36/2000 | |
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Lesejahr B |
Der Evangeliumstext, das so genannte Messiasbekenntnis (Mk 8,2735), leitet innerhalb des Markusevangeliums eine Wende ein. Bis dahin trug Jesus die Botschaft vom Reich Gottes durch Worte und Taten immer weiter in die Welt hinaus. Vom Moment an, wo ihn seine engsten Freunde als Messias erkennen, wendet er sich Jerusalem zu, wo er als Märtyrer sterben wird. Der Umschwung ereignet sich in der Gegend von Cäsarea Philippi, dem am weitesten von Jerusalem entfernt liegenden Ort, den Jesus nach Markus besucht hat. Die Tetrarchie des Herodessohnes Philippus zeichnete sich durch ethnische Vielgestaltigkeit aus. Judäer, Nabatäer/Araber, Aramäer/Syrer, Syrophönizier, Griechen und Römer handelten und lebten hier neben- und miteinander. In diesem multikulturellen Klima entstanden messianische Zellen, die für die spätere Bekehrung Pauli und damit für die Entstehung des Christentums entscheidend sein werden (vgl. Apg 9). Der geographische Kontext des Messiasbekenntnisses verweist damit auf ein zentrales biblisches Thema. Die Weisen Israels haben sich von jeher mit der Frage auseinandergesetzt, in welchem Verhältnis ihr Volk zu andern Völkern steht. Das war für das kleine Volk von existenzieller Bedeutung.
Das Thema beherrscht denn auch je einen der beiden Ein- und Ausgänge
des Psalters. Geht es in Pss 1 und 150 um die Beziehung MenschKosmos,
so in Pss 2 und 149 um das Verhältnis zwischen Israel und den Völkern.
Ps 2, einer der am häufigsten zitierten Texte im Neuen Testament, klärt
es im Rahmen der Königstheologie, die den ersten, um 300 v. Chr. zusammengestellten
Teil des Psalters beherrscht. Dabei greift er den neuen griechischen Machthabern,
die den Orient mit damals modernster Waffengewalt eroberten, zum Trotz auf
alte einheimische Themen der Herrscherrhetorik zurück.
Der Psalm hat vier Teile. Die äusseren (1 und 4) sind durch die Thematik
der Völker miteinander verbunden, die inneren (2 und 3) durch die des
Königtums. 1. Die Rebellion der Völker (2,13): Die «Völker
und Nationen» (EÜ; vgl. aber Kasten) werden permanent durch JHWH
in Schach gehalten. Sie stellen für den Psalmisten wie das Meer ein
lebensfeindliches, chaotisches Element dar, das den Aufstand gegen JHWH
und seinen gesalbten König plant (vgl. Ps 76,79 u.o.). 2. Die
Reaktion des himmlichen Königs (2,46): Der souveräne Gott
kann darüber nur lachen (vgl. Ps 37,13; 59,9; 104,26; Weish 4,18).
Sein Machtwort gegenüber den Aufständischen konkretisiert sich
im König auf dem Zion, seinem wirkmächtigen Sachwalter. 3. Die
Macht des Königs auf dem Zion (2,79): Der König selber verkündet
JHWHs Beschluss. Im Moment der Inthronisation als König («heute»)
wird er durch Gott gezeugt. Wir würden vielleicht sagen «adoptiert».
Als Erstgeborener mit allen Pflichten ist er auch Erbe mit allen Rechten.
4. Die Aufforderung an die Völker, JHWH zu dienen (2,1012): Der
Psalm hat in der hebräischen und griechischen Lesart je unterschiedliche
Schlüsse. In der Masora steht: «Jubelt mit Zittern; küsset
den Sohn.» In der Septuaginta: «Jauchzt ihm zu mit Beben; ergreifet
die Lehre.» Der weisheitlich-versöhnliche Schluss des ansonsten
martialischen Psalms wird in der griechischen Fassung stark Richtung Torafrömmigkeit
hin ausgelegt und damit dem Gedankengang im korrespondierenden Ps 149 bereits
angepasst (so auch Weish 6,121; vgl. SKZ 43/1999).
