50/2000 | |
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Lesejahr C |
Im «Wettbewerb» der Bibeltexte um den ersten Rang in der Gestaltung von Gottesdienst und Predigt in der Christmette hat die Lesung aus dem Titusbrief höchstens Aussenseiterchancen. Vielleicht ist das auch gut so. Trotzdem lohnt sich eine kritische Auseinandersetzung.
Der Titusbrief gehört zu den Pastoralbriefen, verfasst um ca. 100
n. Chr. Der Autor dieser drei Briefe, die als einheitliches Korpus verfasst
sind, beruft sich auf die Autorität des Paulus, um auf eine Kirchensituation
zu reagieren, die er als bedrohlich einstuft.
Bekämpft werden Kreise, die davon ausgehen, dass «die Auferstehung
schon geschehen ist» (2 Tim 2,18), und deshalb fordern, das Leben
der bereits Erlösten müsse sich von der Existenz unter den Bedingungen
dieser Welt unterscheiden. Konkret genannt werden ein Heiratsverbot und
der Verzicht auf gewisse Speisen (Askese in den Bereichen Sexualität
und Nahrungsaufnahme). Diese Glaubensüberzeugungen werden als exklusive
Erkenntnis («Gnosis») beurteilt. Sie führt zu Emanzipationstendenzen
unter den Frauen und unter den Sklaven sowie zu einer Infragestellung der
politischen Herrschaftsordnung. Religionsgeschichtlich werden die in den
Pastoralbriefen bekämpften Kreise als Frühform der Gnosis beurteilt.
Die Antwort des Briefautors besteht in der Betonung der Menschwerdung und
der Lebenshingabe Jesu Christi, die verbunden ist mit dem Auftrag, «in
dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer
Hoffnung warten» (Tit 2,1213). Mit dieser Zuwendung zur Realität
ist das Bekenntnis zum allgemeinen Heilswillen Gottes verknüpft: Die
Gnade Gottes ist erschienen, «um alle Menschen zu retten» (2,11).
Tendenzen zur Weltflucht und zum Anspruch auf einen exklusiven Zugang zum
Heil wird also eine klare Absage erteilt. Diese ist verknüpft mit einer
starken Betonung der «gesunden Lehre», der Autorität der
kirchlichen Amtsträger sowie der Aufrechterhaltung der Unterordnungsverhältnisse
im Staat (gegenüber Herrschern und Machthabern) und in der Gesellschaft
(besonders an die Adresse der Frauen und Sklaven). Verkündigt wird
also ein konservatives Ethos römischer Führungsschichten, das
in der Terminologie hellenistischer Ethik als «besonnen, gerecht und
fromm» (2,12) bezeichnet wird. Häufig spricht man in diesem Zusammenhang
von einer «christlichen Bürgerlichkeit»: Die Gemeinde richtet
sich in dieser Welt ein, passt sich den herrschenden Verhältnissen
an und führt in relativem Wohlstand ein «ruhiges und ungestörtes
Leben in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit» (1 Tim 2,1f.).
In diesen Kontext ist auch die Lesung Tit 2,1114 eingebettet. Ihre
Aussagen über die «Gnade Gottes, die erschienen ist, um alle
Menschen zu retten» (2,11), begründen die vorausgehenden Weisungen,
zum Beispiel: Ältere Frauen sollen würdevoll, nicht verleumderisch
und nicht trunksüchtig sein; junge Frauen sollen ihre Männer und
Kinder lieben, besonnen sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren
Männern gehorsam; Sklavinnen und Sklaven sollen gehorchen, gefällig
sein, nicht widersprechen, nichts veruntreuen ... Und die abschliessende
Aufforderung, «das Gute zu tun» (2,14), wird verknüpft
mit der Weisung, «sich den Herrschern und Machthabern unterzuordnen»
(3,1).
Nicht nur die ethische Verkündigung, sondern auch die Art, wie von
Gottes Heilshandeln in Jesus Christus gesprochen wird, ist der hellenistischen
Religiosität angepasst. So greift das Stichwort «Erscheinen»
(griechisch: Epiphanie) einen Ausdruck auf, der das geschichtlich fassbare
Eingreifen des Gottes oder auch des vergöttlichten Kaisers zugunsten
seiner Verehrer, zum Beispiel als Ermöglichung eines militärischen
Sieges, bezeichnet. Es kommt also zu einer «Übersetzung»
der Christologie in die hellenistische Welt mit der Grundaussage, dass das
rettende Handeln Gottes in Jesus Christus «allen Menschen» gilt.
