40/2000

INHALT

Lesejahr B

Gute Herrschaft

Thomas Staubli zu Weish 7,7-12

 

Welt: Das «höhere Männliche»

«Macht» erscheint wohl auf keinem Rauschmittelverzeichnis der Welt, hat aber nicht selten dieselben bewusstseinsverändernden Auswirkungen. Die schmerzliche Erfahrung menschlicher Hybris und Unersättlichkeit ist eine Triebfeder politischer Innovation. Sie ist vielleicht gerade dann am nötigsten, wenn alles geregelt scheint. Im Schatten der bürokratisch perfektionierten westlichen Demokratien entstehen vor unseren Augen globale Imperien mit Männern an ihrer Spitze, die die Verehrung und Huldigung breiter Massen geniessen. Namen wie Bill Gates oder Martin Ebner lassen Aktionäre erzittern und Normalsterbliche ehrfurchtsvoll emporschauen. In Gestalten wie ihnen wird die Wirtschafts- und Weltordnung als eine Ordnung des «höheren Männlichen» (Ina Praetorius) symbolisch fassbar. Eine kritische bzw. gottesfürchtige oder aufgeklärte (was in diesem Fall dasselbe ist) Ökonomie stellt dieser Ordnung eine Lehre vom Haushalt entgegen, die sich unter anderem auch an den Weisen und Werten weiblichen Wirtschaftens orientiert. Sie kann dafür auf biblische Herrscherspiegel zurückgreifen, die den König als Menschen voller Weisheit (chokmah/sophia) darstellen, welche wiederum in der Gestalt der klugen und starken Haushälterin im umfassenden Sinne (vgl. SKZ 44/1999) «geerdet» ist.

Bibel: Fürstenspiegel

Eindrücklich mahnt Hesiod (um 700 v. Chr.) Perses, den Adressaten seiner Lehrsprüche, in «Werke und Tage» (212­217), im Anschluss an das Gleichnis vom Habicht, der die Nachtigall zum Frass hinwegführt: «Perses, hör auf das Recht, nicht nähre vermessene Untat!/ Schlimm ist vermessene Untat beim Niederen, doch auch der Edle,/ leicht erträgt er sie nicht, sie drückt ihn als lastende Bürde,/ ist er in Schaden gestürzt. Der andere Weg geht sich besser,/ hin zum Rechten. Das Recht besiegt ja vermessenen Hochmut,/ wenn das Ende kommt. Auch ein Dummkopf wird sehend im Leide» Zweifellos hat der Böotier Hesiod auf älteres orientalisches Weisheitsgut zurückgegriffen, denn in Böotien nahm die «orientalische Revolution» Griechenlands, die sich in praktisch allen Lebensbereichen nachweisen lässt, ihren Ausgang. Ähnliche Mahnungen finden sich beim Syrer Achikar und schon bei den ägyptischen Weisheitslehrern des 3. Jahrtausends v. Chr.
Als die jüdischen Verfasser/Verfasserinnen der so genannten Weisheit Salomos um die Zeitenwende im ägyptisch-hellenistisch-römischen Alexandria im Kontext eines sich zuspitzenden römischen Kaiserkultes (vgl. Kasten) einen Fürstenspiegel konzipierten, konnten sie also auf eine Jahrtausende alte literarische Gattung zurückgreifen, deren Motivreichtum wegen ihrer Internationalität besonders gross war. Dass die Autoren/Autorinnen dabei vor allem auf biblische Motive zurückgreifen, wird niemanden erstaunen. Deutlich lässt sich hinter dem um Weisheit bittenden König Salomo ausmachen, der zur Freude JHWHs nicht um Reichtum und Macht, sondern um Einsicht bittet (vgl. 2 Chr 1,6­12, eine Neuformulierung von 1 Kön 3,4­15) und mit Weisheit beschenkt wird. Neu ist die Formulierung «Geist der Weisheit». Gemeint ist kein menschlicher Geist, sondern «der Geist, der die Weisheit ist» (Genitivus epexegeticus). Die leibhaftigere chokmah wird dadurch einem den Griechen sympathischeren Prinzip angenähert, ohne dass ihr dabei die orientalische Dynamik geraubt wird (vgl. SKZ 35/1998). Auch die Vorstellung von der Weisheit, die kostbarer ist als alle Edelsteine der Welt, gehört zum biblischen Motivrepertoire (Ijob 28,14­19; Spr 3,14f.; 8,11; 31,10). Die Weisheit wird über die Gesundheit und die den Griechen so wichtige Wohlgestalt (gr. eumorphia; EÜ: Schönheit), ja sogar über die weithin mit der höchsten Gottheit gleichgesetzten Sonne (Licht) gestellt. Sie wird wie in Spr 8,22­31 als Ursprung aller Dinge verstanden, als die in ihnen waltende und ständig aktualisierte Kraft.

