37/2000

INHALT

Lesejahr B

Gott im Kind

Thomas Staubli zu Gen 21,1-21

 

Kirche: Jesus und die Kinder

Um dem unschönen Gerangel unter den Jüngern um ihren Rang ein Ende zu bereiten, nimmt Jesus im Evangelium ein Kind in die Arme, um zu zeigen, dass ein Mensch in seiner Nachfolge sich zum Diener der Kleinsten machen soll (Mk 9,30­37). Kinder bildeten noch unterhalb der Frauen das Ende der Sozialleiter im Alten Orient (vgl. Kasten). Andererseits ist gerade in ihnen Gott nahe. Gibt es zum Beispiel etwas Ansteckenderes und Frohmachenderes als Kinderlachen? Nur Schmerzen und unverheilte Verletzungen können dieses Lachen vergällen.

Bibel: Ismael und Isaak

Die tragische Geschichte der Halbbrüder Ismael und Isaak hat mit viel Gelächter angefangen. Als Erstes hat Sara gelacht, als ihr, der Neunzigjährigen, und ihrem Mann, dem Hundertjährigen, noch ein Kind verheissen wurde. Nicht laut heraus, nur still in sich hinein hat sie hinter dem Zelteingang gelacht, aber JHWH hat es gehört und sie darauf behaftet. Ihr Leugnen half nichts (Gen 18,10­15). Saras Schwangerschaft wird den Bibellesenden mit Sex-and-Crime-Storys verkürzt: die lüsternen Sodomiter und ihr Untergang; Lots wunderfitzige Frau erstarrt zur Salzsäule; Lot lässt sich im Rausch zum Inzest hinreissen, woraus die Moabiter und Ammoniter hervorgehen (die wohl eine ganz andere Geschichte ihrer Abstammung erzählt haben), und Sara wird einmal mehr (vgl. Gen 12,10­20) ­ diesmal hundertjährig und schwanger ­ in ein fremdes Harem geholt, aber mit Gottes Hilfe befreit.
Und dann: Tatsächlich, die Alte gebiert ein Kind. Abraham scheint Gottes Siegesgelächter im Himmel zu hören und nennt den Jungen «Er(Gott)-hat-gelacht» (jizchaq). Sara interpretiert den Namen anders: «Gott liess mich lachen; jeder, der davon hört (und schon mal was von Menopause gehört hat), wird mit mir lachen.» Die Milch fliesst, Sara stillt; stillt wohl, wie damals üblich, nach drei Jahren ab; Abraham veranstaltet ein grosses Fest; Übergänge muss man gebührend feiern, also auch die Entwöhnung, mit der ein Kind erbberechtigt wird. Da sieht Sara den jungen Ismael ­ sie selber meidet den Namen und spricht nur abschätzig vom «Sohn dieser Magd» (bän-ha'amah hasot) ­ beim Lachen (mözacheq; EÜ: umhertollen). Ihr wird schlagartig bewusst, dass er der Ältere ist und damit der Erbe. Der Gedanke, dass der Sohn ihrer Magd mehr zu lachen haben soll als ihr eigenes, von Gott zugelachtes Kind, ist ihr unerträglich. Sein Lachen verwandelt sich in ihr zu Hass. Sie verlangt von Abraham, dass die Magd und ihr Kind verstossen wird (garasch). Das Wort, ein Fachbegriff aus der Scheidungspraxis, zeigt, dass Hagar trotz Saras Bezeichnungen nicht mehr Sklavin war, sondern in den Stand einer Ehefrau Abrahams getreten war und Ismael dadurch Erbe Abrahams. Gott steht ganz auf Saras Seite, so dass der gerechte Abraham seine Skrupel überwindet und seine Magd/Frau verstösst. Damit verlässt Hagar Abrahams Haus zum zweiten Mal. Überhaupt hat der weitere Verlauf der Erzählung den Charakter eines Déjà-vu: Hagar flieht in die Wüste von Beerscheba und wartet auf ihren und des Kindes Tod. Gott hört das Kind schreien. Er lässt dessen Mutter durch einen Engel einen Brunnen zeigen. Auch wenn in den Details sich vieles ändert, so erinnert alles an die Erzählung von Hagars Flucht in Gen 16: Hagar, dort eine Leibmagd (schipchah), hier eine Sklavin ('amah), wird hier verstossen und geht nicht freiwillig; die Wüste hat jetzt einen Namen; der Brunnen erhält im Gegensatz zu Gen 16,14 keinen Namen, dafür eine Funktion als Lebensretter. Zwei Erzählvarianten scheinen durch die Gestaltung der Erzelternerzählung in ein anspielungsreiches Nacheinander gebracht worden zu sein (vgl. SKZ 7/1998). Die Geschichte ist eine Auslegung der Namen der beiden Kinder Abrahams. Gott lacht mit Isaak, der zum Erben Abrahams wird, aber er hört auch auf die Stimme Ismaels («Gott-hat-erhört») in der Not.

