12/2000

INHALT

Lesejahr B

Katastrophe und Neuanfang

Thomas Staubli zu 2 Chr 36,11-23

 

Bibel: Perspektiven im nachexilischen Judentum

Unter der Initiative Esras im frühen und Nehemias im mittleren 5. Jh. v. Chr. entstand in Jerusalem und Umgebung eine Bürger-Gemeinde. Ihr geistiges Zentrum war der wiederaufgebaute Tempel in der Stadt. Die Gemeinde bestand aus ca. 16000 «Männern vom Volk Israel» in siebzehn Gemeinschaften, aus ca. 5600 Männern in nach Ortschaften benannten Gemeinschaften ­ alle Vorsteher einer Grossfamilie ­, aus Priestern, Leviten, Sängern, Torhütern und weiterem Tempeldienstpersonal (vgl. Esr 2; Neh 7). Unter den nach Ortschaften benannten Gemeinschaften wird ­ nur im Buch der Chronik! ­ auch eine kenitische Schreibersippe (mischppöchot soferim) aus Jabez in der Nähe von Betlehem erwähnt, eine Gruppe, die vielleicht der Exilierung entgangen war. Ein begabter Kopf einer solchen Sippe hat wahrscheinlich das deuteronomistische Geschichtswerk, also die in den Büchern Josua bis Könige vorliegende epische Geschichtsdarstellung, für die soziale und intellektuelle Elite der nachexilischen Bürger-Tempel-Gemeinde umgeschrieben. Dabei hat er sich im Gegensatz zum deuteronomistischen Geschichtswerk theologisch stärker an der priesterlichen Theologie orientiert als an der prophetischen. Dem Geschmack seiner Zeit bzw. des Adressatenkreises entsprechend hat er ausserdem die epische Vorlage in die strengere, knappere Form einer Reihe von historischen Königsbiographien umgearbeitet.
Anders als im deuteronomistischen Geschichtswerk werden die Sünden, deretwegen Jerusalem zerstört wurde, nicht der älteren Generation (im deuteronomistischen Geschichtswerk besonders König Manasse), sondern einzig und allein dem letzten König Zidkija und seiner Generation zugeschrieben (36,12­16). Nicht Götzenkult ist der Vorwurf, sondern Taubheit gegenüber den durch Jeremia verkündeten Gottesworten, Nackenversteifung und Herzensverhärtung. Vor allem aber machte sich Zidkija durch den Abfall vom Vasallenvertrag mit Nebukadnezzar des Eidbruches schuldig (vgl. Ez 17,14­16.18­19; 21,28). Bei Vasalleneiden wurden die Götter beider Seiten angerufen. Der Eidbruch war demzufolge ein Sakrileg, von dem auch JHWH betroffen war, und das er durch Ausmerzung der Übeltäter ahnden musste, sofern es nicht Wiedergutmachung durch ein Schuldopfer fand (vgl. Lev 5,4). Durch Nichtbeachtung dieser und anderer Rechts- und Kultvorschriften, verkündet durch die Propheten als Boten Gottes (mal'ake ha'elohim), wurde das Gotteshaus verunreinigt, so dass JHWH es verliess (vgl. Jer 7,30­34; Ez 5,11; 23,38). Ganz im Unterschied zur Geschichtsdarstellung in den Königsbüchern und im Buch Jeremia ist die Chronik nicht an historischen Details (vgl. Kasten) interessiert, sondern an theologischer Deutung. Die Ereignisse werden in starker Raffung erzählt (36,17­20). Die angebliche Deportation der gesamten Bevölkerung wird genau wie am Ende des Buches Levitikus (Lev 26,33­35) als Einforderung der nicht eingehaltenen Sabbate und Sabbatjahre bzw. anderer Gottesforderungen gedeutet (36,21). Wiederum schliesst sich der Chronist der priesterlichen und nicht der prophetischen Deutung der Katastrophe an. Jene versteht das Land als Gottesgeschenk für das Volk, das durch Einhalten der Gebote erhalten bzw. durch Nichteinhalten verloren wird. Hier stehen Land und Tempel als Eigentum JHWHs im Zentrum, die durch Menschen kultiviert werden sollten, aber verunreinigt wurden und daher der Regeneration bedürfen. Insofern der Chronist die von Jeremia als Strafe prophezeiten 70 Jahre Exil (Jer 25,11f.; 29,10; vgl. Sach 1,12; 7,5; Dan 9,2) als Erholungszeit für Land und Tempel interpretiert, verbindet er die beiden Traditionen. Doch das Buch endet nicht mit dieser Geschichtslektion, wie ja auch schon Jeremia der Strafpredigt eine Hoffnungsprespektive folgen liess (Jer 27,7; 25,12­14; 29,10). Das Buch endet mit der Zitation des Kyrosediktes genau dort, wo Esra beginnt (Esra 1,1­3; vgl. Jes 44,28; SKZ 39/1999). Die zionistische Parole des Hinaufziehens ('alah) nach Jerusalem im Munde eines Nichtjuden (!) ist damit zugleich der programmatische Schlusssatz des Tenach, nach der Tora und den Prophetenbüchern (nebi'im), am Ende der übrigen Schriften (kötubim).

