48/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
«Kommunikation» ist das Stichwort unserer Zeit. Sie gilt
oft als Allheilmittel gegen jede Art von Krise in Familie, Geschäft,
Schule und Kirche. Und in Form von E-Mail, SMS und Handy ist sie fast allgegenwärtig
und beherrscht unseren Alltag. Auf Weihnachten hin nimmt die Flut von Briefen,
Karten, elektronischen Grüssen und Zeichen der Verbundenheit nochmals
zu. Doch längst nicht alles, was vorgibt, «Kommunikation»
zu sein, verdient diese Bezeichnung. Wo weder die Absender/Absenderinnen,
noch die Empfänger/Empfängerinnen, noch der Inhalt wirklich greifbar
und spürbar werden, verkommt das Wort zur Floskel, der menschliche
Austausch zum blossen Datenfluss. Martin Bubers geflügeltes Wort: «Alles
wirkliche Leben ist Begegnung», muss heute präzisiert werden:
Nur wirkliche Begegnung dient dem Leben Scheinkommunikation aber täuscht
Leben nur vor.
Der Lesungstext aus der Einleitung des Briefes von Paulus an die Christinnen
und Christen in Philippi wirkt auf den ersten Blick nicht sehr lebendig,
was auch mit der Art der Übersetzung zu tun hat (siehe unten). Geht
man den Formulierungen aber auf den Grund, wird die enge emotionale Beziehung
des gefangenen Apostels zu seiner Gemeinde spürbar. Der briefliche
Dialog mit der Gemeinde und der Dialog mit Gott im Gebet gehen ineinander
über.
1Thess 46.811 ist ein Ausschnitt aus dem Gebet des Apostels
für die Gemeinde, das unmittelbar an den Eingangsgruss anschliesst.
Elemente der Zuwendung zu Gott, der Anrede an die Gemeinde in Philippi,
des Selbstgesprächs, der Fürbitte und des Zuspruchs sind eng miteinander
verwoben.
Hält man sich vor Augen, dass der Autor des Briefes wegen seiner Tätigkeit
als Verkündiger des Evangeliums im Gefängnis sitzt, wird manches
verständlicher und klarer: Paulus kann für seine Gemeinde nichts
anderes tun, als an sie zu denken und für sie zu beten. Gerade in dieser
Situation der Trennung und der eigenen Ohnmacht vergewissert er sich und
die Empfänger/Empfängerinnen des Briefes der guten und tragfähigen
Beziehung. Und er ist dankbar, dass die Christinnen und Christen in Philippi
sich «vom ersten Tag an bis jetzt» für das Evangelium einsetzen.
Was während seines Aufenthaltes in Philippi in Gang gekommen ist, geht
weiter, auch wenn er selbst dazu kaum etwas beitragen kann.
Mit dem «guten Werk», das Gott begonnen hat, sind nicht «gute
Taten» im moralischen Sinn gemeint, sondern ein «Bauwerk».
Paulus sieht die Gemeinde als «Bau Gottes» und die werdende
Kirche als «Bauplatz». Er ist zuversichtlich, dass Gott in seiner
Kreativität den Aufbau, der bereits voll im Gang ist, zu einem guten
Abschluss bringen wird. Gerne würde er sich daran beteiligen
aber seine Abwesenheit stellt die Vollendung nicht infrage. Dies zeigt sein
Vertrauen in die Fähigkeit und Einsatzbereitschaft der Gemeindeglieder.
Zugleich gibt Paulus so zu verstehen, dass er sich nicht für unentbehrlich
hält. Allerdings: für ganz und gar entbehrlich hält er sich
auch nicht, andernfalls enthielte sein Brief kaum so viele Anweisungen und
Ermahnungen. Diese Ambivalenz von Loslassen und doch Festhalten-Wollen ist
für Paulus typisch.
Damit der Gemeindeaufbau gelingt, der in der Liebe des Apostels und in der
Liebe Christi (1,8) und in der Liebe der Christinnen und Christen in Philippi
(1,9) sein eigentliches Fundament hat, benötigen diese «Einsicht»,
«Verständnis» und Unterscheidungsvermögen, «worauf
es ankommt». Paulus verwendet hier Ausdrücke aus der hellenistischen
Moralphilosophie, um deutlich zu machen, dass die Liebe sich mit Lebensklugheit
verbinden muss, um Frucht zu bringen. Dabei geht die Hoffnung auf Vollendung
«am Tag Jesu Christi» weit über eine gut aufgebaute Gemeinde
hinaus. Ziel ist die «Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus
gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes», das heisst eine alles umfassende
gerechte Lebensordnung im Geist Jesu.
