25/2000

INHALT

Pastoral

Fremdsprachigen-Seelsorge aus der Sicht der Bistumsleitung
Vortrag an der Tagung der Kommission für Ausländerseelsorge Kanton Bern am 17. März 2000.

von Rudolf Schmid

 

Das Bistum Basel zählt in den 10 Bistumskantonen zurzeit 72 Missionen, die für Mitglaubende von 17 fremden Sprachen tätig sind. Dabei rechne ich in unserem zweisprachigen Bistum Deutsch und Französisch nicht mit, wohl aber Italienisch, da wir keinen italienisch sprechenden Bistumsteil haben.
Im Laufe der letzten Jahre wurden 12 früher selbstständige Missionen in grössere Seelsorgeeinheiten eingegliedert.
Für 60 Missionen wohnen die Missionare in unserem Bistum, während 12 Missionen den Standort ausserhalb des Bistums haben (vor allem sprachliche Minderheiten), ja sogar ausserhalb der Schweiz (Frankreich: Kambodschaner, Laoten; Belgien: Ukrainer).
Insgesamt sind 75 Priester, 2 Diakone und 12 in der Pastorale Mitarbeitende im Einsatz.
Allein schon diese Zahlen lassen erahnen, dass eine Gemeinschaft mit einer solchen Vielzahl von Sprachen eine Herausforderung darstellt, soll sie nicht in ein Babel des 21. Jahrhunderts ausarten, zumal wir nicht von der Voraussetzung ausgehen können, dass jede und jeder die Sprache der ansässigen Bevölkerung, das heisst Deutsch oder Französisch, beherrscht, sich mit Leichtigkeit darin ausdrückt oder ausdrücken will. Bedenken wir zusätzlich, was sich mit dieser Sprachverschiedenheit an Unterschieden in Kultur und Mentalität verbindet und damit auch an Unterschieden im Vollzug und im Ausdruck des Glaubens, zeigt sich die Aufgabe für ein Bistum, wenn wahr werden soll, was Papst Johannes Paul II. in die Worte fasste: «Nella Chiesa nessuno è straniero e la Chiesa non è straniera a nessuno» ­ «In der Kirche ist keiner fremd und die Kirche ist keinem fremd».

I. Eindrücke aus den Begegnungen Bischof ­ Seelsorgerinnen/Seelsorger der Fremdsprachigen im Jahr 1999

Die Kontakte mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern in den Dekanaten, wie sie unser Bischof in den ersten Jahren seines Amtes als Schwerpunkt gewählt hat, liessen oft die Anliegen der Fremdsprachigen etwas zu kurz kommen. Deshalb reservierte Bischof Kurt Koch 1999 drei Tage, um in Biel (24.2.), Bern (12.3.) und Basel (5.11.) mit je einer Gruppe fremdsprachiger Missionare und Missionarinnen ins Gespräch zu kommen. Dabei haben wir bewusst die Begegnungen nicht nach den Sprachen der Herkunftsländer gebildet ­ offenbar zu Recht; denn ich bekam Rückmeldungen wie: «Zum ersten Mal bin ich mit Missionaren anderer Sprachen zusammen gewesen.» (Auch noch ein «ökumenisches» Arbeitsfeld!)
Von den verschiedenen Anliegen greife ich einige heraus, die immer wieder zur Sprache kamen:

