38/2000

INHALT

Lesejahr B

Amten und atmen

Thomas Staubli zu Num 11,25-29

 

Bibel: Mose wird demokratisiert

Die Tora überliefert nicht weniger als drei Varianten der Demokratisierung der Autorität, Macht und Verantwortung, die auf Mose (vgl. Kasten) ruhte, und zwar immer an bedeutender Stelle. In Ex 18,17­23, unmittelbar vor der grossen Gotteserscheinung am Sinai, ist es der midianitische Schwiegervater Jitro, der Mose den Rat gibt, das Volk im Gesetz zu unterrichten und unbestechliche Männer als Richter über tausend, hundert, fünfzig und zehn einzusetzen, während er sich selber nur mit unklaren Fällen, die Gott vorgelegt werden müssen, beschäftigen solle. Es gibt gute Gründe, in dieser Geschichte einen literarischen Reflex der Rechtsreformen unter Jehoschafat (vgl. 2 Chr 19,5ff.) zu sehen, der lokale Gerichte gründete. Diese Einrichtung wird gleich zu Beginn des Deuteronomiums (Dtn 1,9­18) bestätigt. Allerdings mit einer bezeichnenden Akzentverschiebung: Die Richter werden lokal gewählt und nur noch von Mose bzw. dem Obergericht bestätigt.
Noch weiter geht die in der Lesung enthaltene Reformmassnahme, die zu den jüngsten Schichten des Pentateuch gehört und damit nachexilische Themen reflektiert. Sie wird als JHWHs Reaktion auf die Klage des Mose dargestellt, der angesichts des Murrens des Volkes, das mitten in der Wüste Fleisch verlangt, mit seinen Nerven am Ende ist und sich den Tod wünscht (11,11­15). Die Überforderung Moses durch das Amt soll durch Verteilung der Verantwortung auf siebzig Männer (Älteste und Listenführer), die Mose persönlich bekannt sind, behoben werden (11,16f.). Die Zahl siebzig ist ein Hinweis darauf, dass das ganze Gottesvolk repräsentiert werden soll (vgl. Ex 24,1; Ez 8,11). Die Beamtung der Ältesten in Gestalt einer Geistübertragung (vgl. zur Prophetie 2 Kön 2,15 und zum Königtum Jes 11,2) ereignet sich vor dem Heiligtum. Gott erscheint in der Wolke und die Auserwählten sprechen prophetisch (nab'a). Dabei muss überhaupt nicht an eine ekstatische Verzückung gedacht werden, wie es EÜ insinuiert. Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, dass auch Eldad und Medad, zwei Männer, die aus irgendwelchen Gründen nicht zum Heiligtum gekommen sind, als Propheten auftreten. Josua möchte, dass Mose sofort einschreitet, doch dieser reagiert entgegengesetzt (ganz im Sinne von Joh 3,8): «Wenn nur das ganze Volk JHWHs zu Propheten würde!» Diese Episode richtet sich gegen Vertreter einer zu engen Auslegung politischer Kompetenzen. Fernziel ist eine Gemeinschaft, die keine Richter mehr braucht, weil alle die Gebote und die Achtung der Nächsten verinnerlicht haben, eine Gemeinschaft also, in der keiner mehr den andern belehrt (Jer 31,34).

Kirche: «Wer nicht gegen uns ist, ist für uns»

Es besteht kein Zweifel, dass die Geistverteilungsszene in der Wüste Sinai Lukas' Darstellung der Pfingstereignisse inspiriert hat (Apg 2,3). Die Eldad-Medad-Episode wird im Markusevangelium aktualisiert, wo Johannes die Rolle des Josua übernimmt und Jesus wie Mose reagiert, zugespitzt im Wort: «Wer nicht gegen uns ist, ist für uns» (Mk 9,38­41||Lk 9,49f.). Paulus mahnt schlicht: «Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles, und behaltet das Gute!» (1 Thess 5,19­21). Es ist unnötig darauf hinzuweisen, dass sich die gegenwärtige Kirchenleitung Moses Bereitschaft, von seinen Geistkompetenzen Teile abzutreten, offensichtlich nicht besonders zu eigen gemacht hat. Vielleicht aber trägt sie auf diese Art dazu bei, dass an der Basis neue kirchliche Gemeinschaften entstehen, in welchen der Geist, seinem anarchischen Wesen entsprechend, mehr Chancen hat, in den verschiedenen Begabungen der Menschen sichtbar und wirksam zu werden.

