13/2000 | |
INHALT | |
Pastoral |
In der Zeit vor Ostern bis Pfingsten bietet ein Grossverteiler (die «Migros») als einmalige Aktion im Jahr 2000 das Neue Testament an. Zu einem günstigen Preis (Fr. 10.) soll es in besonderen Ständern präsentiert werden. Nachdem die Realisierung des Projektes während einiger Zeit ungewiss war und in einzelnen Medien kritische Fragen zur Trägerschaft und zur Qualität des Projektes gestellt wurden, haben die Initianten von «Das Neue» und der Grossverteiler mitgeteilt, der Verkauf finde wie geplant statt. Angestrebt wird der Verkauf von insgesamt 200000 Exemplaren in den Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch. Zahlreiche Anfragen von Kirchgemeinden, Seelsorgerinnen und Seelsorgern lassen darauf schliessen, dass ein erhebliches Interesse am Projekt besteht. Zugleich werden Fragen nach der Trägerschaft, der Art und dem Sinn des Projektes gestellt. Wie sollen die Gemeinden darauf reagieren? Was ist davon zu halten?
Verkauft wird ein Neues Testament in der Übersetzung der «Guten
Nachricht» (und der vergleichbaren Übersetzungen auf Französisch
und Italienisch). Die Ausgabe ist bebildert, mit kurzen Einleitungen, zahlreichen
farbigen Bildern (Fotografien aus der biblischen Welt, Kunstdarstellungen,
Illustrationen), Kommentaren in den Randspalten und einem Anhang mit Sacherklärungen
versehen.
Die Gute Nachricht ist eine breit anerkannte, gut lesbare, ökumenisch
erarbeitete und bibelwissenschaftlich sehr fundierte Übersetzung
im deutschen Sprachraum die einzige, die sich ansatzweise um eine frauengerechte
Sprache bemüht. Diese Übersetzung ist für die angestrebte
breite Leserschaft die am besten geeignete. Ebenfalls von hoher Qualität
sind die Sacherklärungen im Anhang.
Weil die Ausgabe erst mit Verkaufsbeginn vorliegen wird, sind über
Einleitungen, Randkommentare und Bildauswahl noch keine Aussagen möglich.
Dass keine «sektiererische» oder im negativen Sinn «tendenziöse»
Bibelausgabe in den Verkauf kommt, wurde durch ein Fachgutachten abgesichert.
Die Kritik, mit dem Verkauf des Neuen Testaments statt einer vollständigen
Bibelausgabe werde «Eklektizismus» betrieben (so der Bibelwissenschafter
Thomas Staubli in der Schweizerischen Kirchenzeitung), sieht etwas Richtiges:
Der Einbezug von Texten aus dem Alten Testament ist wichtig: Für die
jüdischen Wurzeln des Christentums, den Dialog mit dem Judentum, gegen
antijüdische Vorurteile, für den kulturellen und spirituellen
Reichtum der Bibel. Aber diese Kritik trifft längst nicht nur «das
Neue», sondern unzählige separate Ausgaben des Neuen Testaments.
Für eine breitere Leserschaft wäre als Alternative nur eine Auswahlbibel
in Frage gekommen, was ebenfalls Schwierigkeiten mit sich bringt.
Als Initianten des Projekts treten auf: «Christus für alle»,
«Schweizerische Bibelgesellschaft» und der «Bibellesebund».
All diese Institutionen sind im evangelisch-reformierten Lager beheimatet,
binden aber keineswegs nur freikirchliche, evangelikale oder fundamentalistische
Kreise ein, sondern auch die reformierten Landeskirchen. Hinzu kommt die
ausdrückliche Unterstützung durch die Arbeitsgemeinschaft Christlicher
Kirchen (somit auch durch die Schweizer Bischofskonferenz), die Schweizerische
Evangelische Allianz und den Verband Evangelischer Freikirchen und Gemeinden.
