19/2000

INHALT

Lesejahr B

Männliches Wohlwollen

Thomas Staubli zu Rut 2

 

Bibel: Ungewöhnliche Behandlung einer fremden Frau

Umfasst das erste Kapitel des Büchleins Rut einen Zeitraum von zehn Jahren im Raume Moab, so schildert das zweite, praktisch gleich lange Kapitel einen Tag auf den Feldern Betlehems, genauer: auf den Feldern des Grundbesitzers Boas («Dort-ist-Kraft») aus der Verwandtschaft Elimelechs, des verstorbenen Gatten Noomis, der denn auch gleich im ersten Satz des Kapitels eingeführt wird, ohne dass der Leser oder die Leserin weiss, aus welchem Grund. Rut geht auf die Felder hinaus, um Ähren zu lesen, denn es sind die Tage der Gerstenernte (1,22). Das Recht, an den Ecken der Felder zu ernten und auf dem ganzen Feld Nachlese zu halten, steht ihr als Fremder und als Witwe von Rechts wegen zu (Lev 19,9f; 23,22; Dtn 24,19­22; vgl. SKZ 42/1998). Sammeln/lesen (laqath) ist denn auch das Schlüsselwort dieses Kapitels (2,1.3.7.8.15.16.17.18.23). Die Stimmung auf dem Feld ist ausgesprochen freundlich. Der Feldbesitzer grüsst die Schnitter mit «JHWH sei mit euch!» (JHWH 'imchäm), die Arbeiter/Arbeiterinnen grüssen Boas mit «JHWH segne dich!» (jövarächöcha JHWH). Der Vorarbeiter ist bereits über Rut im Bilde und informiert seinen Chef. Boas lädt daraufhin Rut ausdrücklich dazu ein, auf seinem Feld Nachlese zu halten, und will seine Sklaven anweisen, ihr nichts anzutun, das heisst sie nicht sexuell zu belästigen. Das ist nötig, denn als fremde Frau gilt sie den israelitischen Männern als lasziv und leicht zugänglich (vgl. Kasten). Rut verdankt diese Geste der Solidarität sofort, wobei das Wortspiel ihrer (literarischen) Antwort den Kern der ihr widerfahrenen Güte noch deutlicher macht: «Wie habe ich es verdient, dass du mich so achtest (von nakar, wahrnehmen), da ich doch eine Fremde bin (von nakar, fremd sein)?» Ruts Solidarität mit ihrer Schwiegermutter, von der Boas vernommen hat, quittiert er mit der Verheissung, dass Rut unter den mit Flügeln (kanafim) charakterisierten, bergenden Schutz des Gottes Israels gestellt werden möge (vgl. SKZ 22/1999). Zusätzlich zum Schutz gewährt Boas Rut noch Verpflegung und erleichterte Sammelbedingungen unter den Garben. Vom übrig gebliebenen Imbiss gibt (natan; 2,18) Rut auch ihrer Schwiegermutter, womit ein weiteres Schlüsselwort der Erzählung (vgl. 1,6; 3,17; 4,13) anklingt. Sie segnet Boas, der ihnen so grosse Gunst (chäsäd) erwies, und erzählt Rut, dass er als ihr Verwandter ein Löser (go'el) ist, das heisst ein Mann, der die Pflicht hat, Blutrache zu üben und verwandten Frauen ohne Haus oder in Schuldknechtschaft gefallenen Verwandten zu helfen. Das Kapitel endet mit der Bemerkung, dass Rut bis zum Ende der Weizenernte, die in Palästina rund einen Monat nach der Gerstenernste, Ende Mai/Anfang Juni stattfindet, mit den Sklavinnen des Boas auf den Feldern arbeitete. Dieser Vers war der Synagoge Anlass dafür, die Rut-Rolle am Wochenfest (Schawuot) zu verlesen.

Synagoge/Kirche: Konvertitin oder Ecclesia oder...

Weder die Synagoge noch die Kirche haben die Provokation der Erzählung ertragen, dass ein freier Mann über seinen Schatten springt und eine Fremde so wohlwollend behandelt. Die Synagoge machte aus Rut den Prototyp der Konvertitin, die deshalb zu Recht wie eine Israelitin behandelt werden kann. Die Kirche sah in Rut den Typos der Ecclesia, während Boas Christus symbolisierte. Solchen Deutungen gegenüber muss der Text ins Recht gesetzt werden, der eine Fremde schildert, die nicht den männlichen Vorurteilen entspricht, und einen Einheimischen, der fähig ist, die Qualitäten der Frau wahrzunehmen und sogar mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu honorieren.

