31-32/2000

INHALT

Lesejahr B

Gottes Stadt

Thomas Staubli zu Jes 54,11-17

 

Kirche: Sehnsucht nach unmittelbarer Gotteslehre

Auf den Vater hören und seine Lehre annehmen ­ zu Jesus kommen und auferweckt werden: Das ist der Weg, den das Johannesevangelium in Kombination mit massiver antijüdischer Polemik im Evangelium empfiehlt (Joh 6,41­51). Um den Ausgangspunkt dieses Weges zu begründen, wird aus Deuterojesaja (54,45) zitiert. Das Zitat soll die tiefe Sehnsucht nach einer ideologiefreien, direkten Gottesbeziehung, die das Leben fördert, unterstreichen. Eine sorgfältige Kontextualisierung des Zitates kann zeigen, dass die tora- und judenfeindliche Vereinnahmung des Zitates durch Christen unnötig ist.

Bibel: Jerusalems Krönung

Unter persischer Herrschaft (450­333 v. Chr.) wurde von judäischen Männern, die im persischen Staat Karriere gemacht hatten, die Initiative zur Neugründung der in Trümmern liegenden Stadt Jerusalem ergriffen. Das war ein politischer Gewaltakt, nicht nur weil die Nachkömmlinge der ehemaligen Jerusalemer Oberschicht weit weg in der Diaspora lebten und weil die im Land verbliebene Bevölkerung ­ der weitaus grösste Teil ­ das Erbe der deportierten Landbesitzer angetreten hatte, sondern auch, weil eine zerstörte Stadt als verfluchter Ort galt, als Wohnstätte von wilden, dämonischen Tieren, an dem man nicht ohne abergläubische Gesten und Sprüche vorüberging; denn so mythisch überhöht eine blühende Stadt gepriesen, ja verehrt werden konnte, so unheilbedeutend war ein Ruinenhügel, so dass er oft Jahrhunderte lang unbesiedelt blieb. Ein Neuaufbau Jerusalems musste daher nicht nur ökonomisch möglich und politisch legitimiert, sondern auch theologisch abgesegnet sein. Eben dieser Aufgabe widmen sich die Deuterojesajas über weite Strecken in ihrer Werbung für einen Neuanfang in Jerusalem, die die Gestalt eines antiken Skripts für ein Drama hat, mit dem Zögernde zur Rückkehr bewogen werden sollten. Nach einem Prolog (40,1­31) und der Darstellung des Kommenden im 1. Akt (41,1­42,13) geht es im 2. Akt (42,14­44,23) um Israels Schicksal als Knecht JHWHs. In einer Thronszene wird im 3. Akt (44,24­45,25) die Gottesherrschaft JHWHs mit der irdischen des Kyros vernetzt. Der 4. Akt (46,1­49,13) handelt von Babels Niedergang und der 5. (49,14­52,10) vom Aufstieg Jerusalems. Im 6. Akt (52,11­54,17) wird schliesslich das Heil des Gottesknechtes und Jerusalems in einer Gerichts- und einer Hochzeitsszene gefeiert. Ein Epilog (55,1­13), der zur Wallfahrt in die Heilige Stadt auffordert, beschliesst das Drama.
Der Lesungstext beinhaltet die Krönung Zions/Jerusalems als Teil ihrer Wiedervermählung mit JHWH, und damit den Höhepunkt der Rehabilitation der verworfenen Stadt. Die Stadt­Gott-Beziehung im Bilde von Frau und Mann konnte an bekannte Traditionen anschliessen (vgl. etwa Hos 1­3; 13­15; vgl. SKZ 7/2000). Die Gefeierte wird mit sieben sehr ungewöhnlichen Titeln angesprochen, die ihr erbarmenswürdiges Schicksal in Erinnerung rufen (vgl. schon SKZ 17/1998): «Unfruchtbare» (54,1), «Vereinsamte» (54,1), «Verlassene» (54,6), «Tiefbetrübte» (54,6), «Ärmste», «Sturmgeschüttelte» (andere Lesart: «Handelsware»), «Ungetröstete» (lo-nuchama erinnert an lo-ruchama, den sarkastisch-symbolischen Namen der Tochter Hoseas, der Erbarmen und ein neuer Bund verheissen wird; Hos 1,6­7; 2,16­25). Die Krönung erfolgt nach dem Bundeserneuerungsversprechen durch JHWH (54,10). Sie ist gleichzeitig die Stadtgründung selbst, was auf dem Hintergrund der damaligen Stadtdarstellungen als Göttinnen mit Mauerkronen (gr. Tyche; vgl. SKZ 48/1997) zu verstehen ist. Die Kostbarkeit der Steine in der nicht erwähnten Krone (die Wiedergaben der Gesteinsnamen variieren in den Übersetzungen stark; vgl. Kasten) verweist auf die Wertschätzung der Stadt durch JHWH. Das Motiv wird von Johannes in der Offenbarung aufgegriffen und noch ausgedehnt (Offb 21,18­21). JHWH selber ist der Lehrer der Kinder (EÜ: Söhne) der Stadt, womit natürlich ihre Bewohner/Bewohnerinnen gemeint sind. In der Tat wird im Buch Nehemia beschrieben, wie das ganze Volk öffentlich in der Tora unterrichtet wurde (Neh 8,1­8; vgl. SKZ 3/1998). In der grossen Jesajarolle von Qumran wird durch eine Einfügung statt der Lesart «Kinder» (banim) diejenige von «Erbauern» (bonim) empfohlen, was ebenfalls gut den in Neh beschriebenen Verhältnissen entspricht, wonach nicht nur die Stadtbewohner/-bewohnerinnen selbst, sondern auch all jene vom Lande, die sich am Wiederaufbau beteiligten, Anteil am Segen bzw. Frieden (schalom; Jes 54,13) der Stadt genossen (Neh 2,17; 3,1­32). Abschliessend wird die Stadt fast wie mit einem Amulett des Schutzes vor allem Bösen versichert. Bedrückung, Schrecken, Schmied und Verderber können nichts ausrichten, wenn JHWH nicht mitmacht. Dabei wird gerade nicht wie in EÜ von den «Waffen» des Schmieds gesprochen, sondern von den Geräten (köli): Das können eben Schwerter oder Pflugscharen sein (vgl. Jes 2,4; Mi 4,3; Joël 4,10). Dieser Schutz ist das «Erbe» (nachalah) und die «Rechtsbefugnis» (zedeqah) der Sklaven/Sklavinnen JHWHs, während die, die sich am Wiederaufbau seiner Stadt nicht beteiligen, keinen Anteil (cheläq), keine Rechtsbefugnis (zedeqah) und kein Gedächtnis (zikaron) in Jerusalem haben (vgl. Neh 2,20).

