50/2000

INHALT

Lesejahr C

Kommt Gottes Eingreifen allen zugute?

Daniel Kosch zu Tit 2,11-14

 

Auf den Text zu

Im «Wettbewerb» der Bibeltexte um den ersten Rang in der Gestaltung von Gottesdienst und Predigt in der Christmette hat die Lesung aus dem Titusbrief höchstens Aussenseiterchancen. Vielleicht ist das auch gut so. Trotzdem lohnt sich eine kritische Auseinandersetzung.

Mit dem Text unterwegs

Der Titusbrief gehört zu den Pastoralbriefen, verfasst um ca. 100 n. Chr. Der Autor dieser drei Briefe, die als einheitliches Korpus verfasst sind, beruft sich auf die Autorität des Paulus, um auf eine Kirchensituation zu reagieren, die er als bedrohlich einstuft.
Bekämpft werden Kreise, die davon ausgehen, dass «die Auferstehung schon geschehen ist» (2 Tim 2,18), und deshalb fordern, das Leben der bereits Erlösten müsse sich von der Existenz unter den Bedingungen dieser Welt unterscheiden. Konkret genannt werden ein Heiratsverbot und der Verzicht auf gewisse Speisen (Askese in den Bereichen Sexualität und Nahrungsaufnahme). Diese Glaubensüberzeugungen werden als exklusive Erkenntnis («Gnosis») beurteilt. Sie führt zu Emanzipationstendenzen unter den Frauen und unter den Sklaven sowie zu einer Infragestellung der politischen Herrschaftsordnung. Religionsgeschichtlich werden die in den Pastoralbriefen bekämpften Kreise als Frühform der Gnosis beurteilt.
Die Antwort des Briefautors besteht in der Betonung der Menschwerdung und der Lebenshingabe Jesu Christi, die verbunden ist mit dem Auftrag, «in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten» (Tit 2,12­13). Mit dieser Zuwendung zur Realität ist das Bekenntnis zum allgemeinen Heilswillen Gottes verknüpft: Die Gnade Gottes ist erschienen, «um alle Menschen zu retten» (2,11). Tendenzen zur Weltflucht und zum Anspruch auf einen exklusiven Zugang zum Heil wird also eine klare Absage erteilt. Diese ist verknüpft mit einer starken Betonung der «gesunden Lehre», der Autorität der kirchlichen Amtsträger sowie der Aufrechterhaltung der Unterordnungsverhältnisse im Staat (gegenüber Herrschern und Machthabern) und in der Gesellschaft (besonders an die Adresse der Frauen und Sklaven). Verkündigt wird also ein konservatives Ethos römischer Führungsschichten, das in der Terminologie hellenistischer Ethik als «besonnen, gerecht und fromm» (2,12) bezeichnet wird. Häufig spricht man in diesem Zusammenhang von einer «christlichen Bürgerlichkeit»: Die Gemeinde richtet sich in dieser Welt ein, passt sich den herrschenden Verhältnissen an und führt in relativem Wohlstand ein «ruhiges und ungestörtes Leben in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit» (1 Tim 2,1f.).
In diesen Kontext ist auch die Lesung Tit 2,11­14 eingebettet. Ihre Aussagen über die «Gnade Gottes, die erschienen ist, um alle Menschen zu retten» (2,11), begründen die vorausgehenden Weisungen, zum Beispiel: Ältere Frauen sollen würdevoll, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig sein; junge Frauen sollen ihre Männer und Kinder lieben, besonnen sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam; Sklavinnen und Sklaven sollen gehorchen, gefällig sein, nicht widersprechen, nichts veruntreuen ... Und die abschliessende Aufforderung, «das Gute zu tun» (2,14), wird verknüpft mit der Weisung, «sich den Herrschern und Machthabern unterzuordnen» (3,1).
Nicht nur die ethische Verkündigung, sondern auch die Art, wie von Gottes Heilshandeln in Jesus Christus gesprochen wird, ist der hellenistischen Religiosität angepasst. So greift das Stichwort «Erscheinen» (griechisch: Epiphanie) einen Ausdruck auf, der das geschichtlich fassbare Eingreifen des Gottes oder auch des vergöttlichten Kaisers zugunsten seiner Verehrer, zum Beispiel als Ermöglichung eines militärischen Sieges, bezeichnet. Es kommt also zu einer «Übersetzung» der Christologie in die hellenistische Welt mit der Grundaussage, dass das rettende Handeln Gottes in Jesus Christus «allen Menschen» gilt.
Die Verkündigung der Pastoralbriefe hat «gute und bedenkliche Seiten» (R. Schnackenburg). Die Absage an weltflüchtige Tendenzen, die Betonung des alle Menschen umfassenden Heilswillens Gottes, die Sorge um den Zusammenhalt der Gemeinde sowie das Bemühen um eine Sprache, die am religiösen Empfinden der Menschen anknüpft, haben auch heute ihre Aktualität und ihre Berechtigung.
Sehr viel kritischer muss hingegen das Urteil über die Ethik ausfallen. Wenn gegenüber dem römischen Herrschaftssystem, das totalitäre und ausbeuterische Züge hat, Wohlverhalten und Unterwürfigkeit gefordert wird, dann ist das «konfliktscheue Anbiederung» (L. Oberlinner) und hat mit «gesundem Realismus» nichts mehr zu tun. Und wenn innerhalb der Grossfamilien und der Gemeinde eine konservative Ethik der Unterordnung gepredigt wird, bleiben die Ideale der Geschwisterlichkeit, der Befreiung aus Abhängigkeiten und der Überwindung von Grenzen auf der Strecke. Davon profitieren die sozial und wirtschaftlich gut gestellten männlichen Gemeindeglieder ­ besonders auf Kosten der Frauen und der Sklavinnen und Sklaven. Auch die theologische Inkulturation verkommt zur Anpassung an die Mentalität konservativer Führungsschichten. Das «Erscheinen der Gnade Gottes in Jesus Christus» ist nicht mehr «Kontrastprogramm» zum «Erscheinen» des römischen Kaisers; der herrschaftskritische und widerständige Stachel der jesuanischen und der paulinischen Befreiungsbotschaft scheint abgestumpft.
Mit dem Text, der vom Eingreifen Gottes zugunsten aller Menschen spricht, muss zugleich gegen den Text argumentiert werden, wo er die Erhaltung ungerechter und unfreier gesellschaftlicher und kirchlicher Strukturen rechtfertigt, die keineswegs allen zugute kommen.