Welt: Von der Moabiterin zur Philippina

Fremde Frauen gehören zu den rechtlosesten, diskriminiertesten und ausgebeutetsten Gruppen unserer Lebenswelt. Die Kolumbianerin, die Rauschgift in die Schweiz schmuggelt, damit sie ihre Familie für ein paar Jahre über die Runden bringt, die osteuropäische Prostituierte, die ihren Körper für ungeschützten Sex anbietet, die Philippina, die sich gegen Bezahlung in einem Prospekt für heiratswillige Schweizer Männer ausschreiben lässt... sie und viele andere tun, was sie tun, als Fremde, die kein Pardon zu erwarten haben.

 

Literaturhinweis: Christl Maier, Die «fremde Frau» in Proverbien 1­9. Eine exegetische und sozialgeschichtliche Studie (OBO 144), Freiburg (CH)/Göttingen 1995.


«Fremde Frau» (nokriah und 'ischschah zarah)

Die «fremde Frau» gilt den meisten biblischen Autoren als Einfallstor des Bösen und findet entsprechende literarische Ausgestaltung. Joseph wird von der Frau des Ägypters Potifar verführt (Gen 39,7­20). Die Midianiterin Kosbi, Tochter Zurs, wird während des Beischlafs zusammen mit ihrem israelitischen Freund Simri, Sohn des Salus von Pinchas, Sohn Eleasars und Enkel Aarons, ermordet (Num 25). König Salomo wird von den fremden Frauen in seinem Harem zum Götzendienst verleitet (1 Kön 11,1­8). Die Phönizierin Isebel, die Frau des israelitischen Königs Ahab, tritt als intrigante Gegenspielerin Elijas auf (1 Kön 19,1f.; 21). Esra löst Mischehen in seinem Einflussgebiet in der persischen Provinz Juda kurzerhand auf (Esra 9f.), und Nehemia lässt es sich von Gott zum Guten anrechnen, dass er Judäer, die Mischehen eingingen, züchtigen liess (Neh 13,23­30). Umgekehrt fühlen sich Lea und Rahel von ihrem Vater Laban wie fremde Frauen behandelt, weshalb sie ihn mit Jakob verlassen (Gen 31,15). In Spr 1­9 wird die «fremde Frau» auf dem Hintergrund der nachexilischen Texte bei Esra und Nehemia facettenreich als Gegenspielerin zur Weisheit (vgl. SKZ 35/1998) geschildert (Spr 2,16­19; 5,3­8; 6,24f.32; 7,5.25­27). Der Begriff der «fremden Frau» wird von der ethnisch Fremden (nokriah) hin zur Frau eines anderen israelitischen Mannes ('ischschah zarah) erweitert. Beide sind für den gottesfürchtigen Mann tabu. Frauen, die sich auf eine solche Beziehung einlassen, gelten als ehebrecherisch, ihre männlichen Partner als frevlerisch. Demgegenüber werden die Vorzüge und die erotische Anziehungskraft der eigenen Frau, der «Frau der Jugend», beschworen. Um ihr Antipodentum zur Weisheit, die ihre konkrete Basis in den gottesfürchtigen Frauen Israels hat, hervorzuheben, wird die «fremde Frau» auch «Frau Torheit» genannt. Im Gegensatz zu Frau Weisheit, die als Vorsteherin eines wohlsituierten Gastmahls in einem Lehrhaus auftritt und allen, die bei ihr einkehren, Leben verheisst, wird sie als Hure charakterisiert, deren Haus bildhaft mit der Totenwelt identifiziert wird, da der Umgang mit ihr zu sozialer Ächtung, Verlust der Güter und letztlich zum (sozialen) Tod führe. Der Septuagintatext von Spr 7,6 beschreibt sie in der Pose der aus dem Fenster blickenden Frau, einem im Vorderen Orient beliebten, lebenslustigen Motiv für Elfenbeinschnitzereien mit erotischem Einschlag. Die Texte bieten demnach sowohl eine positive Identifikationsfigur als auch die Warnung vor einem Schreckensbild. Als Urheber/Urheberinnen solcher Lehren dürfen nach Ausweis der Texte zunächst die Eltern jüdischer Kinder gelten, die zu jener dünnen, deportierten Oberschicht gehörten, von der ein Bruchteil aus dem Exil nach Jerusalem zurückkehrte. In den neben Synagogen entstehenden Lehrhäusern wurde die Lehre in den folgenden Jahrhunderten entfaltet und verbreitet.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000