47/2000 | |
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Lesejahr C |
«Advent» ist für viele gleichbedeutend mit «Vorweihnachtszeit» und hat damit Anteil an den schönen wie auch an den schwierigen Seiten des Festes. Die Lesung aus dem 1. Thessalonicherbrief aber blickt nicht zurück auf die Geburt Jesu, sondern voraus auf sein Kommen am Ende der Zeit («Parusie»). Dieser Ausblick soll die Gemeinde weder ängstigen (Stichwort: Weltuntergang und Endgericht) noch vertrösten (Stichwort: besseres Jenseits), sondern stärken und ermutigen. Adventlich leben heisst weder in einer verklärten Vergangenheit schwelgen noch in die Zukunft starren.
1 Thess 3,124,2 steht in der Mitte des Briefes. Im ersten Teil blickt
Paulus zurück auf die Erfahrungen der Gemeinde. In einer Situation
der Bedrängnis, das heisst der Feindseligkeit von Mitbewohnern und
der Diskriminierung, vermisst die kleine christliche Gemeinschaft den Gemeindegründer
und ist verunsichert. Da einige der Getauften gestorben sind, kommt die
Frage auf, ob auch die Toten am nahe erwarteten Tag des Herrn teilnehmen
werden.
Mit seinem Brief und der Entsendung seines Mitarbeiters Timotheus will Paulus
die äussere Distanz überwinden und eine Kommunikation herstellen,
die es ihm erlaubt, die Gemeinde zu trösten und zu stärken. Sein
Gebetswunsch (3,1213) hat zugleich Gott als den Urgrund und Geber des
Lebens und der Liebe und die Gemeindemitglieder im Blick. Deren Herzen sollen
«gefestigt» und «untadelig» werden, damit sie auch
künftig im Sinne Jesu dem Willen Gottes entsprechend leben. Diese Stärkung
des «Herzens», das heisst der ganzen Persönlichkeit samt
ihrer Entscheidungen, ihrer Willenskraft, ihres Verstandes und ihrer Gefühle
ereignet sich in der «Liebe zueinander und zu allen». Die äussere
Bedrohung der Gemeinde soll nicht dazu führen, dass der innere Zusammenhalt
sich auflöst. Hält man sich die von ihrem sozialen Stand, ihrer
religiösen Prägung und ihrer Lebenssituation her stark durchmischte
Gemeinde in Thessalonich vor Augen, wird das Gebet des Apostels verständlicher:
Gott möge die Gemeinschaft stärken und verhindern, dass die Solidaritäten
aufgekündigt werden. Darüber hinaus soll sich die «Festigkeit»,
die Widerstandskraft der Herzen darin zeigen, dass auch die Liebe «zu
allen wächst und reich wird». Die Stärkung der eigenen Identität
soll auch in der Anfechtung nicht durch Abgrenzung nach aussen erfolgen,
sondern sich in Offenheit für die Welt bewähren. Paulus hofft,
dass die Christinnen und Christen in ihrer schwierigen Situation weder in
die alten Muster des Egoismus zurückfallen noch sich auf den kleinen
Kreis zurückziehen.
Paulus verweist in diesem Zusammenhang auf sein eigenes Beispiel und darauf,
was die Schwestern und Brüder von ihm gelernt haben. Das mag uns heute
etwas selbstgefällig vorkommen, bewahrt das Allerweltswort «Liebe»
aber vor Harmlosigkeit. Streitlust und harte Worte gehörten ebenso
zu seinem Repertoire wie tiefe Dankbarkeit und treue Verbundenheit, selbst
mit jenen Gemeinden, in denen manche ihm das Leben schwer machten. Und die
«Liebe zu allen» bestand nicht in freundlicher Toleranz, sondern
im rastlosen und aufreibenden Einsatz für die Botschaft von der Weltliebe
Gottes, wie sie in Jesus erfahrbar geworden ist.
Die konkreten Weisungen, die dem Gebetswunsch nach überreicher Liebe
folgen (4,112), sind alles andere als spektakulär. «Gottgefälliges»
Leben erweist sich in achtungsvollen Beziehungen zwischen Mann und Frau,
im Verzicht auf Betrug und Übervorteilung im Handel, in der Solidarität
mit anderen (Not leidenden?) christlichen Gemeinden sowie in einem ruhigen
Leben von Menschen, die sich um ihre Aufgaben kümmern und von ihrer
eigenen Hände Arbeit leben.
