23-24/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Im Rahmen der in den letzten Jahren geführten Fundamentalismusdebatte wurde immer wieder der Beitrag der Religionen zu Intoleranz und Gewalt thematisiert. Dabei wurde speziell auf die negativen Auswirkungen des ausschliesslichen Gottesverständnisses in den monotheistischen Religionen hingewiesen. Jeder Monotheismus sei per se fundamentalistisch und umgekehrt: Fundamentalistische Reaktionen seien die Folgen einer von Judentum, Christentum oder Islam geprägten Bewusstseinsstruktur. Monotheismus sei hierarchisch, prophetisch, exklusiv, männlich, geistig und theokratisch, polytheistische Religionen hingegen integrativ, offen, differenziert, weniger rational fixiert und damit auch weniger ausschliesslich gegenüber dem Weiblichen, der Sexualität und der Natur. In diesen Gegenüberstellungen stecken bestimmt richtige Beobachtungen, aber auch Einseitigkeiten, die sich durch historische Bespiele schnell aufzeigen liessen. Ein zentraler Text aus der Monotheismus-Tradition mag am Sonntag Trinitatis Anlass dazu bieten, das Bild etwas zu differenzieren.
Das vierte Kapitel des fünften Buches Mose ist ein äusserst
kunstvoller, redaktionell geplanter und gestalteter Vorspann zur zentralen
Bundesforderung des «Zweiten Gesetzes», die in den Kapiteln
511 dargelegt wird und mit dem Dekalog (vgl. SKZ 8/2000) beginnt. Die
Redesituation ist wie im ganzen Deuteronomium eine Ermahnung des sterbenden
Mose an sein Volk. Unter Rückbezügen auf Dtn 1,37f. und 3,2328
wird in 4,124 auf die Geschichte des Gottesvolkes zurückgeblickt
und immer wieder an das Hauptgebot erinnert, die Gesetze und Vorschriften
JHWHs zu befolgen. Mit Segens- und Fluchformeln wird dieser Teil beschlossen,
wie in Dtn 28 das ganze Gesetzeskorpus. Das Kapitel kann demnach als eine
Art abstract bzw. Kondensat des gesamten Bundesformulars aufgefasst werden.
4,3240 ist eine Peroratio (zusammenfassende Rede) des Vorausgegangenen,
eine nochmalige Verdichtung in fast hymnischer Sprache mit der Kernaussage:
JHWH ist unser Gott, JHWH allein (vgl. Kasten). Israel wird darin gleichsam
zu einer universalgeschichtlichen Betrachtung aufgefordert. Sie wird zeigen,
dass es keinen Gott gibt, der solcherart an seinem Volk gehandelt hat, wie
es JHWH für Israel tat. Durch eine Siebnerreihe wird die Grosstat des
Exodus charakterisiert: Unter Prüfungen (1), Zeichen (2) und Wundern
(3) und Krieg (4), mit starker Hand (5) und hoch gerecktem Arm (6) und unter
grossen Schrecknissen (7) hat JHWH Israel aus Ägypten befreit. Er liess
vom Himmel seinen pädagogischen Donner hören und auf Erden sein
Feuer sehen, aus welchem seine Stimme ebenfalls zu hören war. Der Text
harmonisiert hier die widersprüchlichen Angaben der Tora im Buch Exodus,
wonach Gott einmal auf dem Sinai sprach (Ex 19,11.18.20), dann wieder vom
Himmel her durch eine Wolke und Feuer (Ex 20,19). Im Folgenden wird das
sich zwischen JHWH und Israel ereignende Drama in den Kategorien einer Adaption
entfaltet: Gott hat Israels Väter (zu ergänzen sind die Mütter)
lieb gewonnen ('ahav), ihre Nachkommen aus Ägypten herausgeführt
(jaz'a) und grössere und mächtigere Nationen aus dem Land vertrieben
(harasch), das er seinem auserwählten Volk als Erbbesitz (nachalah)
gab. All das tat er selbst, wörtlich «mit seinem Angesicht»
(böfanau). Er liess es nicht durch Diener/Engel tun (gegen Num 20,16).
Diese Kernaussagen des Abschnittes werden durch die zweimalige Feststellung
gerahmt, dass JHWH der einzige ist bzw. noch kürzer: «sonst keiner»
('en 'od).
