18/2000 | |
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Lesejahr B |
Bis ins vorletzte Jahrhundert war die Schweiz ein klassisches Auswanderungsland: Julius Cäsar hält bei Bibracte die ins fruchtbarere Gallien auswandernden Helvetier auf... Ab dem 15. Jahrhundert ist die Reisläuferei eine der wichtigsten Verdienstmöglichkeiten für Schweizer Männer; die Schweizergarde des Vatikans zeugt noch davon Arme Bauernkinder dienten bei reicheren Bauern im Schwabenland... Zwischen 1851 und 1855 zogen 50000 Schweizer/Schweizerinnen, 2% der Gesamtbevölkerung, nach Übersee... Einige Gemeinden bezahlten jenen die Reise, die versprachen, nie wieder zurückzukommen... Im 20. Jahrhundert wurde die Schweiz ein klassisches Einwanderungsland: Seither reisst die Folge von manchmal nur knapp abgelehnten Überfremdungsinitiativen und Einwanderungsbeschränkungen nicht mehr ab. «Vor Überfremdung fürchtet sich bloss der Besitzende; wer nichts besitzt, ist überall zuhause» (Al Imfeld).
Das Richterbuch (1921) endet mit der schrecklichen Geschichte der zu Tode vergewaltigten Nebenfrau eines Leviten durch die Männer der benjaminitischen Stadt Gibea. Die Untat wird durch die übrigen Stämme Israels an den Benjaminitern gerächt, und sie verpflichten sich eidlich, dem Stamm keine Frauen aus den eigenen Reihen zu geben. Später haben sie Mitleid mit Benjamin. Sie überfallen das gileaditische Jabesch und geben die geraubten Frauen den Benjaminitern. Einer andern Version zufolge rauben sich die Männer Benjamins Frauen bei einem Erntefest in Schilo. Der Kontrast der im christlichen Kanon nun folgenden Rut-Geschichte zu dieser Folge von Gewaltakten an Frauen könnte grösser nicht sein. Sie erzählt die Folgen einer Hungersnot (vgl. Kasten), die Juda angeblich zur Zeit der Richter heimsucht. Sie veranlasst einen Mann aus Betlehem («Brothausen») in Efrata («Fruchtbare»), Elimelech («Mein-Gott-ist-König»), zusammen mit seiner Frau Noomi («Liebliche») und seinen Söhnen Machlon («Kränklicher») und Kiljon («Schwächlicher») ins höher gelegene, daher noch fruchtbare Moab auszuwandern. Zu Moab scheinen gute Kontakte zu bestehen. Von Davids Eltern wird berichtet, dass sie in einer Notzeit den Schutz des moabitischen Königs geniessen (1 Sam 22,34). Trotzdem geistern auch ganz andere Geschichten über Moab umher. Die Moabiter/Moabiterinnen stammten «vom (eigenen) Vater» (mo'ab) her, seien also das Produkt eines Inzestes (Gen 19,30ff.). Sie seien Gott verhasste Verführerinnen (Num 25,15). Sie seien nicht gastfreundlich, ja Feinde Israels und daher vom JHWH-Kult in Jerusalem auszuschliessen (Dtn 23,4; vgl. Esra 9,1f.; Neh 13,23ff.). Umso erstaunlicher die im Folgenden erzählte Geschichte: Machlon und Kiljon heiraten die moabitischen Frauen Orpa («Rücken») und Rut («Freundin» oder «Erquickung»), sterben aber ihren sprechenden Namen entsprechend vorzeitig. Noomi schickt die beiden Witwen zu ihren Mutterhäusern (!) mit dem Segensspruch: «JHWH erweise euch Liebe/Güte/Freundlichkeit (chäsäd), wie ihr sie den Toten und mir erwiesen habt» (1,8). Mit chäsäd fällt zum ersten Mal ein Schlüsselwort, das sich wie ein roter Faden durch die Erzählung zieht (vgl. 2,20; 3,10; 4,14). Das Leitwort des ersten Kapitels ist aber «heimkehren» (schuv; 1,8.11.12.15.16.21.22). Die Schwiegertöchter Noomis sollen heimkehren, um sich neue Männer zu suchen, die ihnen ein Haus bauen (vgl. SKZ 44/1999). Orpa kehrt in dieser Weise heim, für Rut aber heisst heimkehren mit Noomi gehen. Ihr Bekenntnis zu Noomi, ihrem Land, Volk und Gott (1,16f.) ist zum kirchlichen Trauspruch jedoch zwischen Mann und Frau geworden. Zu Hause in Betlehem angekommen, lässt sich Noomi Mara («Bittere») nennen noch hat sich der Segen der ausländischen Schwiegertochter nicht vollständig entfalten können.