1. Gemeinsames Pastoralkonzept des Bistums für Fremdsprachige

Während die einen sehr eindringlich den Bischof um ein gemeinsames Pastoralkonzept für alle Missionen im Bistum baten, wehrten sich andere vehement gegen ein solches Konzept.
In der Tat wurde in den Gesprächen deutlich, wie unterschiedlich die Lage der verschiedenen Missionen ist, und das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Da ist auf der einen Seite zum Beispiel eine Missione Cattolica Italiana seit Jahrzehnten etabliert an einem Ort. In einem überschaubaren Seelsorgebezirk arbeiten seit Jahren die gleichen Mitglieder aktiv mit. Die zweite und dritte Generation leben hier. Die Zahl ist eher abnehmend, weil der Zustrom abnimmt und weil eine beachtliche Zahl die schweizerische Staatszugehörigkeit erworben hat oder erwirbt.
Auf der anderen Seite betreuen Seelsorger aus Frankreich unsere Kambodschaner oder Laoten der gesamten Schweiz oder in der Albanermission sieht sich ein Missionar (seit 1.1.2000 ist wenigstens ein zweiter da) verantwortlich für die 16000 Albaner in der ganzen Schweiz, die in der letzten Zeit zu Tausenden in unser Land kamen, sehr oft geprägt von den Traumata des Krieges, des Terrors und der gewaltsamen Unterdrückung.
Ein gemeinsames Pastoralkonzept? Für die einen dringend, für die anderen unmöglich.

2. Integration ­ Communio

Es fällt das Wort Integration und jeder versteht etwas anderes darunter, von der Assimilation bis zur Communio. Dementsprechend sind die Reaktionen vom erstrebenswerten Ziel bis zum Schreckgespenst. Wir werden später darauf zurückkommen.

3. Religionsunterricht

Die einen Missionare sprechen für einen gemeinsamen Religionsunterricht mit der Ortspfarrei, bei dem sie in geeigneter Weise mitwirken, die anderen halten ­ oft verbunden mit grossen Vorbehalten gegenüber dem Religionsunterricht der Schweizer Pfarreien ­ den eigenen Unterricht in der Mission als unabdingbar, wenn der Glaube weitergegeben werden soll.

4. Mehrsprachige Gottesdienste

Für die einen ein Muss, für andere wünschenswert, für die Dritten undurchführbar, weil die Ortspfarreien nicht mithalten; weil zu viele Sprachen am Ort zusammenleben; weil das Gebiet der Mission zu viele Ortspfarreien umschliesst.

5. Priester und Laien

Nicht nur viele Laien, auch Missionare zeigen Mühe mit unserer Verbindung von pastoraler Tätigkeit und staatskirchenrechtlichen Strukturen. Die Mitarbeit der Laien in solchen landeskirchlichen Gremien ist für sie nicht nur ungewohnt, sondern hinderlich («Päpste»). Es ist ihnen fremd, dass Steuern erhoben werden und dass der Priester von öffentlich-rechtlich zu verwaltenden Geldern abhängt.
Aber auch innerhalb der Missionen zeigen sich grosse Unterschiede in der Zusammenarbeit mit Laien, besonders mit auch theologisch qualifizierten Laien, die bereit wären, Eigenverantwortung zu übernehmen.

6. Die Bedeutung des Eigenlebens fremdsprachiger Missionen

Über die Bedeutung der fremdsprachigen Missionen haben die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Begegnungen mit unserem Bischof ebenfalls recht unterschiedliche Meinungen geäussert: Sie sind notwendig, damit die Fremdsprachigen hier ihre Heimat und Identität finden und bewahren können. Der Mensch will sich in seinem Glaubensleben in der Muttersprache ausdrücken. Kirchenferne werden durch die vertraute Sprache und Kultur angezogen, finden Gemeinschaft und finden sich wieder zu einer näheren Beziehung zur Kirche.
Auf die Gefahr, dass die Mission zum Ghetto wird, wurde nicht weniger deutlich hingewiesen. Ebenso spüren Fremdsprachige Vorbehalte, Interesselosigkeit und Ablehnung von Seiten der Ortspfarreien, ihrer Gläubigen und ihrer Seelsorgerinnen und Seelsorger, aber auch die Erwartung, dass die Fremdsprachigen endlich ihr Eigenleben aufgeben und das ortsübliche Kirchesein übernehmen, sich assimilieren.
Mit solchen Eindrücken gingen Bischof Kurt Koch und ich von den letztjährigen Begegnungen nach Hause. Es waren für uns nicht so sehr neue Erkenntnisse als Erkenntnisse, die durch das lebendige Gespräch neu lebendig und mit neuen Erfahrungen bereichert wurden. Es sind für uns die Gegebenheiten, die wir in unserem pastoralen Handeln ernst nehmen wollen. Und es ist unsere Hoffnung, dass dank den Begegnungen auch allen Mitbeteiligten die Vielgestaltigkeit der Wünsche und Erwartungen bewusst wurde. Denn von diesem Ausgangspunkt müssen wir gemeinsam ausgehen, wenn wir unsere gemeinsame Zukunft gestalten wollen.

