13/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Wird menschliches Zusammenleben im Raume Ex-Jugoslawiens je wieder möglich sein? Wird es je wieder angstfreie Begegnungen zwischen Serben, Kroaten, Albanern geben? Beziehungen ohne Misstrauen zwischen Christen und Muslimen? Geschwisterliche Verbindungen zwischen römischem Katholizismus und serbischer Orthodoxie? Bürgerkriege wie jene in Ex-Jugoslawien, im Libanon, in Äthiopien, Somalia oder Ruanda haben Wunden gerissen, die unheilbar, Opfer gefordert, die unsühnbar scheinen. Es sind Situationen entstanden, die an keine Umkehr mehr denken lassen, denn das, wohin man früher umkehrte, gibt es nicht mehr oder ist völlig korrumpiert. Ein grundsätzlicher, ausserordentlich tief gehender Neuanfang ist gefordert, eine tabula rasa...
In der durch die assyrische Kolonialpolitik entstandenen Bedrängnis
im südwestlichen Zipfel des fruchtbaren Halbmondes, wo die Grossmacht
aus dem Zweistromland ihre strategischen Interessen besonders unerbittlich
verfolgte, und Ägypten seine letzten Vorposten ausserhalb des Nillandes
mit allen Mitteln zu halten versuchte, kam es zu massiven ethnischen, wirtschaftlichen,
sozialen und politischen Zerrüttungen. Städtische Oberschichten
wurden deportiert, fremde Völker im Land angesiedelt, das Beste des
Landes wurde den assyrischen Herrschern als Tribut gezollt, die Mächtigsten
im Lande pressten das Verlorene aus den von ihnen Abhängigen wieder
heraus, und die verbliebenen freien Stadtstaaten bekriegten sich im Kampf
um die letzten Plätze gegenseitig.
Die wahrscheinlich unter der Leitung des Hauses Schafans (vgl. 2 Kön
22,3; Jer 26,24; 36,10) agierende deuteronomistische Reformbewegung zur
Zeit des Königs Joschija (638609 v.Chr.) und ihre späteren
Anhänger deuteten die massiven Auflösungstendenzen, gipfelnd in
der Exilierung der Bevölkerung, primär als einen religiösen
Abfall vom JHWH-Kult. Sie propagierten mit hohem rhetorischem Aufwand eine
Umkehrbewegung, die sich «aus ganzem Herzen und mit ganzer Seele»
wieder Gott zuwendet und auf die Stimme dessen hört, der den eidlich
garantierten Bund mit den Vätern nicht vergisst (vgl. Dtn 4,2531).
Um die Radikalität der subjektiven Dimension dieser Umkehr zu unterstreichen,
sprechen sie von der Beschneidung des Herzens (vgl. auch Jer 4,4), die ein
Einhalten der Gebote Gottes ermöglicht. Die dergestalt Geläuterten
werden die Gebote mit Leichtigkeit halten können, da diese den Menschen
bereits sehr entgegenkommen (Dtn 30,1114; vgl. SKZ 2728/1998):
«Das Wort ist dir unmittelbar zugänglich, ist es doch in deinem
Munde und in deinem Herzen, dass du es nur noch in die Tat umzusetzen brauchst»
(30,14).
Anders der zur ungefähr gleichen Zeit lebende und wirkende Prophet
Jeremia. Für ihn ist eine Umkehr ausgeschlossen, denn Israel hat den
Bund mit Gott gebrochen, ein neuer Bund muss geschlossen werden. Sein Therapievorschlag
ist nicht die Restitution von Land und Volk durch eine Wiederbelebung der
früheren Frömmigkeit. Vielmehr stellt er eine Neuschliessung des
Bundes zur Überwindung der Schuld in Aussicht, wobei der Vertragstext
der gleiche bleiben wird wie am Sinai, doch er wird nun direkt in die krummen
Herzen der Menschen (Jer 17,9f.; vgl. SKZ 2829/1999) eingeschrieben.
