27-28/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Im Frieden und noch mehr in der Krise sehen sich Männer und Frauen im öffentlichen Dienst immer wieder dem Dilemma ausgesetzt, Recht zu vertreten, das zu Unrecht geworden ist, oder auf die Stimme der Not im Nächsten bzw. des Gewissens bzw. Gottes zu hören. Paul Grüninger, Polizeikommandant in St. Gallen im Zweiten Weltkrieg, hat sich angesichts der jüdischen Flüchtlinge am Rhein für letzteres entschieden und damit Stelle und Ruf riskiert. Heute grünt für Grüninger auf dem Gelände der Schoah-Gedenkstätte in Jerusalem ein Baum, und ein Platz in St. Gallen trägt seinen Namen.
Der in die Visionen Amos' eingefügte Prosaabschnitt dient der Erklärung,
warum nach der dritten Vision Amos nicht mehr als Fürbitter für
das Volk auftritt, dem er die Unheilsbotschaften zu verkünden hat,
wie er es nach den beiden ersten Visionen getan hat (7,2.5).
Der aus Tekoa stammende Amos verkündet in Bet-El (vgl. Kasten) die
Zerstörung der Heiligtümer Israels, die Ausrottung des Königshauses
und die Exilierung der Bevölkerung durch die Assyrer. Für den
beamteten Oberpriester des Staatsheiligtums ist das Majestätsbeleidigung,
Volksaufwiegelung, wenn nicht gar Hochverrat. Zu seinem Aufgabenbereich
gehört es, die Interessen des Königshauses am Heiligtum zu wahren
und «wirrköpfige Zukunftsansager» (Jer 29,26) fern zu halten.
Er rät Amos dringend, das Land schleunigst zu verlassen und sein Brot
dort zu verdienen, wo er herkommt, in Juda nämlich. Amos spielt daraufhin
seinen besten Trumpf aus: Er ist weder Tempelprophet (nabi') noch Mitglied
einer Prophetengilde (ben-nabi'), er ist selbstversorgender Bauer, Rinderzüchter
(boqer), Besitzer von Kleinvieh (z'on) und Maulbeerfeigenritzer. (Das Ritzen
der Früchte des in der Schefela und der Jordansenke gedeihenden ficus
sycomorus beschleunigt den Reifungsprozess und verhindert den Wurmstich.)
Er ist niemandem verpflichtet ausser JHWH, der ihn zu prophezeien beauftragt
hat. Da der Priester die Stimme Gottes im Propheten geringer achtet als
die amtliche Stimme des Königs, ergeht die Unheilsprophetie auch gegen
ihn, und zwar in den schlimmsten Fluchandrohungen: Die Frau des Priesters
wird zur Dirne gemacht werden, seine Nachkommen (ausdrückliche Nennung
der Töchter!) getötet, sein Land enteignet und der Priester selbst
deportiert und in unreiner Erde, ausserhalb Israels, bestattet. Grössere
Schande war damals undenkbar. Und nochmals wird wiederholt, was anfänglich
den Zorn des Priesters erregt hat: Israel wird deportiert (7,11.17). Ebendies
wird in identischen Formulierungen im deuteronomistischen Geschichtswerk
sowohl für das Nordreich als auch für das Südreich geschildert
(2 Kön 17,23; 25,21).
Die Episode hat geklärt, warum die Fürbitte Amos' und die Geduld
JHWHs zu Ende sind: Nicht genug damit, dass das Volk nicht auf die Stimme
der Propheten hört, verhindert der Priester Amazja sogar, dass sie
gehört werden könnte. Somit wurde die letzte Chance zur Rettung
vertan.