Kirche: Sedes sapientiae

Da in Israel die königlichen Themen auf alle menschlichen Geschöpfe übertragen wurden, ist es durchaus sinnvoll, den Abschnitt aus der Weisheit Salomos der Geschichte vom Reichen Jüngling (Mk 10,17­30) beizugesellen, wie die Leseordnung es tut. In dem Masse wie Weisheit als befreiende Kraft schlechthin erkannt wird, wird auch konfessionalistische Rechthaberei und Heilsprivatismus überwunden. Der Thron der Weisheit wird dann zu einem Diwan der Völker, dessen Polster mit allen Mustern inspirierter Kunstfertigkeit bestickt sind und in dem im unendlichen Gespräch immer wieder neu aus den Quellen der Weisheit getrunken wird.

 

Literaturhinweis: Jan Assmann, Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Ägypten, Israel und Europa, München/Wien 2000. Ina Praetorius, Zum Ende des Patriarchats. Theologisch-politische Texte im Übergang, Mainz 2000.


Herrscherkult

Der ägyptische König spielte zwar eine göttliche Rolle, die im Mythos durch die Sohnschaft des höchsten Gottes ausgedrückt werden konnte, galt jedoch «dem Fleische nach» als normal sterblich und wurde auch nicht kultisch verehrt. Durch eine Praxis, in der er sich als Verwirklicher der Maat (Weltordnung/Gerechtigkeit) auswies, hatte er sich darüber hinaus zeitlebens zu legitimieren. Hungersnöte und Aufstände konnten seine Herrschaft gefährden.
Das Konzept der Gottessohnschaft findet sich auch in Vorderasien, wo insbesondere die Funktion des Königs als oberster Administrator bzw. Diener einer Gottheit durch Titel wie «Beauftragter» (akk. waklum), Statthalter (akk. ischschiakkum) oder «Ratgeber» (akk. malku; hebr. mäläk) hervorgehoben wurde. Könige sind, wie viele arabische Präsidenten noch heute, Oberhäupter besonders einflussreicher Familienverbände. Das spiegelt sich im ältesten sumerischen Wort für König, LUGAL («grosser Mann»), das über viele Jahrhunderte hinweg Determinativ für König im Akkadischen, der internationalen Korrespondenzsprache, blieb.
Der persische König liess sich zwar als «König der Könige» (mittelpers. schahan schah) feiern und erhob damit Anspruch auf Weltherrschaft, doch galt auch er als Herrscher von Gottes Gnaden. Erst die sassanidischen Könige legten sich, wohl als Gegenreaktion auf hellenistische Herrscherkonzepte, einen göttlichen Stammbaum zu.
Die makedonischen Könige knüpften an östliche Herrschaftskonzepte an, liessen sich aber in für orientalisches Empfinden blasphemischer Weise schon zu Lebzeiten selber als Gottheiten verehren. Der militärisch erfolgreiche Mann galt als Helfer und Wohltäter der Menschheit, als eine von Gott geschickte Rettergestalt, die Heil und Segen bringt. Die Titulaturen der ptolemäischen und seleukidischen Könige bringen das Konzept des göttlichen Mannes in gottbestallter Sukzession deutlich zum Ausdruck: Euergetes («Wohltäter»), Philopator («Freund des Vaters»), Epiphanes («Gotteserscheinung»), Soter («Erlöser») usw.
Der römische Kaiserkult schloss an diese Herrschaftstheologie an und differenzierte sie aus. Er umfasst die Errichtung von Altären und Kultgebäuden für den Herrscher und seine Familie, die Ausbildung von Priestern und die Institutionalisierung von Festen (besonders Geburts- und Todestage), das Aufstellen von heiligen Bildern (imagines sacrae) amtierender und verstorbener Herrscher oder ihrer Kräfte, wie des «Glücks» (fortuna Augusti) oder der «Vorsehung» (providenta Augusti), die allmähliche Angleichung der Herrscherbildnisse an jene der alten Götterbilder (z.B. Caligula mit den Attributen Zeus') und die Übertragung von Götterritualen auf Kaiser (insbesondere bei internationalen Spielen und bei Prozessionen). Diese vielfältigen Formen des Herrscherkultes fanden in den römischen Provinzen unterschiedliche Ausprägungen und Beachtung, je nachdem an welche lokalen Traditionen sie anschliessen konnten und welche religiösen Empfindlichkeiten respektiert werden mussten. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass zwischen Kaiserkult und Gottesverehrung wohl feine liturgische Unterschiede bestanden, die jedoch durch die breite Kaiserpropaganda für die grosse Masse kaum erkennbar gewesen sein dürften.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000