II. Der Auftrag Jesu Christi

Um unsere derzeitige Lage zu beurteilen und zu einem sinnvollen Handeln zu gelangen, ist für uns der Auftrag Christi klares Richtmass. Diese Aufgabe scheint mir so klar aus der biblischen Botschaft vorgegeben, dass ich mich hier nur auf ein paar Hinweise beschränken möchte.
Schon die alttestamentliche Botschaft weist uns den Weg zur Gemeinschaft. Von den Gesetzestexten sei nur Lev 19,33f. erwähnt: «Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn auch ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin Jahwe, euer Gott.»
Erst recht wird diese Botschaft deutlich, wo ein Prophet wie Jesaja vom künftigen Heil als der Völkerwallfahrt nach Jerusalem spricht (Jes 2,1­4) oder die Fremden in der Glaubensgemeinschaft sieht, die zum Haus Gottes pilgert; «denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt» (Jes 56,7).
Welch lebendige Gemeinschaft uns auf Auftrag gegeben ist, wird noch deutlicher, wenn wir die neutestamentlichen Schriften lesen. Ich denke an das so genannte hohepriesterliche Gebet Jesu: «Ich bitte dich nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt zum Glauben kommt, dass du mich gesandt hast» (Joh 17,21f.).
Nicht weniger deutlich spricht Paulus mit dem Bild des Leibes Christi (1 Kor 12) oder in Gal 3,28: «Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid Ðeinerð in Christus.»
Der Massstab unseres gemeinsamen Lebens ist uns vorgegeben. An ihm ist die derzeitige Lage zu messen und nach ihm unser Ziel und das Handeln der Zukunft zu bestimmen. Wir können dieses Ziel zusammenfassen mit dem Begriff:

III. Lebendige Gemeinschaft aller, die an Christus glauben

Oder anders ausgedrückt: Es ist unser Ziel,

Wenn von der weiteren Zukunft der fremdsprachigen Missionen die Rede ist, fallen immer wieder Begriffe wie Assimilation, Integration, Communio und erhitzen die Gemüter. Was den einen als das «Gelbe vom Ei» erscheint, wirkt bei den anderen wie das rote Tuch auf den Stier. Ist das Gemeinte umstritten, so verschärft sich die Schwierigkeit erst recht dadurch, dass mit dem gleichen Begriff vielfach ein unterschiedlicher Inhalt verbunden wird. Wer immer einen solchen Begriff verwendet, tut gut daran, so gut als möglich zu umschreiben, was die oder der Sprechende darunter versteht. Versuchen wir daher zunächst, diese Begriffe etwas zu klären.

