14/2000 | |
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Pastoral |
Vor wenigen Jahren hingen in unseren katholischen Kirchen im Kanton Zürich Plakate: Eine Taube trinkt darauf am Wasserstrahl eines Brunnens, darunter die Frage: «Noch nicht getauft?» Passanten, zufällige Besucher des Kirchenraumes sollten darauf aufmerksam gemacht werden, dass es für den Schritt zur Taufe nie zu spät ist. Es gibt tatsächlich eine schnell wachsende Zahl von Erwachsenen, die als Kinder nicht getauft wurden, kaum eine engere Bindung zu einer christlichen Gemeinschaft haben, obschon ihnen christliches Gedankengut in manchen Zügen vertraut ist. Oft fehlt ein bewusster Schritt zum Glauben hin.
Die Arbeitsgruppe für den Erwachsenenkatechumenat in der deutschsprachigen Schweiz hatte die Initiative zu dieser Plakataktion ergriffen. Vor etwa einem Dutzend Jahren wurde sie gebildet, damit der Taufe Erwachsener in der Seelsorge und im Leben der Pfarreien bessere Beachtung geschenkt werden kann. Von Anfang an war sie in Kontakt mit dem Service Romand du Catéchuménat unter der langjährigen Leitung von P. Jean-Bernard Dousse OP.<1> In der Westschweiz hatte sich der Erwachsenenkatechumenat seit über dreissig Jahren wirksam etabliert. Die kulturelle Nähe zu Frankreich mit seinen vielfachen Erfahrungen in diesem Feld der Pastoral macht den Umgang mit diesem Thema leichter. Die Hoffnung war und ist berechtigt, dass die Romandie der deutschsprachigen Schweiz in der Frage der Erwachsenentaufe Wege zeigen kann.
Erwachsenentaufen gibt es immer wieder, auch bei uns. Doch erscheinen
sie eher als isolierte Ereignisse. Es ist unbedingt nachzufragen, wie sie
besser ins Leben der Pfarreien, der Regionen, der Ortskirche überhaupt
integriert werden könnten. Die Erfahrung zeigt, dass die einzelnen
Taufbewerber aus höchst unterschiedlichen Milieus und biografischen
Situationen stammen. Da sind Menschen aus dem ehemals kommunistischen Osten,
aus der Dritten Welt, aber auch aus Ländern mit betont katholischer
Tradition, die aufgrund einer blossen Oberflächenpastoral die Taufe
«verpasst» hatten. Jene, die wir etwas summarisch als «neue
Heiden» aus unseren Gebieten bezeichnen möchten, blieben die
Ausnahme. Ähnlich ist die Lage in der Westschweiz.
In Frankreich hingegen liegen die Dinge wesentlich anders: Unter den über
10000 erwachsenen Taufbewerbern pro Jahr bilden jene, die aus den indifferenten
Milieus Frankreichs herausgewachsen sind, bei weitem die Mehrheit.
Zeichnen sich bei uns doch nach und nach französische Verhältnisse
ab? Unsere Schweizer Kirchen scheinen bei der Mehrheit der Bevölkerung
zu sehr mit dem Etikett der wohl etablierten Institution versehen, währenddem
die Kirche in Frankreich generell arm erscheint und kaum als Machtfaktor
erkennbar ist, es sei denn im Sinn einer anerkannten moralischen Instanz.
Im Gegensatz zu Frankreich hat etwa in den Gebieten der ehemaligen DDR noch
keine grössere Bewegung zur Erwachsenentaufe hin eingesetzt, da unter
der weithin agnostischen Bevölkerung viel Misstrauen gegenüber
den Kirchen vorhanden ist, welches lange genug vom kommunistischen Staat
gesät worden war und nun in eine extrem individualistische postkommunistische
Haltung eingeflossen ist.
Der Erwachsenenkatechumenat mag für diese unterschiedliche Situation
der Kirche als Testfall gelten: Ist die Kirche glaubhaft genug, um Menschen
anzuziehen, einladend zu wirken für Suchende und Fragende? An der tatsächlichen
oder eben mangelnden Glaubwürdigkeit der Kirche, der Christen vor Ort,
entscheidet sich, ob unter der rasch wachsenden Zahl von Ungetauften auch
in der deutschsprachigen Schweiz immer mehr Menschen um die Taufe nachsuchen.
Sie werden es tun, wenn sie durch das Zeugnis der Glaubenden und ihrer lebendig-offenen
Gemeinschaft eine Antwort auf ihre Frage nach dem Sinn gefunden haben.
Es gibt Katechumenatsbewegungen, die in ihren Bemühungen um eine
Erneuerung des Glaubens auf die längst Bekehrten zugehen, im Wissen
darum, dass auch sie aus einer immer neuen Entscheidung leben müssen.
