41/2000

INHALT

Lesejahr B

Dienen statt herrschen

Thomas Staubli zu Ri 9,8-15

 

Bibel: Die Jotamfabel

Die von viel Lokalkolorit geprägte, so genannte Jotamfabel führt uns mitten hinein in die kleinbäuerliche Lebenswelt Palästinas. Typisch für sie ist das Leben in Sippenverbänden, die wohl strenge verwandtschaftliche Bande und Verpflichtungen, aber keine staatliche Verwaltung und Regierung kannten. Der aus konservativer Beachtung von Sitten und Gebräuchen resultierende Segen zeigte sich insbesondere im Wachstum der Feldfrüchte und dem Gedeihen des Nachwuchses in Heim und Herde. Innerhalb des feinmaschigen Sozialgefüges erschien die Herausbildung von Stadtfürstentümern in der frühen Eisenzeit (ca. 1150­1000 v. Chr.), als der koloniale Druck Ägyptens nachliess, als störender, ja parasitärer Faktor. Den am ägyptischen Königtum orientierten Aristokraten erwuchs aus kleinbäuerlichen Kreisen erbitterter Widerstand, der von den JHWH-Propheten teilweise unterstützt und mitgetragen wurde (vgl. 1 Sam 8). Jotam, der einzige Überlebende jenes Blutbades, welches Abimelech unter seinen männlichen Verwandten veranstaltete, um die Herrschaft über Sichem mit Unterstützung der Stadtbevölkerung und der Landlosen an sich zu reissen, mobilisierte den Widerstand der landbesitzenden Kleinbauern nach der literarisch holzschnittartigen Darstellung des Richterbuches, indem er auf dem Gipfel des Garizims, wo sich schon damals ein kultisches Zentrum der ansässigen Bevölkerung befunden haben dürfte, eine Fabel erzählte.
Den Hörern/Hörerinnen war klar, dass die Bäume auf die Möchtegern-Könige zu beziehen sind, denn der schattenspendende Baum war ein weit verbreitetes Symbol des Königtums (vgl. SKZ 6/1998; 6/1999). Ferner bedient sich die Fabel der Muster damals bekannter Rangstreitliteratur (so genannte Tenzone). Aus Griechenland sind Rangstreitigkeiten zwischen Ölbaum und Lorbeer bekannt, aus dem Zweistromland ein Wettstreit zwischen Tamariske und Dattelpalme. Mit Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock wird die Gattung ganz auf Palästina zugeschnitten (vgl. Kasten), gleichzeitig aber auch parodiert, denn die erwartete Pointe wird hier in doppelter Weise auf den Kopf gestellt. Zum einen zeigen die edelsten, weil nützlichsten Bäume kein Interesse an der Königsherrschaft, mit der Begründung, um über den anderen Bäumen zu «schwanken» (naw'a), müssten sie ihr Bestes aufgeben, zum anderen anerbietet sich gerade der Dornstrauch als König, dessen Schatten so gering ist, dass man sich am Strauch stechen würde, suchte man ihn dafür auf, und von dem in der trockenen Jahreszeit die Waldbrandgefahr ausgeht. Das Königtum wird damit der Lächerlichkeit preisgegeben, die geschätzten Kulturbäume dagegen dem demokratisch-föderalistischen Bauerntum gleichgestellt, das in seiner stolzen Unduldsamkeit gegenüber Vögten und seiner dem Boden zugewandten Lebensweise der Förderung des Lebens dient.

Kirche: Kontrastgesellschaft

Durch die Unbill der Zeiten hindurch haben die Bauern Palästinas ihr soziales Landverteilungssystem mit Familienbesitz und Allmenden bis heute bewahrt, sofern sie nicht enteignet wurden. Niemand sollte deshalb erstaunt sein, beim Galiläer Jesus von Nazaret Jotams Allergie gegenüber Herrschaftsansprüchen wieder zu begegnen (Mk 10,35­45). Wie Jotam kehrte Jesus die Werteordnung um und erklärte kurzerhand das Dienen zur angemessenen Weise des Herrschens. Dabei dachte er nicht an ein symbolisches Dienen, wie es viele Bischöfe gerne in Bezug auf ihr eigenes Amt auslegen, sondern an ein tatsächliches Übernehmen von Sklavendiensten als Antidot gegen die Entstehung einer Klassengesellschaft ­ eine Forderung, die insbesondere im Blick auf Frauen nie eingelöst worden ist.

