33-34/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Das Ende grosser Auseinandersetzungen wird in der Regel durch einen Vertrag zwischen den Konfliktparteien besiegelt. Die Beschlüsse werden in ein Buch geschrieben und von den Vertragspartnern feierlich unterzeichnet. Ein Gedenkstein wird errichtet, der an den historischen Moment erinnert. Der Name des Ortes verbindet sich auf Generationen hinaus mit dem Ereignis, ja er wird in gewisser Weise zu seinem Symbol. Verdun, Meersen und Ribemont stehen für die vertragliche Aufteilung des Karolingerreiches. Brüssel, Schengen und Maastricht stehen für die Unierung Europas. Nicht immer garantieren Verträge den Frieden. Schlechte, ungerechte Verträge sind sogar Anlass zu neuem Krieg wie jener 1919 in Versailles unterzeichnete. Und nicht immer garantiert der gute Name eines Ortes für fortlaufenden Erfolg, wie der Versuch eines zweiten Camp David mit Israel und Palästina gezeigt hat. Friede kann durch nichts erzwungen werden, sondern muss von innen wachsen.
Der Vertrag ist eine der grossen politischen Errungenschaften, die wir
dem Orient verdanken. Dieses gewaltfreie Mittel der Konfliktregelung wurde
in dafür spezialisierten Heiligtümern auf hohem Niveau kultiviert
(vgl. SKZ 46/1998). Das berühmteste Heiligtum für Vertragsschlüsse
in Palästina lag in Sichem (vgl. Kasten), einer Passstadt, die, eingeklemmt
zwischen den beiden markanten Bergen Ebal und Garizim, geradezu zur Verbindung
zweier Welten prädestiniert zu sein schien. In diesem Heiligtum spielte
sich dem deuteronomistischen Geschichtswerk zufolge das Finale der Landnahme
ab. Hier werden die Fäden der in den ersten sechs Büchern des
biblischen Kanons dargestellten, bewegten Geschichte Israels zusammengeknotet,
wenn auch bloss literarisch; denn: 1. dass das Buch Josua eine frühestens
im babylonischen Exil entstandene, idealtypische Vorstellung der Rückeroberung
des Landes, seiner Verteilung und Ausmasse darstellt, ist literaturhistorisch
so gut wie bewiesen; 2. die Eroberungsberichte wurden durch die Archäologie
als Erklärungssagen für viel ältere Ruinen im Land zur höheren
Ehre Josuas, Israels und JHWHs entlarvt; 3. zur Zeit der Abfassung von Jos
23f. war das Heiligtum von Sichem nur eine altehrwürdige Ruine, aber
der mächtige Heilige Baum stand noch immer und auch alte Masseben dürften
noch sichtbar gewesen sein.
Mit der Abschlussnotiz in Jos 21,4345 ist die Geschichte des Josuabuches
eigentlich zu Ende. Was folgt sind ein Anhang zu den Ostjordanstämmen
und eine der Moseabschiedspredigt nachgestaltete Rede Josuas, deren erster
Teil sich an die Verantwortlichen der Politik richtet, während der
zweite Teil, unsere Perikope, eine Ansprache an das in Sichem versammelte
Volk darstellt. Josua zählt wie schon Mose alle geschichtlichen Grosstaten
JHWHs auf. Das Volk verpflichtet sich, um den eifersüchtigen Charakter
JHWHs wissend, nur ihm und keinem anderen Gott zu dienen. Dafür ist
es sich selbst Zeuge. Es wird im Falle eines Bundesbruches also gegen sich
selber aussagen müssen. Wie als zusätzliche Versicherung wird
im erzählenden Beschluss aber auch ein grosser Stein unter der Eiche
von Sichem als Zeuge aufgerichtet. So konstituiert sich das kulturelle Gedächtnis
Israels nicht nur durch mündliche Überlieferung, sondern auch
durch monumentale Erinnerung im Angesicht des im Baum gegenwärtigen
Heiligen.