Über den Text hinaus

Gerade im Blick auf die Verkündigung der Menschwerdung Gottes im Kontext von Weihnachten konfrontiert uns die Lesung aus dem Titusbrief mit wichtigen und brisanten Fragen: Wie kann das Gleichgewicht zwischen der Berücksichtigung des religiösen Empfindens der eigenen Zeit und der Treue zur Sache Jesu gefunden werden? Wie kann vom allgemeinen Heilswillen Gottes gesprochen werden, ohne dass daraus ein blasses, unverbindliches Christentum resultiert? Wie gehen wir mit der Spannung zwischen Anpassung und Widerstand um? Wie verhindern wir die Vereinnahmung, Verharmlosung und Neutralisierung der Weihnachtsbotschaft in unserem gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld und durch die spezifische «Weihnachtsstimmung», in denen vom Erscheinen der «Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters» (Tit 3,4) die Rede ist?

 

Literatur: Pastoralbriefe, in: Bibel und Kirche 3/1991, Bezugsadresse: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, 01-2059960, E-Mail bibelpastoral@bluewin.ch


Er-lesen

Der Text wird mitten auf einem Blatt mit viel weissem Rand als Kopie ausgeteilt. Die Teilnehmer/Teilnehmerinnen notieren Assoziationen zu einzelnen Ausdrücken: Was klingt an? Was für Reaktionen lösen einzelne Wörter aus? So entsteht rund um den Text eine Art Kommentar. Austausch in der Gruppe.

Er-leuchten

Der Text wird im Zusammenhang von Tit 2,1­3,8 gelesen. Wie klingt seine Botschaft in diesem Zusammenhang? Informationen zu Kontext und Anliegen der Pastoralbriefe (s.o.).

Er-leben

Gerade im Zusammenhang mit Weihnachten ist das Stichwort «bürgerliches» oder «verbürgerlichtes Christentum» naheliegend. Kleine und grosse, persönliche, kirchliche und politische Schritte, das «rettende Eingreifen Gottes» wirklich «für alle» erfahrbar zu machen, werden zusammengetragen.


Ein Lied wider den lautlosen Rückzug

Daniel Kosch zu Hebr 1,1-6

 

Auf den Text zu

Unsere Bilder von Weihnachten und die Verkündigung der Menschwerdung Gottes sind stark auf das Jesuskind, auf die Familie und auf den «Frieden bei den Menschen seiner Gnade» (Lk 2,14) ausgerichtet. Das hymnische Christusbekenntnis des Hebräerbriefes (und auch der als Evangelium vorgesehene Johannesprolog) setzt einen anderen Akzent. Es bekennt den menschgewordenen Gottessohn als präexistenten Schöpfungsmittler und endzeitlichen Erlöser: «Vom Anfang und vom Ende umgreift der Sohn das All als Weltenherrscher» (E. Grässer). Diese Vision vom kosmischen Christus kann ein Gegengewicht zu einem privatisierten Verständnis der christlichen Religion bilden.