In vielen Fragen der katholischen Kirche, besonders was Priesterinnen, den Zölibat und die Schwangerschaftsverhütung angeht, ist die prophetische Stimme der Laien seit Jahren laut und eindringlich zu hören. In Organen wie «Publikforum» oder «Aufbruch» ist sie schon fast zur Institution geworden, aber auch verdiente Männer der Kirche wie Prof. Herbert Haag erheben sie. Doch den meisten Repräsentanten der Kirche scheint die rechtliche Verfassung heiliger zu sein als die Stimme Gottes. Viele haben deshalb den Rat Jesu im Evangelium befolgt, den Staub von ihren Füssen geschüttelt und der Kirche den Rücken gedreht (vgl. Mk 6,11). Manchmal aber bahnt sich der Geist einen Weg durch die Institution. Die 4. Vollversammlung der Katholischen Bibelföderation in Bogotá 1990 hält in ihrem (in Hongkong 1996 bekräftigten) Schlussdokument fest, dass Neuevangelisierung in der Bibelpastoral einen Aufbruch «vom Klerus hin zu den Laien» bedeute, damit alle Erlösungsbedürftigen erreicht werden.
Dieser Beitrag ist Prof. Herbert Haag gewidmet, in Hochachtung und Dankbarkeit.
Literaturhinweis: Jörg Jeremias, Der Prophet Amos (ATD 24/2), Göttingen 1995.
Bet-El («Gotteshausen») liegt nordöstlich vom heutigen Ramallah («Gotteshügel») auf den Anhöhen des ephraimitischen Berglandes und hiess ursprünglich Lus («Mandelbaumen»; Ri 1,23). Ausgrabungen im heutigen Betin belegen eine Siedlungstätigkeit am Ort seit der Kupfersteinzeit (4. Jt. v. Chr.), besonders aber seit der Mittleren Bronzezeit IIB (17501550 v. Chr.). Die im Rahmen der Jakobüberlieferungen erzählte Kultlegende des dortigen Heiligtums könnte daher ein ehrwürdiges Alter haben. Sie wird heute als einer der ältesten Texte in der Genesis angesehen (Gen 28,10ff.). Der Ort erfreute sich offenbar wie Schilo (vgl. SKZ 1/2000) grosser Beliebtheit bei der ländlichen Bevölkerung der Umgebung, die mit verschiedensten Anliegen zum dort verehrten El («Gott») pilgerten. Während das Heiligtum von Schilo eng mit dem Namen JHWHs und der Lade verbunden gewesen zu sein scheint, wurde Gott in Sichem (vgl. Ri 8f.) und in Bet-El unter dem Namen El bzw. El-Berit («Bundesgott») verehrt. Aber in welcher Gestalt? El war das Haupt des Götterpantheons, das wissen wir etwa aus mythologischen Überlieferungen von Ugarit und einem prophetischen Mauertext aus dem Jordantal. Daher lag seine Darstellung als königlich thronender Gott nahe, wie auf einer Kultstatue aus Hazor. Auch die Himmelstreppe in der nächtlichen Vision Jakobs könnte auf eine thronende Gestalt in einem Tempel bzw. im Himmel (vgl. Ex 24,9f.) hinweisen, die aber in der auf «Kultbildlosigkeit» bedachten Version der biblischen Redaktion keine Erwähnung findet. Unter Jerobeam I. (926/5907/6 v. Chr.) wurde Bet-El jedenfalls wie Dan zu einem staatlich subventionierten Heiligtum an dessen Südgrenze mit dem ausdrücklichen Ziel, die Wallfahrt nach Jerusalem zu konkurrenzieren, ausgebaut (1 Kön 12,28f.) und dabei mit einer kostbaren Stierstatue bestückt. Die Verbindung El/Stier findet sich etwa in Num 23,22 und 24,8, wo es heisst, dass El bzw. Elohim die Israeliten wie ein Wildstier aus Ägypten herausgeführt habe. Auch für ein solches Kultbild gab es ältere Vorbilder, wie eine in der Nähe von Dotan gefundene Bronzestatue eines Stierkalbes aus dem 12. Jh. v. Chr. zeigt. Die Politik Jerobeams musste den judäischen Interessen ein Dorn im Auge sein. Die Integration des Nordreiches ins assyrische Grossreich wurde daher als Triumph der JHWH-Prophetie gegen Bet-El (1 Kön 13; Am 3,14; 4,4f.; Hos 4,15; 5,8; 10,5) verbucht. Der von diesen Kreisen abhängige Joschija von Jerusalem (640/39609/8 v. Chr.) setzte alles daran, das verhasste Heiligtum von Bet-El der damnatio memoriae anheimfallen zu lassen (2 Kön 23,15ff.). Das konnte allerdings nicht verhindern, dass noch in einem Brief der jüdischen Kolonisten auf der Insel Elephantine nach Jerusalem aus dem 5. Jh. v. Chr. ein Gott Ischim-Bet-El erwähnt wird, der genau so wie JHWH von diesen Auswanderern verehrt wurde.