Welt: Eine Stadt nach den Bedürfnissen des Lebens

Die Sehnsucht, die besten Möglichkeiten der Menschen im Projekt der Stadt zu realisieren, ist uralt und brandaktuell. Der Architekt und Schriftsteller Max Frisch hat 1955 zusammen mit Freunden die ideelle Neuorientierung der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg im Projekt einer Musterstadt zu konkretisieren versucht. «Leben wir für die Gesetze, die wir selbst machen, oder machen wir Gesetze, so dass wir leben können?», fragen sie in ihrem Manifest und rufen zur Gründung einer Stadt auf, nicht wie die Bauvorschriften es vorschreiben, sondern die echten Bedürfnisse des Lebens ­ eine bis heute uneingelöste Verheissung.

 

Literaturhinweis: Lucius Burckhardt/Max Frisch/Markus Kutter u.a., achtung: die Schweiz, (Basler politische Schriften 2), Basel/Zürich 1955.


Edelsteine

Ferne Herkunft, Seltenheit, Härte, Glanz und Farbe machten Edelsteine wertvoll und begehrt. Entsprechend ihrer Beschaffenheit wurden die Edelsteine mit anderen kosmischen Grössen assoziiert. Gold und Silber wurde besonders dem himmlischen Licht zugeordnet, Lapislazuli (hebr. safir!) aus dem fernen, schwer zugänglichen Badakschan am Hindukusch dem nächtlichen Himmelsgewölbe, der grüne Jaspis (hebr. jasfeh) und die Türkise (hebr. nofäk) der Vegetation und dem Gedeihen schlechthin, der rote Karneol (hebr. schocham) oder Rubin (hebr. kadkod) dem Feuer und Blut usw. Den Edelsteinen wurde wie den in den Tempeln gebräuchlichen Duftessenzen unheilabwehrende, reinigende, erhellende, erfreuende und Leben spendende Wirkung zugemessen. Die Leiber der Götter ­ Inbegriff der Vitalität ­ waren aus ihnen gestaltet und wurden mit ihnen in Opfern genährt. Einzelne Gottheiten, etwa die ägyptische Liebesgöttin Hathor, wurden geradezu mit bestimmten Materialien identifiziert. Den Toten wurde in Ägypten zur Wiederbelebung ein Nachtmahl aus Fayence gespendet und Siegelamulette aus Edelsteinen mit reinigender, schützender und kräftigender Wirkung erfreuten sich nicht nur in Ägypten, sondern in ganz Syrien und Palästina grosser Beliebtheit.