Das Spektrum der eingebundenen Kirchen, konfessionellen Traditionen, theologischen
Richtungen usw. ist also sehr breit. Erst während der Aktion in der
Osterzeit wird sich weisen, welche Kreise innerhalb der eigenen Reihen,
aber auch öffentlichkeitswirksam auf «das Neue» und die
breite Bibelverkaufsaktion aufmerksam machen. Es ist eine Tatsache, dass
die Bibel ein öffentliches und für die verschiedensten Auslegungen
und Anwendungen brauchbares und damit auch missbrauchbares Buch ist. In
der Frage, wie man sich auf die Bibel beruft und mit ihr umgeht, gehen die
Meinungen und Stile weit auseinander. Diese Vielfalt wird möglicherweise
durch die Aktion «Bibel 2000» öffentlich sichtbar und wirksam,
besteht aber in Wirklichkeit schon längst. Auch innerhalb der grossen
Konfessionen bestehen im Bibelgebrauch erhebliche Unterschiede.
Die grossen Kirchen klagen oftmals über mangelnde Wahrnehmung in
der Öffentlichkeit. Häufig ist die Rede davon, um die Kirchenfernen
müsste man sich intensiver bemühen und neue Kanäle erschliessen.
Vielen in der Kirche engagierten Frauen und Männern ist die Verbindung
von Glaube und Alltag ein grosses Anliegen. Und bezüglich der Bibel
wird einerseits gesagt, sie sei gemeinsame Glaubensgrundlage und damit für
die Einzelnen, die Gemeinden, aber auch die Ökumene lebenswichtig.
Anderseits wird festgestellt: Die Bibel ist «Bestseller ohne Leser/Leserinnen»,
wird zu wenig gelesen und zu wenig gelebt.
In dieser Situation ist bei allen Vorbehalten im Einzelnen das
Projekt «Bibel 2000» eine Chance. Das Neue Testament wird antreffbar,
und zwar mitten im Alltag, wo man es nicht erwartet. Nicht im Kirchgemeindehaus,
nicht in der Sakristei, nicht im kirchlichen Bildungshaus oder bei den Experten
an der theologischen Fakultät, sondern im Supermarkt. Und damit übrigens
auch dort, wo Jesus oder auch Paulus wie schon die Propheten Israels anzutreffen
waren: auf dem Markt. Das kann für Gesprächsstoff sorgen, kann
anregen, «das Neue» oder auch die alte, eigene Bibel hervorzunehmen
und das eine oder andere nachzulesen. Es kann Fragen wecken nach Gelegenheiten,
die Bibel näher kennen zu lernen. Es kann bewusst machen, dass die
Bitte um das «tägliche Brot» im Vaterunser ganz konkrete
Lebensbezüge hat: zum eigenen Lebensunterhalt, wie zu den unterschiedlichsten
Produkten, die man im gleichen Einkaufskorb heimträgt: Hilft ihr Kauf,
den Hunger zu stillen, oder fördern sie Ausbeutung, Ungerechtigkeit
und Umweltzerstörung? Verträgt sich die biblische Botschaft von
Gerechtigkeit und Liebe mit meinen Einkaufsgewohnheiten, mit meinem Lebensstil,
mit der Gesellschaft? Mischen wir uns als Einzelne und als Kirchen genug
ein, um «Salz der Erde» zu sein?
Im Blick auf die vielen Frauen und Männer, die zwar durchaus offen
sind für Fragen nach Sinn und nach Ethik, für die Suche nach Orientierung
und nach Gott, aber zur Institution Kirche auf Distanz gehen, ist der Bibelverkauf
«auf neutralem Boden» und ohne jeden missionarischen Ton eine
Chance: Sie können der Bibel begegnen ohne Bekenntniszwang, locker,
unverbindlich, gewissermassen «probeweise». Auch solche Begegnungen
können etwas auslösen.
Zwar besteht die Möglichkeit, dass gewisse Kreise die Aktion vereinnahmen,
um ein enges und einengendes Bibelverständnis zu verbreiten. Es kann
sein, dass sie intensiver missionieren und werben als sonst. Auf dem offenen
Markt gibt es keine Möglichkeit, das zu verhindern oder zu verbieten.