So betrachtet ist im Psalm bereits die Vision einer Völkergemeinschaft angelegt, die einem Gott huldigt und sein Gesetz lernt und lehrt. Die Völker bändigen ihren Widerspruchsgeist selber, indem sie auf Gottes friedliches Weltprojekt hin sich wechselseitig integrieren. Diese Integrationsarbeit wird auf internationaler Ebene in der Entwicklung des Rechts und im Kleinen von unzähligen Menschen geleistet, die im Geist der Toleranz ihren Mitmenschen Raum geben.
Literaturhinweis: Frank-Lothar Hossfeld/Erich Zenger, Die Psalmen. Psalm 150, (Die Neue Echter Bibel 29), Würzburg 1993.
Juda liegt im Schnittbereich dreier Kontinente (Afrika, Europa, Asien)
an einem verkehrsgeographischen Knotenpunkt, jedoch nicht im Bereich der
grossen Küstenstädte, sondern im schwerer zugänglichen Gebirgsland.
Diese eigentümliche Mischung aus Zentrum und Peripherie hat das judäische
Verhältnis zur Völkerwelt stark geprägt. Man war sich in
hohem Grade bewusst, eines unter vielen Völkern zu sein (vgl. SKZ 2/1999).
Hatte JHWH Israel aus Ägypten heraufgeführt, so die Philister
aus Kaftor (Kreta) und die Aramäer aus Kir (Abhang des Taurus?; Amos
9,7). Neben diesen «kleinen» Völkern gab es die Grossmächte
Ägypten und Assur/Babylon, die sich in der Levante aufrieben und nebst
Hungersnöten und Seuchen dazu beitrugen, dass dem Land Palästina/Israel
das Image der Menschenfresserin anhaftete (Num 13,32; Ez 36,13f.). Wurden
in Ägypten die Namen von feindlichen Fremdmächten auf Tonkrüge
geschrieben, die anschliessend durch den Pharao vor einer Gottheit als Zeuge
mit dem königlichen Zepter rituell zerschlagen wurden, so wurde im
Orakel solche Kraft dem judäischen König verheissen. Von den fremden
Völkern hoffte man, dass sie von JHWH gefesselt und gebändigt
werden (Ps 2), wie es auch ägyptische Bilder zum Ausdruck bringen,
oder dass sie durch Israels Gotteslob gleichsam gebunden und dem göttlichen
Gericht überantwortet werden (Ps 149,69). Ja man konnte sich sogar
vorstellen, dass die Völker zum Zion pilgern, um sich dort von JHWH
belehren zu lassen (Jes 2,25||Mi 4,15; vgl. SKZ 47/1998) und dabei
ihren Tribut leisten (Jes 60; vgl. SKZ 1/1998).
Ist von den Völkern als Fremden und Andersartigen die Rede, wird vor
allem der Begriff gojim verwendet, der bezeichnenderweise meistens im Plural
steht. Er taucht wahrscheinlich schon in den Texten von Mari auf (amorit.
gawum; um 1800 v. Chr.), wo er bestimmte politische oder soziale Volksgruppen
bezeichnet. Heute bedeutet das Wort soviel wie «Nichtjuden».
Das Wort 'am meint ursprünglich und noch heute im Arabischen den Onkel
väterlicherseits. Im erweiterten Sinne bezeichnet es alle Stammesverwandten,
ja ein ganzes Volk. Es ist in der Bibel häufiger im Singular anzutreffen.
Gojim und 'am bilden somit so etwas wie die Aussen- und die Innenperspektive
derselben Sache. Die Verbindung von gojim und 'ammim (bzw. 'ummim wie in
Ps 2,1) ist der typisch semitische Versuch, die beiden Aspekte in einer
Wendung zu verbinden, die die gesamte Menschheit im Blick hat. Die Übersetzung
«Völker und Nationen» in EÜ ist ein etwas missverständlicher
und anachronistischer Behelf. Nationen gibt es erst seit der Französischen
Revolution (1789).