Tragende Weisheit

Thomas Staubli zu Spr 9,1-6

 

Kirche: Jesus Sophia

Wenn Jesus in den Evangelien immer wieder Gleichnisse von Gastmählern erzählt, in welchen Gott in der Gestalt eines königlichen Gastgebers auftritt (z.B. Lk 14,15­24||Mt 22,1­10), und wenn von Jesus selbst im Bilde vom nährenden Brot (Joh 6,51­58) oder dem erquickenden Wasser (Joh 4,14) die Rede ist, so müssen diese Bilder auf dem Hintergrund der jüdischen Tradition von der Weisheit (hebr. chokmah; gr. sophia), die ihre Kinder bewirtet, verstanden werden. Jesus und mit ihm das christliche Gottesbild haben, viel stärker als es die in der westlichen Kirche gängige Ikonographie vermuten lässt, das Erbe dieser nachexilischen Theologie angetreten.

Bibel: Im Haus der Weisheit

Obwohl die Gestalt der Weisheit erst in nachexilischen Schriften der Bibel auftritt, handelt es sich nicht um ein theologisches Hirngespinst, sondern um die ideelle Fortführung einer tief in der Gesellschaft wurzelnden Realität. Schon in vorexilischer Zeit spielten weise Frauen eine entscheidend wichtige Rolle, wenn es um die Bewahrung und Förderung des Lebens ging (vgl. SKZ 16­17/2000). Diese Funktion verstärkte sich noch im Exil und in der Aufbauphase Jerusalems danach; denn wie immer in kriegszerrütteten Gesellschaften hatten Frauen auch damals eine tragende Funktion bei der inneren Restrukturierung und beim äusseren Wiederaufbau. Dabei hat eine frauenspezifische Spiritualität mit Wurzeln in der verdrängten Verehrung der Göttin (vgl. Jer 44) eine Form gefunden, die sich mit dem monotheistischen Gottesbild der nachexilischen Zeit verträgt. So kommt es, dass in der Rahmung des Sprüchebuches (Spr 1­9; 31,10­31) erstmals Gott in Gestalt der Weisheit auftaucht (der Plural chokmot scheint parallel zum göttlichen Plural 'elohim gewählt worden zu sein; nebst 9,1 in 1,20; 14,1; 24,7; Ps 49,4; Sir 4,11; 35,16).
Im wunderbaren Gedicht der ersten Lesung wird die Weisheit in knappen Sätzen als Baumeisterin, Schenkin und Lehrerin vorgestellt. 1. Die Baumeisterin: Von den «Trümmerfrauen», die das zerstörte Jerusalem wieder aufbauen helfen, werden sogar im ansonsten nicht für Frauenfreundlichkeit bekannten Buch Nehemia die Töchter des Schallum (Neh 3,12) und die Frauen der Armen (Neh 5,1­5) erwähnt. Im Lob der tüchtigen Frau/Weisheit/Gott wird mehrfach ihre zentrale Bedeutung für den Aufbau und Bestand des Hauses erwähnt, wobei hier Haus natürlich im doppelten semitischen Sinne von Haus und Familie zu verstehen ist (Spr 31,15.21.27; vgl. SKZ 44/1999). Noch ausdrücklicher wird es in einem der Sprüche gesagt: «Frauenweisheit (chokmot naschim) hat ihr Haus gebaut,/Torheit reisst es mit eigenen Händen nieder» (Spr 14,1; vgl. 24,3). Das Haus der Torheit gleicht der Unterwelt (schö'ol). Es ist letztlich existenzvernichtend (Spr 9,18). In einem Nachtrag zur Rut-Geschichte können Rut, Rahel und Lea als Erbauerinnen des Hauses Israel tituliert und damit in die Nähe der Weisheit gerückt werden (Rut 4,11). Die sieben Säulen (vgl. Kasten) der Weisheit sind ein Symbol der Vollständigkeit, wie immer bei der Siebenzahl, vielleicht aber auch ein versteckter Hinweis auf die sieben Kapitel des Sprüchebuches, die durch Anreden an die Kinder der Weisheit markiert werden (1,1; 10,1; 22,17; 24,23; 25,1; 30,1; 31,1). 2. Die Schenkin: Das festliche Mahl ist der klassische Rahmen, in welchem Weisheit ausgetauscht wird (vgl. SKZ 29­30/1998). Doch während an den Symposien nur Männer teilnahmen, wird die Weisheit selbst stark an die Frau und ihr Bewirten geknüpft. Wie ein Leitmotiv finden sich die mahlbereitenden Frauen in der Bibel, und immer leitet das Mahl eine entscheidende geschichtliche Wende ein, sei es zum Guten oder zum Schlechten der Gäste, denn die Weisheit scheidet die Geister und schafft Klarheit. So kocht Sara für Männer von Mamre (Gen 18), Rebekka für Esau und Jakob (Gen 27), Jaël für Sisera (Ri 4,17­24), die Frau von En-Dor für Saul (1 Sam 28), Tamar für Amnon (1 Kön 13), die Frau von Schunem für Elischa (2 Kön 4,8­17), Ester für Haman (Est 50­7)... 3. Die Lehrerin: Echte Weisheit ist weder elitäres Wissen noch eine geheime Lehre, sondern findet sich in der Öffentlichkeit (Spr 1,20f.; 8,1­3), auf Strassen und Plätzen, bei Stadttoren und Pforten (vgl. noch die Mesusot an den Türen jüdischer Häuser; Dtn 6,9). So wird in nachexilischer Zeit die Tora auf dem Platz vor dem Wassertor verlesen (Neh 8,3; vgl. SKZ 3/1998), dort, wo sich im Alltag die Wasserträgerinnen treffen und ihre Weisheiten austauschen.

