22/2000

INHALT

Lesejahr B

Schöpfer Geist

Thomas Staubli zu Joël 3,1-5

 

Kirche: Jahrtausend des Heiligen Geistes?

Es gibt Stimmen in der Kirche, die behaupten, das eben begonnene Jahrtausend sei ein Zeitalter des Heiligen Geistes. Habe die junge Kirche um das richtige Verständnis des Messias Jesus gerungen und die mittelalterliche Theologie sich besonders um die Gottesfrage bemüht, so stehe nun das Zeitalter an, in dem die Wege sichtbar werden, auf welchen sich der Heilige Geist in allen Völkern kundtue. Periodisierungen der Weltgeschichte sind immer problematisch. Sie sagen meist wenig aus über die tatsächliche Ereignisgeschichte, da sie daraus nur Passendes auswählen und alles, was das Konzept stört, übergehen, wohl aber verraten sie einiges über die Absichten, Interessen oder Wünsche ihrer Propagandisten. Den Glauben an ein Jahrtausend des Geistes verstehe ich als Ausdruck der Sehnsucht breiter Kreise nach einer Kirche, die dogmatisch und institutionell den bisherigen Rahmen sprengt, um den vielfältigen Erscheinungsweisen Gottes in den menschlichen Beziehungen einer global gewordenen Gesellschaft gerecht zu werden. Die besonders in den so genannten Entwicklungsländern aufstrebenden, jungen Pfingstkirchen (vgl. Lit.), die sich durch liturgische Experimentierfreudigkeit, internationalen Charakter und eine relativ grosse institutionelle Flexibilität auszeichnen, sind ein konkret-kirchlicher Ausdruck dieser Hoffnung. Den Säkularen sind ihre Gemeinden mit den charismatischen Gebeten und Heilungsgottesdiensten eine Torheit, den traditionellen Kirchen sind sie mit ihrer intellektuellen Unbekümmertheit bei gleichzeitig starkem Selbstbewusstsein ein Ärgernis. Diese neuen Kirchen sind provokativ, weil sie Räume für Visionen bieten ­ Visionen, die Herkömmliches in Frage stellen und zu verändern drohen. Davon handelt eine der Lesungen aus der Pfingstvigil, die noch nichts von ihrer ursprünglichen Frische verloren hat. Ich stellte sie einmal einer Pastoralplanungskommissionssitzung als Meditation voran. Die hochrangigsten Mitglieder der überalterten Kommission reagierten von der prophetischen Botschaft verunsichert mit Zorn und Ärger.

Bibel: Eine verunsichernde Botschaft

Die Passage aus dem Joëlbuch, aus der Lukas in seiner Apostelgeschichte zur Deutung der Pfingstereignisse im Munde des Petrus ausführlich nach dem Wortlaut der Septuaginta zitiert (Apg 2,16­21), steht zwischen zwei grossen Zukunftsverheissungen für Juda: 1. Das von Heuschreckenschwärmen/Kriegen (der Text ist doppeldeutig) zerstörte Land wird von JHWH wieder mit reichen Ernten gesegnet, nachdem der Feind aus dem Norden vertrieben wurde. 2. JHWH hält im Tal Joschafat Gericht über die Völker, die Juda zugrunde gerichtet haben, und am Tempel in Jerusalem entspringt eine Quelle, die das ganze Land befruchtet. In der Mitte dieser beiden Bilder überquellenden Segens auf der Basis massgeregelter Feinde erscheint wie im Hauptbild eines Flügelaltars die endzeitliche Vision der vom Geist (vgl. Kasten) überströmten Jerusalemer Tempelbürgergemeinde. Linke Kreise (in Athen hätte man sie demokratisch genannt) verbanden sie mit einem egalitären Ideal einer Stadtgesellschaft. Was das institutionell bedeuten könnte, schildert ein Text wie Num 11 (vgl. auch Ex 18,17­23), wo von der Verteilung des Geistes des Mose auf siebzig Älteste die Rede ist. Joël geht so weit, dass er die Töchter, die Jungen und die Sklavinnen und Sklaven in das Bild einbezieht. Dieses sexistische und soziale Schranken einer Klassengesellschaft ignorierende Konzept wirkt noch beim jüdisch-hellenistischen Städter Paulus nach (Gal 3,28). Die allgemeine Geistbegabung bewirkt prophetisches Reden (nab'a), die Schau von Träumen (chalomot) und Visionen (chäsjonot) ­ eine für das Establishment in der Tat alles andere als beruhigende Perspektive, für die biblischen Weisen aber eine conditio sine qua non für eine lebenswerte Zukunft, denn ihnen war bewusst: «Ein Volk ohne Vision geht zugrunde» (Spr 29,18).

