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Lesejahr B |
Die Weigerung der Juden, andere Götter ausser JHWH oder gar irdische
Herrscher als Gott zu verehren, machte sie in den Augen vieler Nichtjuden
zu nicht integrierungswilligen Aussenseitern oder gar zu verfolgungswürdigen
Menschenfeinden (3,13e). So musste das jüdische Volk bitter erfahren,
dass nicht nur ihr Land immer wieder zur Beute machthungriger Grossreiche
wurde, sondern sie selber aufgrund ihres Glaubens unerwünschte Fremdlinge
ausserhalb ihres Landes waren (vgl. Kasten). Das Buch Ester ist die älteste
Schrift, die Letzteres zum Thema macht. Sie entstand in hellenistischer
Zeit, wohl unter dem Eindruck seleukidischer Massnahmen gegen Jerusalem
und das jüdische Volk, im östlichen Teil des Seleukidenreiches.
Daher der Kunstgriff der Rückversetzung der Geschichte an den persischen
Hof. Details des Hofzeremoniells verraten jedoch, dass die Autoren/Autorinnen
bereits den parthischen Hof vor Augen hatten.
Ester verkörpert die in Menschengestalt klug und listig agierende Weisheit,
die Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Wie Josef in Ägypten
schafft sie den Aufstieg in die einflussreichste Position, die eine Frau
im Perserreich erreichen konnte. Als Jüdin lebt sie in rassistischer
Unterdrückung, als Frau in patriarchaler. Trotzdem gelingt ihr das
scheinbar Unmögliche: die Übertragung der Königswürde
gleichsam auf das ganze jüdische Volk. Der Glanz Esters wird durch
zwei weitere weibliche Figuren kontrastiert: Waschti, ihre Vorgängerin,
setzt sich gegenüber der patriarchalen Ausbeutung ihrer Person zur
Wehr, muss ihre offene Rebellion aber mit der Verstossung aus dem königlichen
Harem büssen (1,1022). Seresch, die Frau Hamans, erweist sich
als schlechte Ratgeberin, als Frau Torheit (vgl. SKZ 19/2000). Sie rät
ihrem Gatten nicht nur zum Judenpogrom, sondern veranlasst dadurch indirekt
die Hinrichtung Hamans (5,14; 7,10). Mordechai ist der idealtypische Diasporajude:
Tadellos in seiner Gottesfurcht, demütig und dadurch erfolgreich gegenüber
den Herrschern in der Fremde. Ihm stehen zwei Figuren gegenüber: der
gottesfürchtige Heide, personifiziert im König, und der gottlose
Heide, personifiziert in Haman, der als Agagiter und damit als Abkömmling
des antijüdischen Feindvolkes schlechthin (vgl. SKZ 41/1998) dargestellt
wird (3,1).
Im siebten Kapitel der Esterrolle, die im Judentum am Purimfest (vgl. 9,2032)
gelesen wird, gelangt das Drama auf seinen Höhepunkt. Ester lädt
wie die Weisheit zum Gastmahl (Spr 9,16; vgl. SKZ 3132/2000).
Mitten im Fest deckt sie vor dem König (Achaschverosch/Artaxerxes)
Hamans Komplott gegen das jüdische Volk auf. Aufgebracht darüber,
dass der Wezir sein Vertrauen und seinen Siegelring (3,10.12) in schändlicher
Absicht missbraucht hatte, sinnt er im Palastgarten über eine Bestrafung
nach. Wie er in den Bankettsaal zurückkehrt, sieht er Haman im Begriff,
sich an Ester zu vergehen. Es kommt zur Hinrichtung des Wezirs an eben jenem
hohen Galgen, den dessen Frau Seresch zur öffentlichen Hinrichtung
Mordechais aufzustellen riet.
Christus, König, der für die Wahrheit Zeugnis ablegt (Joh 18,37), König über die Herrscher der Erde (Ps 89,28; Offb 1,5), wurde, wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen, unter dem römischen Prokurator Pontius Pilatus gekreuzigt, der seinerseits ein Protégé des am Hof Kaiser Tiberius' einflussreichen Judenhassers Sejanus war. Wenn wir ihn als unseren König bezeichnen, so tun wir es als geistige Erben jener jüdischen Frauen und Männer, die mit List und Mut, aber auch mit Fleisch und Blut Zeugnis für den lebendigen Gott abgelegt haben.