Welt: Kleinbäuerliche Egalität und religiöser Sozialismus

Der aus Tamins gebürtige Bergbauernsohn Leonhard Ragaz (1868­1945) hat die genossenschaftlichen Strukturen der Bündner Bergbauern von Kindsbeinen an kennen gelernt. Elemente dieses bodenständigen Kommunismus hat der spätere Pfarrer und Professor in der Bibel einerseits und im sozialistischen Gedankengut andererseits wiedergefunden und zu einem eigenständigen, demokratisch verfassten, religiösen Sozialismus weiterentwickelt. Ragaz ist von Kanzel und Katheder heruntergestiegen, um im industriellen Milieu Zürichs genossenschaftliche Formen des Wohnens zu verwirklichen. Die von ihm inspirierten Enkel versuchen heute mit jenem Geist, der Jotam mit Bakunin, Luxemburg, Landauer, Gramsci und die Zappatisten verbindet, Freiräume gegenüber den Totalitarismen des Kapitals zu bewahren.


Palästinas Kulturbäume

Auf den bekannten monumentalen Palastreliefs Sanheribs (704­681 v. Chr.) aus Ninive, die die Eroberung der judäischen Stadt Lachisch darstellen, wird über einer Reihe von Deportierten die Landschaft durch dreierlei Bäume charakterisiert: Feigenbaum, Weinstock und Ölbaum. Noch heute sind diese dem mediterranen Klima optimal angepassten Pflanzen typisch für die traditionelle Landwirtschaft. Die heute vor allem entlang der Küsten dominierenden Zitrus-, Avocado- und Bananenplantagen wurden erst durch neuzeitliche Bewässerungsmethoden ermöglicht. Um 2300 v. Chr. rühmt sich der ägyptische Pharao Pepi I., dass seine Truppen sicher zurückgekehrt seien, nachdem sie im nördlichen Feindesland (Kanaan) Feigenbäume und Weinstöcke abgehackt hätten, eine Kriegstaktik, die im Deuteronomium viel später ausdrücklich verboten wird (Dtn 20,19). Der friedliche ägyptische Reisende Sinuhe schreibt um 1900 v. Chr. über Palästina: «Es gab dort Feigen und Weintrauben; das Land hatte mehr Wein als Wasser, besass viel Honig und reichlich Öl. Allerlei Früchte waren auf den Bäumen»
Der Weinstock nimmt unter den drei Kulturpflanzen die höchste Stellung ein, weil er am meisten Pflege verlangt und das begehrteste Produkt abwirft (vgl. SKZ 38/1999). Der Ölbaum kommt in Palästina bis heute auch in seiner Wildform vor. Wilde Sträucher können durch Aufpfropfung veredelt werden ­ ein Vorgang, den Paulus in Bezug auf Judentum und Heidenchristen umkehrt (Röm 11,17­19). Die Olivenernte findet im Oktober/November statt. Die herabfallenden oder herabgeklopften Früchte werden auf ausgebreiteten Tüchern gesammelt, dann gequetscht und schliesslich gepresst. Das anfallende Öl wird in der Küche wie Butter oder Fett verwendet, findet aber auch als Körperpflegemittel Verwendung und galt zu Recht als Medizin (Jes 1,6; Jak 5,14) und Ausdruck der Freude. Gäste wurden mit Öl gesalbt. Der judäische König heisst «Gesalbter JHWHs» (maschiach JHWH). Er steht unter seinem Schutz. Der Feigenbaum wird nicht so grossflächig kultiviert wie die beiden erstgenannten Kulturbäume, sondern wächst an besonders günstigen Stellen. Er trägt im Juni die Frühfeigen (bikkurah) und von August bis September die Sommerfeigen (tö'enah). Die Früchte werden getrocknet und zu Kuchen weiterverarbeitet. Sie sind das wichtigste Süssemittel in einer zuckerlosen Gesellschaft. Die grossen Blätter des Baumes sind begehrte Schattenspender. In der Schöpfungsgeschichte dienen sie als Lendenschurze (Gen 3,7). Weitere wichtige Kulturbäume sind der Granatbaum, dessen Früchte als Fruchtbarkeitssymbol zum Schmuck des Jerusalemer Tempels (1 Kön 7,17.42; Jer 52,22f.) und des hohepriesterlichen Gewandes (Ex 28,33f.; Sir 45,9) gehörten, der Maulbeerfeigenbaum, der ein wichtiger Holzlieferant war und dessen Früchte nur reiften, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt ritzte (Am 7,14), und der früh blühende Mandelbaum.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000