Die Verkündigung der Pastoralbriefe hat «gute und bedenkliche
Seiten» (R. Schnackenburg). Die Absage an weltflüchtige Tendenzen,
die Betonung des alle Menschen umfassenden Heilswillens Gottes, die Sorge
um den Zusammenhalt der Gemeinde sowie das Bemühen um eine Sprache,
die am religiösen Empfinden der Menschen anknüpft, haben auch
heute ihre Aktualität und ihre Berechtigung.
Sehr viel kritischer muss hingegen das Urteil über die Ethik ausfallen.
Wenn gegenüber dem römischen Herrschaftssystem, das totalitäre
und ausbeuterische Züge hat, Wohlverhalten und Unterwürfigkeit
gefordert wird, dann ist das «konfliktscheue Anbiederung» (L.
Oberlinner) und hat mit «gesundem Realismus» nichts mehr zu
tun. Und wenn innerhalb der Grossfamilien und der Gemeinde eine konservative
Ethik der Unterordnung gepredigt wird, bleiben die Ideale der Geschwisterlichkeit,
der Befreiung aus Abhängigkeiten und der Überwindung von Grenzen
auf der Strecke. Davon profitieren die sozial und wirtschaftlich gut gestellten
männlichen Gemeindeglieder besonders auf Kosten der Frauen und
der Sklavinnen und Sklaven. Auch die theologische Inkulturation verkommt
zur Anpassung an die Mentalität konservativer Führungsschichten.
Das «Erscheinen der Gnade Gottes in Jesus Christus» ist nicht
mehr «Kontrastprogramm» zum «Erscheinen» des römischen
Kaisers; der herrschaftskritische und widerständige Stachel der jesuanischen
und der paulinischen Befreiungsbotschaft scheint abgestumpft.
Mit dem Text, der vom Eingreifen Gottes zugunsten aller Menschen spricht,
muss zugleich gegen den Text argumentiert werden, wo er die Erhaltung ungerechter
und unfreier gesellschaftlicher und kirchlicher Strukturen rechtfertigt,
die keineswegs allen zugute kommen.
Gerade im Blick auf die Verkündigung der Menschwerdung Gottes im Kontext von Weihnachten konfrontiert uns die Lesung aus dem Titusbrief mit wichtigen und brisanten Fragen: Wie kann das Gleichgewicht zwischen der Berücksichtigung des religiösen Empfindens der eigenen Zeit und der Treue zur Sache Jesu gefunden werden? Wie kann vom allgemeinen Heilswillen Gottes gesprochen werden, ohne dass daraus ein blasses, unverbindliches Christentum resultiert? Wie gehen wir mit der Spannung zwischen Anpassung und Widerstand um? Wie verhindern wir die Vereinnahmung, Verharmlosung und Neutralisierung der Weihnachtsbotschaft in unserem gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld und durch die spezifische «Weihnachtsstimmung», in denen vom Erscheinen der «Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters» (Tit 3,4) die Rede ist?
Literatur: Pastoralbriefe, in: Bibel und Kirche 3/1991, Bezugsadresse: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, 01-2059960, E-Mail bibelpastoral@bluewin.ch
Der Text wird mitten auf einem Blatt mit viel weissem Rand als Kopie ausgeteilt. Die Teilnehmer/Teilnehmerinnen notieren Assoziationen zu einzelnen Ausdrücken: Was klingt an? Was für Reaktionen lösen einzelne Wörter aus? So entsteht rund um den Text eine Art Kommentar. Austausch in der Gruppe.
Der Text wird im Zusammenhang von Tit 2,13,8 gelesen. Wie klingt seine Botschaft in diesem Zusammenhang? Informationen zu Kontext und Anliegen der Pastoralbriefe (s.o.).
Gerade im Zusammenhang mit Weihnachten ist das Stichwort «bürgerliches» oder «verbürgerlichtes Christentum» naheliegend. Kleine und grosse, persönliche, kirchliche und politische Schritte, das «rettende Eingreifen Gottes» wirklich «für alle» erfahrbar zu machen, werden zusammengetragen.
Unsere Bilder von Weihnachten und die Verkündigung der Menschwerdung Gottes sind stark auf das Jesuskind, auf die Familie und auf den «Frieden bei den Menschen seiner Gnade» (Lk 2,14) ausgerichtet. Das hymnische Christusbekenntnis des Hebräerbriefes (und auch der als Evangelium vorgesehene Johannesprolog) setzt einen anderen Akzent. Es bekennt den menschgewordenen Gottessohn als präexistenten Schöpfungsmittler und endzeitlichen Erlöser: «Vom Anfang und vom Ende umgreift der Sohn das All als Weltenherrscher» (E. Grässer). Diese Vision vom kosmischen Christus kann ein Gegengewicht zu einem privatisierten Verständnis der christlichen Religion bilden.
