36/2000

INHALT

Lesejahr B

Im Meer der Völker

Thomas Staubli zu Ps 2

 

Kirche: Das Messiasbekenntnis

Der Evangeliumstext, das so genannte Messiasbekenntnis (Mk 8,27­35), leitet innerhalb des Markusevangeliums eine Wende ein. Bis dahin trug Jesus die Botschaft vom Reich Gottes durch Worte und Taten immer weiter in die Welt hinaus. Vom Moment an, wo ihn seine engsten Freunde als Messias erkennen, wendet er sich Jerusalem zu, wo er als Märtyrer sterben wird. Der Umschwung ereignet sich in der Gegend von Cäsarea Philippi, dem am weitesten von Jerusalem entfernt liegenden Ort, den Jesus nach Markus besucht hat. Die Tetrarchie des Herodessohnes Philippus zeichnete sich durch ethnische Vielgestaltigkeit aus. Judäer, Nabatäer/Araber, Aramäer/Syrer, Syrophönizier, Griechen und Römer handelten und lebten hier neben- und miteinander. In diesem multikulturellen Klima entstanden messianische Zellen, die für die spätere Bekehrung Pauli und damit für die Entstehung des Christentums entscheidend sein werden (vgl. Apg 9). Der geographische Kontext des Messiasbekenntnisses verweist damit auf ein zentrales biblisches Thema. Die Weisen Israels haben sich von jeher mit der Frage auseinandergesetzt, in welchem Verhältnis ihr Volk zu andern Völkern steht. Das war für das kleine Volk von existenzieller Bedeutung.

Bibel: Die Bändigung der tobenden Völker durch den König

Das Thema beherrscht denn auch je einen der beiden Ein- und Ausgänge des Psalters. Geht es in Pss 1 und 150 um die Beziehung Mensch­Kosmos, so in Pss 2 und 149 um das Verhältnis zwischen Israel und den Völkern. Ps 2, einer der am häufigsten zitierten Texte im Neuen Testament, klärt es im Rahmen der Königstheologie, die den ersten, um 300 v. Chr. zusammengestellten Teil des Psalters beherrscht. Dabei greift er den neuen griechischen Machthabern, die den Orient mit damals modernster Waffengewalt eroberten, zum Trotz auf alte einheimische Themen der Herrscherrhetorik zurück.
Der Psalm hat vier Teile. Die äusseren (1 und 4) sind durch die Thematik der Völker miteinander verbunden, die inneren (2 und 3) durch die des Königtums. 1. Die Rebellion der Völker (2,1­3): Die «Völker und Nationen» (EÜ; vgl. aber Kasten) werden permanent durch JHWH in Schach gehalten. Sie stellen für den Psalmisten wie das Meer ein lebensfeindliches, chaotisches Element dar, das den Aufstand gegen JHWH und seinen gesalbten König plant (vgl. Ps 76,7­9 u.o.). 2. Die Reaktion des himmlichen Königs (2,4­6): Der souveräne Gott kann darüber nur lachen (vgl. Ps 37,13; 59,9; 104,26; Weish 4,18). Sein Machtwort gegenüber den Aufständischen konkretisiert sich im König auf dem Zion, seinem wirkmächtigen Sachwalter. 3. Die Macht des Königs auf dem Zion (2,7­9): Der König selber verkündet JHWHs Beschluss. Im Moment der Inthronisation als König («heute») wird er durch Gott gezeugt. Wir würden vielleicht sagen «adoptiert». Als Erstgeborener mit allen Pflichten ist er auch Erbe mit allen Rechten. 4. Die Aufforderung an die Völker, JHWH zu dienen (2,10­12): Der Psalm hat in der hebräischen und griechischen Lesart je unterschiedliche Schlüsse. In der Masora steht: «Jubelt mit Zittern; küsset den Sohn.» In der Septuaginta: «Jauchzt ihm zu mit Beben; ergreifet die Lehre.» Der weisheitlich-versöhnliche Schluss des ansonsten martialischen Psalms wird in der griechischen Fassung stark Richtung Torafrömmigkeit hin ausgelegt und damit dem Gedankengang im korrespondierenden Ps 149 bereits angepasst (so auch Weish 6,1­21; vgl. SKZ 43/1999).

