35/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Grosse Gebiete unseres Planeten sind durch Erosion und Versteppung bedroht. Abholzungen im grossen Stil, Raubbau an den Grundwasserreserven und die Klimaveränderung gehören zu den Ursachen. Weitblickende Menschen beteiligen sich daher heute tat- und finanzkräftig an Waldrettungs- und Wiederaufforstungsprojekten. Die nächste Generation wird es ihnen danken.
Was ein Leben in der Wüste bedeutet, weiss man in den Ländern
des so genannten Fruchtbaren Halbmondes. Diese schlechtere Alternative steht
den Menschen dieses Wüstenrandgebietes ständig vor Augen. Ein
bewässerter Garten ist der Inbegriff von Segen, die Wüste hingegen
steht für den Tod. Auf diesem Hintergrund ist die Lesung, eine enthusiastische
Werbung für die Rückkehr der Judäer/Judäerinnen nach
Jerusalem, zu verstehen.
Das kunstvoll gestaltete Gedicht mit seinen vielfältigen Bezügen
zu den Themen der Zweiten und Dritten Jesajas (Wüste, Strasse, fruchtbares
Land, Ahndung Gottes, Erscheinen Gottes, Erlösung, Zion) ist das erst
von der Endredaktion gestaltete Finale der ältesten, unter dem Namen
Jesajas überlieferten Sprüche. Zusammen mit Jes 34 bildet es ein
Diptychon. Dem schaurigen Bild des Völkergerichts, exemplifiziert an
Edom, wird die Erlösung der Schwachen gegenübergestellt. Wird
dort die bewohnte Welt zu einer Wüste, in der Dämonen und Geister
ihr Unwesen treiben (vgl. Kasten), so hier die Wüste zu einem paradiesischen
Garten, durch den die Prozessionsstrasse zum Zion führt. Zwischen dieses
Finale und Deuterojesaja wurde ein geschichtlicher Anhang zu den Ereignissen
rund um Sanheribs Feldzug gegen Jerusalem eingeschaltet.
Das Gedicht hat eine symmetrische Struktur:
A: Verwandlung der Wüste in einen Garten (12)
B: Wiederherstellung der Menschen (34a)
X: Gottes Ahndung (4b)
B': Wiederherstellung der Menschen (56a)
A': Verwandlung der Wüste in einen Garten (6b7)
C(oda): Heiliger Weg für die Erlösten (810)
Zu A/A': Der mit vielfältigen Begriffen charakterisierten Wüste wird die Verwandlung in einen paradiesischen Garten verheissen. Die genannte Blume (chavazzälät; nur noch in Hld 2,1; EÜ: Lilie) muss auffällig gewesen sein, ist aber nicht genau identifizierbar (evtl. Asphodelus microcarpus oder Pancratium maritimum); Libanon, Karmel und Scharonebene (beim heutigen Hadera, südlich des Karmel) stehen für besonders üppige Landschaften der Levante. Die Pracht der ausbrechenden Vegetation wird als göttlicher Glanz (kavod-JHWH) gedeutet. Quellen inmitten von Wüsten bilden die Lebensgrundlage wichtiger Städte im Vorderen Orient, wie im Fall von Damaskus, Jericho oder Tadmor (Palmyra). Zu B/B': Wie schon in der älteren Vision von der Erweckung der Totengebeine (Ez 37; vgl. SKZ 10/1999) wird die Regeneration der Exilierten und Schwachen im ganz physischen Sinne aufgefasst. Nacheinander werden Hände, Knie, Herz (nimharei-lev; wörtlich «die mit verheddertem Herzen»; EÜ: «die Verzagten»), Augen, Ohren und Zunge genannt. Zu X: In der Mitte des Gedichts wird auf das Erscheinen Gottes hingewiesen, der Ahndung (naqam) und Vergeltung (gamul) bringt, nun nicht mehr negativ als Gericht an den Völkern (vgl. 34,8), sondern positiv als Heilung der Leiden ihrer Opfer. Zu C(oda): Das Motiv der Prozessionsstrasse rahmt auch das Werk der Zweiten Jesajas (Jes 40,111/vgl. SKZ 47/1999 und Jes 55,613/SKZ 2627/1999). Schlüsselwort ist die Freude (simchah), die die Köpfe umstrahlt, womit das körperlich fühlbare Erlösungswerk JHWHs seinen Höhepunkt findet.
Das Bild von der Strasse und dem Garten wurde im christlichen Schrifttum fortgeführt und beschliesst die Heilige Schrift (Offb 22,2). Es schmückt gleichermassen Synagogen, Kirchen und Moscheen (z.B. die Omayadenmoschee in Damaskus). Auf diese ökumenische Vision hin lässt sich leben.