Synagoge/Kirche/Welt: Warme und kalte Geschichte

Weitaus länger als siebzig Jahre dauerte es, bis das jüdische Volk nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) wieder anfing, nach Jerusalem bzw. ins Gelobte Land hinaufzugehen, um dort zu siedeln. Und doch hat die zionistische Bewegung mit Begriff und Sache der Aliah wieder genau dort anknüpfen können, wo der Tenach endet, als sie Ende des 19. Jh. tausende von vorwiegend osteuropäischen Jüdinnen und Juden dazu begeistern konnte, in Palästina wohnhaft zu werden. Im christlichen Kanon steht die Chronik zwischen den Königsbüchern und Esra chronologisch säuberlich eingeordnet wie im Büchergestell eines ordentlichen, aber kaltblütigen Historikers. Der Chronikschluss verliert dadurch seine programmatische Wirkung. Er liest sich vielmehr wie eine etwas ungeschickte Vorwegnahme des Anfangs des Esrabuches. Die traurige Geschichte des christlichen Antisemitismus im 20. Jahrhundert hat in aller Deutlichkeit gezeigt, wie wenig sich Christinnen und Christen die Geschichte Israels zu Herzen genommen haben. Soll die Geschichte aber einen Nutzen haben, muss sie der Befreiung dienen. Um dieses Feuer zu erhalten, ist sie für jede Generation neu zu schreiben.

 

Literaturhinweis: Joel Weinberg, Der Chronist in seiner Mitwelt (Beihefte zur Zeitschrift für Alttestamentliche Wissenschaft 239), Berlin 1996.


Die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier

Im Buch Jeremia wird erzählt, wie die Ankündigung der Zerstörung Jerusalems von den Beamten des Königshofes mit Schrecken vernommen wurde (Jer 38,3), wie sie versuchten, den Propheten aus dem Weg zu räumen (vgl. SKZ 31­32/1998), und der König ihm verbot, die Prophezeiung in der Öffentlichkeit auszusprechen (Jer 38,23f.). Anschliessend wird die Stadteroberung durch das Heer Nebukadnezzars und die anschliessende Geschichte detailreich geschildert: Die Belagerung der Stadt, ihre Einnahme, die Flucht Zidkijas, seine Gefangennahme und Blendung in Ribla, die Tötung seiner Söhne, die Plünderung des Tempels und die Zerstörung Jerusalems durch das Heer, die Deportation der reichen Bevölkerung, die Begnadigung Jojachins im babylonischen Exil, die Verteilung des Landes unter den zurückbleibenden Armen, die Einsetzung Gedaljas als Statthalter in Mizpe, seine Ermordung im Auftrage des ammonitischen Königs, die Flucht der letzten Vertreter der Oberschicht nach Ägypten und die Verschleppung Jeremias gegen dessen Willen (Jer 39,1­10; 40,5­9; 41,1­18; 52,1­30). Die Darstellung in den Königsbüchern entspricht diesen Schilderungen weitgehend (2 Kön 25,1­26) und wird durch die Schilderung der bereits unter Jojachin erfolgten Zerstörungen ergänzt. In poetischen Texten wird oft an die Katastrophe der Zerstörung erinnert (Ps 74,3­7; 79,1; Klgl 2,20f.).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000