgert; «denn mein Haus wird ein Haus des Gebets
für alle Völker genannt» (Jes 56,7).
Welch lebendige Gemeinschaft uns auf Auftrag gegeben ist, wird noch deutlicher,
wenn wir die neutestamentlichen Schriften lesen. Ich denke an das so genannte
hohepriesterliche Gebet Jesu: «Ich bitte dich nicht nur für diese
hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle
sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen
auch sie in uns sein, damit die Welt zum Glauben kommt, dass du mich gesandt
hast» (Joh 17,21f.).
Nicht weniger deutlich spricht Paulus mit dem Bild des Leibes Christi (1
Kor 12) oder in Gal 3,28: «Es gibt nicht mehr Juden und Griechen,
Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid Ðeinerð
in Christus.»
Der Massstab unseres gemeinsamen Lebens ist uns vorgegeben. An ihm ist die
derzeitige Lage zu messen und nach ihm unser Ziel und das Handeln der Zukunft
zu bestimmen. Wir können dieses Ziel zusammenfassen mit dem Begriff:
Oder anders ausgedrückt: Es ist unser Ziel,
Wenn von der weiteren Zukunft der fremdsprachigen Missionen die Rede ist, fallen immer wieder Begriffe wie Assimilation, Integration, Communio und erhitzen die Gemüter. Was den einen als das «Gelbe vom Ei» erscheint, wirkt bei den anderen wie das rote Tuch auf den Stier. Ist das Gemeinte umstritten, so verschärft sich die Schwierigkeit erst recht dadurch, dass mit dem gleichen Begriff vielfach ein unterschiedlicher Inhalt verbunden wird. Wer immer einen solchen Begriff verwendet, tut gut daran, so gut als möglich zu umschreiben, was die oder der Sprechende darunter versteht. Versuchen wir daher zunächst, diese Begriffe etwas zu klären.
Angleichung besagt, die Beteiligten werden einander ähnlich. Wird
die Forderung erhoben, der Fremde soll ähnlich werden, er soll sich
assimilieren, so befürchtet der Fremde, er müsse seine Eigenprägung,
ja seine Eigenständigkeit aufgeben und wehrt sich gegen ein solches
Ansinnen.
Blicken wir einmal abgesehen von unterschiedlicher Herkunft und Nationalität
in eine Gemeinschaft wie die Familie oder ein Freundeskreis, so wird sofort
klar: Eine Gemeinschaft braucht einen gewissen gemeinsamen Lebensstil. Weder
eine Familie noch ein Freundeskreis ist eine Ansammlung von Individualisten,
sondern wird zur Gemeinschaft, wo alle Beteiligten in gegenseitiger Achtung
der Eigenprägung der anderen sich einfügen, sich einander angleichen.
Wird die persönliche Eigenart auf Einförmigkeit getrimmt, so geht
der Reichtum unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten verloren;
nimmt dagegen nicht jede und jeder einiges von den anderen an, vermag die
Grundlage der Gemeinsamkeit nicht zu wachsen.
Die Schwierigkeit beim Begriff Assimilation liegt für mich darin, dass
eine solche Angleichung einseitig, und damit zumeist vom Fremden erwartet,
ja gefordert wird. Dabei würde sie als wechselseitiger Prozess zu einer
allseitigen Bereicherung führen. Gerade diese oft einseitig an die
Fremden gerichtete Erwartung verlangt äusserste Vorsicht bei der Verwendung
dieses Begriffs. Ich halte ihn daher trotz seiner positiven Elemente für
wenig geeignet, um den Weg in die Zukunft zu umschreiben.
Eingliederung (eigentlich Verbindung zu einer Ganzheit) erfreut sich
unterschiedlicher Beliebtheit. Wer darin ein Bild der Kirche sieht, die
ihrer Vollkommenheit entgegenwächst, weiss es zu schätzen, wenn
die Fremden der Ortskirche etwas deutlicher das Kennzeichen der Katholizität
aufprägen. Wer dagegen ein Aufgehen in der unveränderten Lokalkirche
befürchtet, wird sich gegen eine solche Vorstellung wehren.
Von einer gesunden Theologie der Kirche her kommt der Integration schon
eine Bedeutung zu, die sich am Bild der Kirche als Leib Christi am deutlichsten
darstellen lässt. Zur Integrität des Körpers gehören
alle Glieder. Sie bilden eine Einheit, obwohl die Hand Hand bleibt, das
Herz Herz und die Niere nicht zum zweiten Magen wird. Integration im Sinne
einer Verbindung zu einer organischen Ganzheit wäre für mich ein
erstrebenswertes Ziel pastoralen Wirkens.