Viele Europäer/Europäerinnen verbinden die Bibel heute noch mit Sandwüstenromantik. Für die Menschen Palästinas/Israels ist die Wüste jedoch weder ein Sandmeer noch ein behaglicher Ort. Zu den Wüsten Palästinas/Israels gehören die judäische Wüste, die Aravah zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Elat sowie der Negev, der sich südlich von Beerscheba zum Sinai hin erstreckt. Der Charakter dieser Trockenzonen ist, der stark gegliederten Topografie entsprechend, äusserst vielgestaltig. Hügelige Geröllwüsten, tief eingeschnittene Schluchten, steppenartige Ebenen, windige Hochplateaus, bunte Gebirgszüge und sandige Dünen wechseln sich auf engem Raum ab. Diese Situation widerspiegelt sich in den hebräischen Wörtern durch eine Vielzahl von Synonymen, die in prophetischen Texten (wie Jer 35,1; vgl. Jer 2,67; Zef 2,1315) gerne gehäuft verwendet werden, um den Schrecken der Wüste hervorzuheben, wobei das Hauptwort midbar nie fehlt. Im Frühjahr können, je nach Winterregen, weite Teile dieser Gebiete in extensiver Viehzucht über Wochen hin beweidet werden. Die abgelegenen Weidegründe sind dann Treffpunkte der Verliebten (Hld 3,6; 8,5). Im Übrigen aber ist die Wüste ein abschreckender Nichtort, wie das Meer im Zustand des Chaos (Dtn 32,10; Jes 63,13; Ps 78,15; 107,35), wie Sodom verflucht von Gott wegen menschlicher Vergehen (Jes 64,9; Jer 22,6; Hos 2,5; Zeph 2,13; Mal 1,3). Im Sommer glüht sie vor Hitze, im Winter können unberechenbare Fluten die Wadis in Gräber verwandeln. In ihr wimmelt es von Spukgeistern wie den jemim (Gen 36,24), den 'ijjim und zijjim (Jes 13,21f.; 34,14; 50,39). Hier wohnt die Nachthexe lilit (Jes 34,14) und tanzen die «Haarigen» (sö'irim; Jes 13,21), darunter der Bocksdämon 'asa'sel, dem alljährlich die Sünden der Israeliten geschickt werden (Lev 16; vgl. SKZ 36/1999). Die Charakterisierung der Wüste als unheimliches Territorium des Grauens und Todes findet sich auch in Ägypten, wo Wüsten das fruchtbare Niltal begrenzen und wo sich auch die Nekropolen befinden. «O Atum», klagt Osiris, «was soll es, dass ich zur Wüste des Totenreiches dahineilen soll? Sie hat kein Wasser, sie hat keine Luft, sie ist ganz tief, ganz finster, ganz unendlich!» (Totenbuchspruch 175,15). Schlangen, Esel, Schakale und Hunde als typische Wüstenbewohner gehören in Äygpten zu den eher dämonischen Tieren. Ausserdem dichtet man der Wüste, ähnlich wie dem Meer, allerhand Fabelwesen an. Auch im ugaritischen Mythos wird die Wüste der Unterwelt gleichgesetzt. Ihr Herr ist Mot («Tod»), der Gegenspieler Baals; in der babylonisch-assyrischen Mythologie ist es die Schwester des Tammuz, «Herrin der Wüste» und «Tafelschreiberin der Hölle». Die Bewohner der Wüste, die Nomaden, sind in den Augen der Bauern suspekt und kulturlos, ja erscheinen wie die Steppe und ihr wildes Getier als Feinde der Kultur (vgl. Zef 2,1315; Jes 13,1922a). Gerne werden der Wüste die Berge (Judas) gegenübergestellt, die Schutz bieten, fruchtbar sind, vor Most triefen und von Milch überfliessen (Joël 4,18f.) Der Zionsberg ist ein Ort der Zuflucht in der «Völkerwüste» (Ez 20,35f.40). Entsprechend erscheint der rettende JHWH beim Auszug der Hebräer/Hebräerinnen durch die Wüste Sinai am Berg Sinai. Auf dem Hintergrund der Wüstensymbolik wird besonders deutlich, dass der Exodus als Schöpfungsgeschichte gelesen werden kann. Andererseits ist die Wüste Zufluchtsort von Rebellen und Ausgestossenen, denen sich die biblische Tradition eng verbunden fühlt (Kain, Hagar, Mose, David, Elija).