Mit dem Text unterwegs

Der so genannte Hebräerbrief ist eine Predigt aus einem hellenistisch-judenchristlichen Milieu (in Alexandria?) und kein Brief im eigentlichen Sinne. Der Text ist vermutlich um 100 n. Chr. verfasst, der Autor oder die Autorin ist unbekannt. Angesprochen ist eine angefochtene, von Auszehrung, Glaubensmüdigkeit und lautlosem Rückzug bedrohte Gemeinde. Die Krise hängt paradoxerweise mit dem Nachlassen des äusseren Drucks zusammen: Der auferstandene Christus wird nicht mehr als lebendige Wirklichkeit erfahren, es droht ein unkritisches Sich-Anpassen und Sich-Abfinden mit den herrschenden Verhältnissen. Angesichts dieser Situation fordert die Mahnrede Ausdauer und Zuversicht. Die Christinnen und Christen sollen «den Zusammenkünften nicht fernbleiben, wie es einigen zur Gewohnheit geworden ist» (10,25). Jenen, die vom Glauben abfallen, wird ganz massiv mit dem Endgericht gedroht. Vor allem aber erinnert die Predigt «an die früheren Tage» und ermutigt die Gemeinde: «Werft also eure Zuversicht nicht weg» (10,35).
Verankert wird diese Zuversicht in der Verheissungstreue Gottes und in der Gewissheit, dass Gott «in dieser Endzeit» durch Jesus sein schöpferisches, machtvolles und rettendes Wort «zu uns» gesprochen hat. Dieser Erinnerung dient die kunstvolle, aus einer einzigen (!), sorgfältig gestalteten Satzperiode bestehende Einleitung (1,1­4). Sie nimmt ein hymnisches Bekenntnis aus der Liturgie der Gemeinde auf, das in der Tradition der hellenistisch-jüdischen Weisheitstheologie steht. Die Eigenschaften der weiblichen Gestalt der göttlichen Sophia werden darin auf den Logos bzw. Sohn Gottes übertragen, der als einzige und einzigartige Verkörperung von Gottes Weisheit besungen wird. Die Identifikation von Jesus mit Sophia, der präexistenten Schöpfungsmittlerin, ruft der «schwerhörig» gewordenen Gemeinde (5,11) in Erinnerung: Gottes rettendes Handeln umfasst alle Dimensionen der Wirklichkeit: Schöpfung, Offenbarung und Erlösung; Zeit und Ewigkeit; Himmel, Erde und alle Mächte, die den Gang der Dinge bestimmen. Das endzeitliche (1,2), machtvolle und reinigende (1,3) Wort Gottes knüpft zwar an die bereits «viele Male in vielerlei Weise» ergangenen Worte an (1,1), überbietet diese aber ebenso wie die Macht der Engel (1,5­6).
In der intensiven Betonung von Jesu Menschlichkeit und Schwäche, seines Mitfühlens und seiner Solidarität in der Angst, im Gehorsam und im Leiden (bes. 4,14­5,10) wird zugleich deutlich: Das «machtvolle Wort» der göttlichen Weisheit, das «das All trägt» (1,3) und die Welt im innersten zusammenhält, ist kein «Machtwort» im herkömmlichen Sinn. Vielmehr bekennt der Hebräerbrief die Macht ohnmächtiger Liebe und der Solidarität im Leiden. Dementsprechend wird auch der von lähmender Resignation bedrohten Gemeinde nicht die triumphierende Kirche, sondern das pilgernde Gottesvolk vor Augen gestellt.
Dieses Bekenntnis zur Macht ohnmächtiger Liebe, die nicht nur die glaubende Gemeinde, sondern den gesamten Kosmos bestimmt und durchdringt, schafft ein Stück Gegenwelt in einer Gesellschaft, die den Kaiserkult zur institutionellen Metapher und religiösen Überhöhung eines Herrschaftssystems macht, das totalitäre Züge trägt. So feiert der Brief des Proconsuls Paullus Fabius Maximus den Geburtstag des Kaisers mit folgenden Worten<1>:
«Ihn dürfen wir zu Recht mit dem Anfang aller Dinge gleichsetzen, wenn auch nicht von Natur aus, so doch dem Nutzen nach. Alles, was zerfiel und sich zum Unglück wandte, hat er wieder aufgerichtet. Er hat der ganzen Welt ein anderes Aussehen gegeben, die am liebsten dem Verderben anheim gefallen wäre, wenn nicht das gemeinsame Glück von allen geboren worden wäre, der Kaiser. Deshalb darf man zu Recht das Ereignis als Anfang von Leben und Dasein betrachten, das dem Bedauern darüber, dass man geboren wurde, ein Ende und eine Grenze setzte.»
Vor diesem Hintergrund gelesen, wird die kosmische Christologie des Hebräerbriefes (und anderer urchristlicher Hymnen und Bekenntnisse) zum «Kontrastprogramm»: In ihrem Innersten wird die Welt nicht von Kaisern und Legionen zusammengehalten, sondern von Jesus-Sophia und den Frauen und Männern, die unterwegs sind mit einem Glauben, der «feststeht in dem, was man erhofft, und überzeugt ist von Dingen, die man nicht sieht» (11,1). Die Zuversicht angesichts von Resignation und Zerfall richtet sich nicht auf die kaiserliche Inkarnation von militärischer Macht und imperialem Glanz, sondern auf die mitfühlende Solidarität von Jesus-Sophia.

