16-17/2000

INHALT

Lesejahr B

Leben erhaltende Frauenweisheit

Thomas Staubli zu 2 Sam 20

 

Bibel: Die Rettung von Abel-bet-Maacha

Die leider viel zu unbekannte Geschichte von der Errettung der Stadt Abel-bet-Maacha durch eine weise Frau ist eine Auferstehungsgeschichte. Statt dass eine ganze Stadt durch Joab, den General Davids, und sein Heer vernichtet wird, rollt nur der Kopf eines einzigen Mannes. Das ist dem beherzten Einsatz einer weisen Frau zu verdanken, die auf der Stadtmauer die Verhandlungen mit Joab führt. Sie gibt dem Haudegen auf der Jagd nach dem verfolgten Rebell Scheba, Sohn des Bichri, der in den Mauern der Stadt Zuflucht gesucht hat, zu verstehen, dass er drauf und dran ist, eine ganze Stadt zu zerstören. Nicht irgendeine Stadt, was schon schlimm genug wäre, sondern sogar eine Stadt, die den Ehrentitel «Mutter in Israel» führte. Ein Ort der Weisung und Beratung, vielleicht auch ein Ort mit einer Orakelstätte, ein Ort jedenfalls, den man aufsuchte, wenn man eine wichtige Angelegenheit zu einem guten Ende bringen wollte (20,18), ein Ort, der ausdrücklich zum unantastbaren «Erbe JHWHs» (nahalah JHWH) gehörte. Kurz: Die weise Frau auf der Stadtmauer (20,16; nur LXX!), deren Name im Gegensatz zu jenem des Rebellen nicht überliefert ist, schenkt Joab klaren Wein ein. Wenn er diese Stadt zerstörte, beginge er ein Sakrileg. JHWH selbst wäre dann ihr Rächer. Das fährt ein. Joab nimmt Abstand von seinen kurzsichtigen und gewalttätigen Methoden und verlangt nur den Kopf des Rebellen. Der Kopf wird ihm zugeworfen. Offenbar gelingt es der weisen Frau, diesen Entscheid der Stadtbevölkerung durch weises Zureden (böchokmah) zu vermitteln. Joab lässt das Widderhorn blasen und kehrt mit seinem Heer und dem Kopf Scheba ben Bichris vom äussersten Ende Israels nach Jerusalem zurück. Der Krieg ist aus.

Welt: Scheinheilige Gewaltlosigkeit

Seminaristinnen eines Hauswirtschaftslehrerinnenseminars, mit welchen ich eine Bibelarbeit zu diesem Text veranstaltete, zeigten sich über das Handeln der weisen Frau schockiert. Sie selber hätten eine Konferenz einberufen und das Problem am runden Tisch gelöst. Es war ihnen kaum zu vermitteln, dass diese Vorgehensweise, nachdem Joab bereits mit einem Heer vor den Stadtmauern stand, bereit zur Belagerung, undurchführbar war. Schülerinnen derselben Klasse brachten nach einem mehrwöchigen Kurs zum Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gesammelte Artikel aus dem Blick, um zu beweisen, wie es wirklich ist und welche Methoden angewendet werden sollten. Sie spiegelten bereits ihr Milieu, das jede Gewalt verurteilt und dennoch ständig welche produziert. Es gibt aber Gewalt, die dazu dient, noch grössere Gewalt zu verhindern. Das war bei den weitherum befürworteten Eingriffen der USA und der Nato im Irak und in Ex-Jugoslawien nicht der Fall, denn diese Kriege im Namen eines höheren Gutes haben unendliches Leid und bis heute und für lange Zeit unlösbare Probleme geschaffen. Die weise Frau von Abel hat früher, überlegter und präziser gehandelt. Sie bleibt ein Vorbild, auch wenn Konflikte heute nicht mehr «so einfach» gelöst werden können.