Davon unterscheidet sich der Erwachsenenkatechumenat deutlich. Es geht ihm
um die Einladung an suchende Menschen, denen der Glaube zunächst kaum
zugänglich ist. Zielpunkt des Katechumenatsweges ist der gänzliche
Neubeginn in der Taufe.
Wird die Kirche diesen Suchenden so begegnen können, dass ein Gespräch
zustande kommt? Findet sie eine Sprache, die sie verstehen? Der Erwachsenenkatechumenat
kennt vermutlich wenige momentane und spontane Bekehrungen, wie sie Evangelisationen
eher fundamentalistischer Prägung aufweisen. Es geht um eine Form der
Glaubensrechenschaft, der es gelingt, den Glauben auf einem langen Weg je
neu ins Wort zu bringen, im Dialog zu entfalten, verbrauchte Worte einzuklammern
oder alte, bewährte neu zu übersetzen und sie vor allem mit der
je neuen Glaubenserfahrung zu füllen. Mit dieser Übersetzung ins
Leben hat der Katechumenatsweg zuallererst etwas zu tun.
Darum wird auf die Länge allein das Leben der Christen überzeugen,
im Sinn des lebendigen und beständigen Kommentars zum Evangelium. Der
suchende Mensch fragt von selbst, ob denn die Christen die Liebe tun, von
der sie zu ihm sprechen. Darum sind unsere Pfarreien und Gemeinschaften
durch erwachsene Taufbewerber um so empfindlicher vor die Frage gestellt:
Sind wir Modelle christlichen Lebens?
An den Rändern lebendiger Pfarreien und manchmal mitten in ihrem
Lebensvollzug tauchen interessierte Jugendliche auf, die nicht getauft
sind. Durch ihre Teilnahme am Leben der Gemeinschaft, durch ihr Engagement,
wird sich ihnen früher oder später die Frage nach der Taufe stellen.
Behutsamkeit und Wahrhaftigkeit sind unsererseits gleichermassen gefragt.
Die Erfahrungen in Frankreich und in der Romandie zeigen zu deutlich,
dass die erwachsenen Taufbewerber die Eingliederung in eine lebendige Gruppe
von Glaubenden brauchen. Wenn dieser Bezug zur Gemeinschaft, zum gelebten
Zeugnis fehlt, sieht sich ein Erwachsener, der nach dem Glauben fragt, bald
hilflos. Die Gefahr besteht, dass die Keime seines Glaubens sterben. Begleitergruppen
wirken als lebendige Zellen, in denen das Glaubensgespräch stattfinden
kann, in denen christliches Tun, Gebet und Feier gelernt werden können.
Die Menschen, die so Taufbewerber begleiten, sind Bürgen, im ursprünglichen
Sinn Paten, die gegenüber der Gemeinde für die Katechumenen geradestehen.
Ihr Dienst ist für das Gelingen des Erwachsenenkatechumenats wesentlich.
Die deutschschweizerische Arbeitsgruppe hat darum bald schon versucht, Taufbegleiter
auszubilden, damit Taufbewerber nicht allein bleiben. Dabei zeigte sich
Ähnliches wie in der Romandie: Wo solche Begleitergruppen mit einzelnen
oder mehreren Taufbewerbern unterwegs sind, schliessen sich bald schon andere
an, die zwar getauft sind, jedoch ohne nennenswerte Unterweisung im Glauben
geblieben waren, als Erwachsene noch nie kommuniziert haben und auch nicht
gefirmt worden sind.
Je stärker Erwachsenentaufe und die Zuwege zu ihr in den Blick genommen
werden, um so mehr hat unsere Pastoral zu bedenken, welche spirituelle Bedeutung
die Taufe als Grundsakrament für den Glauben des Einzelnen und für
das Leben der Gemeinschaft hat. Zur Taufe gehören wieder viel eindeutiger
als zuvor die Entscheidung zum Glauben sowie der Beginn einer neuen Lebensgestaltung.
Das war in den ersten Jahrhunderten selbstverständlich.
Die Erwachsenenkatechese wird neu zum Entscheidungsweg, der die menschliche
Existenz zutiefst trifft. Dies ist um so einschneidender, als die Glaubenden
immer mehr zu einer Minderheit werden, durchaus im Sinn des früheren
Christentums. Die Taufe ist damit Einladung und Eingang zum Glauben und
zur glaubenden Gemeinschaft. Sie verlangt Auseinandersetzung und Stellungnahme,
auch bei denen, die längst getauft sind. Sie erhält damit ein
ganz anderes Gewicht im Leben der Kirche, als ihr eine herkömmliche
Pastoral einräumte.