Welt: Markt der Weisheiten

Vieles wird uns heute schmackhaft verabreicht, aber nicht alles, was lecker ist, nährt, und mancher Würztrunk, der auf der Zunge süss schmeckt, verwandelt sich im Bauch in giftige Galle. «Weisheiten» werden heute in einem eigenen Markt oft losgelöst vom konkreten Leben der Menschen, und ganz besonders von jenem der Frauen und Kinder verbreitet in höheren Auflagen denn je. Umso kostbarer jene Momente, wo in zwanglosem Freundeskreis, in gelöster Arbeitsatmosphäre, im unverbildeten Kindermund im Leben wurzelnde Weisheit sich kund tut und gehört wird.

 

Literaturhinweis: Silvia Schroer, Die Weisheit hat ihr Haus gebaut. Studien zur Gestalt der Sophia in den biblischen Schriften, Mainz 1996; Gerlinde Baumann, Die Weisheitsgestalt in Proverbien 1­9, (FAT 16), Tübingen 1996.


Säule ('amud)

Säulen sind im Orient und in Ägypten früh bezeugte architektonische Elemente im Haus- und Zeltbau, und davon abgeleitet in besonders aufwendiger Gestalt im Palast- und Tempelbau. Tempelsäulen gehören für heutige Touristen zu den auffälligsten und attraktivsten Überbleibseln antiker Architektur. Fast immer mit vegetativen Motiven verziert (sog. Volutenkapitelle in Juda) oder sogar als Ganzes einer Pflanze (Lotos, Papyrus, Akanthus usw.) nachgebildet, haben sie nicht nur tragende Funktion, sondern vergegenwärtigen auch die spriessende Kraft göttlichen Segens im Heiligtum. Dieser Aspekt der Fruchtbarkeit ist das tertium comparationis zur Frau, die in Tempelmodellen der Levante und in griechischen Tempeln an die Stelle der Vegetationsornamente treten und eine Säule bilden kann. Die kultisch verehrten Ascheren dürften nebst prägnanten Bäumen (vgl. SKZ 6/1998) auch baumartig stilisierte Säulen gewesen sein. Zum bedeutendsten von den Babyloniern erbeuteten Schmuck des Jerusalemer Tempels (Deportation 2 Kön 25,13­17; Jer 27,19; 52,17.20­23) gehörten zwei Säulen, die den Tempeleingang flankierten. Sie wurden sekundär mit männlichen Namen, Jachim und Boas (1 Kön 7,15­22.41f.), versehen, wohl um ihre Identifikation mit dem von den JHWH-Propheten verfolgten Aschera-Kult zu verdrängen. JHWH selbst wird ­ wahrscheinlich ebenfalls im Sinne einer Ausdeutung der beiden Tempelsäulen ­ in der Exodusgeschichte tags in einer Wolkensäule (Ex 13,21; 14,19f.24; 33,9f.; Num 12,5; Dtn 31,15), nachts in einer Feuersäule (Ex 13,21f; 14,24) vergegenwärtigt. Damit wird das klassische Symbol des weiblich konnotierten Segens mit typischen Erscheinungselementen des ursprünglichen Wettergottes ­ Blitzfeuer und Gewitterwolken ­ besetzt. Der Platz vor der Säule ist für den König und dessen amtliche Proklamation reserviert (2 Kön 11,14; 23,3). Da der auf Säulen stehende Tempel Abbild des Kosmos ist, kann die Vorstellung, dass die ganze Erde (Ps 75,4; Ijob 9,6 u.o.), ja sogar der Himmel (Ijob 26,11) auf Säulen ruht, nicht verwundern. Entsprechend polemisch ist es, wenn in Israel erzählt wurde, dass Simson die Säulen des Philistertempels einriss (Ri 16,23­31). Umgekehrt erhält der Prophet ungeheures Gewicht, wenn er im Gotteswort mit einer ehernen Säule verglichen wird (Jer 1,18): Mit ihm steht und fällt das Haus Israel.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000