Kirche: «Und als der nächste Krieg begann»

Fragen wir nach dem Ort der Kirche in dieser Geschichte, so ist es die Gemeinschaft derer, die weise Frauen hervorbringen und auf sie hören. Erich Kästner, Zeuge der Weltkriege in Deutschland, hat es in einem visionären Gedicht auf den Punkt gebracht: «Und als der nächste Krieg begann,/ da sagten die Frauen ÐNein!ð/ und schlossen Brüder, Sohn und Mann/ fest in der Wohnung ein./Fest in der Wohnung ein.// Dann zogen sie in jedem Land,/ wohl vor des Hauptmanns Haus/ und hielten Stöcke in der Hand/ und holten die Kerle heraus.// Sie legten jeden übers Knie,/ der diesen Krieg befahl:/ Die Herren der Bank und Industrie/ den Minister und General.// Da brach so mancher Stock entzwei./ Und manches Grossmaul schwieg./ In allen Ländern gab's Geschrei,/ und nirgends gab es Krieg.// Die Frauen gingen dann wieder nach Haus,/ zum Bruder und Sohn und Mann,/ und sagten ihnen, der Krieg sei aus!/ Die Männer starrten zum Fenster hinaus und sahen die Frauen nicht an»

 

Literaturhinweis: Silvia Schroer, Und als der nächste Krieg begann Die weise Frau von Abel-Bet-Maacha (2 Sam 20,14­22).


Weise Frauen in Israel

Weise Frauen waren im Alten Israel eine anerkannte Institution, die spontan oder auf Anfrage hin ins Alltagsleben eingriffen und dank ihrer Weisheit Schlimmes verhinderten. Die kenitische Nomadin Jaël ermordet Sisera und erlöst damit die Landbevölkerung der Jesreel-Ebene von einem Tyrannen (Ri 4). Der weise Rat der Gastwirtin Rahab in der Stadt Jericho bewahrt die israelitischen Spione vor dem Tod (Jos 2). Die kluge Abigajil hält David von der gewaltsamen Vernichtung eines Dorfes ab (1 Sam 25). Die Totenbeschwörerin von En-Dor übt zwar einen in Israel verbotenen Beruf aus, wird aber trotzdem von König Saul in einer Notlage aufgesucht und leistet ihm auch als Gastgeberin gute Dienste (1 Sam 28). Die weise Frau von Tekoa führt eine Randexistenz als armselige Witwe, wird aber von David als Beraterin in einer Staatskrise herbeigezogen (2 Sam 14). Eine ähnliche Funktion übten generell die Königsmütter aus, die den Titel «die Grosse» (göbirah) führten und ihre Söhne berieten. Die Frau von Schunem erweist sich dem Gottesmann Elischa gegenüber als Gastgeberin und gegenüber ihrem Mann als kluge Ratgeberin (2 Kön 4; vgl. SKZ 24/1999). Darüber hinaus waren Frauen nicht nur moralisch, sondern auch tatkräftig aktiv beim Wiederaufbau von Städten nach Kriegen. So etwa im nachexilischen Jerusalem (Neh 3,12; 5,1­5). Vom Image der «weisen Frau» ('ischschah chokmah) bzw. der «starken Frau» ('ischschah chajil; vgl. SKZ 44/1999) wurde in Israel die göttliche Gestalt der Weisheit (chokmah) abgeleitet, jene schöpferische (Spr 8,22­31; vgl. SKZ 22­23/1998), gastfreundliche (Spr 9,1­6) und wissensreiche (Spr 8,1­21) Kraft, die sich besonders in weisen Frauen zeigt: «Frauenweisheit hat ihr Haus gebaut,/ Torheit reisst es mit eigenen Händen nieder» (Spr 14,1). Nicht nur ein einzelnes Haus, sondern ganze Städte konnten Symbol dieser Leben verheissenden, bergenden Weisheit sein.


Wachet und betet!

Thomas Staubli zu 2 Sam 21,1-14

 

Welt: Frauen, die auf die Strasse gehen

Die Frauen, die in Argentinien, Chile, Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Russland, Tschetschenien oder wo auch immer auf die Strasse gehen, um ihre verschwundenen Söhne und Männer zurückzufordern oder zu beklagen, aber auch alle, die sich mittels Amnesty International für eine rechtliche Betreuung von Verschwundenen, Gefolterten und Inhaftierten einsetzen, haben eine grosse biblische Matronin. Sie heisst Rizpa.

