33-34/2000

INHALT

Lesejahr B

Selbstverpflichtung vor Gott

Thomas Staubli zu Jos 24

 

Welt: Friede durch Verträge

Das Ende grosser Auseinandersetzungen wird in der Regel durch einen Vertrag zwischen den Konfliktparteien besiegelt. Die Beschlüsse werden in ein Buch geschrieben und von den Vertragspartnern feierlich unterzeichnet. Ein Gedenkstein wird errichtet, der an den historischen Moment erinnert. Der Name des Ortes verbindet sich auf Generationen hinaus mit dem Ereignis, ja er wird in gewisser Weise zu seinem Symbol. Verdun, Meersen und Ribemont stehen für die vertragliche Aufteilung des Karolingerreiches. Brüssel, Schengen und Maastricht stehen für die Unierung Europas. Nicht immer garantieren Verträge den Frieden. Schlechte, ungerechte Verträge sind sogar Anlass zu neuem Krieg wie jener 1919 in Versailles unterzeichnete. Und nicht immer garantiert der gute Name eines Ortes für fortlaufenden Erfolg, wie der Versuch eines zweiten Camp David mit Israel und Palästina gezeigt hat. Friede kann durch nichts erzwungen werden, sondern muss von innen wachsen.

Bibel: Im Heiligtum von Sichem

Der Vertrag ist eine der grossen politischen Errungenschaften, die wir dem Orient verdanken. Dieses gewaltfreie Mittel der Konfliktregelung wurde in dafür spezialisierten Heiligtümern auf hohem Niveau kultiviert (vgl. SKZ 46/1998). Das berühmteste Heiligtum für Vertragsschlüsse in Palästina lag in Sichem (vgl. Kasten), einer Passstadt, die, eingeklemmt zwischen den beiden markanten Bergen Ebal und Garizim, geradezu zur Verbindung zweier Welten prädestiniert zu sein schien. In diesem Heiligtum spielte sich dem deuteronomistischen Geschichtswerk zufolge das Finale der Landnahme ab. Hier werden die Fäden der in den ersten sechs Büchern des biblischen Kanons dargestellten, bewegten Geschichte Israels zusammengeknotet, wenn auch bloss literarisch; denn: 1. dass das Buch Josua eine frühestens im babylonischen Exil entstandene, idealtypische Vorstellung der Rückeroberung des Landes, seiner Verteilung und Ausmasse darstellt, ist literaturhistorisch so gut wie bewiesen; 2. die Eroberungsberichte wurden durch die Archäologie als Erklärungssagen für viel ältere Ruinen im Land zur höheren Ehre Josuas, Israels und JHWHs entlarvt; 3. zur Zeit der Abfassung von Jos 23f. war das Heiligtum von Sichem nur eine altehrwürdige Ruine, aber der mächtige Heilige Baum stand noch immer und auch alte Masseben dürften noch sichtbar gewesen sein.
Mit der Abschlussnotiz in Jos 21,43­45 ist die Geschichte des Josuabuches eigentlich zu Ende. Was folgt sind ein Anhang zu den Ostjordanstämmen und eine der Moseabschiedspredigt nachgestaltete Rede Josuas, deren erster Teil sich an die Verantwortlichen der Politik richtet, während der zweite Teil, unsere Perikope, eine Ansprache an das in Sichem versammelte Volk darstellt. Josua zählt wie schon Mose alle geschichtlichen Grosstaten JHWHs auf. Das Volk verpflichtet sich, um den eifersüchtigen Charakter JHWHs wissend, nur ihm und keinem anderen Gott zu dienen. Dafür ist es sich selbst Zeuge. Es wird im Falle eines Bundesbruches also gegen sich selber aussagen müssen. Wie als zusätzliche Versicherung wird im erzählenden Beschluss aber auch ein grosser Stein unter der Eiche von Sichem als Zeuge aufgerichtet. So konstituiert sich das kulturelle Gedächtnis Israels nicht nur durch mündliche Überlieferung, sondern auch durch monumentale Erinnerung im Angesicht des im Baum gegenwärtigen Heiligen.

