29-30/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Knappheit kennzeichnete die bäuerliche Wirtschaftsweise Palästinas
noch bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Eingriffe in die Gegebenheiten
der Natur waren, verglichen mit heutigen Methoden der Agronomie (Planierung,
Entsumpfung, Bewässerung, Düngung, Züchtung usw.), bescheiden.
Der Pflug (vgl. SKZ 25/1998) ritzte die Erdoberfläche etwas auf, Terrassen
rangen den Hügeln etwas mehr Ackerland ab, in besonders günstigen
Fällen war auch die Bewässerung von Feldern möglich. Die
sozialen Probleme der Mangelwirtschaft (Hunger, vgl. SKZ 18/2000; Frauen-
und Kindersterblichkeit) werden in den volkstümlichen Elija- und Elischalegenden
aspektreich zur Sprache gebracht. In 2 Kön 4 werden nacheinander ein
Ölwunder, ein Geburtswunder, eine Totenerweckung (vgl. SKZ 24/1999),
ein Entgiftungswunder und schliesslich eine Brotvermehrung erzählt.
Innerhalb der Mangelwirtschaft waren die Prophetengilden auf die Gaben der
bäuerlichen Bevölkerung angewiesen. Dafür erwartete man von
ihnen Vermittlung und Beförderung des göttlichen Segens auf wirtschaftlicher,
politischer und kultischer Ebene. Die Gottesmänner sollten den Regen
erflehen (1 Kön 18), Kranke heilen (2 Kön 5), Nahrungsnöte
lindern (1 Kön 17,116), zum Sieg verhelfen (1 Kön 20), Könige
salben (2 Kön 9,115) usw.
In der knappen Lesung bringt ein Mann aus Baal-Schalischa im efraimitischen
Hügelland (vgl. 1 Sam 9,4f.; vielleicht identisch mit Khirbet el-Mardschame
bei 'Ain es-Samijah) Brot von den Erstlingsfrüchten (vgl. Kasten),
zwanzig Gerstenbrote, und frische Kornähren für eine «Klostergemeinschaft».
Die Gabe findet die Annahme Elischas, der sie an die Prophetenschüler
verteilen lässt, ein Diener aber zeigt sich damit unzufrieden. Hinter
seiner expliziten Begründung ist die Kritik am Gabenbringer zu hören,
der nach diesen Worten als knauserig gelten muss. Ähnlich wie in der
Geschichte von der Heilung Naamans respektiert der Diener die Milde des
Meisters nicht, da er wohl Mühe hat, die Bedürfnislosigkeit des
mönchischen Lebens zu ertragen. Das verweist auf den Sitz im Leben
dieser und ähnlicher Geschichten. Sie dienten der Erziehung und Disziplinierung
der Prophetenschüler. Die Reaktion des Meisters ist kurz und lapidar.
Er wiederholt seine Weisung unter der Versicherung, dass die Gemeinschaft
nicht nur essen, sondern sogar übrig lassen wird. Diese Verheissung
wird weniger durch die Beanspruchung des Namens JHWHs legitimiert als vielmehr
dem Wirken der göttlichen Segensmacht anheim gestellt: Inschallah
so Gott will wird es für alle reichen. Die Frömmigkeit des
Gottesmannes, der in dieser Geschichte übrigens nie mit Namen genannt
wird und daher für jeden Frommen stehen kann, beruht auf Vertrauen:
Er vertraut darauf, dass der Gabenbringer brachte, was er konnte, dass die
Prophetenschüler was da ist teilen, und dass die Gottheit neuen Segen
spenden wird, in welcher Art auch immer. Der knappe Schlusssatz bekräftigt
die Berechtigung dieser Haltung, die sich über alle Jahrhunderte kolonialer
Ausbeutung Palästinas hinweg bei dessen Landvolk erhalten hat bis auf
den heutigen Tag.