Welt: Bändigung durch Integration

So betrachtet ist im Psalm bereits die Vision einer Völkergemeinschaft angelegt, die einem Gott huldigt und sein Gesetz lernt und lehrt. Die Völker bändigen ihren Widerspruchsgeist selber, indem sie auf Gottes friedliches Weltprojekt hin sich wechselseitig integrieren. Diese Integrationsarbeit wird auf internationaler Ebene in der Entwicklung des Rechts und im Kleinen von unzähligen Menschen geleistet, die im Geist der Toleranz ihren Mitmenschen Raum geben.

 

Literaturhinweis: Frank-Lothar Hossfeld/Erich Zenger, Die Psalmen. Psalm 1­50, (Die Neue Echter Bibel 29), Würzburg 1993.


«Völker und Nationen» (gojim; 'ammim)

Juda liegt im Schnittbereich dreier Kontinente (Afrika, Europa, Asien) an einem verkehrsgeographischen Knotenpunkt, jedoch nicht im Bereich der grossen Küstenstädte, sondern im schwerer zugänglichen Gebirgsland. Diese eigentümliche Mischung aus Zentrum und Peripherie hat das judäische Verhältnis zur Völkerwelt stark geprägt. Man war sich in hohem Grade bewusst, eines unter vielen Völkern zu sein (vgl. SKZ 2/1999). Hatte JHWH Israel aus Ägypten heraufgeführt, so die Philister aus Kaftor (Kreta) und die Aramäer aus Kir (Abhang des Taurus?; Amos 9,7). Neben diesen «kleinen» Völkern gab es die Grossmächte Ägypten und Assur/Babylon, die sich in der Levante aufrieben und nebst Hungersnöten und Seuchen dazu beitrugen, dass dem Land Palästina/Israel das Image der Menschenfresserin anhaftete (Num 13,32; Ez 36,13f.). Wurden in Ägypten die Namen von feindlichen Fremdmächten auf Tonkrüge geschrieben, die anschliessend durch den Pharao vor einer Gottheit als Zeuge mit dem königlichen Zepter rituell zerschlagen wurden, so wurde im Orakel solche Kraft dem judäischen König verheissen. Von den fremden Völkern hoffte man, dass sie von JHWH gefesselt und gebändigt werden (Ps 2), wie es auch ägyptische Bilder zum Ausdruck bringen, oder dass sie durch Israels Gotteslob gleichsam gebunden und dem göttlichen Gericht überantwortet werden (Ps 149,6­9). Ja man konnte sich sogar vorstellen, dass die Völker zum Zion pilgern, um sich dort von JHWH belehren zu lassen (Jes 2,2­5||Mi 4,1­5; vgl. SKZ 47/1998) und dabei ihren Tribut leisten (Jes 60; vgl. SKZ 1/1998).
Ist von den Völkern als Fremden und Andersartigen die Rede, wird vor allem der Begriff gojim verwendet, der bezeichnenderweise meistens im Plural steht. Er taucht wahrscheinlich schon in den Texten von Mari auf (amorit. gawum; um 1800 v. Chr.), wo er bestimmte politische oder soziale Volksgruppen bezeichnet. Heute bedeutet das Wort soviel wie «Nichtjuden». Das Wort 'am meint ursprünglich und noch heute im Arabischen den Onkel väterlicherseits. Im erweiterten Sinne bezeichnet es alle Stammesverwandten, ja ein ganzes Volk. Es ist in der Bibel häufiger im Singular anzutreffen. Gojim und 'am bilden somit so etwas wie die Aussen- und die Innenperspektive derselben Sache. Die Verbindung von gojim und 'ammim (bzw. 'ummim wie in Ps 2,1) ist der typisch semitische Versuch, die beiden Aspekte in einer Wendung zu verbinden, die die gesamte Menschheit im Blick hat. Die Übersetzung «Völker und Nationen» in EÜ ist ein etwas missverständlicher und anachronistischer Behelf. Nationen gibt es erst seit der Französischen Revolution (1789).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000