43/2000

INHALT

Lesejahr B

Lieben und lernen

Thomas Staubli zu Dtn 6,2-9

 

Synagoge/Kirche: Kernsätze

Neben der enzyklopädischen Erschliessung und Ordnung der Welt im Gesetz und ihrer permanenten Deutung durch die Prophetie kennt die jüdische, christliche und muslimische Tradition auch das weisheitlich-pädagogische Bemühen um eine Vereinfachung bzw. Verdichtung komplexer Einsichten in markanten Sätzen und Gebeten, die es Nichttheologen/Nichttheologinnen erlauben, ihre religiösen Erfahrungen und Bedürfnisse in Worte zu fassen. Zu diesen Merksätzen (vgl. auch SKZ 39/1998) gehören das nach den ersten Worten so genannte Schma Jisrael und das so genannte Liebesgebot aus dem Heiligkeitsgesetz. Das Schma Jisrael umfasst Dtn 6,4­9; 11,13­21 und Num 15,37­41. Es wird bis heute im Judentum beim Morgen- und Abendgebet gesprochen, hat bundeserneuernden Charakter und gilt als Quintessenz des jüdischen Glaubens. Wenn Jesus dem Schriftgelehrten auf die Frage nach der wichtigsten von allen 613 Weisungen (248 Gebote, entsprechend den Gliedern des menschlichen Körpers, und 365 Verbote, entsprechend der Tage des Jahres, nach der Zählung der alten Synagoge) mit der Rezitation dieser Sätze antwortet, greift er auf etwas allseits Bekanntes zurück (Mk 12,28b­34).

Bibel: Schma Jisrael ­ Höre Israel!

Wohlergehen, zahlreiche Nachkommenschaft und die Gabe des Landes wird im Deuteronomium immer und immer wieder an das Halten der Gesetze (chuqqot) und Gebote (mizwot) gebunden (6,2f.). Auf der Basis dieser Grundüberzeugung sind die folgenden Sätze zentral. Das erste, was Israel hören (vgl. SKZ 13/1998) soll: «JHWH unser Gott, JHWH ist einer» (JHWH 'älohenu JHWH 'ächad). Das Bekenntnis antizipiert, wie andere perserzeitliche Texte der Bibel, JHWH als König aller Länder und Völker (vgl. Jes 2,11.17; Zef 3,9; Sach 14,9), nach dem damaligen Vorbild des achämenidischen Herrschers. Er ist der einzige Adressat für Gebete und Eide. Daher ist JHWH auch wie der König von einem Vasall zu lieben (ahav), ein terminus technicus der Vertragssprache, der bedeutet, dass man ihm Loyalität und Tribut schuldet. «Herz» (lev; vgl. 28­29/1999) und «Seele» (näfäsch) stehen für das innere Sinne und Trachten und das äussere Wollen und Begehren, also für das ganzheitlich-menschliche Handeln, dessen Qualität durch den dritten Ausdruck, «mit aller Kraft» noch unterstrichen wird. Die folgenden pädagogischen Anweisungen (6,6­9) dienen dem Erfolg des Torastudiums. «Diese Worte» bezieht sich auf das deuteronomische Gesetzeskorpus, wurde an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten aber immer wieder neu auf bestimmte Kernaussagen der Tora bezogen, die in mündlicher Lehre wiederholt (schanan) und auf die erwähnten Zeichen an Handgelenk, Stirne, Tür und Tor aufgeschrieben wurden, welche im Judentum bis heute als Mesusa («Türpfosten») und Tefillin («Gebetskapsel») bekannt und in Gebrauch sind (vgl. Kasten). Indem auf Mesusa- und Tefillintexten diese methodische Vorschrift selbst nochmals wiederholt wird, ergibt sich eine gleichsam unendliche Schlaufe (wie beim Nonsense-Sprüchlein vom Hohlen Zahn), die sich wie ein fil rouge durch die Generationen hindurchschlängelt und sie miteinander verbindet.

Welt: Repetitio est mater lectionis

Die Wahrheit dieser Weisheit kennen alle, die Kinder erziehen bzw. unterrichten. Im Rahmen der Vergötzung der Ware zum Fetisch hat die Werbeindustrie sie sich in ganz besonderem Masse zu eigen gemacht. Plakatwände, meistens für überflüssige Luxusgüter, sind an die Stelle der Mesusot an Türen und Toren getreten, T-Shirts und Kleber an die Stelle der Tefillin. Wie Inseln in der kapitalakkumulierenden Werbeflut nehmen sich Plakate aus, die an unkäufliche Werte erinnern. Manchmal werden dafür sogar Bibelsätze bemüht, dann aber nicht selten in sektiererischem Eklektizismus.