Wie sehr diese Geschichte zu den tiefsten Schichten mündlicher Überlieferung und damit im Volk wurzelnder Frömmigkeit gehört, zeigt ihre Häufigkeit in der Schrift über Jahrhunderte hinweg bei gleichzeitig geringem Variantenreichtum (vgl. Mt 14,1321; Mk 6,3544; Lk 9,1217; Joh 6,121). Gewiss lassen die Evangelisten Aspekte ihrer Christologie in die Geschichten einfliessen, am Ende jedoch geht es überall um dieselbe Aussage: Wo Menschen wahrhaft menschlich handeln, sind sie sich nicht Wölfe, sondern Mutterschafe, die das, was sie haben, teilen, damit alle Schwestern und Brüder leben.
Zu Beginn des 20. Jh. stand die Welt im Bann der Bereicherungsmöglichkeiten durch Kolonialismus und Industrialisierung. Damals propagierte der Sozialismus eine weltumfassende Revolution des Teilens, um die Mechanismen der Ausbeutung zu überwinden. Zu Beginn des 21. Jh. steht die Welt im Bann der neuen Medien, die die Möglichkeiten der Ausbeutung vervielfachen. Doch ein diskutables Gegenmodell scheint heute zu fehlen. Die gescheiterten sozialistischen Staatssysteme haben vielen Menschen den Glauben an ein anderes Menschenbild geraubt als jenes des Engländers Thomas Hobbes (15881679), das dem Kapitalismus zugrunde liegt, wonach der Mensch dem Menschen ein Wolf sei.
Der Segen des Landes in Gestalt von Feldfrüchten gilt im Alten Orient und in Ägypten als Gabe Gottes. Zum Dank für seine Güte wird Gott das Erste und Beste von den Früchten zurückgegeben, um so den Zusammenhang zwischen Erzeuger und Erzeugnis sichtbar werden zu lassen (vgl. auch SKZ 3334/1998). Das geschah ursprünglich wohl noch auf den Feldern selbst. Dasselbe gilt für das Vieh (Ex 22,29) und sogar für die männlichen Nachkommen der Israeliten (Ex 22,28). Diese werden durch die Leviten als Diener im Heiligtum Gottes ausgelöst (Num 3,11). Eben diesen Leviten bzw. der Priesterschaft werden die Erstlingsfrüchte des Landes in einem festlichen Akt übergeben (Ex 23,19; 34,26; Num 18,12f.; Ez 44,30). Sie dienen diesem landlosen Zweig des Volkes als Nahrungsgrundlage. Unter den Erstlingsopfern hatte die Darbringung der Gerste, der ersten Frucht nach der Winterzeit, einen besonderen Stellenwert. Das so genannte Milchkorn, im Übergang von Grün zu Gelb, galt geröstet als besondere Spezialität, mit der das Erntejahr begonnen wurde (Lev 2,14). Es scheint, dass es Versuche gegeben hat, die Darbringung der Erstlinge kalendarisch festzulegen. Jedenfalls ist im priesterlichen Festkalender von einem «Garbenfest» die Rede, an welchem frisch geschnittene Gerstengarben unter Darbringung von Opfern für Gott an die Priester übergeben werden (Lev 23.914). Eine Glosse setzt das Fest auf den Tag nach dem Sabbat fest, wobei unklar ist, ob damit der erste Tag nach dem ersten Sabbat nach der Ernte gemeint ist, oder der Tag nach dem Sabbat, mit dem das Mazzenfest endet. Auch im Rahmen des Wochenfestes nach der Weizenernte werden den Priestern mit einem Darbringungsritus Erstlingsfrüchte übergeben, diesmal auch in Gestalt von Broten (Lev 23,17.20). Dieses Fest kann sogar als «Tag der Erstlinge» bezeichnet werden (Num 28,26; vgl. Ex 23,16; 34,22). Die grosse symbolische Bedeutung, die der Moment des Einbringens der Erstlingsfrüchte und ihre Darbringung als Tempelsteuer in der bäuerlich geprägten Welt hatte, wird durch das so genannte kleine geschichtliche Credo unterstrichen, das bei dieser Gelegenheit rezitiert wurde (Dtn 26,111 ; vgl. SKZ 8/1998).