Wo Kirche lebendiges Zeugnis abzulegen bereit ist, kann sie bis heute Raum, Strukturen und Erfahrungen bieten für nationale und internationale Bundesschlüsse und Versöhungsprozesse. Voraussetzung dafür ist heute eine ökumenische Offenheit, die nicht nur über Konfessionen, sondern auch über Religionen hinausreicht. In Südafrika können wir dafür vieles lernen.
Literaturhinweis: Karl Jarosch, Sichem, (Orbis Biblicus et Orientalis 11), Freiburg (CH)/Göttingen 1976.
Sichem liegt auf dem Pass einer wichtigen WestOst-Verbindung in Palästina, die über das Wadi Far'a weiter zur Jordanfurt bei Sukkot führt. Der hebräische Name (schökäm) bedeutet denn auch «Rücken». Ägyptische Quellen erwähnen die strategisch bedeutsame Stadt schon ab dem 19. Jh. v. Chr. Sie besass eine mächtige Mauer und spätestens seit 1650 v. Chr. auch einen festungsartigen Tempel, der mit einem «Gott/Herr des Bundes» ('el/ba'al börit; vgl. Ri 9,4.46) verbunden war. Im heiligen Bezirk stand ein mächtiger Baum (Gen 35,4; Jos 24,26), dessen noch in der arabischen Bezeichnung des Ortes, Tell Balata («Ruinenhügel der Gotteseiche») gedacht wird. Die Ausgrabungen haben grosse Steinmale (Masseben) aus verschiedenen Epochen zutage gefördert, die von Jos 24,27 als Bundeszeugnisse gedeutet werden. Zwischen den alteingesessenen Stadtbewohnern und der Bevölkerung des Umlandes gab es vielfältige, teilweise spannungsvolle Beziehungen. Die Landbevölkerung sucht das Heiligtum von Sichem auf. Unter dem heiligen Baum und auf Altären vollzieht sie traditionelle Riten, an die man sich später im kollektiven Gedächtnis Israels im Rahmen der Erzelternerzählungen erinnert. Die städtische Aristokratie mit ihren permanenten Zentralisierungs- und Expansionsgelüsten und den in ihren Augen frivolen Sitten betrachtet sie aus föderalistischer Perspektive mit Misstrauen, hält sie aber gleichzeitig für naiv (Gen 34; Ri 9). Tatsächlich entstehen unter Abimelech in Sichem erste Ansätze eines israelitischen Königtums und die Stadt wird nach dem Ende der judäischen Hegemonie im 10. Jh. politisches Zentrum der Nordstämme Israels (1 Kön 12), allerdings nur für kurze Zeit. Nach der Eroberung Sichems durch Pharao Schischak I. (926/25 v. Chr.) geht diese Ehre auf das ostjordanische Penuël, dann auf Tirza im Wadi Far'a und schliesslich auf Samaria im unzugänglichen Hügelland, nördlich von Sichem, über. Die Stadt Sichem wird wie Samaria von den Assyrern zerstört. In persischer und hellenistischer Zeit kann sich in Sichem ein neuer Stadtstaat mit einem Kultzentrum auf dem Garizim etablieren, der von Jerusalem als massive politische und religiöse Konkurrenz empfunden und im letzten Viertel des 2. Jh. v. Chr. unter der Führung von Johannes Hyrkan I. bekriegt und zerstört wird. Die Bevölkerung lebt teilweise im benachbarten Dorf Sychar weiter (vgl. Joh 4). Nach der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) wird die Stadt in der Nähe der alten Ruinen unter dem Namen Flavia Neapolis (heute arab. Nablus) durch Vespasian neu gegründet.
