48/2000

INHALT

Lesejahr C

Ermutigung zu lebendiger Kommunikation

Daniel Kosch zu Phil 1,4-6,8-11

 

Auf den Text zu

«Kommunikation» ist das Stichwort unserer Zeit. Sie gilt oft als Allheilmittel gegen jede Art von Krise in Familie, Geschäft, Schule und Kirche. Und in Form von E-Mail, SMS und Handy ist sie fast allgegenwärtig und beherrscht unseren Alltag. Auf Weihnachten hin nimmt die Flut von Briefen, Karten, elektronischen Grüssen und Zeichen der Verbundenheit nochmals zu. Doch längst nicht alles, was vorgibt, «Kommunikation» zu sein, verdient diese Bezeichnung. Wo weder die Absender/Absenderinnen, noch die Empfänger/Empfängerinnen, noch der Inhalt wirklich greifbar und spürbar werden, verkommt das Wort zur Floskel, der menschliche Austausch zum blossen Datenfluss. Martin Bubers geflügeltes Wort: «Alles wirkliche Leben ist Begegnung», muss heute präzisiert werden: Nur wirkliche Begegnung dient dem Leben ­ Scheinkommunikation aber täuscht Leben nur vor.
Der Lesungstext aus der Einleitung des Briefes von Paulus an die Christinnen und Christen in Philippi wirkt auf den ersten Blick nicht sehr lebendig, was auch mit der Art der Übersetzung zu tun hat (siehe unten). Geht man den Formulierungen aber auf den Grund, wird die enge emotionale Beziehung des gefangenen Apostels zu seiner Gemeinde spürbar. Der briefliche Dialog mit der Gemeinde und der Dialog mit Gott im Gebet gehen ineinander über.

Mit dem Text unterwegs

1Thess 4­6.8­11 ist ein Ausschnitt aus dem Gebet des Apostels für die Gemeinde, das unmittelbar an den Eingangsgruss anschliesst. Elemente der Zuwendung zu Gott, der Anrede an die Gemeinde in Philippi, des Selbstgesprächs, der Fürbitte und des Zuspruchs sind eng miteinander verwoben.
Hält man sich vor Augen, dass der Autor des Briefes wegen seiner Tätigkeit als Verkündiger des Evangeliums im Gefängnis sitzt, wird manches verständlicher und klarer: Paulus kann für seine Gemeinde nichts anderes tun, als an sie zu denken und für sie zu beten. Gerade in dieser Situation der Trennung und der eigenen Ohnmacht vergewissert er sich und die Empfänger/Empfängerinnen des Briefes der guten und tragfähigen Beziehung. Und er ist dankbar, dass die Christinnen und Christen in Philippi sich «vom ersten Tag an bis jetzt» für das Evangelium einsetzen. Was während seines Aufenthaltes in Philippi in Gang gekommen ist, geht weiter, auch wenn er selbst dazu kaum etwas beitragen kann.
Mit dem «guten Werk», das Gott begonnen hat, sind nicht «gute Taten» im moralischen Sinn gemeint, sondern ein «Bauwerk». Paulus sieht die Gemeinde als «Bau Gottes» und die werdende Kirche als «Bauplatz». Er ist zuversichtlich, dass Gott in seiner Kreativität den Aufbau, der bereits voll im Gang ist, zu einem guten Abschluss bringen wird. Gerne würde er sich daran beteiligen ­ aber seine Abwesenheit stellt die Vollendung nicht infrage. Dies zeigt sein Vertrauen in die Fähigkeit und Einsatzbereitschaft der Gemeindeglieder. Zugleich gibt Paulus so zu verstehen, dass er sich nicht für unentbehrlich hält. Allerdings: für ganz und gar entbehrlich hält er sich auch nicht, andernfalls enthielte sein Brief kaum so viele Anweisungen und Ermahnungen. Diese Ambivalenz von Loslassen und doch Festhalten-Wollen ist für Paulus typisch.
Damit der Gemeindeaufbau gelingt, der in der Liebe des Apostels und in der Liebe Christi (1,8) und in der Liebe der Christinnen und Christen in Philippi (1,9) sein eigentliches Fundament hat, benötigen diese «Einsicht», «Verständnis» und Unterscheidungsvermögen, «worauf es ankommt». Paulus verwendet hier Ausdrücke aus der hellenistischen Moralphilosophie, um deutlich zu machen, dass die Liebe sich mit Lebensklugheit verbinden muss, um Frucht zu bringen. Dabei geht die Hoffnung auf Vollendung «am Tag Jesu Christi» weit über eine gut aufgebaute Gemeinde hinaus. Ziel ist die «Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes», das heisst eine alles umfassende gerechte Lebensordnung im Geist Jesu.
Die Darbietung der Lesung im Lektionar erschwert das rechte Verständnis des ausdrucksstarken Textes leider erheblich: Durch die Streichung von Vers 3 wird nicht nur der Satz halbiert, sondern es wird auch unsichtbar, dass wir es mit einem Gebet zu tun haben. Die im Lektionar eingefügte Anrede «Brüder!» schafft zusätzliche Verständnishürden: Einmal, weil Paulus, wenn er von adelphoi spricht, alle Gemeindeglieder meint, weshalb gemäss heutigem Sprachempfinden «Schwestern und Brüdern» anzusprechen wären, vor allem aber, weil im Bibeltext Gebet zu Gott und Anrede der Gemeinde ineinander fliessen. Ein weiteres Problem ist die Auslassung von Vers 7, wo Paulus auf seine Gefangenschaft zu sprechen kommt. Schliesslich ist die Übersetzung blass: Wo von der «herzlichen Liebe, die Christus zu euch hat» die Rede ist (1,8), spricht der Urtext davon, dass Paulus sich «mit den Eingeweiden Jesu Christi» nach der Gemeinde sehnt. Die «Eingeweide» gelten als der Sitz der Gefühle, als Quelle von Mitleid und Erbarmen. Noch lebendiger als das «Herz» (1,7) veranschaulicht es die Tiefe der Gefühle ­ in der Ausdruckskraft durchaus vergleichbar mit der deutschen Redewendung von der «Wut im Bauch». Aus dem situationsbezogenen Gebet eines Gefangenen für seine Gemeinde, das seine Verbundenheit mit ihr ebenso zeigt wie seine Emotionalität und seine Vision von Kirche und Welt, wird so ein eher allgemeiner und etwas unverbindlich wirkender Lesungstext. Diesen Eindruck zu korrigieren, kann ein zentrales Anliegen der Verkündigung sein.

Über den Text hinaus

Die Oberflächlichkeit der Floskeln und Worthülsen zu durchbrechen und in der Kommunikation mit anderen (aber auch im Gebet und beim Lesen biblischer Texte) in die Tiefe der «Eingeweide» zu gelangen, ist ein Vorgang, den auch die modernste Kommunikationstechnologie und das beste Gesprächstraining uns nicht abnehmen. In Phil 1,3­11 schafft Paulus die Voraussetzungen für ein Gespräch, dem dies gelingt: Er anerkennt die tragfähige Beziehung zu den Angesprochenen und stärkt sie damit. Er bringt seine eigene, schwierige und ohnmächtige Situation vor Gott, vor der Gemeinde in Philippi und vor sich selbst zur Sprache. Er formuliert seine Gefühle, seine Visionen und seine Wünsche auf eindringliche Art. Damit bezeugt er ­ um ein Wort von Hilde Domin aufzunehmen ­ den dreifachen Mut, er selbst zu sein, nichts umzulügen und an die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben.


Er-leben I

Viele Menschen bekommen oder erwarten gerade in der Vorweihnachtszeit Karten, Briefe, Mails, Anrufe... (evtl. durch eine Sammlung von Karten usw. anschaulich machen). Wir erinnern uns an Dinge, die uns besonders gut getan haben, die uns berührt haben, für die wir dankbar sind, und erzählen einander davon.

Er-lesen

Der Text wird in der Situation verankert und in den Zusammenhang eingebettet: Ein Gefangener schreibt an seine Freundinnen und Freunde in Philippi. Im Einleitungsteil seines Briefes sind Gebet, Briefanrede und Selbstgespräch ineinander verwoben.
In einem zweiten Schritt werden die einzelnen Formulierungen näher angeschaut: Was kommt genau zum Ausdruck?
Schliesslich wird der Text in kleinen Gruppen (2­3 Personen) in die eigene Sprache (Dialekt!) übertragen. Dabei sollen nur Ausdrücke verwendet werden, die wir auch in der Alltagssprache wirklich benutzen. Die Übertragungen werden vorgestellt und besprochen: Wo bin ich dem Text, dem Verfasser, den Adressatinnen und Adressaten oder der Situation näher gekommen?

Er-leben II

In meinem eigenen Beziehungsnetz, im Umfeld der Gemeinde oder in der Welt gibt es Frauen und Männer, für die ein echter Ausdruck der Verbundenheit oder der Solidarität in dieser Zeit vor Weihnachten wichtig ist: eine Karte, ein Anruf, ein Unterstützungsbrief für politisch Gefangene oder aus weltanschaulichen Gründen Verfolgte, ein Besuch... Austausch von Ideen und konkreten Vorschlägen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000