Gemeinschaft (eigentlich gemeinsame Verpflichtung [com-munia]) hat den
Vorteil, dass das II. Vatikanische Konzil mit diesem Begriff die Verbundenheit
der Gläubigen in der Kirche umschrieben hat, so dass man von einer
Communio-Theologie spricht. Hier besticht die gemeinsame Verpflichtung,
die eine Gemeinschaft wachsen lässt; die Mitverantwortung aller, ob
Priester oder Laien, Einheimische oder Fremde, Mann oder Frau.
Der Nachteil für mich liegt beim Fremdwort; denn der Gebrauch von Fremdwörtern
ist für viele Menschen Glücksache, so dass sich erst recht wieder
Tür und Tor öffnen für Missverständnisse oder dass die
Gefahr besteht, eine leere Hülse zu benutzen.
Aus diesen Gründen spreche ich am liebsten von Gemeinschaft oder genauer
von lebendiger Gemeinschaft.
Es ist eine Gemeinschaft und damit eine organische Einheit von Menschen,
die wie die Glieder des Körpers ihre Eigenheit einbringen, aber sich
auch mit ihrer Eigenprägung einordnen ins Ganze.
Es ist eine lebendige Gemeinschaft, das heisst eine Gemeinschaft, die lebt
und sich in ihrer Lebendigkeit bewährt. Alles Leben entfaltet sich
oder stirbt. Es gibt im Leben keinen Stillstand. Lebendige Gemeinschaft
heisst darum für mich: Es ist eine Gemeinschaft, die sich entfaltet;
die im Innern erstarkt und nach aussen Leben spendet, fördert und gestaltet.
Auf eine solche Kirche lebendiger Gemeinschaft hin ist unser Bistum auf
dem Weg, und wir können es nur sein, wenn Einheimische und Fremde immer
mehr zur lebendigen Gemeinschaft zusammenwachsen, zu einer organischen Einheit
dank der Einordnung der je eigenen Verschiedenheit. Von daher ergeben sich
für mich:
Ich spreche nicht von einem Pastoralkonzept für die fremdsprachigen Missionen, weil wie oben dargelegt die Unterschiede der verschiedenen Missionen zurzeit zu gross sind. Mit Leitlinien möchte ich die Richtung umschreiben, in welche unsere pastoralen Bemühungen wirksam werden sollen und ich sage bewusst unsere pastoralen Bemühungen; denn hier sind Fremdsprachige und Einheimische herausgefordert.
Fremdsprachige kommen in eine neue Umwelt. Sie lassen oft unfreiwillig
ihre Heimat und bisherige Geborgenheit zurück. Eine ungewisse
Zukunft verursacht Ängste. Es fehlen zunächst oft menschliche
Beziehungen. Sie müssen aufgebaut werden, was oft durch die Sprachbarriere
erschwert wird. Einheimische wie Fremde befürchten einen Verlust persönlicher
Eigenart.
Persönliche Kontakte zwischen einzelnen und zwischen Gruppen verschiedener
Herkunft, Orientierungen über die Andersartigkeit in Alltag, Religionspraxis,
Kirchenverfassung fördern die Verständigung.
In unserer Gesellschaft prägen hüben und drüben Vorurteile und unbedachte Verallgemeinerungen das Verhältnis zwischen Einheimischen und Fremden. Die persönliche Tendenz, vor allem negative Erfahrungen wahrzunehmen und weiterzuberichten, wird durch die Massenmedien verstärkt. Anerkennung des Guten fördert nicht nur das menschliche Klima, sondern öffnet die Augen für das, was die Fremdsprachigen an Bereicherung einbringen.
Gottesdienste mit mehrsprachigen Elementen lassen Glaubende verschiedener Herkunft über die Sprachgrenzen hinweg Einheit im Glauben erfahren. Ein verbindlicher liturgischer Rahmen schafft Vertrautheit und Geborgenheit und fördert die Offenheit für Sonderformen in den liturgischen Freiräumen. Die allgemeine Auskündigung der Gottesdienste, die Abstimmung der Gottesdienstzeiten, der Raum im Pfarrblatt für die Fremdsprachigen an Stelle des eigenen Pfarrblatts können dazu beitragen, dass die Zusammengehörigkeit gefördert wird.
