13/2000

INHALT

Pastoral

Die Bibel im Supermarkt

von Daniel Kosch

 

In der Zeit vor Ostern bis Pfingsten bietet ein Grossverteiler (die «Migros») als einmalige Aktion im Jahr 2000 das Neue Testament an. Zu einem günstigen Preis (Fr. 10.­) soll es in besonderen Ständern präsentiert werden. Nachdem die Realisierung des Projektes während einiger Zeit ungewiss war und in einzelnen Medien kritische Fragen zur Trägerschaft und zur Qualität des Projektes gestellt wurden, haben die Initianten von «Das Neue» und der Grossverteiler mitgeteilt, der Verkauf finde wie geplant statt. Angestrebt wird der Verkauf von insgesamt 200000 Exemplaren in den Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch. Zahlreiche Anfragen von Kirchgemeinden, Seelsorgerinnen und Seelsorgern lassen darauf schliessen, dass ein erhebliches Interesse am Projekt besteht. Zugleich werden Fragen nach der Trägerschaft, der Art und dem Sinn des Projektes gestellt. Wie sollen die Gemeinden darauf reagieren? Was ist davon zu halten?

1. «Das Neue»

Verkauft wird ein Neues Testament in der Übersetzung der «Guten Nachricht» (und der vergleichbaren Übersetzungen auf Französisch und Italienisch). Die Ausgabe ist bebildert, mit kurzen Einleitungen, zahlreichen farbigen Bildern (Fotografien aus der biblischen Welt, Kunstdarstellungen, Illustrationen), Kommentaren in den Randspalten und einem Anhang mit Sacherklärungen versehen.
Die Gute Nachricht ist eine breit anerkannte, gut lesbare, ökumenisch erarbeitete und bibelwissenschaftlich sehr fundierte Übersetzung ­ im deutschen Sprachraum die einzige, die sich ansatzweise um eine frauengerechte Sprache bemüht. Diese Übersetzung ist für die angestrebte breite Leserschaft die am besten geeignete. Ebenfalls von hoher Qualität sind die Sacherklärungen im Anhang.
Weil die Ausgabe erst mit Verkaufsbeginn vorliegen wird, sind über Einleitungen, Randkommentare und Bildauswahl noch keine Aussagen möglich. Dass keine «sektiererische» oder im negativen Sinn «tendenziöse» Bibelausgabe in den Verkauf kommt, wurde durch ein Fachgutachten abgesichert.
Die Kritik, mit dem Verkauf des Neuen Testaments statt einer vollständigen Bibelausgabe werde «Eklektizismus» betrieben (so der Bibelwissenschafter Thomas Staubli in der Schweizerischen Kirchenzeitung), sieht etwas Richtiges: Der Einbezug von Texten aus dem Alten Testament ist wichtig: Für die jüdischen Wurzeln des Christentums, den Dialog mit dem Judentum, gegen antijüdische Vorurteile, für den kulturellen und spirituellen Reichtum der Bibel. Aber diese Kritik trifft längst nicht nur «das Neue», sondern unzählige separate Ausgaben des Neuen Testaments. Für eine breitere Leserschaft wäre als Alternative nur eine Auswahlbibel in Frage gekommen, was ebenfalls Schwierigkeiten mit sich bringt.

2. Das Projekt «Bibel 2000»

Als Initianten des Projekts treten auf: «Christus für alle», «Schweizerische Bibelgesellschaft» und der «Bibellesebund». All diese Institutionen sind im evangelisch-reformierten Lager beheimatet, binden aber keineswegs nur freikirchliche, evangelikale oder fundamentalistische Kreise ein, sondern auch die reformierten Landeskirchen. Hinzu kommt die ausdrückliche Unterstützung durch die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (somit auch durch die Schweizer Bischofskonferenz), die Schweizerische Evangelische Allianz und den Verband Evangelischer Freikirchen und Gemeinden.
Das Spektrum der eingebundenen Kirchen, konfessionellen Traditionen, theologischen Richtungen usw. ist also sehr breit. Erst während der Aktion in der Osterzeit wird sich weisen, welche Kreise innerhalb der eigenen Reihen, aber auch öffentlichkeitswirksam auf «das Neue» und die breite Bibelverkaufsaktion aufmerksam machen. Es ist eine Tatsache, dass die Bibel ein öffentliches und für die verschiedensten Auslegungen und Anwendungen brauchbares und damit auch missbrauchbares Buch ist. In der Frage, wie man sich auf die Bibel beruft und mit ihr umgeht, gehen die Meinungen und Stile weit auseinander. Diese Vielfalt wird möglicherweise durch die Aktion «Bibel 2000» öffentlich sichtbar und wirksam, besteht aber in Wirklichkeit schon längst. Auch innerhalb der grossen Konfessionen bestehen im Bibelgebrauch erhebliche Unterschiede.

3. Die Bedeutung für die Kirchen

Die grossen Kirchen klagen oftmals über mangelnde Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Häufig ist die Rede davon, um die Kirchenfernen müsste man sich intensiver bemühen und neue Kanäle erschliessen. Vielen in der Kirche engagierten Frauen und Männern ist die Verbindung von Glaube und Alltag ein grosses Anliegen. Und bezüglich der Bibel wird einerseits gesagt, sie sei gemeinsame Glaubensgrundlage und damit für die Einzelnen, die Gemeinden, aber auch die Ökumene lebenswichtig. Anderseits wird festgestellt: Die Bibel ist «Bestseller ohne Leser/Leserinnen», wird zu wenig gelesen und zu wenig gelebt.
In dieser Situation ist ­ bei allen Vorbehalten im Einzelnen ­ das Projekt «Bibel 2000» eine Chance. Das Neue Testament wird antreffbar, und zwar mitten im Alltag, wo man es nicht erwartet. Nicht im Kirchgemeindehaus, nicht in der Sakristei, nicht im kirchlichen Bildungshaus oder bei den Experten an der theologischen Fakultät, sondern im Supermarkt. Und damit übrigens auch dort, wo Jesus oder auch Paulus wie schon die Propheten Israels anzutreffen waren: auf dem Markt. Das kann für Gesprächsstoff sorgen, kann anregen, «das Neue» oder auch die alte, eigene Bibel hervorzunehmen und das eine oder andere nachzulesen. Es kann Fragen wecken nach Gelegenheiten, die Bibel näher kennen zu lernen. Es kann bewusst machen, dass die Bitte um das «tägliche Brot» im Vaterunser ganz konkrete Lebensbezüge hat: zum eigenen Lebensunterhalt, wie zu den unterschiedlichsten Produkten, die man im gleichen Einkaufskorb heimträgt: Hilft ihr Kauf, den Hunger zu stillen, oder fördern sie Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung? Verträgt sich die biblische Botschaft von Gerechtigkeit und Liebe mit meinen Einkaufsgewohnheiten, mit meinem Lebensstil, mit der Gesellschaft? Mischen wir uns als Einzelne und als Kirchen genug ein, um «Salz der Erde» zu sein?
Im Blick auf die vielen Frauen und Männer, die zwar durchaus offen sind für Fragen nach Sinn und nach Ethik, für die Suche nach Orientierung und nach Gott, aber zur Institution Kirche auf Distanz gehen, ist der Bibelverkauf «auf neutralem Boden» und ohne jeden missionarischen Ton eine Chance: Sie können der Bibel begegnen ohne Bekenntniszwang, locker, unverbindlich, gewissermassen «probeweise». Auch solche Begegnungen können etwas auslösen.
Zwar besteht die Möglichkeit, dass gewisse Kreise die Aktion vereinnahmen, um ein enges und einengendes Bibelverständnis zu verbreiten. Es kann sein, dass sie intensiver missionieren und werben als sonst. Auf dem offenen Markt gibt es keine Möglichkeit, das zu verhindern oder zu verbieten. Wer Phantasie, Geld, Werbemittel, Kontakte und Präsenz investiert, hat die Chance, wahrgenommen zu werden. Wer untätig, vornehm, resigniert oder phantasielos still hält und den Schritt aus dem innerkirchlichen Bereich in die Öffentlichkeit nicht macht, wird kaum auf Interesse stossen.
Aus der Sicht der Kirchen oder biblisch interessierter und engagierter Frauen und Männer ist die Frage, ob und wie viele dieser Neuen Testamente verkauft werden, nicht zentral. Interessant wird es erst, wenn «das Neue» (und hoffentlich im Zusammenhang damit auch das Alte Testament) aufgeschlagen, gelesen, disktutiert und gelebt wird. Ob das geschieht und wie das geschieht, wird nicht Sache des Grossverteilers sein. Ausdrücklich schreibt er, die Aktion werde «von keinen weiteren Werbemassnahmen begleitet». Die evangelisch-reformierten Kirchen bezeichnen sich gern als «die Kirche des Wortes». Und die römisch-katholische Kirche hat im 2. Vatikanischen Konzil feierlich verkündet, der Zugang zur Bibel müsse allen «weit offen stehen». Die Bibel im Supermarkt bietet Gelegenheit, für diese Worte den Tatbeweis zu erbringen.
Der Verkauf des Neuen Testaments im Supermarkt sollte nicht zur Fortsetzung der Mission mit anderen Mitteln missbraucht werden. Wer mit der Bibel auf den Markt geht, muss ernst nehmen, dass die Bibel dort nicht als «das Buch der Bücher» erscheint, sondern als «ein Buch unter Büchern». Und er muss ernst nehmen, dass die Menschen, die den Supermarkt aufsuchen, sich als «Kunden und Kundinnen» verstehen. Sie wollen wählen dürfen zwischen verschiedenen Produkten, sie wollen Preis und Leistung vergleichen, und sie wollen mit dem, was sie gekauft haben, machen dürfen, was ihnen und ihren Bedürfnissen entspricht. Wer die Bibel im Supermarkt ersteht, hat das Recht, sie unvoreingenommen zu lesen, ohne Bekenntniszwang, neugierig oder skeptisch, intensiv oder beiläufig.
Wer die Bibel in den Supermarkt trägt, muss die Gesetze des freien Marktes und die Wertvorstellungen unserer Erlebnisgesellschaft nicht unhinterfragt gutheissen. Vielmehr geht es um ein widerständiges Sicheinlassen auf einen wichtigen Bereich der Lebenswelt.

Dass die Bibel auf den Markt kommt, hat Folgen für unseren Umgang mit der Bibel.

Wir trauen der Bibel zu, dass sie als «Produkt» auf dem Markt bestehen kann. Wir setzen sie dem Wettbewerb aus.
Wir trauen den Kundinnen und Kunden zu, dass sie selbständig und frei mit der Bibel umgehen.
Wir entlassen die Bibel und ihre Leserinnen und Leser aus der Bevormundung durch die Kirchen und ihre Priester, Pfarrer, Schriftgelehrten und Missionare.
Wir verzichten auf den Anspruch, die biblische Wahrheit «gepachtet» zu haben, und gewinnen ein offenes und entkrampftes Verhältnis zur Vielfalt der Lesarten und zum Pluralismus der Glaubensweisen.
Wir lernen die Bibel wieder neu verstehen als Buch nicht nur für die Frommen und die Insider, sondern als Buch für suchende, für ganz und gar «weltliche» Menschen.

Wenn die Kirchen diese neue und ungewohnte Rolle der Bibel im Supermarkt ernst nehmen, heisst das nicht, dass sie ihre bisherige Aufgaben aufgeben. Die Bibel als «Buch auf dem Markt» und die Bibel als «Buch der Kirchen» schliessen sich nicht aus, sondern stehen in einem fruchtbaren Spannungsverhältnis zueinander. Aber es heisst, dass die Kirchen ihren «Kundendienst» überdenken und erweitern müssen. Im Supermarkt gehören auch Frauen und Männer zur Kundschaft, die das Unservater nicht können, den verlorenen Sohn nicht kennen und von den Zehn Geboten nichts halten. Sie suchen nicht «die Wahrheit» oder den «Sinn des Lebens», weil sie den Anspruch haben, selbst über die Wahrheit entscheiden und ihrem Leben einen eigenen Sinn geben zu können. Diese Kundinnen und Kunden suchen zunächst schlicht eine «Gebrauchsanweisung» und eine gute «Produkteinformation».

4. Praktische Anregungen

Die Vorbereitungszeit auf die Aktion ist relativ kurz, aber ausreichend, um etwas zu unternehmen. Zudem kann an Bestehendes und Bewährtes angeknüpft werden.
Weil auch für Kirchgänger und Gottesdienstbesucherinnen die Bibel im Alltag oft kaum eine Rolle spielt, könnten thematische Predigten neue Impulse verleihen. Mit etwas Phantasie kann auch via Inserat oder Plakat auf diese Gratis-Möglichkeit einer Hilfestellung aufmerksam gemacht werden: Wer eine neue Bibel kauft, will sie benutzen und verstehen können.
In der Erwachsenenbildung, in Bibelgruppen usw. gibt es vielerorts bereits Angebote zur Bibel. Das Projekt kann eine Gelegenheit sein, diese bekannt zu machen und auf neue Kreise hin zu öffnen.
Auf ökumenischer Basis und wenn möglich auf «neutralem Boden» können Gespräche, Informationen und Bildungsveranstaltungen angeboten werden: von der elementaren Gebrauchsanweisung über einen «Schnupperkurs» bis hin zu Informationen über häufig gestellte Fragen nach verfälschenden Überlieferungen und Übersetzungen, nach der historischen Glaubwürdigkeit der Erzählungen über Jesus, nach der Rolle der Frauen im frühen Christentum oder nach «Stolpersteinen» in der Bibel.
Es kann an die kulturelle Bedeutung und Wirkung der Bibel angeknüpft werden: Sie spielt eine grosse Rolle in der Kunst, in Musik und Literatur, wurde oft verfilmt und prägt auch unsere Alltagssprache: «Wer andern eine Grube gräbt...» ist ebenso Bibelzitat wie «das pfeifen die Spatzen von den Dächern».
Selbstverständlich ist die «Skala» bezüglich Anspruchsniveau und Aufwand offen: Quiz und Rätsel mit biblischen Texten, eine Ausstellung mit verschiedenen Bibelausgaben, Kinderbibeln und Hilfen zum Bibelverständnis, ein kulturelles Angebot mit Musik und Texten zur Bibel, ein Abend mit Bildern und Informationen zur Welt der Bibel, ein Podiumsgespräch über die Bedeutung biblischer Werte und Traditionen für aktuelle Fragen in Gesellschaft und Politik, gemeinsame Lektüre und Diskussion, ein erfahrungsbezogener Zugang zu biblischen Texten, Informationen...
Wichtig ist bei aller Planung, möglichst dort anzuknüpfen, wo das Projekt «Bibel 2000» ansetzt: Die Bibel wird im Supermarkt präsent, als ein Produkt unter vielen, nicht über kirchliche Kanäle vermittelt, mitten im Alltag, auf der Suche nach neuen Leserinnen und Lesern...Diesen offenen Charakter des Angebotes, die Neugierde, die es auslösen kann, aber auch die Irritation, die davon ausgehen mag, gilt es aufzunehmen. In einer zweiten Phase kann es um weitere Schritte auf dem Weg vom Kauf über das Durchblättern und Anlesen bis hin zu einer vertieften und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament und mit der Bibel insgesamt gehen. Wer nicht stolpern und auch nicht stehen bleiben will, ist gut beraten, den ersten Schritt vor dem zweiten zu tun.

 

Der im Fach Exegese des Neuen Testaments promovierte Theologe Daniel Kosch leitet die Bibel-pastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000