Über den Text hinaus

Die «Gegenmacht» zum römischen Imperium, zu der sich der Prolog des Hebräerbriefes im Namen von Jesus-Sophia bekennt, ist im Verlauf der Kirchengeschichte leider vielfach Ausgangspunkt zur Rechtfertigung neuer imperialer Machtstrukturen geworden: In einer antijüdischen Theologie der «Überbietung» des Ersten Testaments, in einer exklusiven Christologie auf Kosten anderer Religionen, in einer machtförmigen Kirchenstruktur Ähnlich ergeht es dem Weihnachtsfest: Aus dem Gegenbild der Menschwerdung Gottes unter den Ärmsten ist ein Abbild unserer Gesellschaft geworden. Auf Missbrauch, Abnützung und Vereinnahmung von Bekenntnissen und Symbolen sind Resignation und lautloser Rückzug keine wegweisenden Antworten ­ notwendig ist die kreative und zugleich kritische Aktualisierung der Erinnerung an den Zauber des Anfangs.

 

Literaturhinweis: Der Brief an die Hebräer: Bibel und Kirche 4/1993, Bezugsadresse: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, 01-2059960, E-Mail bibelpastoral@bluewin.ch


Anmerkung

1 Zit. nach: Hans-Josef Klauck, Die religiöse Umwelt des Urchristentums II, Stuttgart 1996, 51.


Er-lesen I

Nach einem Hinweis auf die hymnische Struktur der Verse 1,1­4 wird der Text in Sinn-Zeilen geschrieben (oder abgegeben). Nach einer ersten Lektüre und einem Austausch zur Frage «Wie klingt dieser Text?» wird überlegt: Wie können wir seiner Eigenart beim Vortragen gerecht werden (zum Beispiel mit Abwechslung von Einzelstimme und gemeinsamem Lesen)?

Er-leuchten

Die Teilnehmenden werden über die Gemeindesituation und den gesellschaftlichen Hintergrund des Hebräerbriefes informiert. Was verändert sich, wenn wir den Text in diesem Kontext wahrnehmen? Wo liegen die Chancen, wo die Gefahren dieser Art von Reaktion auf resignative Tendenzen in der Gemeinde?

Er-leben

Wie der Hymnus aus dem Hebräerbrief, so entwerfen zum Beispiel auch Weihnachtslieder oft ein Stück «Gegenwelt» zu den realen Verhältnissen: «Stille Nacht» in einer lärmigen Welt; «O du fröhliche» in sorgenvollen Zeiten; die Nacht, die «us de arme Mänsche riichi macht» in einer Welt sich verschärfender Gegensätze Welches sind Lieder (oder auch Gebete, Legenden), die uns heute helfen, die subversive Bedeutung von Weihnachten auf vielleicht ur-alte und/oder wieder überraschend neue Art zur Sprache zu bringen?

Er-lesen II

Das hymnische Bekenntnis verlangt geradezu nach Vertonung oder musikalischer Untermalung. Die Teilnehmenden überlegen, wie eine solche musikalische Gestaltung sein müsste, damit sie dem Text und seinen heutigen Hörern und Hörerinnen gerecht wird. Aus den Schritten Erlesen I und II ergeben sich möglicherweise Ideen für die Gottesdienstgestaltung.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000