20/2000 | |
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Lesejahr B |
Viola Raheb, Schulrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien
und Palästina, wohnhaft in Betlehem, protokollierte vor kurzem folgende
Begebenheit (vgl. Lit.): «Vor einigen Monaten hat eine palästinensische
Frau, Ende dreissig und gut ausgebildet, einen Muslim geheiratet. Sie ist
mit ihm weggelaufen, um ihn heiraten zu können, und ist zum Islam übergetreten
(in Palästina wie in Israel gibt es nur religiöse, keine standesamtlichen
Heiraten, T. S.). In wenigen Stunden hatte sich die Nachricht in der Stadt
ausgebreitet. Die Reaktion der Familie war typisch: die Tochter wurde ausgestossen,
ja die Familie ging sogar so weit, den Tod der Tochter zu beschwören.
Die Frau musste sich an einem geheimen Ort aufhalten. Sie hatte weder Kontakt
zu ihrer Familie noch konnte sie ihrem Beruf nachgehen, den sie in der Zwischenzeit
verloren hatte. Doch die Tragik dieser Geschichte kam wenige Monate nach
der Eheschliessung, denn die Frau wurde geschieden bzw. verstossen. Wohin
jetzt? Ins Frauenkloster! Die schreckliche Ironie der Geschichte ist, dass
eine Frau, die zum Islam übergetreten ist, am Ende in einem christlichen
Kloster landet.»
Frauen, die sich den patriarchalen Normen der orientalischen Gesellschaft
nicht beugen, sind Grenzgängerinnen, die gefährlich leben. Das
dritte Kapitel der Rut-Erzählung berichtet von einem waghalsigen Unterfangen,
das gut ausging.
Wie schon das zweite Kapitel, so wird auch das dritte durch Gespräche zwischen Noomi und ihrer Schwiegertochter Rut gerahmt. Das leitmotivisch wiederkehrende Schlüsselwort dieses Kapitels ist «liegen» (schachav). Noomi rät Rut, sich am Abend zu Füssen Boas hinzulegen. Boas worfelt auf der Tenne die Gerste im ganzen Orient ein gefeierter Moment der Freude am Erntesegen. Nach der strengen Arbeit isst und trinkt er, um sich dann gleich auf der Tenne in wohliger, satter Müdigkeit hinzulegen. Die frischen Getreidehaufen auf der Tenne sind begehrtes Raubgut und müssen bewacht werden. Die Tenne ist aber, besonders zur Erntezeit, ein gleichsam heiliger Ort, wo der Segen Gottes in Gestalt der Frucht gegenwärtig ist. In der Nähe von Dotan wurde eine von einer Mauer umzirkte Tenne ausgegraben, die zugleich Kultplatz war, denn man fand eine bronzene Stierfigur, die als Kultbild diente. Um Mitternacht schreckt Boas auf und findet zu seinen Füssen Rut. Sie bittet Boas, ihn mit dem Gewandsaum (kanaf) zu bedecken (vgl. Kasten). Mit dieser Geste sollen die Flügel (kanafim) JHWHs gleichsam konkret-menschliche Gestalt annehmen. Zudem spricht sie ihn als Löser (go'el) an. Boas interpretiert ihre Handlungsweise als freundliche Zuneigung (chäsäd). Er erkennt sofort die riskante Situation, in die sich die Frau begeben hat. Ein Leichtes wäre es, sie jetzt blosszustellen und den Volkszorn auf die Fremde herabzubeschwören. Die engelhafte Beschwichtigung «fürchte dich nicht» ist daher alles andere als überflüssig. Er spricht Rut das höchste Lob aus, das in Israel denkbar war und bezeichnet sie als eine in den Mauern als tüchtig gepriesene Frau ('eschät chajil; vgl. SKZ 44/1999). Darüber hinaus erweist er sich noch in dieser erotikgeschwängerten Situation als beherrschter, überlegter Mann, insofern er sich daran erinnert, dass es einen Löser in der Verwandtschaft Noomis gibt, der ihm gegenüber Vorhand hat, wenn es darum geht, Rut zu lösen. Rut geht noch vor Sonnenaufgang nach Hause, damit kein Gerede entsteht, doch zuvor füllt ihr Boas das Umhangtuch mit sechs Mass Gerste. Sollten damit einzelne Körner gemeint sein, wäre es zu wenig, sollte damit das auf der Tenne überlicherweise verwendete Mass (Se'a = 151) sein, wäre es mehr als eine Frau tragen könne. Ausgehend von dieser Überlegung deutet der Midrasch die Stelle symbolisch auf die Leibesfrucht: «Er (Boas) gab ihr eine Andeutung, dass ihr sechs Kinder entstammen werden, die mit je sechs Segen bedacht werden sollen, und zwar: David (Harfenspieler, tüchtiger Mann, kriegsgeübt, verständig, schön, von JHWH begleitet; 1 Sam 16,18), der Messias (begabt mit den sechs Gaben des Geistes; Jes 11,2; vgl. SKZ 48/1998), Daniel, Chananja, Mischael und Azarja (makellos, schön, belesen, kenntnisreich, einsichtsvoll, mit der Fähigkeit zu lehren; Dan 1,4)» (bSanh 93ab).