Kirche: Von Südafrika lernen

Wo Kirche lebendiges Zeugnis abzulegen bereit ist, kann sie bis heute Raum, Strukturen und Erfahrungen bieten für nationale und internationale Bundesschlüsse und Versöhungsprozesse. Voraussetzung dafür ist heute eine ökumenische Offenheit, die nicht nur über Konfessionen, sondern auch über Religionen hinausreicht. In Südafrika können wir dafür vieles lernen.

 

Literaturhinweis: Karl Jarosch, Sichem, (Orbis Biblicus et Orientalis 11), Freiburg (CH)/Göttingen 1976.


Sichem

Sichem liegt auf dem Pass einer wichtigen West­Ost-Verbindung in Palästina, die über das Wadi Far'a weiter zur Jordanfurt bei Sukkot führt. Der hebräische Name (schökäm) bedeutet denn auch «Rücken». Ägyptische Quellen erwähnen die strategisch bedeutsame Stadt schon ab dem 19. Jh. v. Chr. Sie besass eine mächtige Mauer und spätestens seit 1650 v. Chr. auch einen festungsartigen Tempel, der mit einem «Gott/Herr des Bundes» ('el/ba'al börit; vgl. Ri 9,4.46) verbunden war. Im heiligen Bezirk stand ein mächtiger Baum (Gen 35,4; Jos 24,26), dessen noch in der arabischen Bezeichnung des Ortes, Tell Balata («Ruinenhügel der Gotteseiche») gedacht wird. Die Ausgrabungen haben grosse Steinmale (Masseben) aus verschiedenen Epochen zutage gefördert, die von Jos 24,27 als Bundeszeugnisse gedeutet werden. Zwischen den alteingesessenen Stadtbewohnern und der Bevölkerung des Umlandes gab es vielfältige, teilweise spannungsvolle Beziehungen. Die Landbevölkerung sucht das Heiligtum von Sichem auf. Unter dem heiligen Baum und auf Altären vollzieht sie traditionelle Riten, an die man sich später im kollektiven Gedächtnis Israels im Rahmen der Erzelternerzählungen erinnert. Die städtische Aristokratie mit ihren permanenten Zentralisierungs- und Expansionsgelüsten und den in ihren Augen frivolen Sitten betrachtet sie aus föderalistischer Perspektive mit Misstrauen, hält sie aber gleichzeitig für naiv (Gen 34; Ri 9). Tatsächlich entstehen unter Abimelech in Sichem erste Ansätze eines israelitischen Königtums und die Stadt wird nach dem Ende der judäischen Hegemonie im 10. Jh. politisches Zentrum der Nordstämme Israels (1 Kön 12), allerdings nur für kurze Zeit. Nach der Eroberung Sichems durch Pharao Schischak I. (926/25 v. Chr.) geht diese Ehre auf das ostjordanische Penuël, dann auf Tirza im Wadi Far'a und schliesslich auf Samaria im unzugänglichen Hügelland, nördlich von Sichem, über. Die Stadt Sichem wird wie Samaria von den Assyrern zerstört. In persischer und hellenistischer Zeit kann sich in Sichem ein neuer Stadtstaat mit einem Kultzentrum auf dem Garizim etablieren, der von Jerusalem als massive politische und religiöse Konkurrenz empfunden und im letzten Viertel des 2. Jh. v. Chr. unter der Führung von Johannes Hyrkan I. bekriegt und zerstört wird. Die Bevölkerung lebt teilweise im benachbarten Dorf Sychar weiter (vgl. Joh 4). Nach der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) wird die Stadt in der Nähe der alten Ruinen unter dem Namen Flavia Neapolis (heute arab. Nablus) durch Vespasian neu gegründet.