Die Darbietung der Lesung im Lektionar erschwert das rechte Verständnis
des ausdrucksstarken Textes leider erheblich: Durch die Streichung von Vers
3 wird nicht nur der Satz halbiert, sondern es wird auch unsichtbar, dass
wir es mit einem Gebet zu tun haben. Die im Lektionar eingefügte Anrede
«Brüder!» schafft zusätzliche Verständnishürden:
Einmal, weil Paulus, wenn er von adelphoi spricht, alle Gemeindeglieder
meint, weshalb gemäss heutigem Sprachempfinden «Schwestern und
Brüdern» anzusprechen wären, vor allem aber, weil im Bibeltext
Gebet zu Gott und Anrede der Gemeinde ineinander fliessen. Ein weiteres
Problem ist die Auslassung von Vers 7, wo Paulus auf seine Gefangenschaft
zu sprechen kommt. Schliesslich ist die Übersetzung blass: Wo von der
«herzlichen Liebe, die Christus zu euch hat» die Rede ist (1,8),
spricht der Urtext davon, dass Paulus sich «mit den Eingeweiden Jesu
Christi» nach der Gemeinde sehnt. Die «Eingeweide» gelten
als der Sitz der Gefühle, als Quelle von Mitleid und Erbarmen. Noch
lebendiger als das «Herz» (1,7) veranschaulicht es die Tiefe
der Gefühle in der Ausdruckskraft durchaus vergleichbar mit der
deutschen Redewendung von der «Wut im Bauch». Aus dem situationsbezogenen
Gebet eines Gefangenen für seine Gemeinde, das seine Verbundenheit
mit ihr ebenso zeigt wie seine Emotionalität und seine Vision von Kirche
und Welt, wird so ein eher allgemeiner und etwas unverbindlich wirkender
Lesungstext. Diesen Eindruck zu korrigieren, kann ein zentrales Anliegen
der Verkündigung sein.
Die Oberflächlichkeit der Floskeln und Worthülsen zu durchbrechen und in der Kommunikation mit anderen (aber auch im Gebet und beim Lesen biblischer Texte) in die Tiefe der «Eingeweide» zu gelangen, ist ein Vorgang, den auch die modernste Kommunikationstechnologie und das beste Gesprächstraining uns nicht abnehmen. In Phil 1,311 schafft Paulus die Voraussetzungen für ein Gespräch, dem dies gelingt: Er anerkennt die tragfähige Beziehung zu den Angesprochenen und stärkt sie damit. Er bringt seine eigene, schwierige und ohnmächtige Situation vor Gott, vor der Gemeinde in Philippi und vor sich selbst zur Sprache. Er formuliert seine Gefühle, seine Visionen und seine Wünsche auf eindringliche Art. Damit bezeugt er um ein Wort von Hilde Domin aufzunehmen den dreifachen Mut, er selbst zu sein, nichts umzulügen und an die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben.
Viele Menschen bekommen oder erwarten gerade in der Vorweihnachtszeit Karten, Briefe, Mails, Anrufe... (evtl. durch eine Sammlung von Karten usw. anschaulich machen). Wir erinnern uns an Dinge, die uns besonders gut getan haben, die uns berührt haben, für die wir dankbar sind, und erzählen einander davon.
Der Text wird in der Situation verankert und in den Zusammenhang eingebettet:
Ein Gefangener schreibt an seine Freundinnen und Freunde in Philippi. Im
Einleitungsteil seines Briefes sind Gebet, Briefanrede und Selbstgespräch
ineinander verwoben.
In einem zweiten Schritt werden die einzelnen Formulierungen näher
angeschaut: Was kommt genau zum Ausdruck?
Schliesslich wird der Text in kleinen Gruppen (23 Personen) in die
eigene Sprache (Dialekt!) übertragen. Dabei sollen nur Ausdrücke
verwendet werden, die wir auch in der Alltagssprache wirklich benutzen.
Die Übertragungen werden vorgestellt und besprochen: Wo bin ich dem
Text, dem Verfasser, den Adressatinnen und Adressaten oder der Situation
näher gekommen?
In meinem eigenen Beziehungsnetz, im Umfeld der Gemeinde oder in der Welt gibt es Frauen und Männer, für die ein echter Ausdruck der Verbundenheit oder der Solidarität in dieser Zeit vor Weihnachten wichtig ist: eine Karte, ein Anruf, ein Unterstützungsbrief für politisch Gefangene oder aus weltanschaulichen Gründen Verfolgte, ein Besuch... Austausch von Ideen und konkreten Vorschlägen.