40/2000 | |
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Lesejahr B |
«Macht» erscheint wohl auf keinem Rauschmittelverzeichnis der Welt, hat aber nicht selten dieselben bewusstseinsverändernden Auswirkungen. Die schmerzliche Erfahrung menschlicher Hybris und Unersättlichkeit ist eine Triebfeder politischer Innovation. Sie ist vielleicht gerade dann am nötigsten, wenn alles geregelt scheint. Im Schatten der bürokratisch perfektionierten westlichen Demokratien entstehen vor unseren Augen globale Imperien mit Männern an ihrer Spitze, die die Verehrung und Huldigung breiter Massen geniessen. Namen wie Bill Gates oder Martin Ebner lassen Aktionäre erzittern und Normalsterbliche ehrfurchtsvoll emporschauen. In Gestalten wie ihnen wird die Wirtschafts- und Weltordnung als eine Ordnung des «höheren Männlichen» (Ina Praetorius) symbolisch fassbar. Eine kritische bzw. gottesfürchtige oder aufgeklärte (was in diesem Fall dasselbe ist) Ökonomie stellt dieser Ordnung eine Lehre vom Haushalt entgegen, die sich unter anderem auch an den Weisen und Werten weiblichen Wirtschaftens orientiert. Sie kann dafür auf biblische Herrscherspiegel zurückgreifen, die den König als Menschen voller Weisheit (chokmah/sophia) darstellen, welche wiederum in der Gestalt der klugen und starken Haushälterin im umfassenden Sinne (vgl. SKZ 44/1999) «geerdet» ist.
Eindrücklich mahnt Hesiod (um 700 v. Chr.) Perses, den Adressaten
seiner Lehrsprüche, in «Werke und Tage» (212217),
im Anschluss an das Gleichnis vom Habicht, der die Nachtigall zum Frass
hinwegführt: «Perses, hör auf das Recht, nicht nähre
vermessene Untat!/ Schlimm ist vermessene Untat beim Niederen, doch auch
der Edle,/ leicht erträgt er sie nicht, sie drückt ihn als lastende
Bürde,/ ist er in Schaden gestürzt. Der andere Weg geht sich besser,/
hin zum Rechten. Das Recht besiegt ja vermessenen Hochmut,/ wenn das Ende
kommt. Auch ein Dummkopf wird sehend im Leide» Zweifellos hat der
Böotier Hesiod auf älteres orientalisches Weisheitsgut zurückgegriffen,
denn in Böotien nahm die «orientalische Revolution» Griechenlands,
die sich in praktisch allen Lebensbereichen nachweisen lässt, ihren
Ausgang. Ähnliche Mahnungen finden sich beim Syrer Achikar und schon
bei den ägyptischen Weisheitslehrern des 3. Jahrtausends v. Chr.
Als die jüdischen Verfasser/Verfasserinnen der so genannten Weisheit
Salomos um die Zeitenwende im ägyptisch-hellenistisch-römischen
Alexandria im Kontext eines sich zuspitzenden römischen Kaiserkultes
(vgl. Kasten) einen Fürstenspiegel konzipierten, konnten sie also auf
eine Jahrtausende alte literarische Gattung zurückgreifen, deren Motivreichtum
wegen ihrer Internationalität besonders gross war. Dass die Autoren/Autorinnen
dabei vor allem auf biblische Motive zurückgreifen, wird niemanden
erstaunen. Deutlich lässt sich hinter dem um Weisheit bittenden König
Salomo ausmachen, der zur Freude JHWHs nicht um Reichtum und Macht, sondern
um Einsicht bittet (vgl. 2 Chr 1,612, eine Neuformulierung von 1 Kön
3,415) und mit Weisheit beschenkt wird. Neu ist die Formulierung «Geist
der Weisheit». Gemeint ist kein menschlicher Geist, sondern «der
Geist, der die Weisheit ist» (Genitivus epexegeticus). Die leibhaftigere
chokmah wird dadurch einem den Griechen sympathischeren Prinzip angenähert,
ohne dass ihr dabei die orientalische Dynamik geraubt wird (vgl. SKZ 35/1998).
Auch die Vorstellung von der Weisheit, die kostbarer ist als alle Edelsteine
der Welt, gehört zum biblischen Motivrepertoire (Ijob 28,1419;
Spr 3,14f.; 8,11; 31,10). Die Weisheit wird über die Gesundheit und
die den Griechen so wichtige Wohlgestalt (gr. eumorphia; EÜ: Schönheit),
ja sogar über die weithin mit der höchsten Gottheit gleichgesetzten
Sonne (Licht) gestellt. Sie wird wie in Spr 8,2231 als Ursprung aller
Dinge verstanden, als die in ihnen waltende und ständig aktualisierte
Kraft.