Während die wechselnden orientalischen und ägyptischen Herrschaften
in Israel/Palästina zumindest in gewisser Weise mentalitätsverwandt
mit der dominierten einheimischen Kultur waren, wurde die Herrschaft des
Westens im östlichen Mittelmeerraum immer als fremd und dadurch besonders
bedrohlich, ja menschenverachtend empfunden. Die lange Herrschaft der Griechen,
Römer und Byzantiner lässt sich bei archäologischen Grabungen
denn auch leicht von den früheren und späteren Epochen unterscheiden.
Die Zeiten der Kreuzfahrer und der kolonialistischen Mandate im Vorderen
Orient gelten als dunkel und entfremdend. Im Danielbuch liegt eine der ältesten
und ausführlichsten Reflexionen auf das Eindringen des Westens in den
Orient vor. Das Buch enthält legendenhaftes Material aus den jüdischen
Diasporagemeinden, das zwischen dem 4. und 2. Jh. v. Chr. in drei Sprachen
(hebräisch, aramäisch und griechisch) gesammelt und rund um die
traditionelle levantinische Heldengestalt Daniels gruppiert wurde.
Die auf Aramäisch überlieferte, sechste Geschichte des Buches,
berichtet einen Traum Daniels, der ähnlich wie der Traum Nebukadnezars,
den allein Daniel zu deuten versteht (2,149), die gegenwärtige
Zeit in einen Sinnzusammenhang zu stellen versucht. Hier geschieht es durch
die Charakterisierung der in Israel/Palästina als Herrschaftsmächte
aufgetretenen Weltreiche als Tiere. Sie kommen, mythologisch gesprochen,
aus dem Meer, das im Vorderen Orient als Chaoselement galt, in dem Ungeheuer
hausen (Ps 89,10f.; Jes 27,1; 51,9), denn in der Realität handelt es
sich um Tiere, die nicht im Meer leben, sondern um solche, die das feindliche
Element typisieren (vgl. Hos 13,7f.). Der geflügelte Löwe verweist
auf Babylon (vgl. Jer 4,7; 50,17), der Bär auf die Meder (ein gebirgiges
und waldiges Land; vgl. auch Jer 51,11 und SKZ 11/1999), der schnelle Panther
auf das Perserreich, das sich unglaublich schnell ausgebreitet hat (vgl.
Jes 41,3) und das furchterregende Tier, auf das kein Name zu passen scheint,
auf die Griechen, die mit nie zuvor gesehenen Waffen und Methoden den Orient
eroberten (vgl. Kasten). Die folgende Vision des himmlischen Thronsaales
steht in einer uralten vorderasiatischen Tradition (vgl. 1 Kön 22,19;
Jes 6, SKZ 18/1998; Ez 1). Neu ist, dass Gott als «Hochbetagter»,
also menschengestaltig als alter Mann beschrieben wird. Darin dürfte
sich der Einfluss des Hellenismus bemerkbar machen, wo menschengestaltige
Götterdarstellungen das Normale sind. Sogar auf der ältesten judäischen
Münze wird ein Gott als ehrwürdiger, thronender Mann dargestellt.
Da von Thronen in der Mehrzahl die Rede ist, dürfte bereits hier an
den Menschensohn gedacht sein, der als gottgefälliger Herrscher Eingang
in den himmlischen Thronsaal finden wird, ein Gedanke, den die Offenbarung
später auf Christus übertragen wird (vgl. Offb 20,4). Der Hochbetagte
hält Gericht über die tierischen Herrschaften und wird denjenigen
inthronisieren, der sich als humaner Herrscher, als wahrer «Mensch»
(wörtl. «Sohn eines Menschen»; aram. bar-'änasch)
erwiesen hat. Diese Gegenüberstellung von bösen Tieren und dem
guten Menschen verrät ebenfalls hellenistischen Einfluss, denn im Orient
wurde die Grenze zwischen Tier und Mensch nie in diesem wertenden Sinne
gezogen. Gottes Volk wird «Heilige des Höchsten» (aram.
qadische 'älionin) genannt und als ein gerechtes Volk, das nach den
Weisungen Gottes lebt, den Engeln im Himmel gleichgesetzt; denn Menschen
und Engel sind nicht in einem zeitlichen Nacheinander zu denken, sondern
wie realer und idealer Aspekt ein- und derselben menschlichen Wesenheit.