Die Geschichte auf der Tenne bewegt sich zwar in einem ausgesprochen patriarchalen Rahmen Rut legt als Sklavin sich zu Füssen ihres Lösers aber Boas ist fähig, die grossen Qualitäten Ruts zu sehen und zu schätzen und ihr mit grösster Achtung zu begegnen. Davon könnten sich die Herren der Kirche, die die Frage der Gleichstellung der Frau in der Kirche neuerdings sogar mit einem Tabu belegen, ihre Verdienste nur allzu oft mit Stillschweigen übergehen und sie aus den entscheidenden Gremien fernhalten, eine dicke Scheibe abschneiden. Thomas Staubli
Literaturhinweis: Viola Raheb, Frauen in der palästinensischen Gesellschaft heute, in: BiKi 54 (1999) 131133.
Der Gewandsaum ist eine Art Identitätskarte der Person. An ihm lassen sich Volkszugehörigkeit und Stand in der Gesellschaft ablesen. Die Gewandsäume von Königen und Prinzen sind reich verziert. Mit speziellen Quasten (zizit) an den Ecken des Obergewandes bringen die Israeliten ihre Zugehörigkeit zu JHWH zum Ausdruck (Num 15,38f.). Mangels eines Roll- oder Stempelsiegels konnte der Saum des Gewandes in den noch weichen Lehm eines amtlichen Schriftdokumentes gedrückt werden. Noch heute berühren jüdische Männer, nachdem sie aus der Tora vorgelesen haben, mit dem Saum ihres Gebetsmantels die Buchrolle. Wenn Saul den Saum Samuels erfasst, fleht er mit dieser Geste um den Schutz des Propheten (1 Sam 15,27). Das Abfallen der Quaste bei dieser Bitte um persönliches Asyl wird von Samuel sofort als Verwerfung seines Königsamtes durch Gott interpretiert. Das Motiv wird nochmals aufgenommen, als der von Saul verfolgte, listige David Saul, den er töten könnte, im Geheimen den Gewandsaum abschneidet (1 Sam 24). Bezeichnenderweise ist im Ersten Testament nirgends in positiver Weise vom schützenden Saum des Königs die Rede; wohl aber vom Saum JHWHs, der den Tempel erfüllt (Jes 6,1) und den er barmherzig über das ehebrecherische Jerusalem ausbreitet (Ez 16,8). Wer mit seiner Stiefmutter sexuellen Verkehr hat, deckt den Mantelsaum des Vaters auf, das heisst entehrt die väterliche Ehe (Dtn 23,1; 27,20). Wer einen Mord begeht, beschmutzt den Saum seines Mantels mit Blut (Jer 2,34). Die Verzierungen an den äussersten Enden der Person, in der Nähe des staubigen, dreckigen Bodens haben auch apotropäische Bedeutung. Dies wird besonders deutlich in der hohepriesterlichen Gewandung, die am Saum mit Schellen bestückt sind (Ex 28,33f.; 39,25f.; Sir 45,9; vgl. Sach 14,20), welche die Dämonen aus dem Bereich des Heiligen vertreiben sollen. Das Öl, das vom Haupt des Hohenpriesters über seinen Bart bis auf den Saum seines Gewandes herniederfliesst (Ps 133), ist ein Bild umfassenden Segens.