Diese werden mit einer Tafel verglichen, auf welcher bisher die Sünden
Judas mit einer Diamantspitze auf eisernem Griffel eingraviert waren (Jer
17,1; vgl. Kasten). Der Inhalt des Bundes ändert sich nicht. Doch die
Methode seiner Verankerung in den menschlichen Bundespartnern ist neu. Die
Unmittelbarkeit der auf der Herzenstafel eingeritzten Gesetze bzw. die Verinnerlichung
der Tora wird zur Folge haben, dass sich die Menschen nicht mehr gegenseitig
belehren müssen. Denn soviel ist für Jeremia klar: Die ganze Wissenschaft
der Tora, das ganze Expertentum der Priester konnte sie nicht davor bewahren,
den Sinn dessen, was sie lehrten, völlig zu verkennen (Jer 8,8f.; 9,22f.),
ja zu Experten des Bösen zu entarten (Jer 4,22; vgl. 5,4f.). Das ganze
Volk bildet fürderhin einen organischen Körper, was einen Neuanfang
ermöglicht. Anders als die Deuteronomisten setzt Jeremia also nicht
auf Restauration, sondern auf eine gottgewirkte, völlige Regeneration.
Im Judentum hat sich der an der Praxis orientierte Weg der Deuteronomisten etabliert und durchgesetzt. Das Tora-Lernen wurde zur Methode der permanenten Verinnerlichung, wie es das zum wichtigsten Gebetstext der israelitischen Kultgemeinden gewordene Schma Jisrael (Dtn 6,4) zum Ausdruck bringt. Die christlich-hellenistischen Diasporajuden und Proselyten hingegen knüpfen an Jeremia an. Für sie hat der Neue Bund in Christus, dem Geschenk der göttlichen Gnade, konkrete Gestalt angenommen. Das heisst: Jesus von Nazareth verkörpert den Geist Gottes, der von den Tora-Experten dem Tod überliefert wurde. Ausgehend von dieser Einsicht entwickelt Paulus eine komplexe dialektische Lehre, nach der die beiden Wege, der orthodox-jüdische und der pneumatisch-christliche, eng aufeinander bezogen und angewiesen bleiben (Röm 11). Allerdings ist nur die Bekehrung zu Christus in der Lage, die Hülle über dem Herzen der Toraverständigen fortzunehmen (2 Kor 3). Der Verfasser des Hebräerbriefes entwickelt aus der jeremianischen Auffassung vom Neuen Bund das Konzept von Christus, der als Hohepriester des himmlischen Heiligtums den Bund mit seinem eigenen Blut besiegelt (Hebr 8,110,18). Thomas Staubli
Literaturhinweis: Adrian Schenker, Text und Sinn im Alten Testament. Textgeschichtliche und bibeltheologische Studien (OBO 103), Freiburg (CH)/Göttingen 1991, 6896.
Die Schreiber/Schreiberinnen in Palästina benutzten als Schreibmaterial mit Wachs überzogene, hölzerne Tafeln (vgl. noch Lk 1,63), auf die sie mit einem Griffel Gesprochenes protokollierten. Später konnte das Notierte mit einem Schreibrohr aus Schilf oder mit einer Binse und Tinte auf eine Papyrusrolle, Papyrus- oder Lederblätter, eine Tonscherbe (Ostrakon) oder eine Wand übertragen werden. Im 2. Jt. v. Chr. wurden für Briefe wie in Mesopotamien noch Tontafeln verwendet. Die Schreibtafeln wurden geglättet und immer wieder neu verwendet. Besonders wichtige und für die Öffentlichkeit gedachte Dokumente wurden in Stein oder Metall mit gehärtetem Griffel geritzt oder mit Meissel und Büttel gehauen. Das traf zum Beispiel für die Bundestexte Israels zu (Ex 24,12; 31,18; 34,1.4; Dtn 4,13; 1 Kön 8,9). Obwohl für die Ewigkeit konzipiert, haben nur wenige Monumente dieser Art die Zeiten überdauert. Dazu gehören die Bauinschriften des Tempels von Ekron und die des unter Hiskija errichteten Wassertunnels von Jerusalem (vgl. 2 Kön 20,20), die Gedenkstele des moabitischen Königs Mescha und die fragmentarisch erhaltene Stele von Dan (vgl. SKZ 49/1999). Im Ketef Hinnom bei Jerusalem fand man Silberröllchen, in die der Aaronitische Segen eingeritzt war (vgl. SKZ 5253/1998). Könige, Beamte und reiche Privatpersonen besassen Steinsiegel, in die ihr Name eingeschnitten war. Über 700 Siegel dieser Art aus der Zeit des Ersten Testaments sind zurzeit bekannt.