In den Kapiteln 2124 des Jeremiabuches wurden Stoffe zum Thema Königtum
zusammengestellt. Zwei Prosastücke, in welchen von der Verwerfung des
letzten judäischen Königs Zidkija (597/86587/86 v. Chr.)
und seines ganzen Hofstaates durch JHWH die Rede ist, rahmen poetische Sprüche
über das Königshaus und über seine Stützen, die Propheten.
Jeremia weissagte den Untergang des gesamten judäischen Königshauses.
Konja, der Sohn Jojakims, eines Neffen Zidkijas, der vor diesem auf dem
judäischen Thron sass und nach Babylon deportiert worden war, werde
nicht mehr Siegelring an der Rechten JHWHs sein, und keiner seiner Nachkommen
werde je auf dem Königsthron sitzen (22,2430).
Damit stellte sich spätestens in nachexilischer Zeit die Frage, wie
Juda regiert werden soll. Die utopische Antwort erfolgt in drei Teilen:
1. Die erste Antwort besteht aus einem Wortspiel. JHWH sucht die Hirten
(= Könige; vgl. SKZ 45/1999) heim (paqad), die die Schafe nicht zusammensuchten
(paqad). Er selber will kompetentere Hirte bestellen, damit künftig
keine Schafe mehr gesucht (paqad) werden müssen. Eine Anspielung auf
ein künftiges theokratisches Regierungsmodell. 2. Ein gerechter «Spross»
(vgl. Kasten) Davids wird verheissen, der weiss, was «Recht und Gerechtigkeit»
(vgl. SKZ 47/1997) heisst. In kritischer Anspielung an den Namen des verworfenen
Zidqija («Meine Gerechtigkeit ist JHWH») wird er JHWH zidqenu
(«JHWH ist unsere Gerechtigkeit») heissen. 3. JHWH wird dann
nicht mehr für den Exodus aus Ägypten gepriesen werden, sondern
für die Heraufführung des Hauses Israel aus allen Ländern
der Verbannung. Das heisst: eine völlig neue Ära beginnt.
Die jüdischen Gemeinden und ihre nichtjüdischen Sympathisanten/Sympathisantinnen, für die in der Nachfolge des Nazareners Jesus das Reich Gottes angebrochen war, griffen prophetische Herrschaftskritik auf und transponierten sie in ihre je eigenen Kontexte. Nach dem Evangelium (Mk 6,3034) ist Jesus der Hirte, der sich um die zersprengten Schafe Israels kümmert. Das drückt der Evangelist nicht durch unsere Jeremiastelle und auch nicht mit Ez 34,5 aus, sondern mit einem viel älteren Gotteswort aus dem Munde Micha ben Jimlas (1 Kön 22,17). Das methodisch Neue an der Herrschaft Jesus drückt sich darin aus, dass er das Volk lehrt. Er stellt ihm die aufklärerischen Mittel zur Verfügung, sich aus der Situation der Unmündigkeit zu befreien. Damit verbindet er auch auf der Ebene der Herrschaftskritik die prophetische Tradition mit der weisheitlichen.
Die Entmachtung von Despoten in Asien, Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa zeigt es: Eine Sache ist es, die Unrechtsregimes zu liquidieren, eine andere, etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen. Damit ein Neuanfang glücken kann, ist eine permanente intellektuelle Auseinandersetzung mit der Frage nach der gerechten Herrschaft gefordert. Nur was im Geiste vorausgenommen wird und sich in den kleinen Zellen (Familie, Schule, Firma, Gemeinde) bewährt hat, kann in bzw. nach der Krise auf staatlicher Ebene wirksam werden. Die biblischen Texte des Sonntags geben Einblick in die Werkstatt politischer Vordenker/Vordenkerinnen. Thomas Staubli
Literaturhinweis: Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Zürich/Einsiedeln/Köln 1972.