Das wohl eigenartigste jüdische Fest im wahrsten Sinn des Wortes
ist Simchat Tora, «Freude an der Tora», das gefeiert wird, wenn
die Torarolle am Ende des Laubhüttenfestes feierlich zurückgerollt
wird, um bereit zu sein für die folgende lectio continua an den Sabbaten
des neuen Jahres. Israels Erntefeste (Pessach, Schawuot, Sukkot), das Versöhnungsfest
oder das Neujahrsfest wurden zwar nachträglich eng mit der Geschichte
Israels verzahnt, doch gibt es für alle religionsgeschichtliche Parallelen
in Fülle. Aber ein Fest, bei dem die Männer mit einer Buchrolle
in den Armen wie mit einer Braut ekstatisch zu volkstümlicher Musik
tanzen, scheint ein Unikum zu sein. Nicht zufällig ist dieses Fest
unter den russischen Juden zur Zeit der Sowjetunion zum Tag der öffentlichen
Demonstration ihrer Eigenart als Minderheit im Land geworden.
Die enge Verbindung von Gottesfurcht und Rechtsgelehrsamkeit, die sich in
Juda und speziell im babylonischen Exil herausgebildet hatte, ist dem wesentlich
dadurch konstituierten Judentum früh selbst bewusst geworden. Der sonntägliche
Lesungstext ist wohl einer der ältesten Belege für das sich herausbildende
Bewusstsein des Judentums als einer Buchreligion. Im Kontext des kunstvollen
Vorwortes zum Bundesformular des Deuteronomiums (vgl. SKZ 2324/2000)
wird dadurch die immense Bedeutung des Folgenden für das Leben Israels
betont. In negativer Abgrenzung wird nochmals an die Ereignisse in Baal-Pegor
erinnert (Num 25). Dort rechnete JHWH mit der Generation des Auszugs, die
am Fuss des Sinai dem Goldenen Kalb gehuldigt hatte, ab, indem er sie der
Versuchung eines moabitischen Kultes preisgab. Wer dort, im Angesicht des
Gelobten Landes auf der anderen Seite des Jordans, sündigte, wurde
dafür mit dem Tod bestraft. Landbesitz, Toragehorsam und kultische
Abgrenzung werden dadurch im Deuteronomium aufs engste miteinander verbunden.
Als grössten Gewinn, den Israel aus der Wertschätzung der Tora
zieht, wird die Gottesnähe genannt. Mit einem Wortspiel wird die Nähe
Gottes (vgl. Kasten) gekennzeichnet: Gott ist nahe (qarob), wo immer Israel
ihn anruft (qara'). Die Tatsache, dass die deuteronomistische Predigt diesen
Zug JHWHs eigens herausstreichen musste, deutet darauf, dass die Nähe
nicht zum selbstverständlichen Image dieses Gottes gehörte. In
der Tat wird innerhalb des Pentateuch ja jedes Register gezogen, um die
Furchtbarkeit, Schrecklichkeit und Unnahbarkeit JHWHs zu betonen. Er gehört
von seiner Herkunft her zu den Wind- und Wettergöttern (vgl. SKZ 3031/1999),
die als Kämpfer gegen das Chaos an der Seite der Menschen eher zu den
nahen Gottheiten zählen. Aber er wird auch verbunden mit hohen, unerreichbaren
Bergen (vgl. SKZ 47/1998) oder der majestätischen Sonne (vgl. SKZ 14/1998).
Mehr und mehr wird er als universaler Gott, als Gott des Himmels und der
Erde verehrt, dessen kosmische Grösse menschliches Fassungsvermögen
weit übersteigt (vgl. SKZ 2324/2000). Darüber hinaus wird
eben das, was medial am meisten Nähe schaffen würde, ein Kultbild
JHWHs, strikte verboten. Bezeichnenderweise wird in der deuteronomistischen
Kritik am Kultbild betont, dass diese Götzenbilder weder sehen und
hören, noch essen und riechen können (Dtn 4,28). Was scheinbar
Nähe schafft, verunmöglicht sie demzufolge erst recht.