«Die weisse Kreuzigung» ist eines der berühmtesten Bilder Marc Chagalls. Es zeigt einen gekreuzigten Juden mit Tallit als Lendenschurz inmitten eines russisch-jüdischen Städtchens, das von einem Pogrom heimgesucht wird. Ich verstand das Bild immer so, dass der leidende Christus in den Opfern der Pogrome gegenwärtig ist, bis ich von der Jüdin Susannah Heschel die Deutung hörte, dass die verfolgten Juden auf diesem Bild entsetzt vor dem Gekreuzigten, Kultbild der christlichen Verfolger, fliehen. Schockartig wurde mir bewusst, wie radikal das Christentum Christus dem jüdischen Mutterland entfremdet hatte. In diesem Sinne ist die systematische Judenvertreibung und die Ermordung von über sechs Millionen Jüdinnen und Juden unter Hitler in Nazideutschland das wichtigste Kapitel der Geschichte des vergangenen 20. Jahrhunderts mit all seinen Nachwehen bis in die Gegenwart. Christliche Theologie ist zur Theologie nach Auschwitz geworden. Und zur Theologie nach Auschwitz gehört nicht zuletzt die Verkündigung des Ersten Testaments im christlichen Gottesdienst.
Aufgrund ihrer Handelstätigkeit, aber auch infolge assyrischer und neobabylonischer Deportationspraxis entstanden im Mittelmeerraum, in Vorderasien und Ägypten jüdische Kolonien. Spätestens ab römischer Zeit werden sie für uns im Synagogenbau archäologisch fassbar. Damals gehörte das Judentum zu den erlaubten Religionen. Der Synagogengottesdienst und das hohe Ethos des Judentums löste einen gewissen Proselytenboom aus, dem einige Intellektuelle aus ethnisch-religiösem Neid heraus hasserfüllt begegneten. Dabei stützten sie sich auf eine polemische Exodusversion ägyptischen Ursprungs, derzufolge die Juden ursprünglich vom Aussatz und anderen Krankheiten befallene Ägypter waren, die das Land verlassen mussten, worauf sie unter der Führung Moses eine eigene Nation mit Hauptstadt Jerusalem auf der Basis einer grundverkehrten Gegenreligion gründeten. Von syrischen Gelehrten, die in Griechenland lehrten, übernahmen römische Philosophen und Historiker wie Seneca, Quintilian, Juvenal und Tacitus die ägyptischen Schauermärchen. Letzterer vertrat die Ansicht, die Juden seien den Göttern verhasst und ihre Religion den übrigen entgegengesetzt (Hist 5,3.13). Plutarch verbreitete die absurde Auffassung, die Juden würden einen Esel als Gott verehren, nämlich den aus Ägypten vor seinem Bruder Horus geflücheten Seth, der in Ägypten unter anderem als Esel dargestellt wurde. Auf diesen Verleumdungen basiert ein Graffito vom Palatin in Rom, auf dem ein Mann, Christ oder Jude, zu sehen ist, der einen gekreuzigten Esel verehrt. Die ironische Beischrift lautet: «Alexamenos verehrt Gott». Das Bewusstsein für die Besonderheit des jüdischen Volkes in breiten Bevölkerungsschichten wurde von einigen gewissenlosen, schwachen Politikern dazu benutzt, gegen die Juden aufzuhetzen. Möglicherweise ist bereits der Untergang der jüdischen Kolonie von Elefantine (410 v. Chr.) einer solchen Kampagne zuzuschreiben. Philo von Alexandrien berichtet von einem Ratgeber des Kaisers Caligula namens Helicon, der Antisemit war. Zu jener Zeit fand ein Pogrom gegen die grösste jüdische Gemeinde des römischen Reiches in Alexandria statt, für das Apion mitverantwortlich war. Gegen ihn verfasste Josephus Flavius die bis heute wichtigste erhaltene Quelle zum antiken Judenhass, Contra Apionem.