44/2000 | |
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Lesejahr B |
«Wenn wirklich das Wunder des Glaubens liebstes Kind ist, so hat dieser seine Vaterpflichten, mindestens seit einiger Zeit, arg vernachlässigt. Mindestens seit hundert Jahren ist das Kind für seine vom Vater bestellte Pflegerin, die Theologie, nur eine grosse Verlegenheit gewesen, der sie sich gar zu gern irgendwie entledigt hätte, wenn nur ja wenn nur nicht eine gewisse Rücksicht auf den Vater bei dessen Lebzeiten es verboten hätte...» Mit diesen Worten leitet Franz Rosenzweig in seinem Hauptwerk, dem «Stern der Erlösung», den speziell an die Theologen gerichteten zweiten Hauptteil ein. Galt früher: je wunderbarer umso wahrer, so stehen dem heute ein wissenschaftlicher Naturbegriff und eine radikale Scheidung zwischen Glauben und Wissen entgegen. Die Verlegenheit der Theologie entstand durch drei unvollständig verdaute Aufklärungen: Die Aufklärung der Antike kritisierte den Mythos (Homer), jene der Renaissance die Vernunft (Aristoteles), die der «Aufklärung» die Erfahrung bzw. Geschichte. Die Aufgabe besteht darin, die Schöpfung als gemeinsamen Grund von Wissen und Glauben sichtbar zu machen und so die gegenseitige Verwiesenheit den beiden Brüdern wieder ins Bewusstsein zu bringen. Die Schöpfung ist der Ausgangspunkt für Offenbarung und Erlösung. Merkwürdig übrigens, dass Rosenzweig kein Wort über die leibliche Mutter des Wunder-Kindes verliert, sondern nur von seiner Amme spricht. Vielleicht hatte er, der Sohn Israels, zu grossen Respekt davor, ihren Namen auszusprechen. Es ist die Kraft, die alles durchwaltende heilige und heiligende Kraft des Segens, jüdisch gesprochen die Schechina, die in der Sprache der Kirche allzuoft zu einem sächlichen Geist herabgewürdigt wurde, der dann kein Wunder von der Philosophie in einen verwaltbaren Weltgeist (Hegel) umfunktionalisiert werden konnte.
Gesellschaften, die noch in der Schöpfung leben und nicht einer
verdinglichten Natur gegenüberstehen, kennen bis heute Gestalten, die
den Kräften des Segens besonders verbunden sind. In der muslimischen
Welt führen diese barakah-Gestalten Titel wie Marabu oder Schech und
werden als Heilige verehrt. Vertraut mit dem geheimnisvollen Grund des Lebens,
sind sie in der Lage, das Wunder vorherzusagen, dessen Erfüllung die
Augenzeugen staunend beiwohnen, um sie in der ecclesiae auctoritas, wenn
nötig im Martyrium, zu bezeugen. Die Blutzeugenschaft ist denn auch
der stärkste Beweis des Wunders. In unserer Geschichte ist Elija der
Künder, die Witwe von Sarepta die Zeugin des Wunders.
JHWHs Prophet versucht, zurückgezogen am Bach Kerit, einem Wadi im
Ostjordanland, eine Hungersnot zu überstehen (vgl. SKZ 25/1998; 18/2000).
Als der Bach versiegt, zieht er auf Gottes Geheiss hin nach Sarepta. Offenbar
bestanden ähnlich wie zwischen Juda und Moab (Rut 1) Kontakte zwischen
dem ostjordanischen Gilead und dem Küstengebiet zwischen Sidon und
Tyrus. Die Beziehungen zwischen Israel und seinen phönizischen und
aramäischen Nachbarn sind ein Hauptthema der Elija- und Elischaerzählungen.
Geht es in der Naaman-Geschichte (2 Kön 5; vgl. SKZ 40/1998) darum,
dass ein Aramäer in Israel Heilung findet und darauf hin eine Lösung
sucht, den als wundertätig erfahrenen Gott auch in Damaskus zu verehren,
so will die Geschichte der Witwe von Sarepta demonstrieren, das JHWH auch
ausserhalb des israelitischen Territoriums in der Lage ist, mit Wundern
seine Macht zu erweisen. Er erweist sich als Gott der Armen, jenseits politischer
Grenzen. Nach der deutenden Darstellung der deuteronomistischen Verfasser/Verfasserinnen
der Königsbücher erfüllt sich damit nur, wofür Gott
schon vorgesorgt hat (17,8f.). Elija trifft die Witwe bei der für Kinder
und Frauen typischen Arbeit des Holzsammelns. Die Inflation der Hungerjahre
hat sie als Randständige (vgl. SKZ 42/1998) besonders hart getroffen.