Wer Phantasie, Geld, Werbemittel, Kontakte und Präsenz investiert,
hat die Chance, wahrgenommen zu werden. Wer untätig, vornehm, resigniert
oder phantasielos still hält und den Schritt aus dem innerkirchlichen
Bereich in die Öffentlichkeit nicht macht, wird kaum auf Interesse
stossen.
Aus der Sicht der Kirchen oder biblisch interessierter und engagierter Frauen
und Männer ist die Frage, ob und wie viele dieser Neuen Testamente
verkauft werden, nicht zentral. Interessant wird es erst, wenn «das
Neue» (und hoffentlich im Zusammenhang damit auch das Alte Testament)
aufgeschlagen, gelesen, disktutiert und gelebt wird. Ob das geschieht und
wie das geschieht, wird nicht Sache des Grossverteilers sein. Ausdrücklich
schreibt er, die Aktion werde «von keinen weiteren Werbemassnahmen
begleitet». Die evangelisch-reformierten Kirchen bezeichnen sich gern
als «die Kirche des Wortes». Und die römisch-katholische
Kirche hat im 2. Vatikanischen Konzil feierlich verkündet, der Zugang
zur Bibel müsse allen «weit offen stehen». Die Bibel im
Supermarkt bietet Gelegenheit, für diese Worte den Tatbeweis zu erbringen.
Der Verkauf des Neuen Testaments im Supermarkt sollte nicht zur Fortsetzung
der Mission mit anderen Mitteln missbraucht werden. Wer mit der Bibel auf
den Markt geht, muss ernst nehmen, dass die Bibel dort nicht als «das
Buch der Bücher» erscheint, sondern als «ein Buch unter
Büchern». Und er muss ernst nehmen, dass die Menschen, die den
Supermarkt aufsuchen, sich als «Kunden und Kundinnen» verstehen.
Sie wollen wählen dürfen zwischen verschiedenen Produkten, sie
wollen Preis und Leistung vergleichen, und sie wollen mit dem, was sie gekauft
haben, machen dürfen, was ihnen und ihren Bedürfnissen entspricht.
Wer die Bibel im Supermarkt ersteht, hat das Recht, sie unvoreingenommen
zu lesen, ohne Bekenntniszwang, neugierig oder skeptisch, intensiv oder
beiläufig.
Wer die Bibel in den Supermarkt trägt, muss die Gesetze des freien
Marktes und die Wertvorstellungen unserer Erlebnisgesellschaft nicht unhinterfragt
gutheissen. Vielmehr geht es um ein widerständiges Sicheinlassen auf
einen wichtigen Bereich der Lebenswelt.
Dass die Bibel auf den Markt kommt, hat Folgen für unseren Umgang mit der Bibel.
Wir trauen der Bibel zu, dass sie als «Produkt» auf dem
Markt bestehen kann. Wir setzen sie dem Wettbewerb aus.
Wir trauen den Kundinnen und Kunden zu, dass sie selbständig und frei
mit der Bibel umgehen.
Wir entlassen die Bibel und ihre Leserinnen und Leser aus der Bevormundung
durch die Kirchen und ihre Priester, Pfarrer, Schriftgelehrten und Missionare.
Wir verzichten auf den Anspruch, die biblische Wahrheit «gepachtet»
zu haben, und gewinnen ein offenes und entkrampftes Verhältnis zur
Vielfalt der Lesarten und zum Pluralismus der Glaubensweisen.
Wir lernen die Bibel wieder neu verstehen als Buch nicht nur für die
Frommen und die Insider, sondern als Buch für suchende, für ganz
und gar «weltliche» Menschen.