Mit dem Blick auf Frankreich und manche Länder der Dritten Welt scheint
die Taufe real dieses Gewicht zu bekommen. In unserer deutschschweizerischen
Wirklichkeit zeichnet sich Solches erst ab: Wenn in vielen Pfarreien das
Firmalter mittlerweile auf achtzehn angehoben wurde, und so immer mehr junge
Erwachsene zum Firmsakrament hinbegleitet werden, wird von selbst die Frage
nach der Taufe neu gestellt. Die neuen Firmwege sind weitgehend Katechumenatswege.
Damit können sie als ein wichtiger (Zwischen-)Schritt hin zum Erwachsenenkatechumenat
verstanden werden. Auch durch die liturgische Ausgestaltung dieser Firmwege
wird den Firmanden oft in einem eindrücklichen Mass deutlich gemacht,
dass es um den Nachvollzug eines bei ihrer Taufe ausgebliebenen Taufweges
und um ihre Besiegelung als Getaufte geht.
Der Erwachsenenkatechumenat ist als Weg zu verstehen, dessen Etappen unverzichtbar
sind. In Frankreich und in der Romandie wird der Hinführung zu den
Etappenzielen und zu den entsprechenden liturgischen Feiern viel Sorgfalt
geschenkt: So erhält der Beginn des Katechumenats eine feierliche Ausgestaltung;
der «Appel décisif» zu Beginn der Fastenzeit wird gar
mit dem Bischof zusammen begangen, die Taufskrutinien an den Fastensonntagen
finden eine rituelle Ausgestaltung. Die drei Initiationssakramente am Ende
des Weges werden um so intensiver als Einheit erlebt. Erst Aufmerksamkeit
gehört jedoch immer dem inneren Weg, dem Reifen der Bereitschaft und
der Entscheidung, so dass die Dauer des Katechumenats nie in einen fixen
zeitlichen Raster gepresst werden kann.
In der deutschsprachigen Schweiz sind vorab Zürich und Basel Brennpunkte
von zunächst noch tastenden Bemühungen um den Erwachsenenkatechumenat.
In Basel hat die Erwachsenenbildung Impulse vermittelt, in Zürich versuchte
die genannte Arbeitsgruppe in drei Pfarreien Angebote aufzubauen.<2> Materialien, auch in deutscher Sprache, stehen
mittlerweile genügend zur Verfügung.<3>
Ein Austausch auf breiterer Basis sowie Anläufe zu gemeinsamen Angeboten
unter den Pfarreien gestalten sich noch mühsam. Verständlich ist,
wenn jede Pfarrei sich zunächst um die eigenen Taufbewerber bemüht.
Und doch sind diese Bemühungen zu isoliert und sollten einer weiteren
Sicht Platz machen.
Die Perspektiven in Frankreich können begeistern; sie werden unsere
Pastoral auf die Dauer nachhaltig beeinflussen, in erster Linie darum, weil
der Ort der Kirchen und der Glaubenden in der Gesellschaft sich sehr rasch
verändern wird. Doch um so mehr kann im Lauf solcher Veränderungen
der Erwachsenenkatechumenat zum Tragen kommen und neue spirituelle Ausblicke
eröffnen. Es gilt, sich vorzubereiten, sich bereitzuhalten und Schritte
zu tun, und die Achtsamkeit für so manche möglichen Taufbewerber
dadurch zu schärfen, indem wird wahrhaftiger das Evangelium leben.
Dr. theol. et lic. phil. Martin Kopp ist Pfarrer von Wädenswil und Dekan des Dekanates Albis.
1 Rolf Weibel, Der Erwachsenenkatechumenat als Weg des Christwerdens, in: SKZ 163 (1995) Nr. 2, S. 17f.
2 Kontaktadressen der Arbeitsgruppe Erwachsenenkatechumenat in der deutschsprachigen Schweiz: Sr. Alix Schildknecht, Zürich-Liebfrauen; Pfr. Martin Kopp, Wädenswil; P. Hansjörg Gächter SJ, Basel-St. Marien.
3 Deutschsprachige Literatur und Handreichungen: Ernst Werner (Hrsg.), Erwachsene fragen nach dem Glauben. Eine katechetisch-liturgische Handreichung zur Gestaltung des Katechumenats, DKV, München 1992; Matthias Ball u.a., Erwachsene auf dem Weg zur Taufe. Werkbuch Erwachsenenkatechumenat, München 1997; Matthias Ball, Ernst Werner (Hrsg.), Wege zum Christwerden. Der Erwachsenenkatechumenat in Europa, Ostfildern 1994.