Sie steht zusammen mit ihrem Sohn vor dem Ruin. Die Schwurformel (17,12),
mit der sie Elija versichert, dass sie dabei ist, die letzten Vorräte
aufzubrauchen, macht deutlich, dass JHWH aus ihrer Perspektive nur für
den fremden Gast zuständig ist. In Phönizien waren Dagon bzw.
Baal für den Getreidesegen und Eschmun für das Öl verantwortlich
(vgl. Dtn 7,13; Hos 2,10f.). Wahrscheinlich verbirgt sich hinter der Erzählung
ein Bewusstsein dafür, dass Phönizien auf die Agrarprodukte Israels
angewiesen war, in Hungerszeiten mehr noch als in guten Jahren. Während
Israel vom technischen Know-how der Phönizier im Tempelbau und in der
Schifffahrt profitierte, belieferte es im Gegenzug die Bewohner der Küstenstädte
mit landwirtschaftlichen Produkten oder vermachte den Phöniziern gleich
ganze Landstriche (1 Kön 5,24f.; 9,11). Die Erzählung konstatiert
abschliessend scheinbar lapidar die positive Konsequenz des verheissenen
Wunders: «So hatten sie und er und ihr Sohn viele Tage zu essen»
(17,15). Die Massoreten aber waren mit der Reihenfolge dieses Satzes nicht
einverstanden und schrieben an den Rand: Lies «er und sie».
Für die jüdischen Überlieferer der Schrift handelte die Geschichte
in erster Linie von ihrem Propheten und nicht von der fremden Witwe.
Die scheinbar bedeutungslose Witwe von Sarepta wurde unzähligen Menschen zum Trost. Sie vergewisserte bereits die Juden von Dura-Europos, die sie gleich zweimal an ihre Synagogenwand malten, dass JHWH auch fernab von Israel Wunder wirkt. Für die Christen wurde sie zum Prototyp der Heidenchristin, die in der Syrophönizierin (Mk 7,2430), die den Heiler Jesus im galiläischen Hinterland aufsucht, ein neutestamentliches Echo findet.
Wundertaten waren ausschlaggebend für den Erfolg einer Gottheit. Ein Gott, der von sich reden machte, wurde berühmt und über die Landesgrenzen hinaus verehrt. Durch massenhafte Produktion von Amuletten versuchten vor allem ägyptische Tempel dem Renommé ihrer Götter propagandistisch Nachdruck zu verleihen, wie die zu Tausenden in Palästina gefundenen Stempelsiegel beweisen. Aber auch einheimische Segensquellen wurden in Palästina so bekannt gemacht. Das abgebildete Beispiel zeigt einen energisch einherschreitenden Gott. Seine erhobene Rechte verweist auf seine Macht, die Blüte in der Linken auf seinen Segen, die Uräen unter und hinter ihm auf seine Unnahbarkeit, das Anch-Zeichen auf das von ihm ausgehende Leben. Die Rückseite des Siegels zeigt seine jubelnden Verehrer. Als Wundertat JHWHs schlechthin gilt der Bibel der Exodus (Ex 7,3.9; 11,9f.). In Dtn 26,8, wird vom Wunder im Zusammenhang mit Gottes starker Hand und ausgestrecktem Arm gesprochen, ähnlich auch in prophetischen Texten (Jer 32,20f.). Fast so bedeutsam wie der Exodus war für Israel das Wunder der Errettung Jerusalems aus der assyrischen Belagerung unter Sanherib zur Zeit des Königs Hiskija, der seinerseits von einer schweren Krankheit genas (vgl. 2 Chr 32,24||2 Kön 20,110; Jes 38,18.21f.). Den Propheten werden Wahrzeichen zuteil, die auf den misskreditierten Gott verweisen (Jes 8,18; 20,3). Schreckenszeichen wie Krankheiten (Ps 71,7) können im Sinne eines Diabols vom Zorn Gottes künden. Gruppen auserwählter Männer können im Frühjudentum zu Männern des Wahrzeichens ('ansche mofet) werden (Sach 3,8; 1QH 7,21), gleichsam zum göttlichen Hort in finsteren Zeiten. Bei Jesus Sirach wird Elischa, der Schüler Elijas, als besonders wundertätig charakterisiert (Sir 48,12). Bei ihm finden sich auch erstmals Formulierungen, die fortan für die jüdische Liturgie zentral bleiben, wenn von den Wundern Gottes die Rede ist: «Erneuere die Zeichen ('ot), wiederhole die Wunder (mofet), zeige die Macht (massah) deiner Hand und die Kraft deines rechten Armes» (Sir 36,6)!