Bibel: Rizpa

Hungersnöte oder Seuchen werden nach Vorstellung aller alten Völker rund ums Mittelmeer von Gott geschickt. Sie gelten als Strafe für ein Sakrileg (meist des Vertreters eines Königshauses), also für einen Verstoss gegen einen gültigen Rechtsakt, der vor Gott geschlossen wurde. Brach eine Hungersnot aus, musste deshalb ein einschlägiges Orakel befragt werden, um herauszufinden, womit der Zorn der Gottheit wieder besänftigt werden kann. Die wohl berühmteste Geschichte dieser Art ist jene von König Ödipus, der vom Orakel erfahren muss, dass er selbst die Ursache der Hungersnot ist, weil er ­ wiewohl unwissentlich ­ mit seiner Mutter geschlafen und seinen Vater umgebracht hat und damit zwei Tabus verletzte, die in Griechenland göttlicher Ahndung oblagen.
In unserer Geschichte ist es David, der das Orakel anlässlich einer Hungersnot befragen lässt. Die Anwort lautet: Saul hat die Einwohner/Einwohnerinnen der Hiwiterstadt Gibeon (vgl. Jos 11,19) auszurotten versucht, obwohl die Israeliten ihnen eidlich, also unter Zeugenschaft Gottes, ein Wohnrecht in Israel zugebilligt hatten (vgl. Jos 9,3­15). Damit hat Saul Blutschuld (vgl. Kasten) auf sich geladen, die bis dahin nie gesühnt worden war. David verfolgte im Gegensatz zu Saul eine eher integrative Politik. Es war ihm daher an einer Wiedergutmachung gegenüber den Gibeonitern gelegen. Ausserdem bot ihm das die Gelegenheit, mit Resten des Hauses Saul abzurechnen. Er sichert den Gibeonitern sieben Saulssöhne zu, die in Gibea, der alten Residenzstadt Sauls, hingerichtet werden sollen. Sterben müssen die beiden Söhne der Rizpa, der Tochter Ajas, einer Nebenfrau Sauls (vgl. 2 Sam 3,7), die nach dessen Tod ins Harem seines Generals Abner kam, der damit seine Ansprüche auf die Nachfolge Sauls zum Ausdruck brachte. Sie heissen Merib-Baal und Armoni, und fünf Söhne der Saultochter Merab, die nach 1 Sam 18,19 mit Adriël verheiratet war. Verschont wird hingegen Merib-Baal, ein Sohn Jonatans (21,7), wegen der eidlichen Abmachung Davids mit seinem verstorbenen Freund (vgl. SKZ 51/1998). Zu Beginn der Gerstenernte (Mitte April) findet die Hinrichtung statt. Eine der beiden Frauen, Rizpa, nimmt die grausame patriarchale Gewalt nicht tatenlos hin. Sie baut sich neben den auf offenem Felde ausgesetzten Leichen ein provisorisches Lager aus Sacktuch und verscheucht bis zum Einbruch der Regenzeit tagsüber die aasfressenden Vögel und nachts die wilden Tiere. David vernimmt davon und ist beeindruckt und wohl auch beschämt. Er veranlasst, dass die Gebeine der Hingerichteten zusammen mit jenen Sauls und Jonatans, die sich noch immer in Jabesch-Gilead befanden, in einem Sippengrab in Zela, der Vaterstadt Sauls, beigesetzt werden. Erst jetzt lässt sich Gott gnädig stimmen und schickt Regen (vgl. SKZ 20­21/1999).
Die kurze Erwähnung der Trauerarbeit Rizpas impliziert vieles, das nicht im Text steht (Subtext). Bei der Ermordung ihrer Söhne ist Rizpa eine reife Frau, die als zweifache Witwe ermordeter Männer (vgl. für Abner 2 Sam 3) bereits ein tragisches Schicksal hinter sich hat. Dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht gebrochen, sondern bereit zum Widerstand ist, zeigt ihre grosse innere Kraft. Was es bedeutete, die Trockenzeit Palästinas, 800 m ü.M. bei Gibea in einer Sacktuchbehausung zu verbringen, muss man sich ausmalen. Hatte sie ausser der Unbill des Wetters Spott zu erleiden? Wer hat sie in dieser Zeit unterstützt, begleitet, beim König bekannt gemacht?