 

Literaturhinweis: Othmar Keel, Zeichen der Verbundenheit. Zur Vorgeschichte und Bedeutung der Forderungen von Deuteronomium 6,8f. und Par., in: P. Casetti/O. Keel/A. Schenker, Mélanges Dominique Barthélemy (OBO 38), Freiburg (CH)/Göttingen 1981, 159­240. ­ Ein singbares, einfaches «Höre Israel» ist abgedruckt in: Hubertus Halbfas, Religionsbuch für das 5./6. Schuljahr, Düsseldorf 1989, 42.


Zur Herkunft von Mesusa und Tefillin

Der Brauch, Weisungen einer Gottheit auf die Türpfosten zu schreiben, ist für das Alte Ägypten gut bezeugt. Bei Darstellungen des Königs vor einem Tempeleingang beschränkt sich die Inschrift meistens auf die Weisung, den Tempel nur im Zustand der Reinheit zu betreten. Von den Eingängen ägyptischer Tempel aus griechisch-römischer Zeit sind ganze Sündenregister bekannt und Drohungen wie: «Die etwas Böses gegen diesen Tempel sinnen, sollen sich nach Süden und Norden entfernen, denn jeder Gott soll ohne Ärger bleiben in seiner Wohnung und kein Frevler soll in seinem Haus weilen, ohne auf immer und ewig zu vergehen und zu verschwinden.» Auf Tempelpfosteninschriften wird zum Beispiel Unbeschnittenen der Zugang in den Tempel verboten. Nach Flavius Josephus waren auf dem Gelände des herodianischen Tempels in Jerusalem Tafeln angebracht, die Nichtjuden das Betreten des heiligen Bezirkes untersagten. Leider unleserliche Inschriften auf Türpfosten des 8. Jh. v. Chr. aus Kuntilled Adschrud im Negev und ein Tempelmodell mit Wächterpriestern aus Gezer, vielleicht auch die Vorschrift, dass ein Blinder und ein Lahmer nicht in den Tempel hineinkommen sollen (2 Sam 5,8), könnten den Brauch auch für das Alte Israel belegen. Die Sitte, Glückwünsche und Qoranverse an die Hauseingänge zu schreiben, ist für den frühen Islam breit bezeugt. Noch älter sind steinerne Inschriften von samaritanischen Hauseingängen. Das abgebildete Beispiel stammt aus dem 7. Jh. Es ist heute in das Minarett der El-Khadr-Moschee von Nablus (Palästina) verbaut. In der von den Samaritanern für heilige Texte verwendeten althebräischen Schrift sind darauf Dekalogteile aus Ex 20,3.7­8.12­17 und Dtn 27,5 zu lesen.
Der Brauch, Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gottheit auf der Stirn bzw. «zwischen den Augen» zu tragen, ist speziell für den Raum der Levante in der Spätbronze- und Eisenzeit (ca. 1400­600 v. Chr.) gut bezeugt, und zwar vor allem an Frauenfigürchen aus Terrakotta oder Elfenbein. An einem Haarband tragen sie einen Stirnschmuck, der oft nur summarisch als Viereck, manchmal als Rosette, manchmal als Kordelreihe, nicht selten auch als X gestaltet ist. Letzteres entspricht dem Buchstaben Taw und kann auf die Femininendung, die ursprünglich soviel wie «Besitz von» bedeutete, gedeutet werden. Herodot hat in Babylon Kultdirnen eines Ischtar-Tempels gesehen, die ein Stirnzeichen trugen, und einige Propheten polemisierten gegen Frauen, die solche Zeichen trugen (Hos 2,4; Jer 3,3). Die Markierung der Zugehörigkeit zu einem auserwählten Kreis durch Zeichen bzw. Bänder an der Stirn war ganz allgemein verbreitet (vgl. 1 Kön 20,31f.; Ez 9,4­6; Offb 7,3ff.). Der Hohepriester Israels schliesslich hatte an purpurner Schnur ein Stirnblatt zu tragen, auf der in Siegelstecherarbeit «Heilig für JHWH» eingeritzt war (Ex 28,36f.; 39,30; Lev 8,9).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000