Die ersten christlichen Theologen haben die Gestalt des Menschensohnes auf Jesus Christus gedeutet und in hellenistischer Weise bildlich in Szene gesetzt. Die Verklärungsszene des Evangeliums (Mk 9,210) ist in der Tat nichts anderes als ein in Sprache gesetztes Bild dreier Männer, die ein theologisches Verhältnis ausdrücken, wie es bei hellenistischen Skulpturenensembles der Fall ist. Die Frage nach dem Zeitalter wird in den Evangelien und bei Paulus ganz zugespitzt auf die Frage nach dem Menschen. Der Akzent liegt auf der mittleren Gestalt, Christus, der in blendend weissem Gewand dasteht. Er symbolisiert den Neuen Menschen, den in der Sophia Wurzelnden zwischen Tora und Prophetie, der durch seine Qualitäten dem Himmel bereits näher ist als alle anderen, eine Brücke zwischen Schon-Jetzt und Noch-Nicht, eine wegweisende Ikone unser selbst.
Für den Zukunftsforscher Jean Gebser (1905 bis 1973; vgl. Lit.) ist die Überlieferung von der Verklärung Christi zu einem Modell dafür geworden, wie Wegweisendes sichtbar wird. Nach dem mythischen und dem mentalen Zeitalter erwartete er eine neue Ära. Nicht ein neues Weltbild wollte Gebser entwerfen, eine Weltanschauung oder Weltvorstellung. Er suchte nach der Sensibilität für die Epiphanie des Geistigen, für die neue Wirklichkeit, «die ganzheitlich wirkende Wirklichkeit ist; in welcher Potenz und Akt als Wirkendes und Bewirktes gegenwärtig sind; in welcher der Ursprung dank der Gegenwärtigung neu aufblüht und in der Gegenwart umfassend und ganzheitlich ist.» Er suchte nach Stellen wo seine erwartete aperspektivische Welt durch die mental und perspektivisch dominierte, in der wir leben, durchscheint. Dieses Prinzip der Diaphanie sah er bei Jesus und seinen Schülern/Schülerinnen vorgezeichnet. Was seine Jünger bei der Verklärung gesehen hatten und in Christus bereits vollzogen war, zeigte sich den anderen erst allmählich im Verlauf der folgenden Geschichte.
Literaturhinweis: Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart. Erster Teil. Die Fundamente der aperspektivischen Welt. Beitrag zu einer Geschichte der Bewusstwerdung. Gesamtausgabe Bd. II, Stuttgart 1949.
Auf Münzen Antiochos' IV. von 173/72 v. Chr. steht: Basileos Antiochu Theu Epiphanu, Nikäphoru, «Antiochus, Gestaltwerdung Gottes, Träger der Siegesgöttin». Die Selbstvergottung des Seleukidenherrschers war eine neue, bis dahin unerhörte Tonart der Herrscherrhetorik, die den Orientalen, und speziell den Juden, die immer genau zwischen Gott und Mensch zu unterscheiden verstanden, als lasterhaft erschien. Mit den bei Daniel erwähnten «vermessenen Reden» des elften Hornes wird wohl auf diese Blasphemie des Seleukiden angespielt. Die Hörner, Symbole der Herrschermacht seit persischer Zeit, wachsen auf dem vierten Tier, das im Gegensatz zu den drei vorangehenden nicht benannt wird. Die Betonung der Zähne und der Füsse des schrecklichen Tieres dürfte aber ein Verweis auf die Elephanten sein, die von den Seleukiden erstmals im Krieg zum Einsatz gebracht wurden. Auch sie werden gerne auf Seleukidenmünzen dargestellt und somit direkt mit der Herrschermacht der Nachfolger Alexanders d. Gr. in Verbindung gebracht.