Kirche: Spiritualität des Widerstandes

Elisabeth Miescher hat aus der Rizpa-Geschichte und mehr noch aus dem Subtext der Geschichte eine Spiritualität des Widerstandes abgeleitet. Dazu gehören: 1. Präsenz. Entscheidend war, dass Rizpa Präsenz markierte, wo die Bluträcher das Feld gerne den aasfressenden Vollendern des Todes bzw. dem Vergessen überlassen hätten. 2. Erinnerung. Ein Begräbnis dient der Erinnerung. Kein Begräbnis bezweckt Vergessen. Wie oft hat Rizpa die Namen der Toten durch ihren Kopf gehen lassen oder schmerzvoll über ihre Leichen geschrien? 3. Durchhaltewillen. Rizpa hatte mit der Unbill der Witterung zu kämpfen. Vielleicht sind Soldaten gekommen, die sie vertreiben wollten. Ihnen hat sie gesagt: Ich bin die Mutter meiner Söhne. Ich überlasse sie nicht dem Frass der Geier. Sie musste gegen körperliche Schwächen und innere Zweifel kämpfen. 4. Gruppenbezug. Es gab Menschen, die sich von Rizpas widerständischer Trauer beeindrucken liessen und für sie einstanden. In ihnen war Gott gegenwärtig, der der «Allermitteilsamste» (D. Sölle) ist. 5. Gebet. Rizpa war verbunden mit den Mächten des Lebens, die ihr die Kraft für das gaben, was sie tat, und sie veränderte damit Davids Handlungsweise, um der Hungersnot zu begegnen. Gott stand hinter ihr.

 

Literaturhinweis: Elisabeth Christa Miescher, Rizpah's Mourning: A Spirituality of Resistance. An Old Testament Paradigm and Its Implications for Today, Evanston IL 1998.


Blut(schuld)

«Blut» (dam) ist wohl verwandt mit dem hebräischen Wort für «bräunlich-rot» ('adom; vgl. 2 Kön 3,22). Nahe lag für die Ohren der Hebräer/Hebräerinnen auch das Wort «Mensch» ('adam). Damit ist schon rein sprachlich ein enger Bezug zwischen dem Blut und dem ganzen Menschen gegeben. «Fleisch und Blut» kann die körperliche Gesamtheit des Menschen zum Ausdruck bringen. Blut gilt als Sitz des Lebens und gehört Gott. Es darf nicht genossen werden, sondern muss in die Erde ('adamah) entlassen werden. Wer Blut vergiesst, begeht einen Mord, der nach Vergeltung schreit (Gen 4,10). Da das Blut Eigentum der Sippe und damit auch Gottes ist (vgl. Gen 9,5f.), muss es durch den Bluträcher für die Sippe zurückerworben werden. Die Formel «sein/ihr Blut komme über ihn/sie» oder «über sein/ihr Haupt» stellt die Schuld einer zum Tode verurteilten Person fest (Lev 20 passim; vgl. Mt 27,25) und beglaubigt die Unschuld der Urteilsvollstrecker. Im Kult dient das Blut von einigen genau bestimmten reinen Tieren als Sühnemittel. Es wird je nach ritueller Vorschrift an den Altar, den Vorhang vor dem Allerheiligsten oder zu reinigende Menschen appliziert. Blut von Wöchnerinnen, Menstruierenden, und durch Mord und Ausbeutung fliessendes, macht unrein. Das strenge Blutgenusstabu wirkt im Zweiten Testament fort (Apg 15,29). Der Aspekt des sühnenden Blutes wird ebenfalls vielfach aufgegriffen und auf den Tod Jesu, der als blutiges Opfer am Kreuz gedeutet wird, angewendet (vgl. bes. Kol 1,15­20; Hebr 9,15­22; 1 Joh 1,7­9).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000