Man kommt nicht umhin, der Perikopenordnung zumindest Unverständnis
vorzuwerfen, wenn sie ausgerechnet die Kernsätze übergeht und
damit eine rhetorische Meisterrede zerstört. Es geht aber noch um mehr:
Wer die Verse 4,3538 ausfallen lässt, täuscht tendenziell
darüber hinweg, dass das historische Israel (mit seinen Vätern,
Müttern, Kindern und Kindeskindern) auch für das Christentum wesentlich
zur Geschichte des Heils dazugehört. Die zweite Lesung (Röm 8,1417)
nimmt genau dieses Thema auf und klärt die Frage, wie es denn möglich
ist, dass auch Nichtjuden zu Erbinnen und Erben JHWHs werden können.
Auf dem Hintergrund der Geschichte des judäischen Monotheismus tritt der Scheincharakter dieser Alternative sofort zu Tage. JHWH ist kein Monolith. Er verkörpert zwar die in Natur und Geschichte waltende, eine Kraft, jedoch nicht als ein blutleeres Prinzip, sondern als eine «corporate personality», in der menschliche Segenserfahrungen von Jahrhunderten schlummern, die unter verschiedensten Aspekten mit den Menschen in Beziehung tritt (leider nur mangelhaft in weiblichen) und damit wie die Theologenidee vom dreifaltigen Gott ein Ausdruck für die Dynamis ist, der wir alles Leben verdanken.
Literaturhinweis: Walter Dietrich/Martin A. Klopfenstein (Hrsg.), Ein Gott allein? JHWH-Verehrung und biblischer Monotheismus im Kontext der israelitischen und altorientalischen Religionsgeschichte (13. Kolloquium der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 1993), Freiburg (CH) 1994.
Der Glaube an die Einzigartigkeit JHWHs ist weder eine Erfindung noch eine mystische Idee, sondern das Produkt eines sich über Jahrhunderte erstreckenden Offenbarungsprozesses. Ganz verschiedene Kräfte spielten dabei eine Rolle. Eine gewisse Vereinheitlichung lokaler Kulttraditionen und damit auch von Gottesvorstellungen ergab sich etwa durch die Stämmekoalition, die schliesslich unter dem Namen Israel mit dem Gott JHWH in Verbindung gebracht wurde wie Ammon mit Milkom und Moab mit Kamosch. Zu dieser politischen Dimension kommt eine kulturelle. Durch Übersetzungsprozesse von einer Kultur in die andere wurden zum Beispiel Aspekte von den syrophönizischen Gottheiten Baal und El oder von ägyptischen wie Amun, Horus oder Ptah auf JHWH übertragen. Selbst Aspekte der Ascherafrömmigkeit versuchte man in den JHWH-Kult zu integrieren, was jedoch nur ansatzweise gelang (vgl. bes. Hos 11 und 14). Schliesslich mochten auch theologische Spekulationen den Monotheismus befördert haben, besonders nachdem sich JHWH in der erfolglosen Umkehr des assyrischen Heeres unter Sanherib als resistent gegenüber der grössten Fremdmacht erwies. Unverständlich bleibt die Entstehung des typisch judäischen Monotheismus aber auch dann noch, wenn die speziellen Kulttraditionen Jerusalems, besonders der alte Sonnenkult, nicht beachtet werden (vgl. dazu SKZ 11/2000). Im Gegensatz zum revolutionären Monotheismus Echnatons in Ägypten, erweist sich der langsam gewachsene JHWH-Monotheismus somit nicht als exklusiv, sondern als inklusiv, wenn auch mit deutlichen Mängeln, was die Integration der Göttinnentraditionen angeht. In beiden Fällen bringen aber nebst Texten auch Bilder das neuartige Gottesverständnis zum Ausdruck. Aus judäischen Gräbern um 700 v. Chr. stammen Tridacna-Muscheln mit der Darstellung eines kosmischen Gottes. So wie der Gott des Himmels und der Erde im Dtn 4,36 durch Wolken und Feuer bildlich erfasst wird, erscheint auf der Muschel eine männliche Gestalt zwischen den Himmelsflügeln und einem feurigen Bouquet aus Lotosblumen.