Die Gewissheit, dass «Jesus, unser Herr, mit all seinen Heiligen (gemeint
sind wahrscheinlich Engel) kommt» (3,12), führt nicht zu überhitzten
Endzeiterwartungen, sondern gibt jene Zuversicht, die nötig ist, um
auch in schwierigen Zeiten der Bedrängnis und der Trauer den eingeschlagenen
Weg fortzusetzen.
In den Verknüpfungen von Gott und Welt, Gemeinde und Gesellschaft, Zuspruch und Anspruch, Gebet und Forderung, Treue zu Jesus Christus und bewährten Weisungen zu einem anständigen Leben zeigt sich ein «gläubiger Realismus», der in seiner Unaufgeregtheit schon fast ärgerlich ist. Paulus verweist die Gemeinde in ihrer Angst und Unsicherheit auf ihre bisherigen Erfahrungen und Überzeugungen und bestärkt sie, ihren Weg ohne Wankelmut mit «gefestigtem Herzen» fortzusetzen, denn auf diesem Weg kommt ihnen Jesus, der Herr, entgegen. So gesehen ist nicht nur die Vorweihnachtszeit, sondern unser ganzes Leben «Advent».
Literaturhinweis: Jutta Bickmann, Der erste Brief an die Gemeinde in Thessalonich. Gemeinschaft bilden im Widerstand gegen den Tod, in: Luise Schottroff/Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21998, 646653.
Jemand liest den Text laut vor in einer Stille klingt er nach die Anwesenden lesen ihn in der Bibel nach er wird ein zweites Mal vorgelesen die Anwesenden wiederholen einzelne Wörter, Formulierungen oder Sätze, die ihnen besonders auffallen der ganze Text wird nochmals gelesen.
Der älteste Brief des Paulus und die früheste Schrift des NT,
verfasst um 50/51 n. Chr. Paulus hat die Gemeinde in der bedeutenden Stadt
in Nordgriechenland selbst gegründet, wo sich dank der guten Lage an
der Kreuzung von verschiedenen Handelswegen Menschen unterschiedlicher Herkünfte,
Religionen und Kulte zusammenfanden. Die Gemeinde ist verschiedenen Schikanen,
Verleumdungen und Tendenzen zur Ausgrenzung ausgesetzt und dadurch verunsichert.
Hinzu kommt, dass einige Gemeindemitglieder gestorben sind. In diesem Zusammenhang
entsteht die Sorge, ob auch sie an der Auferstehung der Toten am Tag des
Kommens Jesu in Herrlichkeit Anteil haben werden.
Mit seinem Brief knüpft Paulus an die guten Erfahrungen während
des Gründungsaufenthaltes an, bringt seine eigenen Leiden als Missionar
mit der Bedrängnis der Gemeinde in Zusammenhang und solidarisiert sich
so mit ihr. Auf der Grundlage dieses Rückblicks auf den Weg Gottes
mit der Gemeinde und ihrem Apostel (1,23,13) kann er die verunsicherten
Schwestern und Brüder glaubwürdig trösten, bestärken
und ihre Fragen beantworten (4,15,28). An der Nahtstelle zwischen diesen
beiden Hauptteilen steht die Lesung 1 Thess 3,124,2.
1 Thess 3,64,12 lesen im Gespräch klären, inwiefern dieser Zusammenhang den Sinn der Formulierungen in 3,124,2 verdeutlicht einzelnen wichtigen Formulierungen im Lesungstext genauer nachgehen (s.o.).
Der Gebetswunsch des Paulus kann zu eigenen, konkreteren und gegenwartsbezogenen Adventswünschen inspirieren. Die Anwesenden erhalten Zeit, in Anknüpfung an die Bitte des Paulus selbst eine Bitte zu formulieren. Diese werden abwechselnd mit der Bitte «Gott, festige unsere Herzen in der Liebe» zum Abschluss (oder auch in den Fürbitten im Gottesdienst) vorgetragen.