Gottesnähe

Thomas Staubli zu Dtn 4,1-8

 

Bibel: Gottes Nähe im Gesetz

Das wohl eigenartigste jüdische Fest im wahrsten Sinn des Wortes ist Simchat Tora, «Freude an der Tora», das gefeiert wird, wenn die Torarolle am Ende des Laubhüttenfestes feierlich zurückgerollt wird, um bereit zu sein für die folgende lectio continua an den Sabbaten des neuen Jahres. Israels Erntefeste (Pessach, Schawuot, Sukkot), das Versöhnungsfest oder das Neujahrsfest wurden zwar nachträglich eng mit der Geschichte Israels verzahnt, doch gibt es für alle religionsgeschichtliche Parallelen in Fülle. Aber ein Fest, bei dem die Männer mit einer Buchrolle in den Armen wie mit einer Braut ekstatisch zu volkstümlicher Musik tanzen, scheint ein Unikum zu sein. Nicht zufällig ist dieses Fest unter den russischen Juden zur Zeit der Sowjetunion zum Tag der öffentlichen Demonstration ihrer Eigenart als Minderheit im Land geworden.
Die enge Verbindung von Gottesfurcht und Rechtsgelehrsamkeit, die sich in Juda und speziell im babylonischen Exil herausgebildet hatte, ist dem wesentlich dadurch konstituierten Judentum früh selbst bewusst geworden. Der sonntägliche Lesungstext ist wohl einer der ältesten Belege für das sich herausbildende Bewusstsein des Judentums als einer Buchreligion. Im Kontext des kunstvollen Vorwortes zum Bundesformular des Deuteronomiums (vgl. SKZ 23­24/2000) wird dadurch die immense Bedeutung des Folgenden für das Leben Israels betont. In negativer Abgrenzung wird nochmals an die Ereignisse in Baal-Pegor erinnert (Num 25). Dort rechnete JHWH mit der Generation des Auszugs, die am Fuss des Sinai dem Goldenen Kalb gehuldigt hatte, ab, indem er sie der Versuchung eines moabitischen Kultes preisgab. Wer dort, im Angesicht des Gelobten Landes auf der anderen Seite des Jordans, sündigte, wurde dafür mit dem Tod bestraft. Landbesitz, Toragehorsam und kultische Abgrenzung werden dadurch im Deuteronomium aufs engste miteinander verbunden.
Als grössten Gewinn, den Israel aus der Wertschätzung der Tora zieht, wird die Gottesnähe genannt. Mit einem Wortspiel wird die Nähe Gottes (vgl. Kasten) gekennzeichnet: Gott ist nahe (qarob), wo immer Israel ihn anruft (qara'). Die Tatsache, dass die deuteronomistische Predigt diesen Zug JHWHs eigens herausstreichen musste, deutet darauf, dass die Nähe nicht zum selbstverständlichen Image dieses Gottes gehörte. In der Tat wird innerhalb des Pentateuch ja jedes Register gezogen, um die Furchtbarkeit, Schrecklichkeit und Unnahbarkeit JHWHs zu betonen. Er gehört von seiner Herkunft her zu den Wind- und Wettergöttern (vgl. SKZ 30­31/1999), die als Kämpfer gegen das Chaos an der Seite der Menschen eher zu den nahen Gottheiten zählen. Aber er wird auch verbunden mit hohen, unerreichbaren Bergen (vgl. SKZ 47/1998) oder der majestätischen Sonne (vgl. SKZ 14/1998). Mehr und mehr wird er als universaler Gott, als Gott des Himmels und der Erde verehrt, dessen kosmische Grösse menschliches Fassungsvermögen weit übersteigt (vgl. SKZ 23­24/2000). Darüber hinaus wird eben das, was medial am meisten Nähe schaffen würde, ein Kultbild JHWHs, strikte verboten. Bezeichnenderweise wird in der deuteronomistischen Kritik am Kultbild betont, dass diese Götzenbilder weder sehen und hören, noch essen und riechen können (Dtn 4,28). Was scheinbar Nähe schafft, verunmöglicht sie demzufolge erst recht.