Welt: Kinderhilfswerke und das Hilfswerk der Kinder

In UNICEF, SOS-Kinderdörfern und vielen anderen Kinderhilfswerken haben die Kinder der Welt institutionelle Anwälte ihrer noch längst nicht durchgesetzten Rechte erhalten, die auf die Stimme ihrer Not hören. Viel älter als diese ist das Hilfswerk der Kinder selbst. Ohne ihr täglich erfahrbares Lachen, ihre Leidenschaftlichkeit, ihre kraftvolle Vergebungsfähigkeit, aber auch ihre Hartnäckigkeit und schelmische Listigkeit wäre ein zukunftsorientiertes Leben unvorstellbar.

 

Literaturhinweis: Hanna Mina, Bilderreste, Basel 1994. (Der Roman schildert die Geschichte einer Kindheit im Syrien der Zwanzigerjahre aus der Sicht eines Jungen.) Die Rechte des Kindes. Das Übereinkommen über die Rechte des Kindes verabschiedet von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York am 20. November 1989, Ravensburg 1994.


Kinder

Das hebräische Wort für Kind (jäläd) ist abgeleitet von gebären (jalad), also etwa «das Geborene». Das weist schon darauf hin, dass mit ihnen meistens Säuglinge und Kleinkinder gemeint sind, und dass ihnen insbesondere Wert als Nachkommen ihrer Eltern zukommt. Ein eigentliches Kindsalter mit unterschiedlichen Entwicklungsphasen oder gar eine stufengerechte Kindererziehung ist dem Alten Orient fremd. Ansätze dazu können in Kinderspielzeug, das bei Ausgrabungen gefunden wurde, gesehen werden. Auch scheinen deuteronomistische Kreise erste Überlegungen zur frühzeitigen religiös-politischen Erziehung von Kindern durch raffinierte Memotechniken angestellt zu haben (Dtn 6,7­9.20; 11,19f.). Am achten Tag werden männliche Kinder beschnitten (Lev 12,3), vom fünften Lebensjahr an (Lev 27,5) werden Jungen in den Arbeitsprozess der Väter, Mädchen in den der Mütter eingebunden. Zu ihren Arbeiten gehören niedere Tätigkeiten wie Holz sammeln (Jer 7,18). Im 13. Lebensjahr gelten sie als geschlechtsreif (Gen 17,25). Kinder sind ­ schlimmer noch als Frauen ­ in den biblischen Texten praktisch immer Objekte. Viele kamen tot zur Welt, starben bei der Geburt oder kurz danach. Kinder wurden als Versöhnungsgabe angeboten (Gen 33,1­5), in die Fremde verkauft (Gen 37,28), von Fremden gekauft (Lev 25,45), geraubt (Lev 26,22; Num 14,3), im Rahmen ethnischer Diskriminierung auch getötet (Ex 1,16; vgl. auch SKZ 14/2000). Dass es Kinderopfer gegeben hat, wie oft behauptet wird, ist hingegen unwahrscheinlich (vgl. SKZ 15­16/1998). Frauen (Mütter oder Ammen) stillten, wickelten, nährten und trugen Kinder, ein Image, das auch auf Gott übertragen werden konnte (vgl. SKZ 26/1998). Kinder werden gerne zusammen mit den Frauen in einem Atemzug genannt. In schlechten Zeiten mussten sie hungern (Ijob 24,5.12; Jer 18,21), erkrankten dann leicht, wurden mitunter aber von Schamanen geheilt (1 Kön 4; vgl. SKZ 24/1999). Als ihre von Gott verliehene Macht wurde ihre Stimme anerkannt (Ps 8,3; Ijob 24,12), die notfalls auch Feinde zu erweichen vermochte, wenn man die schreienden Kinder über die Mauern der belagerten Stadt hielt. Die Freude der Kinder (und Frauen) gehörte zur Kulisse grosser Anlässe (Neh 12,43). Das eigentliche Reich der Kinder war die Strasse. Jerusalems Strassen voll spielender Knaben und Mädchen ist ein Hoffnungsbild Sacharjas (Sach 8,5).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000