Der so genannte Hebräerbrief ist eine Predigt aus einem hellenistisch-judenchristlichen
Milieu (in Alexandria?) und kein Brief im eigentlichen Sinne. Der Text ist
vermutlich um 100 n. Chr. verfasst, der Autor oder die Autorin ist unbekannt.
Angesprochen ist eine angefochtene, von Auszehrung, Glaubensmüdigkeit
und lautlosem Rückzug bedrohte Gemeinde. Die Krise hängt paradoxerweise
mit dem Nachlassen des äusseren Drucks zusammen: Der auferstandene
Christus wird nicht mehr als lebendige Wirklichkeit erfahren, es droht ein
unkritisches Sich-Anpassen und Sich-Abfinden mit den herrschenden Verhältnissen.
Angesichts dieser Situation fordert die Mahnrede Ausdauer und Zuversicht.
Die Christinnen und Christen sollen «den Zusammenkünften nicht
fernbleiben, wie es einigen zur Gewohnheit geworden ist» (10,25).
Jenen, die vom Glauben abfallen, wird ganz massiv mit dem Endgericht gedroht.
Vor allem aber erinnert die Predigt «an die früheren Tage»
und ermutigt die Gemeinde: «Werft also eure Zuversicht nicht weg»
(10,35).
Verankert wird diese Zuversicht in der Verheissungstreue Gottes und in der
Gewissheit, dass Gott «in dieser Endzeit» durch Jesus sein schöpferisches,
machtvolles und rettendes Wort «zu uns» gesprochen hat. Dieser
Erinnerung dient die kunstvolle, aus einer einzigen (!), sorgfältig
gestalteten Satzperiode bestehende Einleitung (1,14). Sie nimmt ein
hymnisches Bekenntnis aus der Liturgie der Gemeinde auf, das in der Tradition
der hellenistisch-jüdischen Weisheitstheologie steht. Die Eigenschaften
der weiblichen Gestalt der göttlichen Sophia werden darin auf den Logos
bzw. Sohn Gottes übertragen, der als einzige und einzigartige Verkörperung
von Gottes Weisheit besungen wird. Die Identifikation von Jesus mit Sophia,
der präexistenten Schöpfungsmittlerin, ruft der «schwerhörig»
gewordenen Gemeinde (5,11) in Erinnerung: Gottes rettendes Handeln umfasst
alle Dimensionen der Wirklichkeit: Schöpfung, Offenbarung und Erlösung;
Zeit und Ewigkeit; Himmel, Erde und alle Mächte, die den Gang der Dinge
bestimmen. Das endzeitliche (1,2), machtvolle und reinigende (1,3) Wort
Gottes knüpft zwar an die bereits «viele Male in vielerlei Weise»
ergangenen Worte an (1,1), überbietet diese aber ebenso wie die Macht
der Engel (1,56).
In der intensiven Betonung von Jesu Menschlichkeit und Schwäche, seines
Mitfühlens und seiner Solidarität in der Angst, im Gehorsam und
im Leiden (bes. 4,145,10) wird zugleich deutlich: Das «machtvolle
Wort» der göttlichen Weisheit, das «das All trägt»
(1,3) und die Welt im innersten zusammenhält, ist kein «Machtwort»
im herkömmlichen Sinn. Vielmehr bekennt der Hebräerbrief die Macht
ohnmächtiger Liebe und der Solidarität im Leiden. Dementsprechend
wird auch der von lähmender Resignation bedrohten Gemeinde nicht die
triumphierende Kirche, sondern das pilgernde Gottesvolk vor Augen gestellt.