Assimilation

Angleichung besagt, die Beteiligten werden einander ähnlich. Wird die Forderung erhoben, der Fremde soll ähnlich werden, er soll sich assimilieren, so befürchtet der Fremde, er müsse seine Eigenprägung, ja seine Eigenständigkeit aufgeben und wehrt sich gegen ein solches Ansinnen.
Blicken wir einmal abgesehen von unterschiedlicher Herkunft und Nationalität in eine Gemeinschaft wie die Familie oder ein Freundeskreis, so wird sofort klar: Eine Gemeinschaft braucht einen gewissen gemeinsamen Lebensstil. Weder eine Familie noch ein Freundeskreis ist eine Ansammlung von Individualisten, sondern wird zur Gemeinschaft, wo alle Beteiligten in gegenseitiger Achtung der Eigenprägung der anderen sich einfügen, sich einander angleichen. Wird die persönliche Eigenart auf Einförmigkeit getrimmt, so geht der Reichtum unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten verloren; nimmt dagegen nicht jede und jeder einiges von den anderen an, vermag die Grundlage der Gemeinsamkeit nicht zu wachsen.
Die Schwierigkeit beim Begriff Assimilation liegt für mich darin, dass eine solche Angleichung einseitig, und damit zumeist vom Fremden erwartet, ja gefordert wird. Dabei würde sie als wechselseitiger Prozess zu einer allseitigen Bereicherung führen. Gerade diese oft einseitig an die Fremden gerichtete Erwartung verlangt äusserste Vorsicht bei der Verwendung dieses Begriffs. Ich halte ihn daher trotz seiner positiven Elemente für wenig geeignet, um den Weg in die Zukunft zu umschreiben.

Integration

Eingliederung (eigentlich Verbindung zu einer Ganzheit) erfreut sich unterschiedlicher Beliebtheit. Wer darin ein Bild der Kirche sieht, die ihrer Vollkommenheit entgegenwächst, weiss es zu schätzen, wenn die Fremden der Ortskirche etwas deutlicher das Kennzeichen der Katholizität aufprägen. Wer dagegen ein Aufgehen in der unveränderten Lokalkirche befürchtet, wird sich gegen eine solche Vorstellung wehren.
Von einer gesunden Theologie der Kirche her kommt der Integration schon eine Bedeutung zu, die sich am Bild der Kirche als Leib Christi am deutlichsten darstellen lässt. Zur Integrität des Körpers gehören alle Glieder. Sie bilden eine Einheit, obwohl die Hand Hand bleibt, das Herz Herz und die Niere nicht zum zweiten Magen wird. Integration im Sinne einer Verbindung zu einer organischen Ganzheit wäre für mich ein erstrebenswertes Ziel pastoralen Wirkens.

Communio

Gemeinschaft (eigentlich gemeinsame Verpflichtung [com-munia]) hat den Vorteil, dass das II. Vatikanische Konzil mit diesem Begriff die Verbundenheit der Gläubigen in der Kirche umschrieben hat, so dass man von einer Communio-Theologie spricht. Hier besticht die gemeinsame Verpflichtung, die eine Gemeinschaft wachsen lässt; die Mitverantwortung aller, ob Priester oder Laien, Einheimische oder Fremde, Mann oder Frau.
Der Nachteil für mich liegt beim Fremdwort; denn der Gebrauch von Fremdwörtern ist für viele Menschen Glücksache, so dass sich erst recht wieder Tür und Tor öffnen für Missverständnisse oder dass die Gefahr besteht, eine leere Hülse zu benutzen.
Aus diesen Gründen spreche ich am liebsten von Gemeinschaft oder genauer von lebendiger Gemeinschaft.
Es ist eine Gemeinschaft und damit eine organische Einheit von Menschen, die wie die Glieder des Körpers ihre Eigenheit einbringen, aber sich auch mit ihrer Eigenprägung einordnen ins Ganze.
Es ist eine lebendige Gemeinschaft, das heisst eine Gemeinschaft, die lebt und sich in ihrer Lebendigkeit bewährt. Alles Leben entfaltet sich oder stirbt. Es gibt im Leben keinen Stillstand. Lebendige Gemeinschaft heisst darum für mich: Es ist eine Gemeinschaft, die sich entfaltet; die im Innern erstarkt und nach aussen Leben spendet, fördert und gestaltet.
Auf eine solche Kirche lebendiger Gemeinschaft hin ist unser Bistum auf dem Weg, und wir können es nur sein, wenn Einheimische und Fremde immer mehr zur lebendigen Gemeinschaft zusammenwachsen, zu einer organischen Einheit dank der Einordnung der je eigenen Verschiedenheit. Von daher ergeben sich für mich:

IV. Pastorale Leitlinien

Ich spreche nicht von einem Pastoralkonzept für die fremdsprachigen Missionen, weil ­ wie oben dargelegt ­ die Unterschiede der verschiedenen Missionen zurzeit zu gross sind. Mit Leitlinien möchte ich die Richtung umschreiben, in welche unsere pastoralen Bemühungen wirksam werden sollen ­ und ich sage bewusst unsere pastoralen Bemühungen; denn hier sind Fremdsprachige und Einheimische herausgefordert.

