26/2000

INHALT

Lesejahr B

Konfrontation Wagen

Thomas Staubli zu Ez 2,1-3,11

 

Welt: Der Luxus des Scheinfriedens

Echter Friede verlangt viel persönliches Engagement, setzt oft jahrelange Versöhnungsarbeit voraus und ist nicht ohne die Herstellung gerechter Verhältnisse zu haben. Diesen Einsatz zu leisten sind in Wohlstandsgesellschaften der «entwickelten Welt» nur wenige bereit. Man lässt sich den «Frieden» trotz rapide wachsender Kluften zwischen Reich und Arm gerne etwas kosten durch grosszügige Investitionen im Sicherheitsbereich. Kripo, Gefängnisse und Juristen erleben nach amerikanischem Vorbild auch in Europa eine Zeit der Hochkonjunktur. Und sogar auf der politischen Ebene ist man nicht mehr bereit, die Konfrontation zu wagen. Gewerkschaften gehen kaum mehr auf die Strasse, und die sozialistischen Regierungsstrategien sind den liberalen inzwischen zum Verwechseln ähnlich.

Bibel: Ezechiels Sendung

598/97 v. Chr. wurde Jerusalem erstmals von den Babyloniern erobert, und ein Teil der Oberschicht wurde deportiert. Unter den Deportierten befand sich auch der Prophet Ezechiel. Das Herrschaftsgebiet der Stadt wurde verkleinert (vgl. Jer 13,18f.) und ein Onkel des deportierten Königs Jojachin, Mattanja, wurde als Vasallenkönig eingesetzt. Er erhielt bei der Inthronisation den neuen Namen Zidkija. Seine politische Entourage rät ihm zum erneuten Abfall von Babel und vertraut auf ägyptische Unterstützung. So kommt es 587/86 zur erneuten Eroberung und zur vollständigen Zerstörung Jerusalems unter Nebukadnezzar. Ins Jahr 593 v. Chr., also mitten in die heisse Phase zwischen den beiden militärischen Attacken gegen die Stadt JHWHs fällt die Berufung und Sendung Ezechiels ben Busi zum Propheten.
Die Darstellung von Prophetenberufungen folgte in den Grundzügen damaligen Traditionen und Konventionen. Schon in den Berufungsberichten Jesajas (Jes 6; vgl. SKZ 5/1998) und Micha ben Jimlas (1 Kön 22,19ff.) geht der Beauftragung eine Gottesvision voran, der Audition eine Vision: das Sehen kommt vor dem Hören. Das Sprechen im Namen Gottes wird legitimiert durch seine Schau. Die Leseordnung sieht vor, den letzten Vers der ezechielschen Vision vorzutragen, damit dieses Schema nachvollziehbar wird. Gleichzeitig würde dadurch aber ein falscher Eindruck seiner Gottesschau entstehen, denn sie zeichnet sich durch grosse Komplexität aus, die alles bisherige dieser Art weit übertrifft. Der Satz «Als ich diese Erscheinung sah, fiel ich nieder auf mein Gesicht; und ich hörte, wie jemand redete» bildet das Scharnier zwischen Vision und Sendung. Letztere wird durch neue Redeeinsätze («er sagte zu mir») in sechs Abschnitte unterteilt. 1. Proskynese ist ritualisierter Todstellreflex. JHWH aber will zu einem Lebendigen sprechen, gleichsam von ich zu du, zu einem Menschen mit Geist (ruach). Das ist Voraussetzung für das Hören (scham'a), und daher richtet er Ezechiel auf. 2. Ezechiel wird zu den Söhnen Israels mit trotzigem Gesicht gesandt (qösche panim) und ermutigt, furchtlos das Wort Gottes zu verkünden. Drastische Bilder von Ezechiel im Dorngestrüpp bzw. auf einem Skorpionenthron unterstreichen das Gesagte. Beides sind Bilder höchster Gefahr. Vom Dornstrauch geht Feuer und Vernichtung aus (vgl. Ri 9,15), der Stich des Skorpions kann tödlich sein, jedenfalls grosse Pein verursachen (vgl. 1 Kön 12,14). Nicht einmal solche Vorstellungen sollen den Gesandten von der Erfüllung seines Auftrags abbringen. Vielmehr wird er essen, was Gott ihm vorsetzt: eine Buchrolle (vgl. Kasten), beidseitig mit Klagen, Seufzern und Weherufen (qinim wahägäh wahi) beschrieben. Möglicherweise stand diesem Bild Jeremias Rolle Pate, die 603/02 v. Chr., also wenig mehr als vier Jahre vor Ezechiels Deportation, geschrieben und vom König in Stücke zerrissen und verbrannt worden war (Jer 36). Was Jeremias Schreiber Baruch aufgeschrieben hat, soll Ezechiel verinnerlichen. Es ist die inkarnierte Grundlage seiner Prophetie. Aufgrund der ezechielschen Charakterisierung des Inhalts könnten wir auch sagen: es ist prospektive Trauerarbeit, um dem verirrten und verzweifelten Volk in der Stunde der Not Beistand leisten zu können. 3. Das Gesagte wird in Imperativen aufs Wesentliche komprimiert. Wir erfassen die fast manische Drängnis des Propheten. 4. Und noch einmal geht es ums Essen der Buchrolle: Den ganzen Unterleib (bätän), Sitz der Gefühle, soll Ezechiel damit füllen. Er tut es, und die Buchrolle mit ihrem bitteren Inhalt schmeckt wie Honig. Damit wird bereits der positive Effekt seiner Trauerarbeit angetönt. Die Zumutung der durchgekauten Lektüre (von Jeremias Prophetie?) bewirkt, dass er künftig sprechen kann, dass ihm die Hoffnungslosigkeit die Sprache nicht verschlägt. Das schmeckt gut, das schmeckt nach mehr. 5. Aber eben, was nützt prophetische Rede, wenn niemand sie hören will. Es gilt die Versuchung zu antizipieren, dass Ezechiel statt den verstockten Israeliten den anderen Völkern predigt (wie es Paulus tun wird!). So tritt zur Buchmahlzeit die Stirnhärtung, damit Ezechiel der Konfrontation (von lat. frons, «Stirne») standhält. Hart wie Diamant (?; schamir) und Flint/Feuerstein (zor; EÜ: «Kiesel») soll die Stirne werden. 6. Die Sendung soll Ezechiel mit Ohren, das heisst vertrauensvoll-gehorsam (vgl. SKZ 13/1998), und Herz, das heisst Verstand (vgl. SKZ 28­29/1999), aufnehmen. Damit wird die in der Sendung enthaltene Leibestheologie des Propheten, der immer als Mensch(ensohn) (ben-'adam) angesprochen wird, komplettiert. Der geisterfüllte Mann mit der durchgekauten Trauer in den Eingeweiden und Gottes Worten in Ohr und Herz kann sich mit gehärteter Stirn an seine Aufgabe machen.