«Es steht geschrieben/ Du sollst nicht/ nach der Frau deines Nächsten verlangen!/ Wem das wohl gilt?/ Es bedarf keiner Klärung./ Ich aber habe das Verlangen/ nach der Frau meines Nächsten/ sie ist nicht Objekt meiner Begierde/ sie ist meine Schwester./ Diesem Verlangen/ will ich nicht wehren/ es soll uns zusammenbringen/ aus Konkurrenz und Vereinzelung/ jede Frau kämpft gegen die andere/ um Gunst und Ansehen/ bei ihrem Nächsten./ Uns sollte geschrieben stehen:/ Du sollst nicht verlangen/ nach der Gunst der Männer/ wider deine Schwestern!» (Christel Voss-Goldstein)
Literaturhinweis: Schulstelle Dritte Welt/Caritas Schweiz (Hrsg.), Unsere Klasse hat viele Gesichter. Arbeitsmappe für den interkulturellen Unterricht im 5.7. Schuljahr. Von Silvia Hüsler-Vogt, o.J.
Hungerszeiten waren verbreitet im Alten Orient, doch hatten sie überall etwas andere Ursachen, insofern sie durch ungünstige Witterung verursacht wurden. In Sumer konnten Stürme und Sturmfluten Ernten und Behausungen zerstören. In Ägypten führte das wiederholte Ausbleiben der jährlichen Nilüberschwemmung zu Hungersnöten: «Um es dich wissen zu lassen: Ich war in Not auf dem grossen Thron und die, die im Palast lebten, waren in harter Bedrängnis wegen eines sehr grossen Übels, denn der Nil kam nicht in meiner Zeit, während einer Dauer von sieben Jahren. Korn war knapp, die Früchte waren ausgetrocknet und alles, was sie assen, war minimal. Jedermann beraubte seinen Gefährten. Sie bewegten sich ohne aufrecht zu gehen. Der Säugling jammerte, der Jüngling weinte, das Herz der alten Männer war in Trauer, ihre Beine waren gekrümmt, am Boden kauernd, ihre Arme waren geknickt. Die Höflinge waren in Not. Die Tempel waren verschlossen; die Heiligtümer enthielten nichts als Luft. Alles fand man leer» (sog. Hungersnotstele aus dem 2. Jh. v. Chr.; vgl. auch die Bilder in SKZ 14/1998 und 10/1999). In Kleinasien und der Levante waren es die ausbleibenden Herbstregen nach brütend heissen Sommerzeiten, die eine Hungersnot verursachen konnten. Ein hetitischer Mythos (ca. 15. Jh. v. Chr.) versucht die Naturerscheinung durch das grollende Sich-Verstecken des Wettergottes Telpinu zu erklären. Die Muttergöttin kommt schliesslich auf die Idee, den Unauffindbaren durch eine Biene suchen zu lassen. Der Plan gelingt, und die Biene sticht den auf einer Bergwiese schlafenden Gott. Noch mehr erzürnt lässt er nun zerstörerische Unwetter über die Menschen los. Von den Phöniziern ist den Griechen bekannt, «dass sie bei grossen Unglücksfällen infolge von Kriegen, Seuchen oder Dürre einen ihrer Liebsten opferten, indem sie ihn Kronos (= Moloch) weihten» (Porphyrius, De Abstinentia II,56). Die im Orient am weitesten verbreitete Erklärung vorübergehend ausbleibender Fruchtbarkeit ist aber die des in die Unterwelt hinabgestiegenen Fruchtbarkeitsgottes (Dumuzi, Baal, Adonis, Osiris; vgl. Joh 12,24). Die ausführlichste Hungergeschichte des Ersten Testamentes (1 Kön 17f.) deutet die Not als eine Folge des Grollens JHWHs über den Abfall der Israeliten zu Baal und Astarte bzw. für Ungehorsam (vgl. Dtn 8,3; 28,48; 32,24; 2 Sam 21,1; 1 Chr 21,12; Jer 14,12; 18,21; 21,79). Erst ein Opfer für den Gott Israels und seine Anrufung als «JHWH, Gott Abrahams, Isaaks und Israels» führen eine Wende herbei. Von Hungersnöten als erste betroffen sind Witwen mit ihren Kindern. Besonders die ärmeren und ländlichen Bevölkerungsteile werden durch Hungersnöte zur vorübergehenden Auswanderung gezwungen. Bevorzugte Aufenthaltsorte in Hungerszeiten sind für die Menschen Judas vor allem Ägypten (Gen 12,10; 26,1; 3750 passim; vgl. Jer 42,1622; 44,12f; 45,27) und für einige auch die höher gelegenen und daher länger fruchtbaren Gefilde Moabs, östlich des Jordan Rut (1,1). Auch Heuschreckeneinfälle (Joël 1,120) und Kriege (2 Kön 6,25.29) können Hunger verursachen. Hungersnöte sind die Hauptursache für Schuldsklaverei, wie es eindrücklich Gen 47,1321 schildert. Angesichts dieser bedrohlichen Not ist Speisen von Hungernden Ausdruck echter Frömmigkeit (Jes 58,7; Ez 18,7.16); sogar der Feind ist von diesem Gebot der Nächstenliebe nicht ausgenommen (Spr 25,21f.). In den Speisenden ist Gott selbst gegenwärtig (Ps 34,11; 107,9; Spr 10,3; Neh 9,15).