Welt: Geist oder Geld

Viele hängige Volksinitiativen in unserem Land zeigen an, dass es eine breite Palette von Interessengruppen im Volk gibt, die auf Veränderungen reagieren und sich politisch aktiv betätigen. Der Staat stellt mit Initiative und Referendum in der Tat Mittel zur Verfügung, die es ermöglichen, prophetischen Stimmen Gehör zu verschaffen. Die kapitalistische Einbettung und Durchdringung der politischen Institutionen sorgt allerdings auch oftmals dafür, dass nicht nach der prophetischen Stimme entschieden wird, sondern nach jenen, die ihre machtpolitischen Interessen mit Werbung und wirtschaftlichen Drohungen durchzusetzen verstehen. Diese Konkurrenzsituation zwischen demokratischer Politik und kapitalistischer Wirtschaftsweise führt dazu, dass in der Politik kaum noch konstruktiv über eine gemeinsame Zukunft diskutiert wird, sondern fast nur noch über die Lösung oder Linderung der durch die Wirtschaft geschaffenen Probleme nachgedacht wird.


Mose

Mose wird in der Bibel als Vermittler des göttlichen Gesetzes (Ex ­ Dtn), als Priester im Ausnahmefall (Lev 8), als Organisator (Num 1; 20,22­29), 27,12­23), Heerführer (Num 21; 31), Vermittler unter den Stämmen (Num 32), als Prophet, der sich für sein Volk einsetzt (Ps 106,23), und als demütiger Mensch (Num 12,3) beschrieben. Dabei ist er durchaus nicht bloss religiöser Übervater à la Sigmund Freud oder der souveräne Patriarch à la Hollywood. Die Bibel scheut sich nicht, ihn als Mensch mit Selbstzweifeln (Num 11,14), Selbstmitleid (Num 11,11.15), ja Gotteszweifeln (Num 11,21f.) darzustellen, der sogar so weit geht, sich selbst ein Wunder Gottes zuzuschreiben (Num 20,10f.), eine Sünde, die ihm die Eintrittskarte ins Gelobte Land kostet. Das steht übrigens in scharfem Kontrast zum Athener Gesetzgeber Solon, der als Halbgott verehrt wurde. Doch eine Mose-Biografie wird man mit all diesen Angaben trotzdem nicht schreiben können, und alle Versuche, den historischen Mann, den es einmal gegeben haben mag, mit Figuren, die aus der ägyptischen Geschichte bekannt sind, etwa gar mit dem monotheistischen Reformpharao Echnaton, zu identifizieren, bleiben höchst spekulativ. Gerade deshalb ist zu fragen: Wer oder was ist denn mit Mose gemeint? Als Gestalt mag Mose das Ideal des gottesfürchtigen Mannes darstellen. Darüber hinaus aber repräsentiert er Israels Rechtsinstitution, denn die mit seinem Namen verbundenen Gesetze sind nachweislich über Jahrhunderte hinweg und nicht in einem Menschenleben entstanden. Diese Rechtsinstitution lässt sich recht weit zurückverfolgen. Nach Mt 23,2 sitzen auf dem Stuhl des Mose die Schriftgelehrten und Pharisäer. Damit dürfte wohl der Sanhedrin gemeint sein. Er war die höchste politische, religiöse und rechtliche Instanz der Juden und Jüdinnen, Ansprechpartner fremder Könige und Entscheidungsinstanz in strittigen Fragen, bestehend aus 71 Männern. Seine biblische Grundlage sind die Einsetzung der 70 Ältesten nach Num 11 (vgl. Ex 18; Dtn 1,9ff.), aber auch das Zentralgericht nach Dtn 17. In nachexilischer Zeit wurde Esra (vgl. Esr 7) mit Zügen des Mose ausgestattet, allerdings immer in engem Bezug zum Volk, das die Entscheide mittragen musste (vgl. Esr 10,7ff.). Es ist das Modell der von den Phöniziern entwickelten und im ganzen mediterranen Raum sich ausbreitenden Polis mit Mitspracherecht der Bürger, das auch in Jerusalem wirksam wurde. Im Exil hatte das Volk, die Gemeinde, die Aufgabe des Mose selber zu tragen. Vor dem Exil war es das Jerusalemer Obergericht, das mit der Kompetenz und der Autorität des Mose Entscheidungen fällte, wenn die lokalen Gerichte einen Fall nicht lösen konnten und damit zugleich als Legislative neues Recht schuf (Dtn 17; 2 Chr 19). Dieses Gericht bestand aus Leviten, Priestern und Familienoberhäuptern und wurde, der Chronik zufolge, von König Joschafat (874­849 v. Chr.) zusammen mit den lokalen Torgerichten institutionalisiert.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000