Kirche: Kirchliche Streitkultur

2. Lesung und Evangelium bieten gleich noch zwei weitere Modelle im Umgang mit verstockten Auserwählten. Paulus hält in seiner «Narrenrede» dafür, dass er gerade dann stark ist, wenn er schwach ist (2 Kor 12,7­10). Jesus wundert sich bloss über den Unglauben der Menschen in seiner Heimatstadt und zieht dann weiter (Mk 6,1b­6). Es könnte der kirchlichen Streitkultur nur gut tun, wenn nebst diesen eher defensiven Strategien auch jene Ezechiels vermehrt zur Anwendung käme.


Buch(rolle) (sefär)

Im Israel/Palästina des 1. Jahrtausends v. Chr. waren Bücher Rollen, bestehend aus zusammengenähten Lederstücken von Schafen oder Ziegen, im luxuriöseren Fall von Gazellen, oder aus Papyrus. Daran lässt sich der ägyptische Einfluss erkennen, denn im Zweistromland und in weiten Teilen Syriens wurde noch lange mit Keilen auf Tontafeln geschrieben. Die ältesten erhaltenen Fragmente biblischer Bücher stammen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., nämlich aus der in Tonkrügen und Höhlen versteckten Bibliothek der Essener von Qumran. Damals wurden die Texte in hebräischer Quadratschrift mit schwarzer Tinte in durch Vorzeichnung markierte Spalten geschrieben. In einigen Fällen wurde noch die althebräische Schrift verwendet und rote Tinte zur Kennzeichnung von Abschnittsanfängen und Rubriken. Wo dies nicht geschah, markierten kleinere oder grössere Wortabstände Abschnitte, Unterabschnitte und Verse.
Die Entstehung eines Buches gestaltete sich in mancherlei Hinsicht ganz anders als heute. Viele Propheten waren wohl, wie der grösste Teil der Bevölkerung des Schreibens, einige vielleicht sogar des Lesens unkundig. Für Jeremia übernahm Baruch das Schreiben. Seine Edition der gesammelten Orakel Jeremias (vgl. Jer 36) dürfte sich zumindest teilweise auf Exzerpte gestützt haben, die auf Wachstafeln und losen Blättern vorlagen (vgl. Jes 30,8; Hab 2,2f.). Seine Recherchier- und Kompilierarbeit war langwierige Arbeit (vgl. Koh 12,12 und das Vorwort zu Sir), der wir ein erstrangiges Zeugnis der Antike und unseres Glaubens verdanken.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000