Dieses Bekenntnis zur Macht ohnmächtiger Liebe, die nicht nur die glaubende
Gemeinde, sondern den gesamten Kosmos bestimmt und durchdringt, schafft
ein Stück Gegenwelt in einer Gesellschaft, die den Kaiserkult zur institutionellen
Metapher und religiösen Überhöhung eines Herrschaftssystems
macht, das totalitäre Züge trägt. So feiert der Brief des
Proconsuls Paullus Fabius Maximus den Geburtstag des Kaisers mit folgenden
Worten<1>:
«Ihn dürfen wir zu Recht mit dem Anfang aller Dinge gleichsetzen,
wenn auch nicht von Natur aus, so doch dem Nutzen nach. Alles, was zerfiel
und sich zum Unglück wandte, hat er wieder aufgerichtet. Er hat der
ganzen Welt ein anderes Aussehen gegeben, die am liebsten dem Verderben
anheim gefallen wäre, wenn nicht das gemeinsame Glück von allen
geboren worden wäre, der Kaiser. Deshalb darf man zu Recht das Ereignis
als Anfang von Leben und Dasein betrachten, das dem Bedauern darüber,
dass man geboren wurde, ein Ende und eine Grenze setzte.»
Vor diesem Hintergrund gelesen, wird die kosmische Christologie des Hebräerbriefes
(und anderer urchristlicher Hymnen und Bekenntnisse) zum «Kontrastprogramm»:
In ihrem Innersten wird die Welt nicht von Kaisern und Legionen zusammengehalten,
sondern von Jesus-Sophia und den Frauen und Männern, die unterwegs
sind mit einem Glauben, der «feststeht in dem, was man erhofft, und
überzeugt ist von Dingen, die man nicht sieht» (11,1). Die Zuversicht
angesichts von Resignation und Zerfall richtet sich nicht auf die kaiserliche
Inkarnation von militärischer Macht und imperialem Glanz, sondern auf
die mitfühlende Solidarität von Jesus-Sophia.
Die «Gegenmacht» zum römischen Imperium, zu der sich der Prolog des Hebräerbriefes im Namen von Jesus-Sophia bekennt, ist im Verlauf der Kirchengeschichte leider vielfach Ausgangspunkt zur Rechtfertigung neuer imperialer Machtstrukturen geworden: In einer antijüdischen Theologie der «Überbietung» des Ersten Testaments, in einer exklusiven Christologie auf Kosten anderer Religionen, in einer machtförmigen Kirchenstruktur Ähnlich ergeht es dem Weihnachtsfest: Aus dem Gegenbild der Menschwerdung Gottes unter den Ärmsten ist ein Abbild unserer Gesellschaft geworden. Auf Missbrauch, Abnützung und Vereinnahmung von Bekenntnissen und Symbolen sind Resignation und lautloser Rückzug keine wegweisenden Antworten notwendig ist die kreative und zugleich kritische Aktualisierung der Erinnerung an den Zauber des Anfangs.
Literaturhinweis: Der Brief an die Hebräer: Bibel und Kirche 4/1993, Bezugsadresse: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, 01-2059960, E-Mail bibelpastoral@bluewin.ch
1 Zit. nach: Hans-Josef Klauck, Die religiöse Umwelt des Urchristentums II, Stuttgart 1996, 51.
Nach einem Hinweis auf die hymnische Struktur der Verse 1,14 wird der Text in Sinn-Zeilen geschrieben (oder abgegeben). Nach einer ersten Lektüre und einem Austausch zur Frage «Wie klingt dieser Text?» wird überlegt: Wie können wir seiner Eigenart beim Vortragen gerecht werden (zum Beispiel mit Abwechslung von Einzelstimme und gemeinsamem Lesen)?
Die Teilnehmenden werden über die Gemeindesituation und den gesellschaftlichen Hintergrund des Hebräerbriefes informiert. Was verändert sich, wenn wir den Text in diesem Kontext wahrnehmen? Wo liegen die Chancen, wo die Gefahren dieser Art von Reaktion auf resignative Tendenzen in der Gemeinde?
Wie der Hymnus aus dem Hebräerbrief, so entwerfen zum Beispiel auch Weihnachtslieder oft ein Stück «Gegenwelt» zu den realen Verhältnissen: «Stille Nacht» in einer lärmigen Welt; «O du fröhliche» in sorgenvollen Zeiten; die Nacht, die «us de arme Mänsche riichi macht» in einer Welt sich verschärfender Gegensätze Welches sind Lieder (oder auch Gebete, Legenden), die uns heute helfen, die subversive Bedeutung von Weihnachten auf vielleicht ur-alte und/oder wieder überraschend neue Art zur Sprache zu bringen?
Das hymnische Bekenntnis verlangt geradezu nach Vertonung oder musikalischer Untermalung. Die Teilnehmenden überlegen, wie eine solche musikalische Gestaltung sein müsste, damit sie dem Text und seinen heutigen Hörern und Hörerinnen gerecht wird. Aus den Schritten Erlesen I und II ergeben sich möglicherweise Ideen für die Gottesdienstgestaltung.