39/2000

INHALT

Lesejahr B

Ebenbürtige Hilfe

Thomas Staubli zu Gen 2,18-24

 

Bibel: Vom «Erdling» zu Mann und Frau

Ziel der Mythen und Sagen, die in den ersten elf Kapiteln der Genesis überliefert werden, ist es, Fragen nach der Herkunft und Bestimmung der Menschen und ihrer Beziehungen untereinander zu klären. Dies geschieht meistens in Gestalt einer Ätiologie («Erklärungssage»). Viele Einzelheiten der Stoffe weisen darauf hin, dass ihre Antworten auf die Menschheitsfragen Produkt eines sich über Jahrhunderte erstreckenden internationalen Austauschs sind.
In der Lesung geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier und zwischen den Geschlechtern. Ausgelöst wird die Thematik durch die lapidare Feststellung, dass das Alleinsein dem Menschen nicht bekommt.
Er braucht eine «ebenbürtige Hilfe» ('esär könägdo). Der Begriff «Hilfe» wird oftmals für göttlichen Beistand verwendet. Es geht also nicht um eine untergeordnete Hilfskraft. Diese Einschätzung des Menschen deckt sich mit der aristotelischen Definition des Menschen als eines geselligen Lebewesens (gr. zoon politikon; lat. animal sociale). Nach Darstellung unseres Textes ist die von Gott geschaffene Schöpfungsordnung geradezu fürsorglich auf diese menschliche Disposition hin gestaltet worden. Wie die so genannte Erste Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1­2,4a), in der der männlich und weiblich ausgeprägte Mensch als Abbild Gottes und letztes Schöpfungswerk vor dem Sabbat den höchsten Rang einnimmt und Herrschergewalt über die Erde erhält, ist somit auch die Zweite Schöpfungsgeschichte anthropozentrisch und insofern komplementär, als hier nicht die Herrschaft der Menschen, sondern die Beschaffenheit ihnen ebenbürtiger Helfer das Thema ist. Der Mensch erweist sich den Tieren gegenüber überlegen und Gott näher, weil er sprachbegabt ist und sie benennt. Gerade dieses Defizit der Tiere macht ihre Hilfe bzw. ihre Lebendigkeit unvollkommen. Andererseits hat der Mensch die Tiere im Orient durch Domestikation vielfältig in seinen Alltag eingebunden und sogar seine eigenen Kinder, speziell die Mädchen, nach ihnen benannt (Rahel: «Mutterschaf»; Lea: «Kuh»; Debora: «Biene»; Zippora: «Vogel»; Kaleb: «Hund»; Nachasch: «Schlängerich» usw.). Gerade diese täglich erlebte Nähe zwischen Mensch und Tier liess den ersten göttlichen Versuch, dem Menschen in den Tieren eine Hilfe zu geben, plausibel erscheinen.
Ein Widerspruch zur Ersten Schöpfungsgeschichte entsteht scheinbar dadurch, dass die Tiere in dieser Version nach dem Menschen erschaffen werden, doch die differenzierende Erkennung des «Erdlings» ('adam) als Mann ('isch) ist erst nach der Erschaffung Evas als Frau (wörtl. «Männin»; 'ischschah) möglich. Im Gegensatz zu Adam wird Eva nicht aus Erde geformt, in die Gott Atem blasen muss, damit sie sich belebt. Eva wird von Gott aus einem Knochenstück Adams zu einem lebendigen/belebenden Göttinnenbild ausgebaut (vgl. Kasten). Die Lebendigkeit muss ihr nicht eigens eingeblasen werden, sondern ist gleichsam Teil ihres Wesens, wie es der Name Eva (chawwa; wörtl. «Lebenspenderin») ja sagt. Der spezielle Erschaffungsakt Evas erklärt die enge Verwandtschaft zwischen Mann und Frau auf der anthropologischen und sprachlichen Ebene, die von Adam durch die klassische Verwandtschaftsformel (vgl. Ri 9,2) noch unterstrichen wird. Gleichzeitig erklärt der Mythos die männliche Sehnsucht nach Vereinigung mit der Frau («ein Fleisch sein») als eine Wiederherstellung seiner vormännlichen Ganzheit. Die geschlechtliche Differenzierung löste das Problem der Hilfe, schuf aber die Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit, denn sie war der Preis der Hilfe. Im Beischlaf ist das Dilemma der beiden Defizite für kurze Zeit aufgehoben.