Kirche: Gottesnähe durch Wort und Bild

Ganz im Sinne dieser radikalen Bildkritik unterzieht Jesus im Sonntagsevangelium (Mk 7,1­23) auch die Gesetzesfrömmigkeit der Kritik. Nicht, dass er das von Mose aufgeschriebene Gesetz in Frage stellte, im Gegenteil. Er wendet sich gegen eine menschliche Verwässerung seines Sinnes. Im Anschluss an die grossen Propheten (zitiert wird Jesaja 29,13 nach der Septuaginta) drängt er auf die Internalisierung des Geistes des Gesetzes. Im Christentum ist die Kritik an oberflächlicher Gesetzesfrömmigkeit zu oft in Kritik am Gesetz selbst ausgeartet. Andererseits hat es sich zu Recht gegen eine pauschale Verwerfung der Bildfrömmigkeit verwahrt. Beide Medien können in angemessener Verwendung Gottesnähe schaffen.

Welt: Gottesnähe durch Ekstase

Heute suchen sich die Seelen das Schlupfloch zu Gott am liebsten in der Ekstase. Sie kann durch Musik herbeigeführt werden, aber auch in langfristig selbstzerstörerischer Weise durch Kultdrogen wie «Ecstasy». Wo immer es gelingt, die in der Ekstase freigesetzten Kräfte mit kreativem Engagement in der Schöpfung zu verbinden, geschehen Zeichen und Wunder.


Nahe Gottheiten

Zu den nahen Gottheiten gehörten insbesondere der persönliche Gott, der zum Beispiel im Namen angerufen wurde. Davon künden akkadische Personennamen wie Iliqriba («mein Gott hat sich mir genaht»), Ana-schase-qerbet («sie [die Göttin] ist dem Rufen nahe»), Ina-qirbi-taschmanni («in Nähe hat sie mich erhört»), Ina-qirbi-schimini («in der Nähe erhöre mich!»), aber auch der hebräische Name Immanuel («Gott mit uns»). In Ägypten hat der zwergengestaltige und löwenschwänzige Gott Bes, der seine Karriere als Schutzgeist der Wöchnerinnen angetreten hatte, im Laufe der Jahrhunderte gerade wegen seiner Volksnähe die Gottheiten der grossen ägyptischen Tempel an Popularität teilweise weit übertroffen. Ab der Perserzeit konnte er sogar als pantheistische Gottheit verehrt werden. Besamulette waren auch in Palästina/Israel in beträchtlicher Anzahl verbreitet. Immer viel näher bei den Menschen als die meisten Götter waren die Göttinnen. Sie galten lange vor den fürbittenden Madonnen der Kirche als die Erhörenden schlechthin. Zur Hyksoszeit (1750­1550 v. Chr.) wurden sie auf winzigen Amuletten mit grossen Ohren dargestellt. Zur Zeit der Entstehung des Urdeuteronomiums (Dtn 5­11) erfreute sich besonders die Himmelkönigin assyrischer Herkunft grosser Beliebtheit. Ihr buken die Frauen Kuchen mit ihrem Bild. Sie wurde auf den Hausdächern en famille verehrt. Von den Priestern und Propheten JHWHs wurde sie als Konkurrentin ihres Gottes empfunden (vgl. Jer 44).
Am nächsten dürfte JHWH den Menschen unter dem Aspekt der Segensmacht des Landes gekommen sein. Wohl aus diesem Grunde ist es dem Deuteronomium ein Anliegen, dass die Wallfahrtsfeste für JHWH am Tempel zu Jerusalem als feuchtfröhliche Anlässe begangen werden. Der freudvolle, ekstatische Charakter wird geradezu legislatorisch verordnet (Dtn 16,11.14). Vielleicht ist es dieser Aspekt des JHWH-Kultes, der dazu geführt hat, dass auf römischen Münzen in Bezug auf einen unterworfenen judäischen Fürst von einem «Judäischen Bacchus-Anhänger» die Rede ist. Das viermalige Weintrinken am jüdischen Pessachfest, das in römischer Zeit seine weitgehend heute noch gültige Form gefunden hat, gehört jedenfalls zu den populärsten Elementen jüdischer Festbräuche.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000