Die Familie muss auch heute ein bevorzugter Ort sein und werden, wo der
Glaube weitergegeben wird. Wenn es gelingt, Eltern verschiedener Sprachen
zusammenzuführen, um über anstehende Fragen der Kindererziehung
Austausch zu pflegen, knüpfen sich starke Bande der Verbundenheit.
In dieser Hinsicht kommt dem Religionsunterricht hohe Bedeutung zu. Es kann
nicht zu einer lebendigen Gemeinschaft in der Kirche kommen, wenn unsere
jungen Menschen mit ihren Kameraden alles gemeinsam haben (Schule, Beruf,
Freizeit, Spiel, Sport), jedoch getrennte Wege gehen, wo es um die religiöse
Unterweisung geht. Der gemeinsame Religionsunterricht muss daher das Ziel
sein; gemeinsam nicht nur, weil alle Schülerinnen und Schüler
den gleichen Unterricht besuchen; gemeinsam auch, weil die fremdsprachigen
Seelsorgerinnen und Seelsorger einbezogen sind, zum Beispiel bei Elternabenden,
in der Vorbereitung auf Erstkommunion, Firmung usw. Gerade im Blick auf
den Religionsunterricht zeigen fremdsprachige Eltern und Missionare oft
Vorbehalte, weil der hiesige Religionsunterricht anders gestaltet wird,
als sie es zu Hause gewohnt waren. Es wäre hilfreich, würden Vorurteile
gegenüber der anderen Art durch Aufmerksamkeit auf das Positive ersetzt.
Es dürfte in diesem Zusammenhang auch wichtig sein, selbstkritisch
zu bleiben. Nicht selten wird ein Nachlassen der religiösen Praxis
bei den Jugendlichen vorschnell und einseitig dem üblen Einfluss der
schweizerischen Umgebung zugeschrieben. Ich sage nicht, dieser Einfluss
habe keine Wirkung oder es sei alles über jeden Zweifel erhaben. Dennoch
höre ich ebenso, dass Fremdsprachige bei gelegentlichen Besuchen zu
Hause feststellen, dass sich auch dort einiges geändert hat und die
«heile Welt», die man sich in der Erinnerung vorstellt, auch
nicht mehr existiert. Andere Eltern gestehen ein, dass sich ihr eigenes
religiöses Verhalten auch geändert und in der Intensität
des äusseren Vollzugs nachgelassen hat, und bekanntlich reissen Beispiele
hin, während Worte ermuntern.
Wo die Kirche als lebendige Gemeinschaft gedeiht, wird sie auch die Verantwortung wahrnehmen, das öffentliche Leben mitzugestalten. Viele anstehende Probleme sind uns allen gemeinsam. Wo der Einsatz für die so genannte Dritte Welt oder die Kranken, Einsamen, Drogenabhängigen, sozial Benachteiligten zum gemeinsamen Handeln führt, wird nicht nur oft der Einsatz wirksamer, sondern verbindet die gemeinsame Tätigkeit Menschen, die sich zuvor fremd waren.
Allzu oft stossen wir in unserem alltäglichen Leben auf das Hindernis der verschiedenen Sprachen. Bei allem Verständnis für die Pflege der Muttersprache dürfen wir nicht übersehen, dass das alltägliche Leben die Kenntnis der Sprache am Ort erfordert. Wenn wir der heranwachsenden Generation eine gleiche Chance in Beruf und Zukunft gewähren wollen, muss uns die Kenntnis der Lokalsprache ein Anliegen sein. Wir sind dies der jungen Generation schuldig. Es wäre zu prüfen, ob nicht auch Pfarreien vermehrt mit solchen Angeboten Brücken schlagen könnten. In besonderem Masse sollten Missionare sowie Frauen und Männer, die in der Lage sind, für die Anliegen ihrer Landsleute einzustehen, dieses Anliegen pflegen.
Neben diesen mehr auf die menschlichen Beziehungen ausgerichteten Leitlinien sind auch Veränderungen ins Auge zu fassen, die stärker die Struktur der Missionen betreffen. Werden die Missionen weiterhin so bestehen wie heute? Wie erreichen wir das Bild der einen Kirche, die nicht in Sprachgruppen geteilt ist, sondern in der Menschen verschiedener sprachlicher Herkunft zusammenleben? Wie wirkt sich der zahlenmässige Rückgang der Priester aus? Wie können wir solche Fragen pastoral verantwortungsvoll angehen?
Die fehlenden Missionare veranlassen uns, die Missionen grossräumiger
zusammenzuführen. Wir kennen diese Entwicklung in den Pfarreien unseres
Bistums und versuchen die Seelsorge zu gewährleisten, einerseits dadurch,
dass ein Team von einem Ort aus wirkt in einem grössern Gebiet, das
mehrere Pfarreien umfasst (besonders die Equipes im Jura), oder dass andererseits
Pfarreien zu einem Seelsorgeverband zusammengeschlossen werden, in dem ein
Priester in der einen Pfarrei wohnt und in anderen den priesterlichen Dienst
versieht, während dort ein Gemeindeleiter oder eine Gemeindeleiterin
die Verantwortung mit dem Priester zusammen wahrnimmt.
Ähnliche Seelsorgeeinheiten werden auch bei den Missionen notwendig,
das heisst zwei oder drei bisherige Missionen werden zu einem Seelsorgeverband
zusammengeschlossen. Dabei soll keine lebendige Mission aufgehoben werden,
auch wenn der Missionar nicht mehr am Ort wohnt. Andererseits soll auch
keine Mission weitergeführt werden, wenn sie durch die geschichtliche
Entwicklung oder die gesellschaftlichen Veränderungen ihre einstige
Bedeutung verloren hat.
Soll das Leben in den Missionen gedeihen, so setzt das voraus, dass auch in den Missionen vermehrt Laien zur Mitverantwortung ausgebildet und auch tatsächlich in die Verantwortung eingesetzt werden. Ich sehe darin nicht eine Notlösung, auch wenn vielleicht die Not für uns Anlass wird, diesen Weg bewusster zu gehen. Vielmehr kommt damit die Mitverantwortung aller Getauften zum Tragen. Das gute Zusammenwirken von Priestern und Laien ermöglicht, das Leben in allen Missionen und auch im grösseren Seelsorgeverband zu fördern.
Eine verheissungsvolle Verbindung von Mission und Ortspfarrei als lebendige
Gemeinschaft sehe ich in der Möglichkeit, dass das Seelsorgeteam geöffnet
wird und fremdsprachige Seelsorgerinnen und Seelsorger im Seelsorgeteam
selbst mitarbeiten. Dadurch wird die Pfarrei selbst zur mehrsprachigen und
kulturell vielfältigen Kirche.
Als ermutigendes Beispiel zeichnet sich zum Beispiel Zuchwil ab, wo die
Pfarrei von einem Schweizer Diakon und dem Spaniermissionar als zugeordnetem
Priester geleitet wird. Eine andere Form erleben die Slowaken, für
die der Pfarrer der Pfarrei Dulliken als Seelsorger wirkt.
Verbindungen unter menschlichen Gemeinschaften geschehen durch Menschen.
Es hilft wenig, sich über mangelndes Verständnis zu beklagen.
Weit wirksamer wird es, wenn Einheimische und Fremde miteinander beraten.
Gegenseitige Vertretungen sind lebensnotwendig. Je mehr wir uns bemühen,
auf den verschiedenen Ebenen der Pfarrei/Mission/Kirchgemeinde, des Dekanats,
des Kantons und des Bistums als Schweizerinnen und Schweizer zusammen mit
den Fremdsprachigen zusammenzuwirken, umso stärker wird die lebendige
Gemeinschaft werden. Es muss uns allen ein Anliegen sein, Frauen und Männer
für eine solche Mitarbeit zu motivieren und sie darin zu unterstützen.
Diese Leitlinien möchten Anstoss geben zum Nachdenken und zum Austausch
und zum Gespräch. Es geht darum, die Zukunft der Kirche in unserem
Bistum zu gestalten. Wir sind als Bistumsleitung auf die Mithilfe aller,
ob einheimisch oder fremdsprachiger Herkunft, angewiesen, damit wir unseren
Auftrag erfüllen können, eine lebendige Gemeinschaft in Jesus
Christus zu werden, sie mitzugestalten und dank der damit verbundenen Strahlkraft
unseren Beitrag zu leisten für eine menschlichere und christlichere
Welt.
Dr. Rudolf Schmid, Generalvikar des Bistums Basel, nimmt als Spezialmandat die Fremdsprachigen-Seelsorge wahr.