Kirche: Die Frau, geschaffen für den Mann

Kirchenlehrer haben aus dieser Lesung abgeleitet, dass die Frau eine dem Mann von Natur aus untergeordnete Hilfe sei, nützlich zur Kinderzeugung, ein defizitärer Mensch, dass der Mann Ursprung und Ziel der Frau sei (Thomas von Aquin im Anschluss an Aristoteles; ST I q.93 a.4) usw. Dieses Erbe lastet noch immer auf weiten Teilen der Christenheit und wird vielfältig durch das liturgische Szenario repetiert. Mit dem Bibeltext hat diese Ansicht nichts gemein.

Welt: Geschlechterrollen

Geschlechterdifferenzierung ist ein notwendiger Aspekt des Menschseins, der lustvoll, aber auch schmerzhaft erlebt werden kann. Es ist die Aufgabe jeder Generation, dieses Verhältnis neu zu bestimmen. Hinter dem biblischen Ausdruck «ebenbürtige Hilfe» versteckt sich die Frage nach der Geschlechterrolle. In welcher Weise wirkt sich menschliche Hilfsbedürftigkeit auf männliche und weibliche Rollen aus? Noch immer am weitesten verbreitet ist hierzulande das Modell, wonach Frauen zunächst die Haupthilfe in der Familie bilden und nach dem Grosswerden der Kinder als billige Arbeitskräfte und Lückenbüsserinnen auf dem Arbeitsmarkt helfen, während männliche Biographien sich am Modell der organisch-erfolgreich sich entwickelnden Karriere orientieren und sich ganz in den Dienst der Wirtschaft stellen. Frauen kämpfen in diesem Modell mit schweren Identitätskrisen und Männer mit gefährlichen Stressymptomen. Volkswirtschaftlich gesehen ist es Nonsens (vgl. Lit.) und menschlich erst recht, besonders dann, wenn gewachsene Partnerschaften dadurch in Brüche gehen.

 

Literaturhinweis: Tobias Bauer, Die Familienfalle. Wie und warum sich die Familiensituation für Frauen und Männer unterschiedlich auf die Erwerbsbiographie auswirkt ­ eine ökonomische Analyse, Chur/Zürich 2000.


Die Frau aus der Rippe

«Oh du, meine Elfenbeinfigur, mein Glanzmetall!» «Sie ist eine Alabasterstatue auf einem Lapislazulipodest, eine lebendige/belebende Statuette voller Lieblichkeit und Anziehungskraft.» «Am Ort des Streites bin ich eine vollkommene Frau, eine lebendige/belebende Statuette.» «Meine reine Statuette, meine reine Statuette, süss ist dein Ausdruck!/Alabasterfigur, geschmückt mit dem Lapislazulidiadem, süss ist dein Ausdruck!» So und ähnlich wird in sumerischen Liebesliedern Inanna oder Dumuzi, die Geliebte oder der Geliebte beschrieben oder angesprochen, wobei mit «lebendiger/belebender Statuette» eine Götterstatuette gemeint ist, welche die Leben spendende Kraft der Gottheit vergegenwärtigen soll. Eben so erscheint den Verliebten ihr Gegenüber (vgl. Hld 5,9­16; SKZ 13­14/1999). Im ärmeren Palästina wurde statt Elfenbein oder Alabaster für die Herstellung von Göttinnenfigürchen gerne Knochen verwendet. Diese aufgrund der Materialvorgabe schlanken Figürchen mit enganliegenden Armen wurden in der Eisenzeit bei den Philistern als Amulette getragen, später in ganz Palästina/Israel. Das Motiv Evas, die aus einer Rippe (zalah) Adams von Gott zu einer lebendigen Statuette gebaut (banah) wird, kommt wahrscheinlich aus Mesopotamien. Nur dort werden die verwendeten Worte in ähnlichem Sinne gebraucht. Dort findet sich, wie die Liebesdichtung zeigt, auch die Vorstellung von der lebendigen/belebenden Statuette.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000