A. Lebendige Gemeinschaft fördern

1. Die gegenseitige Kenntnis der Kulturen, Mentalitäten, Lebenslagen usw. ist zu fördern

Fremdsprachige kommen in eine neue Umwelt. Sie lassen ­ oft unfreiwillig ­ ihre Heimat und bisherige Geborgenheit zurück. Eine ungewisse Zukunft verursacht Ängste. Es fehlen zunächst oft menschliche Beziehungen. Sie müssen aufgebaut werden, was oft durch die Sprachbarriere erschwert wird. Einheimische wie Fremde befürchten einen Verlust persönlicher Eigenart.
Persönliche Kontakte zwischen einzelnen und zwischen Gruppen verschiedener Herkunft, Orientierungen über die Andersartigkeit in Alltag, Religionspraxis, Kirchenverfassung fördern die Verständigung.

2. Gegenseitige Aufmerksamkeit für das Positive hilft Vorurteile abbauen

In unserer Gesellschaft prägen hüben und drüben Vorurteile und unbedachte Verallgemeinerungen das Verhältnis zwischen Einheimischen und Fremden. Die persönliche Tendenz, vor allem negative Erfahrungen wahrzunehmen und weiterzuberichten, wird durch die Massenmedien verstärkt. Anerkennung des Guten fördert nicht nur das menschliche Klima, sondern öffnet die Augen für das, was die Fremdsprachigen an Bereicherung einbringen.

3. Gemeinsame Glaubenserfahrungen stärken die Gemeinschaft der Kirche

Gottesdienste mit mehrsprachigen Elementen lassen Glaubende verschiedener Herkunft über die Sprachgrenzen hinweg Einheit im Glauben erfahren. Ein verbindlicher liturgischer Rahmen schafft Vertrautheit und Geborgenheit und fördert die Offenheit für Sonderformen in den liturgischen Freiräumen. Die allgemeine Auskündigung der Gottesdienste, die Abstimmung der Gottesdienstzeiten, der Raum im Pfarrblatt für die Fremdsprachigen an Stelle des eigenen Pfarrblatts können dazu beitragen, dass die Zusammengehörigkeit gefördert wird.