Welt: Puffer für nicht vorhandene Visionen

Heute dürfen alle, die wollen, prophetisch reden, träumen und Visionen entwickeln. Die autonomen Jugendzentren aus der Zeit des Zürcher Opernkrawalls sind subventionierte Kulturstätten geworden, Harald Nägelis Strichmännchen museal gewürdigte Meilensteine der modernen Kunstgeschichte. Wir Reichen können uns Subkulturen als Puffer für Visionen, die der Wohlstandswelt gefährlich werden könnten, leisten. Aber sind sie überhaupt noch nötig, diese Puffer? Gibt es noch gefährliche Träumerinnen und Visionäre? Oder wird es vom jungen 21. Jahrhundert später nicht eher heissen: «In jenen Tagen waren Worte JHWHs selten; Visionen waren nicht häufig» (1 Sam 3,1).

 

Literaturhinweis: Walter J. Hollenweger, Geist und Materie. Interkulturelle Theologie III, München 1988.


Geist (ruach)

Das hebräische ruach meint zunächst den Wind und den Atem, also die bewegte Luft (für die Luft als Element hat das Hebräische kein Wort), die eine Vergegenwärtigung Gottes darstellen kann. Der Gottesname JHWH selbst verweist auf die wehende Luft. Die Winde können als seine Boten aufgefasst werden (Ps 104,4). Im vibrierenden Atem ist Gott über dem Tohuwabohu zu Beginn der Schöpfung gegenwärtig (Gen 1,2). Der Atem Gottes ist es, der in Gestalt der Winde das Schilfmeer austrocknet bzw. zu einer Mauer auftürmt, damit die Kinder Israels trockenen Fusses aus Ägypten fliehen können (Ex 15,8.10; 14,21). Die Propheten Israels wurden zur Zeit Jeremias mit dem bösartigen Wortspiel verspottet «Die Propheten sind für den Wind/Geist» (Jer 5,13). Was von Gott erschaffen wurde, ist von seinem Charme (ruach) erfüllt, wie in ganz besonderem Masse die Menschentöchter, die einst die Gottessöhne so reizten (Gen 6,3). Erfreuliche Botschaften können Menschen wieder mit Elan (ruach) erfüllen, wie die Nachricht für Jakob, dass Josef noch am Leben ist (Gen 45,27). Aber auch der menschliche Atem (ruach) kann schlechthin als Lebenshauch Gottes verstanden werden (Ijob 27,3). Darüber hinaus gibt es Menschen, die in ganz besonderer Weise vom Geist Gottes angezogen bzw. von ihm durchdrungen werden. Dazu gehören die charismatischen Anführer der Richterzeit, die sich durch ausserordentliche Taten auszeichnen und Propheten, die besondere seherische Fähigkeiten haben oder gar ­ wie Elija ­ durch Gottes Geist entrückt werden. Vom Geist des Mose wird noch auf die für politische Aufgaben zuständigen Ältesten verteilt (Num 11,25­29). Der künftige messianische König soll ein mit vielfältigen Gaben des Geistes ausgestatteter Mann sein (Jes 11,2). Dem monotheistischen Konzept der hebräischen Bibel entsprechend wird auch der böse, hochmütige, bittere, zornige, niedrige oder zerschlagene Geist, der Menschen erfassen kann, ursächlich Gott zugeschrieben. Töne werden durch die Luft bewegt, und so ist es kein Zufall, wenn der böse Geist Sauls durch das Leierspiel Davids musikalisch wegtherapiert wird. Dass Musik und ganz besonders das Leierspiel dazu dienten, den bösen Geist zu vertreiben und den guten zu verbreiten oder zumindest zu befördern, zeigen die vielen antiken Darstellungen von Leierspielern. Auf einem Wasserkrug der Karawanenstation Kuntilled 'Adschrud im Nordnegev (7. Jh. v. Chr.) ist ein Leierspieler neben zwei anderen Segensikonen, einer säugenden Kuh und zwei Besgestalten, zu sehen. Der Tempelsänger ist das wichtigste Werkzeug des göttlichen Geistes, den er herbeisingt: «Schaffe in mir, Gott, ein neues Herz und gib mir einen verlässlichen Geist!» (Ps 51,7.12).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000