Wenn die Kirchen diese neue und ungewohnte Rolle der Bibel im Supermarkt ernst nehmen, heisst das nicht, dass sie ihre bisherige Aufgaben aufgeben. Die Bibel als «Buch auf dem Markt» und die Bibel als «Buch der Kirchen» schliessen sich nicht aus, sondern stehen in einem fruchtbaren Spannungsverhältnis zueinander. Aber es heisst, dass die Kirchen ihren «Kundendienst» überdenken und erweitern müssen. Im Supermarkt gehören auch Frauen und Männer zur Kundschaft, die das Unservater nicht können, den verlorenen Sohn nicht kennen und von den Zehn Geboten nichts halten. Sie suchen nicht «die Wahrheit» oder den «Sinn des Lebens», weil sie den Anspruch haben, selbst über die Wahrheit entscheiden und ihrem Leben einen eigenen Sinn geben zu können. Diese Kundinnen und Kunden suchen zunächst schlicht eine «Gebrauchsanweisung» und eine gute «Produkteinformation».
Die Vorbereitungszeit auf die Aktion ist relativ kurz, aber ausreichend,
um etwas zu unternehmen. Zudem kann an Bestehendes und Bewährtes angeknüpft
werden.
Weil auch für Kirchgänger und Gottesdienstbesucherinnen die Bibel
im Alltag oft kaum eine Rolle spielt, könnten thematische Predigten
neue Impulse verleihen. Mit etwas Phantasie kann auch via Inserat oder Plakat
auf diese Gratis-Möglichkeit einer Hilfestellung aufmerksam gemacht
werden: Wer eine neue Bibel kauft, will sie benutzen und verstehen können.
In der Erwachsenenbildung, in Bibelgruppen usw. gibt es vielerorts bereits
Angebote zur Bibel. Das Projekt kann eine Gelegenheit sein, diese bekannt
zu machen und auf neue Kreise hin zu öffnen.
Auf ökumenischer Basis und wenn möglich auf «neutralem Boden»
können Gespräche, Informationen und Bildungsveranstaltungen angeboten
werden: von der elementaren Gebrauchsanweisung über einen «Schnupperkurs»
bis hin zu Informationen über häufig gestellte Fragen nach verfälschenden
Überlieferungen und Übersetzungen, nach der historischen Glaubwürdigkeit
der Erzählungen über Jesus, nach der Rolle der Frauen im frühen
Christentum oder nach «Stolpersteinen» in der Bibel.
Es kann an die kulturelle Bedeutung und Wirkung der Bibel angeknüpft
werden: Sie spielt eine grosse Rolle in der Kunst, in Musik und Literatur,
wurde oft verfilmt und prägt auch unsere Alltagssprache: «Wer
andern eine Grube gräbt...» ist ebenso Bibelzitat wie «das
pfeifen die Spatzen von den Dächern».
Selbstverständlich ist die «Skala» bezüglich Anspruchsniveau
und Aufwand offen: Quiz und Rätsel mit biblischen Texten, eine Ausstellung
mit verschiedenen Bibelausgaben, Kinderbibeln und Hilfen zum Bibelverständnis,
ein kulturelles Angebot mit Musik und Texten zur Bibel, ein Abend mit Bildern
und Informationen zur Welt der Bibel, ein Podiumsgespräch über
die Bedeutung biblischer Werte und Traditionen für aktuelle Fragen
in Gesellschaft und Politik, gemeinsame Lektüre und Diskussion, ein
erfahrungsbezogener Zugang zu biblischen Texten, Informationen...
Wichtig ist bei aller Planung, möglichst dort anzuknüpfen, wo
das Projekt «Bibel 2000» ansetzt: Die Bibel wird im Supermarkt
präsent, als ein Produkt unter vielen, nicht über kirchliche Kanäle
vermittelt, mitten im Alltag, auf der Suche nach neuen Leserinnen und Lesern...Diesen
offenen Charakter des Angebotes, die Neugierde, die es auslösen kann,
aber auch die Irritation, die davon ausgehen mag, gilt es aufzunehmen. In
einer zweiten Phase kann es um weitere Schritte auf dem Weg vom Kauf über
das Durchblättern und Anlesen bis hin zu einer vertieften und ernsthaften
Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament und mit der Bibel insgesamt gehen.
Wer nicht stolpern und auch nicht stehen bleiben will, ist gut beraten,
den ersten Schritt vor dem zweiten zu tun.
Der im Fach Exegese des Neuen Testaments promovierte Theologe Daniel Kosch leitet die Bibel-pastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich.