51-52/2000

INHALT

Lesejahr C

...noch nicht erschienen, was wir sein werden...

Regula Grünenfelder zu 1 Joh 3,1-2.21-24

 

Auf den Text zu

Das Programm des 1 Joh ist Liebe: Die Liebe des Vaters zu den Kindern, die Liebe der Kinder Gottes untereinander. Das klingt einerseits familiär, für manche vielleicht sogar eng, andererseits noch sehr allgemein. Die Dynamik des Briefes verbietet aber eine privatistische und unverbindliche Interpretation:
1. 1 Joh fordert eine rigide Trennung von den «Pseudochristen/Pseudochristinnen», die mit ihrem Götzendienst (5,21) die Geschwister in Not (3,17) verraten; der Brief fordert auf zu Unterscheidung und Entscheidung.
2. Damit schnürt jedoch 1 Joh die Geschwister nicht in ein Glaubenskorsett ein, sondern mutet ihnen eine mystische Offenheit zu: Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Das heisst, wir müssen uns von uns selber überraschen lassen. Es gibt nichts Wesentliches, was wir planend und berechnend erreichen können. Dies ist an der Schwelle zu einem neuen Jahr eine befreiende und gefährliche Botschaft.

Mit dem Text unterwegs

Unsere fünf Verse stehen im grösseren Zusammenhang einer Warnung vor den Pseudochristen/Pseudochristinnen, deren Irrlehre (2,18­25) sich in der fehlenden sozialen und politischen Praxis der Liebe zeigt (3,11­18).
Diese scharfe Abgrenzung wird im ersten Vers sichtbar: Die Welt, die den Vater und die Kinder Gottes nicht erkennt, markiert die geforderte Abgrenzung von den Lieblosigkeiten der Pseudochristen/Pseudochristinnen. Darin klingt keine allgemeine Weltfeindlichkeit an, sondern dies deutet auf die historische Situation des johanneischen Kreises hin: Von aussen (Pax Romana) wie von innen (Christen/Christinnen, die sich in Lehre und Praxis von der Überzeugung des 1 Joh unterscheiden) fühlt sich der johanneische Kreis bedroht und unter Legitimationsdruck gesetzt.
Nach dieser Abgrenzung von der «Welt» wird mit dem Titel «Kinder Gottes» die Gegenwart gedeutet. Die Gotteskindschaft gilt auffälligerweise nur für jetzt. Die Zukunft hält dagegen eine Gottähnlichkeit bereit, deren Konturen heute noch nicht zu erkennen sind.
Diese Zukunftsvision wendet die verfluchte paradiesische Sehnsucht nach Erkenntnis und Gottähnlichkeit (Gen 3,1­24) ins Hoffnungsvolle. Dabei werden Gottähnlichkeit und Gottesschau in eine kausale Relation gebracht: Wir werden Gott ähnlich sein, weil wir Gott sehen werden.
Die letzten drei Verse des dritten Kapitels beschäftigen sich mit den Anforderungen, die sich aus der Kindschaft ergeben. 1 Joh fügt hier die direkte Anrede ein, um die Bedeutung der folgenden Verse zu unterstreichen. (Selbstverständlich sind bei den Brüdern auch die Schwestern [adelfai] mitgemeint und entsprechend ausdrücklich mitzulesen.)
Die erste Urteilsinstanz über das rechte Tun ­ in V 18 ist davon die Rede, dass wir nicht mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit lieben sollen ­ ist das eigene Herz. Es schenkt uns Freimut vor Gott. Dieser Freimut äussert sich in einer fast unverschämt optimistischen Einstellung zur Gebetserhörung. Sie scheint aber an die tatkräftige Liebe gebunden zu sein, wie V 22 zum Ausdruck bringt. Was mit dieser tatkräftigen Liebe gemeint ist, bringen die joh Schriften nie konkret auf den Punkt. Die wenigen Hinweise zeigen jedoch, dass damit ein sorgfältiger Umgang mit Geschwistern und Fremden gemeint ist.
Das Halten der Gebote muss also in jeder Situation neu konkretisiert werden und ist so gesehen mit dem Inhalt des Bittgebetes identisch. Der Geist steht entsprechend nicht im Kontrast zur Gebotserfüllung; die Geistesgabe bestätigt die Gesetzestreue.

Über den Text hinaus

Die Gotteskindschaft leben und Gottähnlichkeit erwarten setzt ein Unterscheidungsvermögen voraus, solidarischen Mut und die Hoffnung, dass die Ordnung, in der wir leben, nicht die einzig mögliche ist. Die Liebe Gottes und die Liebe untereinander wird uns neu offenbaren. Dorothee Sölle buchstabiert diese Zukunftshoffnung so:

Und ist noch nicht erschienen
  was wir sein werden
o gott die du uns besser kennst
  als wir uns selber kennen
wann müssen wir unser gesicht nicht mehr
  verstecken
vor den verhungernden
wann werden wir sichtbar
wann wird die wahrheit durch uns
  hindurchleuchten
wann wird man an unseren
  handelsbeziehungen sehen
hier wohnen die neuen menschen
  die schwesterlichen
wann wird die sonne der gerechtigkeit
  über uns aufgehen
und die ausplünderungsnacht zu ende gehen
wann werden wir sichtbar gott
Söhne und töchter in deinem reich

 

Literaturhinweis: Kurt Marti, Gottesbefragung. Der 1. Johannesbrief heute, Stuttgart (Radius-Verlag) 1982; Dorothee Sölle, zivil und ungehorsam. Gedichte, Berlin (fietkau) 1990.


Er-lesen

Den Text kreisen lassen: Der Reihe nach ein Wort, einige Wörter, einen Vers lesen, bis die wenigen Verse dreimal gehört sind ­ einen Begriff, der anspricht oder ärgert laut wiederholen ­ Austausch über das, was einleuchtet und was rätselhaft ist.

Er-leuchten

Kurzinformationen zu 1 Joh:
Das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe gehören thematisch und sprachlich zusammen. Dies zeigt sich beispielsweise in der Eröffnung (1 Joh 1,1­5), die den Johannesprolog zitiert und neu akzentuiert. 1 Joh, der erste Kommentar zum Evangelium, deutet die johanneische Theologie in Blick auf die aktuelle Situation eines kleinasiatischen Gemeindeverbandes. Er ruft zum «Bleiben» (24) auf und versteht die verbindende Liebe ebenso politisch wie theologisch. Wenig weist 1 Joh (entstanden wahrscheinlich in Ephesus nach 100 n. Chr.) als Brief aus; typische Briefsignaturen fehlen. Trotzdem: Der Hauptaspekt der Gattung kommt pointiert zum Ausdruck: Ein Brief ist dialogisch, und 1 Joh versucht, konkreten Adressaten/Adressatinnen in Bedrängnis eine Glaubens- und Lebensbotschaft zu vermitteln. Die Bedrängnis war eine politische und religiöse: 1 Joh behauptet, dass die Praxis in Christus mit der Pax Romana nicht in Einklang zu bringen ist. Die Pseudochristen/Pseudochristinnen gleichen jenen Leuten, die in den Briefen der Offenbarung (2­3) angeprangert werden. Es gibt nach 1 Joh keine andere Möglichkeit, Gott zu erkennen, als durch die unsentimentale Liebe: Wer nicht liebt, wer keine Gerechtigkeit übt, bleibt im Tod.

Den Zusammenhang wahrnehmen:
Der Lesungstext, die ersten und letzten Verse von 1 Joh 3, bildet eine Klammer um das dritte Kapitel. Dieses erhellt, was mit der Welt und dem Halten der Gebote gemeint ist.

Er-leben

Vorbereitung: Auf grosse, stabile Zeichenpapiere (zum Beispiel mit Tasse und Teller) fein zwei konzentrische Kreise zeichnen. Ölkreiden bereitlegen.
1. Schritt: Die Teinehmenden erhalten je ein Papier und schreiben in die Mitte ihre Wünsche für die Welt und in den Ring, wer sie sind (Rollen, Aufgaben, Fähigkeiten, Grenzen).
2. Schritt: Mit den Farben werden im spontanen Malen von der Kreismitte aus Linien nach aussen gezogen.
3. Schritt: Wenn der Malimpuls zu Ende geht, das Bild für sich betrachten und dann ausserhalb des Rings assoziativ Begriffe aufschreiben, die den einzelnen zu «noch nicht erschienen, was wir sein werden» einfallen.
4. Schritt: Bilder gemeinsam betrachten, vielleicht kurz erklären, aber nicht kommentieren.
5. Schritt: Alle formulieren ihren nächsten ganz konkreten(!) Schritt auf dem Weg zu dieser neuen Existenz.


Die Geburt einer neuen Zeit

Daniel Kosch zu Gal 4,4-7

 

Auf den Text zu

Liturgisch-stimmungsmässig-politisch ist der Gottesdienst vom 1. Januar komplex. Auf der Agenda stehen gleichzeitig das Hochfest der Gottesmutter Maria, der Beginn eines neuen Kalenderjahrs und der Weltfriedenstag. Der Lesungstext aus dem Galaterbrief lässt sich mit allen drei Aspekten verknüpfen: Der Sohn Gottes ist «geboren von der Frau» (Maria), mit seinem Kommen in die Welt beginnt eine neue Zeit (daher unsere Zeitrechnung), die Gotteskindschaft überwindet die trennenden Grenzen zwischen «Juden und Griechen, Sklaven und Freien, männlich und weiblich» (Gal 3,28), indem sie alle zu Töchtern und Söhnen des einen «Abba, Vater» macht. Diese Verheissung der Gotteskindschaft verknüpft die Bergpredigt ausdrücklich mit dem Stichwort «Frieden»: «Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes genannt werden» (Mt 5,9). Angesichts der Tatsache, dass der 1. Januar 2001 den Beginn des dritten Millenniums markiert, konzentriere ich mich auf die Frage nach der Wende zur erfüllten Zeit.

Mit dem Text unterwegs

Anders als im Lektionar beginnt der Lesungstext in der Bibel nicht mit der Anrede «Brüder» (die entweder wegzulassen oder um die «Schwestern» zu erweitern ist), sondern mit einem «aber»: «Als aber die Zeit erfüllt war» Dieses «aber» verknüpft den Text nach rückwärts mit 4,1­3 und dem parallel aufgebauten Abschnitt 3,23­29. Kontrastiert werden die alte und die neue Zeit. Vor der Sendung des Sohnes lebten die Menschen im Gefängnis des Gesetzes (3,23­25) als unmündige und bevormundete Erben, Sklavinnen und Sklaven der Elementarmächte der Welt (4,1­3). Sein Kommen in die Welt bringt Freiheit, gleichberechtigte Geschwisterlichkeit und Mündigkeit im Zeichen des Glaubens, der Erfahrung des Geistes und des Gebets zu Gott als «Abba».
In diesem Kontrast zwischen der alten und der neuen Zeit leuchten die Befreiungs- und Gemeinschaftserfahrungen der religiös und sozial durchmischten Gemeinden auf. Sachzwänge, Normen und höhere Ordnungen, mögen sie auch religiös überhöht oder als so genannte Naturgesetze verewigt werden, haben ihre absolute Geltung eingebüsst. Die Christinnen und Christen sind dem «Gesetz» und den «Weltmächten» nicht mehr ausgeliefert, sondern wissen sich ermächtigt und ermutigt, mündig und frei Stellung zu nehmen.
Diese «Mündigsprechung» stellt eine Zäsur dar. Die alte Weltzeit und ihre Zwänge werden abgelöst durch die Fülle der Zeit. Dieses Zäsurbewusstsein ist begründet in der Glaubensüberzeugung, dass Gott sich in Jesus auf einzigartige Weise den Menschen zugewandt hat. Diese Zuwendung wurde als Nähe erfahren, die alles Bisherige übertrifft. Die Geschwister Jesu Christi sind mit Gott «erstgradig verwandt» und haben als Gottes Töchter und Söhne ohne jede Zwischeninstanz unmittelbaren Zugang zu Gott. Möglich wird dies, indem Gottes Sohn sich ganz der condition humaine unterwirft. Diese Solidarisierung mit allen Menschen kommt in der Wendung «geboren von der Frau» zum Zuge, während «dem Gesetz unterstellt» Jesus als Mitglied des jüdischen Volkes ausweist. Nicht die Ausserkraftsetzung der «Elementarmächte dieser Welt» (4,3), der natürlichen «Geburtlichkeit» oder der Tora (4,4), sondern ihre Annahme bringt die Wende: In seinem Sohn lässt Gott sich vorbehaltlos auf die Begrenzheiten und Abhängigkeiten menschlicher Existenz ein ­ und ermöglicht gerade dadurch Mündigkeit und Freiheit.
Dass diese Befreiungserfahrungen im Horizont der «gegenwärtigen bösen Welt» (1,4) fragmentarisch und gefährdet bleiben, weiss Paulus nur zu gut. Stets droht der Rückfall in die alten Muster und in die Sklaverei. Der Ruf nach Gesetz, Ordnung und klaren Verhältnissen ist oftmals verlockender als der Ruf der Freiheit. Die Anpassung an die herrschenden Verhältnisse und die faktische Anerkennung der «Elementarmächte dieser Welt» ermöglicht ein ruhigeres Leben als die zugemutete Mündigkeit. Solcherlei «Rückfallgefahr» ist denn auch der Sitz im Leben der Verkündigung des Paulus an die Gemeinden in Galatien. Diese sieht der Apostel nämlich davon bedroht, sich erneut versklaven zu lassen und den in Christus eröffneten Freiraum für die Gestaltung einer geschwisterlichen Gemeinschaft durch die Errichtung alt-neuer Grenzziehungen wieder einzuschränken (ähnlich, wie auch das Exodusvolk sich auf dem beschwerlichen Weg in die Freiheit nach den Fleischtöpfen und Sicherheiten Ägyptens zurücksehnte; ähnlich aber auch, wie heute die Gefahr besteht, hinter Errungenschaften und Erkenntnissen in den Bereichen der Menschenrechte, der Gleichstellung der Geschlechter, der Ökologie oder des Schutzes der Demokratie vor rechtsextremen Tendenzen zurückzufallen).
Dass das neue Leben in Christus aufgrund der nach wie vor prägenden alten Muster selbst beim besten Willen nur fragmentarisch und unvollkommen gelingt, zeigt sich auch am Text selbst, der von Gott und der Gotteskindschaft in einseitig männlicher Sprache spricht, während das «geboren von der Frau» Ausdruck der Verwobenheit in diese Welt ist. Solche Verknüpfung von Gott («Abba, Vater») und Gottes Gnade («Sohnschaft») mit dem männlichen Prinzip und der erlösungsbedürftigen Natur («Frau») mit dem weiblichen Prinzip ist ­ mit Paulus, gegen Paulus und über Paulus hinaus ­ angsichts der Geburt einer neuen Zeit im Geist von Gal 3,28 theologisch und sprachlich zu überwinden.

Über den Text hinaus

Dass mit dem Kommen Jesu schon mitten in dieser alten Welt eine neue Zeit beginnt, ist der theologische Grund für die christliche Zeitrechnung. Die Geburt von «Mirjams Kind und Sophias Prophet» (Elisabeth Schüssler Fiorenza) wird zum Symbol des Neubeginns; jedes neue Jahr kann zum anno domini, zum «Gnadenjahr des Herrn» werden. Diese Zeitrechnung muss sich bewähren und bewahrheiten in einem Leben, das zwar den Realitäten und Gesetzmässigkeiten der Welt Rechnung trägt, aber die geschenkte und zugemutete Mündigkeit und Geschwisterlichkeit der Söhne und Töchter Gottes zumindest anfanghaft und fragmentarisch gestaltet und nicht in die vertrauten alten Muster zurückfällt. Ob das Jahr oder das Jahrtausend wirklich «neu» wird, ist keine Frage der Zeitrechnung, sondern des Geistes (4,6!), in dem wir es angehen.


Er-lesen

Der Text wird zuerst laut vorgelesen, dann als Kopie verteilt. Die Teilnehmenden erhalten 3 Minuten Zeit, auf dem Textblatt ein Stichwort oder einen Gedanken zu kommentieren. Das Blatt wird im Kreis weitergegeben, der/die Nächste nimmt den Faden auf und reagiert auf den Kommentar ­ dies geht im 3-Minuten-Takt so weiter, bis sich der Kreis schliesst. Anschliessend: Lektüre der entstandenen Texte und Austausch.

Er-leuchten

Gal 4,4­7 im Kontext der parallel gebauten Abschnitte 3,23­29 und 4,1­7 lesen. Auf einem Plakat mit zwei Spalten mit den Titeln «alt» und «neu» die einzelnen Textaussagen zuordnen. Was charakterisiert das «Neue», hinter das es nicht zurückzugehen gilt? Wo werden Parallelen zu heutigen Konstellationen in Gesellschaft und Kirche sichtbar?

Er-leben

Am Anfang eines neuen Jahres und erst recht eines neuen Jahrtausends wird vieles als «neu» angepriesen. Wir halten Ausschau nach Anfängen und Fragmenten eines «wirklich neuen» Lebens mündiger, das heisst freier und verantwortungsbewusster Frauen und Männer in der Kirche und in der Welt. Wir lassen uns von diesem Gespräch zu «neuen» Neujahrswünschen inspirieren und gestalten daraus zum Beispiel eine Neujahrskarte.


Mitgemeint

Regula Grünenfelder zu Eph 3,2-3a.4-6

 

Auf den Text zu

Im griechischen Text (und in der Übersetzung von Fridolin Stier) heisst es: Mit-Erben/Mit-Erbinnen, Mitleib, Mitteilhabende.
Unsere Verse laden die Leserinnen ein, sich zugehörig zu wissen. Das betonte «mit» scheint doch einen Unterschied zu machen: Wer Erbe ist, Leib oder Teilhaberin ist einfach gemeint. Wer da «mit» dazu kommt, steht an zweiter Stelle, ist mitgemeint.
Wir alle sind zuerst und fundamental «mit»; Mitleib im Bauch unserer Mütter. Dieses Teilhaben am Leben einer anderen verweist uns auf die Grundbedingung unseres Seins: Beziehung, Abhängigkeit von den Menschen vor uns.
Es gibt jedoch andere Weisen des Mit-Teilhaben und des Mit-Teilhaben-Lassens: Wer mitgemeint ist, weiss sich oft nur mit Vorbehalten gemeint. Wem dieses «mit» zu oft passiert, wird sich zu Recht in der zweiten Reihe und fremdbestimmt erfahren. In unserem kleinen Abschnitt geht es um Mitgemeint-Sein und um die Definitionsmacht darüber. Das heisst, es geht um grundlegende Beziehungsfragen in der (frühen) Kirche.

Mit dem Text unterwegs

Die Gnade, die Paulus empfangen hat, besteht in der Einsicht in das Mysterium: Die angesprochenen Heiden/Heidinnen gehören mit zur Kirche. Die «Ökonomie» der Gnade lässt im Gesamtzusammenhang des Briefes gesehen auch die Amtsordung der Kirche anklingen. Autorisiert wird die Einsicht des Paulus durch die geoffenbarte Hausordung der Gnade Gottes ebenso wie durch die feine Unterscheidung zwischen der «Offenbarung» an Paulus und der «Bekanntmachung» an die Früheren. Hier zeigt sich deutlich, dass nicht Paulus der Autor des Briefes ist, sondern eine Autorität in seinem Namen die Erfahrungen und die Taten des grossen Apostels theologisch deutet.
Im Relativsatz wird die Offenbarung des Geheimnisses zeitlich bestimmt: Was Paulus verkündet, ist ganz neu und unterscheidet sich qualitativ grundlegend von den bisherigen Einsichten. Die Formulierung «mit den heiligen Aposteln/Apostelinnen und Propheten/Prophetinnen» ist ebenfalls ein deutliches Zeichen, dass Eph pseudoepigraphisch ist ­ was ihn nicht abwertet, sondern in die Kirchengeschichte einordnet. Im Infinitivsatz wird der Inhalt dieser Offenbarung benannt: Mit-Erben/Mit-Erbinnen, Mit-Leib (wohl eine spontane Wortschöpfung), Mit-Teilhabende. Was auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint: mit wem die heidnischen Adressaten/Adressantinnen mitgemeint sind, wird bei genauerem Hinsehen fragwürdig. Spontan ist an die Teilhabe der Heiden/Heidinnen an der Gottesbeziehung des Volkes Israel zu denken, für die Paulus exemplarisch steht.
Wahrscheinlich hat der Eph hier aber nicht diese grundlegende Öffnung im Sinn, sondern bespricht die Kirchenökonomie: Zu den bisherigen vor allem aus dem Judentum stammenden Christen/Christinnen kommen die Adressaten/Adressatinnen als zweite hinzu. Es handelt sich um eine Einladung, die etwas merkwürdig erscheint, weil die Angesprochenen als Mitglieder einer Gemeinde doch schon dazugehören. Paulus und die übrigen Autoritäten in der Hausordnung Gottes beglaubigen also (gegen Menschen, die sie ausschliessen wollen?) ihre Mit-Teilhabe.
Die Pauluserinnerung im Text ist im Unterschied zu den echten Paulusbriefen sehr unkonkret. Nur dort kommt das Damaskuserlebnis mit dem Bruch in der Lebensgeschichte des Paulus vor (1 Kor 15,9; Röm 12,3; 15,15).
Der Hinweis auf die heiligen Aposteln/Apostelinnen und Propheten/Prophetinnen zeigt, dass auch im Eph Paulus nicht zu einem einsamen Kirchenfürsten gemacht, sondern mit den anderen Amtsträgern/Amtsträgerinnen in Beziehung gesetzt wird. Mit Apostelin und Prophet sind Ämter gemeint, die heute inhaltlich nicht genau zu rekonstruieren sind. Die inklusive Sprache rechtfertigt sich durch die paulinischen Briefe selber und ist historisch wahrscheinlicher als die androzentrische Konvention, Apostelinnen (Röm 16,7) und Prophetinnen (1 Kor 11,5) der frühen Kirche höchstens mitzumeinen und nicht ausdrücklich sichtbar zu machen.

Über den Text hinaus

Der Epheserbrief lädt die Adressaten/Adressatinnen zum Teilhaben ein. Es bleibt jedoch nicht verborgen, dass das unbestritten grossartige Angebot seine Tücken hat. Das heisst nicht, dass es ausgeschlagen werden muss, sondern: Die Bedingungen der Teilhabe sind von den und mit den Mit-Gemeinten zu überprüfen und auszuhandeln. Die Zürcher Literaturwissenschafterin Elisabeth Bronfen hat eine Anthropologie des Bauchnabels entworfen und stellt damit endlich die grundlegende, vitale, faszinierende, missbrauchbare und herausfordernde Bedingung unseres Seins in den Mittelpunkt: Wir sind in erster Linie Miterben/Miterbinnen des Lebens, Mitleib. Und deshalb brauchen wir auch dringend eine Korrektur, das heisst, eine Theologie des Bauchnabels und eine Pastoral der Beziehung.

 

Literaturhinweis: Helga Mezler-Keller, Der Brief an die Gemeinde von Ephesus. Gemeinsinn und Wertkonservativismus als Überlebensstrategie kleinasiatischer Gemeinden, in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker, Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 612­624; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.


Er-lesen

Eine Person tritt vor die Gruppe und liest den kurzen Text so vor, dass die Teilnehmenden direkt angesprochen sind. / Sammeln, was die Teilnehmenden gehört haben. / Nun wird der Text nochmals vorgelesen, dabei sollen die Beteiligten auf die inhaltliche Botschaft achten. / Noch einmal sammeln. / Dann auf den Appell hören: Wozu will mich/uns der Text bewegen? / Sammeln. / Schliesslich nach der Ich-Botschaft fragen: Was erzählt uns der Briefausschnitt über den Autor/die Autorin? / Sammeln.

Er-hellen

Eph gehört zu den Deuteropaulinen. Nicht Paulus hat ihn geschrieben, sondern eine frühchristliche Autorität, wahrscheinlich in Kleinasien, möglicherweise in der Provinzhauptstadt Ephesus. Der Brief hängt literarisch vom Schreiben an die Gemeinde von Kolossäa ab, der ebenso deuteropaulinisch ist und den Tod des Paulus (wohl 62/64) voraussetzt. Eph kann also kaum vor 70 entstanden sein. Da der Brief keine Hinweise auf eine äussere Bedrängnis zeigt, wurde er vor 96, dem Beginn der domitianischen Verfolgung, verfasst. Der Epheserbrief erwägt in einer Zeit des politischen Weltfriedens (pax romana), für den die Menschen am Rande einen hohen Preis zu zahlen haben, lebensfreundliche, empfiehlt aber auch allzu herrschaftsfreundliche Möglichkeiten des Miteinanders. Bis heute ist der Epheserbrief durch seine Darlegungen über die Beziehungsverhältnisse in der Kirche und in der Ehe bekannt (5,21­33). Obwohl der Ehetext deutlich die Unterordung der Frau unter den Mann vorschreibt, erfreut er sich we-gen seiner poetischen Sprache grosser Beliebtheit. Dies gilt auch für unseren Kirchentext.

Er-leben

Unser Leben beginnt als Mit-Leib; ob wir dies wahrnehmen oder nicht, bleiben wir in Beziehungen und Abhängigkeiten. Wie sich dieses «mit» konkret gestaltet und welche Konsequenzen es für die Einzelnen bedeutet, lässt sich in einem Bibliodrama zu unserem Text ausloten. Vielleicht können mit einer Fachperson im versöhnlichen Familienstellen (Hellinger) die Pfarreibeziehungen angeschaut werden.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000