Ganz im Sinne dieser radikalen Bildkritik unterzieht Jesus im Sonntagsevangelium (Mk 7,123) auch die Gesetzesfrömmigkeit der Kritik. Nicht, dass er das von Mose aufgeschriebene Gesetz in Frage stellte, im Gegenteil. Er wendet sich gegen eine menschliche Verwässerung seines Sinnes. Im Anschluss an die grossen Propheten (zitiert wird Jesaja 29,13 nach der Septuaginta) drängt er auf die Internalisierung des Geistes des Gesetzes. Im Christentum ist die Kritik an oberflächlicher Gesetzesfrömmigkeit zu oft in Kritik am Gesetz selbst ausgeartet. Andererseits hat es sich zu Recht gegen eine pauschale Verwerfung der Bildfrömmigkeit verwahrt. Beide Medien können in angemessener Verwendung Gottesnähe schaffen.
Heute suchen sich die Seelen das Schlupfloch zu Gott am liebsten in der Ekstase. Sie kann durch Musik herbeigeführt werden, aber auch in langfristig selbstzerstörerischer Weise durch Kultdrogen wie «Ecstasy». Wo immer es gelingt, die in der Ekstase freigesetzten Kräfte mit kreativem Engagement in der Schöpfung zu verbinden, geschehen Zeichen und Wunder.
Zu den nahen Gottheiten gehörten insbesondere der persönliche
Gott, der zum Beispiel im Namen angerufen wurde. Davon künden akkadische
Personennamen wie Iliqriba («mein Gott hat sich mir genaht»),
Ana-schase-qerbet («sie [die Göttin] ist dem Rufen nahe»),
Ina-qirbi-taschmanni («in Nähe hat sie mich erhört»),
Ina-qirbi-schimini («in der Nähe erhöre mich!»), aber
auch der hebräische Name Immanuel («Gott mit uns»). In
Ägypten hat der zwergengestaltige und löwenschwänzige Gott
Bes, der seine Karriere als Schutzgeist der Wöchnerinnen angetreten
hatte, im Laufe der Jahrhunderte gerade wegen seiner Volksnähe die
Gottheiten der grossen ägyptischen Tempel an Popularität teilweise
weit übertroffen. Ab der Perserzeit konnte er sogar als pantheistische
Gottheit verehrt werden. Besamulette waren auch in Palästina/Israel
in beträchtlicher Anzahl verbreitet. Immer viel näher bei den
Menschen als die meisten Götter waren die Göttinnen. Sie galten
lange vor den fürbittenden Madonnen der Kirche als die Erhörenden
schlechthin. Zur Hyksoszeit (17501550 v. Chr.) wurden sie auf winzigen
Amuletten mit grossen Ohren dargestellt. Zur Zeit der Entstehung des Urdeuteronomiums
(Dtn 511) erfreute sich besonders die Himmelkönigin assyrischer
Herkunft grosser Beliebtheit. Ihr buken die Frauen Kuchen mit ihrem Bild.
Sie wurde auf den Hausdächern en famille verehrt. Von den Priestern
und Propheten JHWHs wurde sie als Konkurrentin ihres Gottes empfunden (vgl.
Jer 44).
Am nächsten dürfte JHWH den Menschen unter dem Aspekt der Segensmacht
des Landes gekommen sein. Wohl aus diesem Grunde ist es dem Deuteronomium
ein Anliegen, dass die Wallfahrtsfeste für JHWH am Tempel zu Jerusalem
als feuchtfröhliche Anlässe begangen werden. Der freudvolle, ekstatische
Charakter wird geradezu legislatorisch verordnet (Dtn 16,11.14). Vielleicht
ist es dieser Aspekt des JHWH-Kultes, der dazu geführt hat, dass auf
römischen Münzen in Bezug auf einen unterworfenen judäischen
Fürst von einem «Judäischen Bacchus-Anhänger»
die Rede ist. Das viermalige Weintrinken am jüdischen Pessachfest,
das in römischer Zeit seine weitgehend heute noch gültige Form
gefunden hat, gehört jedenfalls zu den populärsten Elementen jüdischer
Festbräuche.