Da in Israel die königlichen Themen auf alle menschlichen Geschöpfe übertragen wurden, ist es durchaus sinnvoll, den Abschnitt aus der Weisheit Salomos der Geschichte vom Reichen Jüngling (Mk 10,1730) beizugesellen, wie die Leseordnung es tut. In dem Masse wie Weisheit als befreiende Kraft schlechthin erkannt wird, wird auch konfessionalistische Rechthaberei und Heilsprivatismus überwunden. Der Thron der Weisheit wird dann zu einem Diwan der Völker, dessen Polster mit allen Mustern inspirierter Kunstfertigkeit bestickt sind und in dem im unendlichen Gespräch immer wieder neu aus den Quellen der Weisheit getrunken wird.
Literaturhinweis: Jan Assmann, Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Ägypten, Israel und Europa, München/Wien 2000. Ina Praetorius, Zum Ende des Patriarchats. Theologisch-politische Texte im Übergang, Mainz 2000.
Der ägyptische König spielte zwar eine göttliche Rolle,
die im Mythos durch die Sohnschaft des höchsten Gottes ausgedrückt
werden konnte, galt jedoch «dem Fleische nach» als normal sterblich
und wurde auch nicht kultisch verehrt. Durch eine Praxis, in der er sich
als Verwirklicher der Maat (Weltordnung/Gerechtigkeit) auswies, hatte er
sich darüber hinaus zeitlebens zu legitimieren. Hungersnöte und
Aufstände konnten seine Herrschaft gefährden.
Das Konzept der Gottessohnschaft findet sich auch in Vorderasien, wo insbesondere
die Funktion des Königs als oberster Administrator bzw. Diener einer
Gottheit durch Titel wie «Beauftragter» (akk. waklum), Statthalter
(akk. ischschiakkum) oder «Ratgeber» (akk. malku; hebr. mäläk)
hervorgehoben wurde. Könige sind, wie viele arabische Präsidenten
noch heute, Oberhäupter besonders einflussreicher Familienverbände.
Das spiegelt sich im ältesten sumerischen Wort für König,
LUGAL («grosser Mann»), das über viele Jahrhunderte hinweg
Determinativ für König im Akkadischen, der internationalen Korrespondenzsprache,
blieb.
Der persische König liess sich zwar als «König der Könige»
(mittelpers. schahan schah) feiern und erhob damit Anspruch auf Weltherrschaft,
doch galt auch er als Herrscher von Gottes Gnaden. Erst die sassanidischen
Könige legten sich, wohl als Gegenreaktion auf hellenistische Herrscherkonzepte,
einen göttlichen Stammbaum zu.
Die makedonischen Könige knüpften an östliche Herrschaftskonzepte
an, liessen sich aber in für orientalisches Empfinden blasphemischer
Weise schon zu Lebzeiten selber als Gottheiten verehren. Der militärisch
erfolgreiche Mann galt als Helfer und Wohltäter der Menschheit, als
eine von Gott geschickte Rettergestalt, die Heil und Segen bringt. Die Titulaturen
der ptolemäischen und seleukidischen Könige bringen das Konzept
des göttlichen Mannes in gottbestallter Sukzession deutlich zum Ausdruck:
Euergetes («Wohltäter»), Philopator («Freund des
Vaters»), Epiphanes («Gotteserscheinung»), Soter («Erlöser»)
usw.
Der römische Kaiserkult schloss an diese Herrschaftstheologie an und
differenzierte sie aus. Er umfasst die Errichtung von Altären und Kultgebäuden
für den Herrscher und seine Familie, die Ausbildung von Priestern und
die Institutionalisierung von Festen (besonders Geburts- und Todestage),
das Aufstellen von heiligen Bildern (imagines sacrae) amtierender und verstorbener
Herrscher oder ihrer Kräfte, wie des «Glücks» (fortuna
Augusti) oder der «Vorsehung» (providenta Augusti), die allmähliche
Angleichung der Herrscherbildnisse an jene der alten Götterbilder (z.B.
Caligula mit den Attributen Zeus') und die Übertragung von Götterritualen
auf Kaiser (insbesondere bei internationalen Spielen und bei Prozessionen).
Diese vielfältigen Formen des Herrscherkultes fanden in den römischen
Provinzen unterschiedliche Ausprägungen und Beachtung, je nachdem an
welche lokalen Traditionen sie anschliessen konnten und welche religiösen
Empfindlichkeiten respektiert werden mussten. Bei näherem Hinsehen
zeigt sich, dass zwischen Kaiserkult und Gottesverehrung wohl feine liturgische
Unterschiede bestanden, die jedoch durch die breite Kaiserpropaganda für
die grosse Masse kaum erkennbar gewesen sein dürften.