4. Gemeinsam den Glauben weitergeben

Die Familie muss auch heute ein bevorzugter Ort sein und werden, wo der Glaube weitergegeben wird. Wenn es gelingt, Eltern verschiedener Sprachen zusammenzuführen, um über anstehende Fragen der Kindererziehung Austausch zu pflegen, knüpfen sich starke Bande der Verbundenheit.
In dieser Hinsicht kommt dem Religionsunterricht hohe Bedeutung zu. Es kann nicht zu einer lebendigen Gemeinschaft in der Kirche kommen, wenn unsere jungen Menschen mit ihren Kameraden alles gemeinsam haben (Schule, Beruf, Freizeit, Spiel, Sport), jedoch getrennte Wege gehen, wo es um die religiöse Unterweisung geht. Der gemeinsame Religionsunterricht muss daher das Ziel sein; gemeinsam nicht nur, weil alle Schülerinnen und Schüler den gleichen Unterricht besuchen; gemeinsam auch, weil die fremdsprachigen Seelsorgerinnen und Seelsorger einbezogen sind, zum Beispiel bei Elternabenden, in der Vorbereitung auf Erstkommunion, Firmung usw. Gerade im Blick auf den Religionsunterricht zeigen fremdsprachige Eltern und Missionare oft Vorbehalte, weil der hiesige Religionsunterricht anders gestaltet wird, als sie es zu Hause gewohnt waren. Es wäre hilfreich, würden Vorurteile gegenüber der anderen Art durch Aufmerksamkeit auf das Positive ersetzt.
Es dürfte in diesem Zusammenhang auch wichtig sein, selbstkritisch zu bleiben. Nicht selten wird ein Nachlassen der religiösen Praxis bei den Jugendlichen vorschnell und einseitig dem üblen Einfluss der schweizerischen Umgebung zugeschrieben. Ich sage nicht, dieser Einfluss habe keine Wirkung oder es sei alles über jeden Zweifel erhaben. Dennoch höre ich ebenso, dass Fremdsprachige bei gelegentlichen Besuchen zu Hause feststellen, dass sich auch dort einiges geändert hat und die «heile Welt», die man sich in der Erinnerung vorstellt, auch nicht mehr existiert. Andere Eltern gestehen ein, dass sich ihr eigenes religiöses Verhalten auch geändert und in der Intensität des äusseren Vollzugs nachgelassen hat, und bekanntlich reissen Beispiele hin, während Worte ermuntern.

5. Gemeinsames Handeln in der Öffentlichkeit

Wo die Kirche als lebendige Gemeinschaft gedeiht, wird sie auch die Verantwortung wahrnehmen, das öffentliche Leben mitzugestalten. Viele anstehende Probleme sind uns allen gemeinsam. Wo der Einsatz für die so genannte Dritte Welt oder die Kranken, Einsamen, Drogenabhängigen, sozial Benachteiligten zum gemeinsamen Handeln führt, wird nicht nur oft der Einsatz wirksamer, sondern verbindet die gemeinsame Tätigkeit Menschen, die sich zuvor fremd waren.

6. Sprachkenntnisse fördern

Allzu oft stossen wir in unserem alltäglichen Leben auf das Hindernis der verschiedenen Sprachen. Bei allem Verständnis für die Pflege der Muttersprache dürfen wir nicht übersehen, dass das alltägliche Leben die Kenntnis der Sprache am Ort erfordert. Wenn wir der heranwachsenden Generation eine gleiche Chance in Beruf und Zukunft gewähren wollen, muss uns die Kenntnis der Lokalsprache ein Anliegen sein. Wir sind dies der jungen Generation schuldig. Es wäre zu prüfen, ob nicht auch Pfarreien vermehrt mit solchen Angeboten Brücken schlagen könnten. In besonderem Masse sollten Missionare sowie Frauen und Männer, die in der Lage sind, für die Anliegen ihrer Landsleute einzustehen, dieses Anliegen pflegen.

B. Strukturelle Veränderungen

Neben diesen mehr auf die menschlichen Beziehungen ausgerichteten Leitlinien sind auch Veränderungen ins Auge zu fassen, die stärker die Struktur der Missionen betreffen. Werden die Missionen weiterhin so bestehen wie heute? Wie erreichen wir das Bild der einen Kirche, die nicht in Sprachgruppen geteilt ist, sondern in der Menschen verschiedener sprachlicher Herkunft zusammenleben? Wie wirkt sich der zahlenmässige Rückgang der Priester aus? ­ Wie können wir solche Fragen pastoral verantwortungsvoll angehen?

7. Seelsorgeeinheiten bei den fremdsprachigen Missionen

Die fehlenden Missionare veranlassen uns, die Missionen grossräumiger zusammenzuführen. Wir kennen diese Entwicklung in den Pfarreien unseres Bistums und versuchen die Seelsorge zu gewährleisten, einerseits dadurch, dass ein Team von einem Ort aus wirkt in einem grössern Gebiet, das mehrere Pfarreien umfasst (besonders die Equipes im Jura), oder dass andererseits Pfarreien zu einem Seelsorgeverband zusammengeschlossen werden, in dem ein Priester in der einen Pfarrei wohnt und in anderen den priesterlichen Dienst versieht, während dort ein Gemeindeleiter oder eine Gemeindeleiterin die Verantwortung mit dem Priester zusammen wahrnimmt.
Ähnliche Seelsorgeeinheiten werden auch bei den Missionen notwendig, das heisst zwei oder drei bisherige Missionen werden zu einem Seelsorgeverband zusammengeschlossen. Dabei soll keine lebendige Mission aufgehoben werden, auch wenn der Missionar nicht mehr am Ort wohnt. Andererseits soll auch keine Mission weitergeführt werden, wenn sie durch die geschichtliche Entwicklung oder die gesellschaftlichen Veränderungen ihre einstige Bedeutung verloren hat.

8. Das Engagement der Laien ermöglichen und fördern

Soll das Leben in den Missionen gedeihen, so setzt das voraus, dass auch in den Missionen vermehrt Laien zur Mitverantwortung ausgebildet und auch tatsächlich in die Verantwortung eingesetzt werden. Ich sehe darin nicht eine Notlösung, auch wenn vielleicht die Not für uns Anlass wird, diesen Weg bewusster zu gehen. Vielmehr kommt damit die Mitverantwortung aller Getauften zum Tragen. Das gute Zusammenwirken von Priestern und Laien ermöglicht, das Leben in allen Missionen und auch im grösseren Seelsorgeverband zu fördern.

9. Seelsorgeeinheiten von Mission und Ortspfarrei

Eine verheissungsvolle Verbindung von Mission und Ortspfarrei als lebendige Gemeinschaft sehe ich in der Möglichkeit, dass das Seelsorgeteam geöffnet wird und fremdsprachige Seelsorgerinnen und Seelsorger im Seelsorgeteam selbst mitarbeiten. Dadurch wird die Pfarrei selbst zur mehrsprachigen und kulturell vielfältigen Kirche.
Als ermutigendes Beispiel zeichnet sich zum Beispiel Zuchwil ab, wo die Pfarrei von einem Schweizer Diakon und dem Spaniermissionar als zugeordnetem Priester geleitet wird. Eine andere Form erleben die Slowaken, für die der Pfarrer der Pfarrei Dulliken als Seelsorger wirkt.

10. Mitarbeit in den pastoralen und staatskirchenrechtlichen Gremien

Verbindungen unter menschlichen Gemeinschaften geschehen durch Menschen. Es hilft wenig, sich über mangelndes Verständnis zu beklagen. Weit wirksamer wird es, wenn Einheimische und Fremde miteinander beraten. Gegenseitige Vertretungen sind lebensnotwendig. Je mehr wir uns bemühen, auf den verschiedenen Ebenen der Pfarrei/Mission/Kirchgemeinde, des Dekanats, des Kantons und des Bistums als Schweizerinnen und Schweizer zusammen mit den Fremdsprachigen zusammenzuwirken, umso stärker wird die lebendige Gemeinschaft werden. Es muss uns allen ein Anliegen sein, Frauen und Männer für eine solche Mitarbeit zu motivieren und sie darin zu unterstützen.
Diese Leitlinien möchten Anstoss geben zum Nachdenken und zum Austausch und zum Gespräch. Es geht darum, die Zukunft der Kirche in unserem Bistum zu gestalten. Wir sind als Bistumsleitung auf die Mithilfe aller, ob einheimisch oder fremdsprachiger Herkunft, angewiesen, damit wir unseren Auftrag erfüllen können, eine lebendige Gemeinschaft in Jesus Christus zu werden, sie mitzugestalten und dank der damit verbundenen Strahlkraft unseren Beitrag zu leisten für eine menschlichere und christlichere Welt.

 

Dr. Rudolf Schmid, Generalvikar des Bistums Basel, nimmt als Spezialmandat die Fremdsprachigen-Seelsorge wahr.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000