Das Spriessen der Vegetation aus der Erde (vgl. SKZ 7/2000), die im Sommer
ausgemergelt und scheinbar tot daliegt, mit dem Regen (vgl. SKZ 2021/1999)
aber zu neuem Leben erweckt wird, gehörte für die Bewohner Palästinas
zu den alljährlichen Wundern, zu den Zeichen göttlicher Segensmächte,
die in der Natur am Werk sind. Im Bildmotivschatz der Blütezeit der
kanaanäischen Kultur (17501550 v. Chr.) spielen Zweige eine grosse
Rolle. Besonders im Zusammenhang mit der als nackter Frau dargestellten
Erdgöttin tauchen sie regelmässig auf (vgl. Gen 2,9; Dtn 29,22;
Jes 61,11). Als Symbol des überreichen Erdsegens (Ijob 8,19; Koh 2,6;
Ez 17,6) sind sie Objekt kultischer Verehrung. Darüber hinaus kann
das Spriessen ganz generell zum Symbol für Hoffnung werden (Ps 104,14;
Jes 55,10). Der König als erster Diener einer segensreichen Natur trägt
als Zepter seiner Herrschaft einen Zweig. Als göttliche Gestalt überbringt
er der sich entschleiernden Göttin eine spriessende Blume. In der Bibel
übernimmt JHWH seine Funktion (Gen 2,5; Ps 65,11; 147,8; Jes 44,4).
Ein stilisierter Baum kann zur Zeit der Könige Judas die königliche
Herrschaft unter dem Himmel symbolisieren. Manchmal wird dieses Symbol gerechter
Ordnung durch Uräusschlangen gegen feindliche Mächte verteidigt.
In Ägypten gab es den Brauch, den Thronnamen des frisch inthronisierten
Pharaos auf Blätter des heiligen Isched-Baumes zu schreiben, um in
sakramentaler Weise seine Vitalität zu befördern. In ähnlicher
Weise heisst es im Psalm (72,17): «Sein Name bestehe für ewig,/vor
der Sonne sprosse sein Name» (vgl. Lit.). «Spriessende»
Herrschaft ist in Juda das, was wir blühende oder erfolgreiche Herrschaft
nennen würden (2 Sam 23,17; Ps 132,17).
Auf diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass der Ausdruck «Spross»
in nachexilischer Zeit zu einem Titel für den (verheissenen) König
bzw. Messias (Sach 3,8 in Anlehnung an Jer 23,5f.), den Erneuerer der Gemeinde
JHWHs (Sach 6,12), oder sein priesterliches Pendant (Jer 33,15), geworden
ist. In diesem Sinne wird im Achtzehnbittengebet für die Erneuerung
des Königtums in Israel gebetet: «Den Spross Davids deines Knechts
lass eilends sprossen und sein Horn werde hoch durch deine Hilfe!»
Die Deutero- und Tritojesajas verwenden die Vegetationsmetaphorik bewusst
nicht für das Königtum, sondern für das Heil des ganzen Volkes
(Jes 45,8 u.o.), in dem die Schöpfermacht Gottes manifest wird. In
ihrer Tradition stehen die neutestamentlichen Schriften, die den Messiastitel
«Spross» nicht verwenden, weil er offenbar zu sehr mit einem
hierarchischen Verständnis des Königtums verbunden war. Hingegen
wird in der alten Tradition der Vegetationsbilder vom Kommen des Reiches
gesprochen (Mk 4,2632). Sowohl die östliche wie die westliche
Christenheit hat das Motiv des (messianischen) Spriessens zusammen mit der
Wurzel Jesse in den Bilderschatz übernommen und auf Ikonen, Kirchenfenstern
und in Buchmalereien variantenreich entfaltet.